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ОглавлениеKAPITEL 8 - Juli 1994 - DIE LEKTION
Gunther machte es sich zur Gewohnheit, abends für ein-zwei Stunden zu Sander hinauszufahren, aber es war nicht mehr die jungenhafte Schießwut, die ihn zu der alten Mühle trieb. Sicher - er hatte neue Patronen besorgt; in der Stadt hatten sie ihm zwar keine verkaufen wollen, aber im letzten Dorf vor dem Grundstück gab es einen kleinen Kramladen, der neben anderen Eisenwaren auch Munition führte. Ein Anruf von Sander hatte genügt, und man hatte Gunther die schweren 12er Patronen ohne weitere Formalitäten ausgehändigt. Als die Frau hinter dem Tresen die Posten aufaddierte, staunte Gunther, wie teuer die Munition war, und da es keine Möglichkeit gab, mit Kreditkarte zu bezahlen, war er fast pleite, als er aus dem Laden kam. Sie schossen noch ein paar Mal auf irgendwelche Sachen, die auf dem Hof herumlagen, aber Gunther sah vor seinem inneren Auge jedes Mal eine Hand voll Münzen davonfliegen, wenn er abdrückte, und so war ihm das Spiel bald verleidet. Das machte aber nichts. Sander zeigte sich ihm gegenüber als geistreicher und schlagfertiger Gesprächspartner, wenn er nicht gerade einen seiner ordinären Anfälle hatte, und das bedeutete Gunther mehr, als er sich selbst eingestehen mochte.
"Das intelligenteste an dir ist deine Frau!" hatte sein eigener Vater zu ihm gesagt, als Gunther seine Familie zum letzten Mal besucht hatte, und das war nun über zwei Jahre her. - Dabei war der Alte selbst eine Niete. Seit Gunther denken konnte, arbeitete sein Vater in der selben Firma als Lagerist. Gunther hatte nach seiner Beförderung schon oft daran gedacht, ihn mal wieder zu besuchen, und ihm zu zeigen, dass er es doch zu etwas gebracht hatte, aber er war noch nicht so weit. Wenn sie das Haus erst hatten, dann würde Gunther seine Familie einladen und er freute sich schon auf die erstaunten Gesichter, wenn er ihnen vorführte, was er sich alles leisten konnte. Und dann: Tschüs ihr Lieben! - Schade, dass ihr in eure piefige Dreizimmerwohnung zurückmüsst!
Sander war da doch ein ganz anderes Kaliber als sein Vater, fand Gunther. Der Alte hatte es in seiner aktiven Zeit gelernt, sich in allen Kreisen sicher zu bewegen. Er hatte in seinem langen Leben viel gesehen, und er ließ Gunther gern an dem reichen Schatz seiner Erfahrungen teilhaben. Mochten seine Ansichten über Frauen und Partnerschaft auch fragwürdig sein, so wusste er doch viel über das Leben, und in Gunther hatte er einen gläubigen, ja, nahezu ausgehungerten Zuhörer gefunden, der hier endlich einen Weg sah, der Kerl zu werden, der er immer schon hatte sein wollen.
Julia war nicht begeistert von der aufkeimenden Freundschaft zwischen den Männern. Sie hielt Sander für einen schmutzig denkenden alten Mann, und war Gunther gegenüber auch nicht zurückhaltend mit ihrer Meinung. Sie machte sich Sorgen, weil er jetzt mehrmals in der Woche angetrunken nach Hause kam. Sie zuckte zusammen, wenn ihm in ihrer Gegenwart ab und zu ein obszönes Wort herausrutschte und sie hasste es, dass er immer weniger auf ihre Meinung gab. Sie spürte, dass Gunther sie gern hatte, dass er sie liebte und treu zu ihr stand, aber sie spürte genauso, dass er begann sich zu verwandeln, dass er ihr langsam entglitt; und sie fand nicht das Mittel, diesen Prozess zu stoppen. - Was sie aber fand, war die Antwort auf die Frage, wer dafür verantwortlich sei: Sander! Sander war schuld daran, dass Gunther sich mehr und mehr veränderte. Er beeinflusste Gunther, und alles was er sagte oder tat, war mehr oder weniger direkt darauf angelegt, Gunthers Liebe zu ihr zu töten. Er wollte sie auseinander bringen. Sie hatte ihn nur ein einziges Mal gesehen, aber was sie durch Gunther herausbekam, das reichte ihr. - Sie hasste ihn!
"Das mache ich doch nur, damit der Alte nicht doch noch abspringt", versuchte Gunther seine Freundin zu beruhigen. Sie stritten sich mal wieder, und wieder einmal ging es um seine Besuche bei Sander. "Du willst das Haus doch auch, oder? - Denk doch mal an den lächerlichen Preis, wenn alles klappt. Das ist doch nicht normal. Das ist die Gelegenheit. - Da muss man doch dranbleiben!"
"Du bist nicht normal!", stellte Julia fest. "Und ganz bestimmt ist dieser alte Säufer nicht normal, der dich fast jeden Abend mit Bier abfüllt."
"Tolle Einstellung, auf einem alten Mann rumzuhacken, der nur noch wenige Monate zu leben hat. - Hat man dir das auf der Uni beigebracht, Frau Diplom-Sozialpädagogin?"
"Der stirbt nicht! Der wird aus lauter Gemeinheit hundertzehn", gab Julia schwach zurück. Sie wusste ja, dass sie sich nicht korrekt verhielt und war selbst entsetzt über ihr Verhalten, das Gunther ihr gerade so brutal vor Augen geführt hatte. Er hatte ja Recht. - Aber das hier war kein Fall, den sie beruflich bearbeitete. Hier war es nicht damit getan, ein paar gute Ratschläge zu geben. Hier war sie selbst betroffen, und sie wollte einfach nicht, dass Gunther sich mit diesem alten Ekel abgab.
"Wenn du schon davon redest", trumpfte sie auf, "dann lass dir mal sagen, dass ich im Moment versuche, das in Ordnung zu bringen, was der Alte mit uns schon angerichtet hat! Schau dich und ihn doch an: Er füttert dich mit Bier an, damit er für sein verworrenes Geschwätz einen Zuhörer hat. Du setzt deinen Führerschein aufs Spiel! Du gefährdest andere Menschen! Er lässt es sich richtig was kosten, seine Macho-Spielchen zu treiben, und du hast keine Zeit mehr für mich. - Wundert es dich wirklich, dass sich mein Mitleid mit ihm in Grenzen hält? Was hilft mir das verdammte Haus, wenn unsere Partnerschaft dadurch zu Schrott wird?"
Gunther hätte diesen Vorwürfen gern eine logisch fundierte Argumentation entgegengesetzt, aber da Julias Ansatz nicht stimmte, hielt er lieber den Mund. Er konnte ja wohl schlecht zugeben, dass mittlerweile er es war, der Sander die Bierkästen brachte und sie auch bezahlte, von den Fahrtkosten und dem Geld für Patronen ganz zu schweigen. - Und was Sanders Krankheit anging, da hatte er selbst inzwischen seine Bedenken. Der Alte war einfach zu fit, aber das hatte Julia nicht zu beurteilen! Er würde ihr jedenfalls keine neue Angriffsfläche bieten, indem er zugab, dass sie vielleicht Recht hatte. "Wenn der Alte in deinen Augen so ein Monster ist, dann ist es doch erst recht in Ordnung, dass ich mich um ihn kümmere", sagte er stattdessen. "Mit jedem Besuch ist er mir doch mehr verpflichtet. Er kann doch gar nicht mehr zurück! Er muss den Vertrag doch machen, und danach reist er ab. Das weißt du doch alles! Also, was stört dich wirklich daran, dass ich mich ein bisschen um ihn kümmere, damit die Sache vorankommt?"
"Du trinkst zu viel!", wiederholte Julia. "Das stört mich zum Beispiel. Dass du betrunken Auto fährst, das stört mich! Was ist, wenn ..."
"Blödsinn!", fiel Gunther ihr ins Wort. "Wir trinken jeder 'ne Flasche Bier oder zwei, mehr nicht."
"Vorletzte Nacht hast du den Rahmen der Schlafzimmertür angerempelt."
"Na und? - Es war dunkel, da kommt sowas halt vor."
"So? - Und warum hast du dich bei ihm entschuldigt?"
Gunther sah Julia einen Moment lang verdutzt an, dann merkte er, wie ihm langsam, aber unaufhaltsam ein Grinsen ins Gesicht stieg. Es war natürlich absoluter Blödsinn, was sie da erzählte, das sah er an ihrer hochgezogenen Augenbraue. - Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie dem Streit die Schärfe nehmen wollte, indem sie ihn ins Spaßhafte zog. Gunther wollte aber nicht lachen, und so blieb es bei einem kurzen unwilligen Schnaufer von seiner Seite.
"Komm, lass uns wieder lieb sein", schlug Julia vor. Sie hatte gesagt, was sie sagen wollte, und der Streit drohte in ständige Wiederholungen derselben Argumente auszuarten. Ihr Lächeln wirkte ein wenig unsicher. - Früher hatte Gunther immer besser auf ihre versöhnlich gemeinten Ablenkungsmanöver reagiert, aber im Moment sah er eher noch verärgerter aus - fast so, als fühle er sich um den handfesten Krach betrogen, der in der Luft gelegen hatte.
Gunther war wirklich unzufrieden mit dem Verlauf des Gesprächs. - Gerade war er dabei gewesen, sich Julia gegenüber ein Stück weit durchzusetzen, und nun hatte sie ihn schon wieder auf ihre scheiss-freundliche Art manipuliert. Sie hatte ihn gezwungen, zurückzustecken. Ihre verdammte Harmoniesucht kleisterte alles zu und es kam nie zu einer richtigen Entscheidung, egal, was er auch versuchte. - Andererseits war es im Moment vielleicht nicht klug, mit aller Klarheit seinen Standpunkt zu behaupten - dafür war ja später noch Zeit genug. Gunther nahm sich zusammen und zwang ein täuschend echt wirkendes Lächeln auf sein Gesicht. "In Ordnung", sagte er. "Seien wir wieder lieb!" - Aber eigentlich war er doch noch ziemlich ärgerlich auf Julia.
Das Problem lag darin, dass der Notar zurzeit in Urlaub war. Als er dann endlich zurückkam, fand er auch nicht sofort die Zeit, den Vertrag auszuarbeiten, und so konnte es noch einige Tage dauern, bis alle Vereinbarungen ausgehandelt und in einem Entwurf festgeschrieben waren. Für Julia und Gunther war das zermürbend, denn es verging kaum ein Tag, aus dem sie sich nicht wegen irgendwelcher Kleinigkeiten stritten.
Sander schien das nichts auszumachen. Er hockte in seinem alten Korbsessel wie die Spinne in ihrem Netz, und genau wie die Spinne ihre Signalfäden überwacht, horchte er Gunther aus, um zu erfahren, wie es um die Partnerschaft mit Julia stand.
Gunther wurde immer unzufriedener mit Julia. Sie passte nicht mehr so recht in das Bild seiner neu entdeckten Männerfreiheit. Überall mischte sie sich ein und forderte Rechenschaft von ihm.
Auch Julia wurde immer unruhiger. Statt sich auf das neue Zuhause zu freuen, bekam sie langsam Bedenken, ob es wirklich eine gute Entscheidung gewesen war, mit Gunther zusammen so eine Sache anzufangen. Aber sie hoffte darauf, dass sich alles wieder normalisieren würde, wenn sie erst einmal umgezogen waren.
Dass es nicht voranging, zerrte an Julias Nerven, denn die Wohnung war schon gekündigt, und sie mussten in spätestens zwei Monaten ausziehen. Natürlich hatten sie einen Vorvertrag aufgesetzt, in dem Sander bestätigte, dass er das Haus rechtzeitig geräumt übergeben würde, aber dann hatten sie von ihrem Banker hören müssen, dass solche privaten Vereinbarungen rechtlich so gut wie keine Bedeutung haben. Sander war also ihnen gegenüber überhaupt nicht in der Pflicht, und Julia war sich absolut sicher, dass der alte Fuchs das auch wusste. - Wenn er sich nun wirklich noch im letzten Moment querstellte, was dann? Ausziehen mussten sie auf alle Fälle, denn die neuen Mieter hatten sich die Wohnung schon angesehen und der Termin für deren Einzug war schon festgelegt. Es war ein Horrorgedanke für Julia, eventuell schon bald im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße zu stehen, und sie konnte nur hoffen, dass Gunther seine Sache bei Sander gut machte. Er hatte ja Recht. Er musste den Alten so bei Laune halten, dass der den Notariatsvertrag auch wirklich unterschrieb. So wurde ihr Unbehagen zur Hoffnung und ihre Erwartung war von Zweifeln getrübt. Julia war nervös und unzufrieden und sie konnte es leider nicht immer überspielen.
Gunther war auch nicht sehr glücklich damit, wie die Dinge liefen. Julia hatte sich seiner Meinung nach stark verändert, sie meckerte zu viel an ihm herum und traute ihm nicht zu, dass er die Sache im Griff behielt. Es kostete ihn eine Menge Energie, sie immer wieder zu beruhigen, und er hoffte sehr darauf, dass die Zeit des Abwartens bald vorbei war. - Schließlich war Julia die Frau, mit der er sein Leben verbringen wollte, aber im Moment waren sie eher dabei, sich zu zerfleischen. Bislang hatte er immer über ihre kleinen Schwächen und Fehler hinweggesehen. Aber in der letzen Zeit hatte Julia sich seiner Meinung nach immer mehr verändert. Sie nörgelte in einer Tour. - War das wirklich noch die Frau, die er mal so toll gefunden hatte, weil sie so stark war? - War sie im Moment nicht eher wie ein Kind, das viel forderte und wenig zu geben hatte?
Irgendwann in der dritten Woche fing Gunther Sander gegenüber an, laut über eine eventuelle Trennung von Julia zu reden. Er fragte ihn sogar, ob es möglich sei, sie aus dem Vertrag herauszunehmen.
"Daran dürfen Sie noch nicht einmal denken." Sander saß wie immer in seinem Korbstuhl in der Sonne und schaute Gunther ruhig unter halbgeschlossenen Augenlidern hervor an. Wieder staunte Gunther, wie kraftvoll, ja geradezu mächtig die Stimme des Alten klang. Es war, als käme sie gar nicht aus dem Mund eines Menschen, sondern dränge wie dumpfes Grollen aus einem Gewölbe.
"Sie wird immer schwieriger", versuchte Gunther zu erklären. "Ich möchte hier ja gern mit ihr in Frieden leben, aber ..."
"Ich wiederhole mich nicht gern!" Sanders Gesicht war gleichmütig, aber es lag immer noch dieser drohende Unterton in seiner Stimme. "Nur so viel: Ich mag ihre kleine Freundin. Sie ist ein sauberes Mädchen, und ich werde nicht zulassen, dass sie ausgebootet wird. - Sie beide bekommen das Haus, oder keiner kriegt es."
"Ja, Moment mal", begann Gunther, "wir haben eine schriftliche Vereinbarung, Sie und ich. Es wäre nett, wenn Sie sich ..."
"Dann halten Sie sich auch daran." Sander drehte die rechte Handfläche nach oben und schob sie Gunther ein Stück weit entgegen, als wolle er ihm etwas reichen. "Soweit ich weiß, steht ihre Freundin mit im Vertrag. - Im Übrigen wissen Sie so gut wie ich, dass der Fetzen nichts wert ist", fuhr er leidenschaftslos fort. "Das wäre nicht der erste Fall, in dem ein Pärchen versucht, einen alten Mann über den Block zu ziehen. - Versuchen Sie mal einem Richter klar zu machen, dass sie einen todkranken Rentner darauf festnageln wollen, sein Haus fast zu verschenken."
"Verdammt noch mal, Sie haben doch selbst vorgeschlagen ..."
"Gar nichts hab' ich", behauptete Sander. Es war unheimlich, wie unbeweglich er dasaß, und Gunther geradezu schläfrig ansah, während er diese Ungeheuerlichkeiten aussprach. "Was ich weiß, ist, dass ein Betrügerpärchen mir mein Häuschen abluchsen wollte, und dass ich es noch gerade rechtzeitig gemerkt habe."
"Aber ich ..."
"Es wäre, glaube ich, besser, wenn Sie jetzt gehen." Sander ließ den völlig entsetzten Gunther nicht zu Wort kommen. "Oder wollen Sie mich etwa unter Druck setzen? - Damit würden Sie Ihre Lage wesentlich verschlimmern."
Gunther war wie betäubt. Alles was er in zwei Wochen erreicht zu haben glaubte, war innerhalb weniger Sekunden in sich zusammengefallen, wie eine Sandburg in der ersten Welle. Nie hätte er gedacht, dass Sander, mit dem er sich so gut verstand, mit dem er stundenlange Gespräche geführt hatte, der sein Vertrauter, ja fast sein Freund war, ihn so behandeln würde. Langsam stand er auf und ging zu seinem Wagen. Was sollte werden, wenn Sander ernst machte, und den Vertrag nicht unterschrieb?
Das war ja der helle Wahnsinn! Jetzt begann Gunther erst zu begreifen, dass Julia mit ihrer Meckerei vielleicht doch nicht so Unrecht gehabt hatte. Plötzlich verstand er ihre Sorge, in ein paar Wochen ohne Wohnung dazustehen. Er begriff jetzt, dass seiner Macht Grenzen gesetzt waren. - Wie konnte er die Sache wieder geradebiegen? - Und wenn das nicht gelang, wo, zum Teufel, sollte er wohnen?
Blass und von plötzlicher Übelkeit geplagt öffnete Gunther die Fahrertür. "Ist - ist der Vertrag jetzt geplatzt?", fragte er über das Dach des Wagens hinweg, und musste sich räuspern, weil der Hals ihm eng geworden war.
"Sie haben gehört, was ich gesagt habe", meinte Sander und griff nach seiner Bierflasche. "Richten Sie sich danach, oder lassen Sie es sein. - Aber merken Sie sich: In dieser Sache schlägt nur einer den Takt, und das bin ich! - Verlassen Sie jetzt bitte mein Grundstück. - Sofort!"
Gunther stieg ein. Seine Hände zitterten und er verfehlte das Zündschloss beim ersten Versuch. Dann würgte er in seiner Aufregung sogar den Motor ab, was ihm bei diesem Wagen überhaupt noch nie passiert war. Hektisch startete er nochmals, der Motor heulte auf, und schnell nahm er den Fuß vom Gas. Langsam ließ er den Wagen anrollen. Das letzte, was er im Rückspiegel sah, war, dass der Alte seelenruhig in der Sonne saß, und den Bügelverschluss seiner Flasche aufdrückte. "Bumm, wieder ein Feind weniger!", lachte Gunther böse auf, und die Worte schmeckten wie Galle. Plötzlich war es ihm, als brande eine gewaltige Welle der Wut durch seinen Körper. Ihm wurde es heiß. Blindwütig trat er das Gaspedal voll durch, der BMW machte einen Satz nach vorne und zog dabei zwei schwarze Spuren auf das Ziegelpflaster. - Was war dieser alte Säufer doch für ein elendes Schwein!
Gunther kannte den Weg durch den Wald. Die Straße war zwar schmal, aber nicht gefährlich. Er war schon etliche Male hier entlanggefahren, und meistens war er angetrunken gewesen, wenn er in diese Richtung fuhr. Heute war Gunther stocknüchtern, aber er fuhr zu schnell. Er war so sehr in seiner Enttäuschung, seiner Wut und seiner Angst gefangen, dass er fast im Graben gelandet wäre.
Sander war zufrieden. Er wusste, was Gunther versuchen würde, wenn er zu Hause ankam. - Schade, dass er nicht dabei sein konnte, wenn der Trottel den Rest der Lektion bekam. - Ebenso schade, dass er jetzt aufstehen, und sich sein nächstes Bier selbst holen musste, aber er wollte noch ein wenig auf dem Hof sitzen und den Abend genießen. - Es war doch wirklich ein zu schöner Tag heute.