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ОглавлениеKAPITEL 4 - Juni 1994 - DAS HAUS
Die Unterhaltung mit Sander war alles andere als angenehm für Julia und Gunther. Zeitweise schien der Alte verwirrt und gar nicht bei der Sache zu sein; dann wechselte er sprunghaft das Thema und ging auf das Gesagte überhaupt nicht ein. Das Schlimmste aber war, dass er bald schon wieder begann, bei jeder Gelegenheit seine schlüpfrigen Anspielungen abzusondern, von denen er wissen musste, dass sie die Gefühle der beiden verletzten.
Besonders perfide war, dass er das alles mit dem Anschein der Naivität vorbrachte, und gänzlich verständnislos auf die Verstimmung seiner Gäste reagierte. Leutselig beugte er sich vor und gab sich den Anschein größter Besorgnis: "Wenn Sie richtig verheiratet wären - wäre dann nicht vieles einfacher? - Mit den Banken zum Beispiel. - Geben die denn Geld an solche Leute? Früher hat man solche - na ja - Liebesverhältnisse in keiner Weise unterstützt. Da konnte ein Mann seine Geliebte beschenken, ja, er durfte sich sogar für sie ruinieren; aber niemand wäre je auf die Idee gekommen, mit so einer Frau zusammenzuziehen. - Ist das heute denn anders? Denken die Leute nicht mehr so?"
"Die Zeiten haben sich geändert", sagte Gunther spröde.
Julia war verärgert, verschreckt und verlegen zugleich. Die Ruhe, die sie zuerst in diesem Zimmer empfunden hatte, war gestört, der Friede dahin. - Das war sie also in Sanders Augen: So eine Frau! Sie spürte, wie das Blut ihr ins Gesicht schoss. Sie war drauf und dran, aufzuspringen und aus dem Raum zu rennen, wie ein gedemütigtes Kind. - Nur weg von diesem ekelhaften, schmierigen Alten, der mit seinem kranken Gerede alles beschmutzte, aber Gunther legte ihr seine Hand auf den Arm. "Bleib!", sagte diese Geste. "Bleib, denn wir wollen das Haus!"
Julia war sich zwar im Moment nicht so sicher, dass sie das Haus noch wollte. Ihr war heiß vor Scham und Wut, aber sie blieb trotzdem sitzen. Die Zeiten haben sich geändert! - War das alles, was Gunther zu ihrer Verteidigung vorzubringen hatte? Und wieso überhaupt Verteidigung? Hatten sie das nötig? Langsam beruhigte Julia sich wieder. Sander war steinalt, ein Überbleibsel aus einer vergangenen Epoche. Seine Maßstäbe stimmten nicht mehr mit der Realität überein. Das war alles.
Plötzlich ging es Julia besser und sie konnte wieder freier atmen. Endlich hatte sie erkannt, dass man Sander einfach nicht ernst nehmen durfte. Sie nahm sich zusammen und durchbrach die Oberfläche dieses Tümpels von Erniedrigung, in dem sie fast versunken wäre.
"...tut man nicht alles für ein Büschel Haare", faselte Sander gerade - und es war nur zu klar, was für ein Büschel Haare er meinte.
"Hören Sie!" Gunther reichte es jetzt. Er richtete sich auf, sprach dann aber doch nicht weiter, sondern schaute Sander nur einen Moment lang mit zusammengekniffenen Augen an.
Der Alte hielt diesem schwachen Aufflackern von Protest mühelos stand. Dennoch tat er so, als merke er jetzt erst, dass er seinen Besuchern zu nahe getreten war. "Ach", seufzte er schwer auf und ließ sich noch tiefer in die Polster sinken, "vergeben Sie einem alten Mann, der nur noch in der Erinnerung lebt." Er sagte das mit dem Ausdruck ehrlichsten Bedauerns, und Julia hätte ihm fast verziehen, aber da grinste er sie plötzlich von unten herauf an. "Tja", meinte er, "ich habe wenigstens noch so Einiges, woran ich mich erinnern kann!"
Julia und Gunther hielten durch. Gunther wollte das Haus und Julia hielt zu ihm, weil sie es, wenn sie ehrlich mit sich war, auch wollte. Wenn der Vertrag erst zustande gekommen und der Alte von hier verschwunden war, konnten sie immer noch ihre Wunden lecken - aber jetzt galt es sich zu behaupten. Also hatten sie sich, als Sander einmal kurz zum 'Pissen' gegangen war, wie er sagte, abgesprochen, sich von ihm nicht provozieren zu lassen, da seine Ausfälle wahrscheinlich auf seine Verkalkung zurückzuführen seien.
"Trotzdem ist er eine richtige Sau", hatte Julia Gunther schnell noch zugeflüstert, als die Schritte des Alten schon wieder auf der Deele zu hören waren.
"Warum beleidigst du unschuldige Tiere?" wollte Gunther daraufhin von ihr wissen. - Altbekannt und nicht sehr lustig, aber die Anspannung fand endlich ein Ventil und als Sander die Tür öffnete, fand er seine Besucher nervös und schuldbewusst kichernd vor.
Misstrauisch blieb der Alte in der Tür stehen. "Wenn Sie sich ausgealbert haben, können Sie sich jetzt Haus und Grundstück ansehen." Sofort standen Julia und Gunther brav auf und folgten ihm. Obwohl sie im Recht waren, fühlten sie sich wie Kinder, die ein strenger Lehrer beim Schwatzen erwischt hatte.
Im Inneren hielt das Haus noch mehr, als es von außen schon versprochen hatte. Wenn auch keiner der Räume auch nur annähernd so groß war, wie das Kaminzimmer, so gab es doch eine Reihe einfach eingerichteter, aber gemütlich aussehender Kammern. In einem Verschlag stand das Aggregat der Hauswasserversorgung und es gab ein komplett, wenn auch charmant unmodern eingerichtetes Badezimmer.
"Na, wie gefällt es Ihnen?", wollte Sander wissen, als sie mit der Besichtigung fertig waren. "Kann man so hier leben - oder wollen Sie auch alles umstricken und von einem Innenarchitekten einrichten lassen?"
"Wollte der Typ mit dem Jaguar das?", fragte Gunther.
"Seine Schnepfe!", bestätigte Sander. "Dies muss weg, Frank, und da muss was hin, Frank, und das will ich aber neu haben!", äffte er die Frau nach. "Und der Trottel von Kerl steht daneben und nickt mit dem Kopf wie ein großes, blödes, geldspuckendes Kamel. - Ja, mein Schatz! - Klar, mein Schatz! - Wo soll ich's dir hinstecken, mein Schatz? - Hochkant oder quer? So ging das in einer Tour. - Ich bin erstmal Kotzen gegangen, nachdem ich sie vom Hof gejagt habe."
"Wenn ich in einem Neubau wohnen will, dann miete ich mir kein Fachwerkhaus", bemerkte Gunther weise und wartete heimlich auf Sanders' Beifall.
"Darum geht es nicht!" Sander hatte Gunthers Versuch, sich einzuschleimen sofort durchschaut, und gab ihm jetzt eine Lektion fürs Leben: "Ein armer Kerl ist ein Sklave", stellte er fest, "und ein reicher Kerl ist ein König! - Warum aber, um alles in der Welt, benimmt sich ein reicher Kerl wie ein Sklave, bloß weil sein Fickverhältnis in der Nähe ist?"
"Liebe?" mutmaßte Gunther.
"Ach!", wehrte Sander unwillig ab. "Schwäche! - Ich verachte das!"
"Ich finde es schön hier", schaltete sich nun Julia in das Gespräch ein. Sie befürchtete, Sander würde gleich wieder in seine dumpfen, sexistischen Redensarten verfallen. "Ich finde, hier soll alles so bleiben, wie es ist."
"Wir würden das Haus vorsichtig renovieren", bestätigte Gunther. "Aber an der Bausubstanz muss überhaupt nichts verändert werden."
"Da lege ich auch allergrößten Wert drauf!", grollte Sander. Er hatte sich noch nicht ganz beruhigt und sah die beiden prüfend an. "Neu streichen - in Ordnung! Defekte Teile erneuern - auch in Ordnung! Aber niemand soll es wagen, hier auch nur eine Wand herauszureißen!"
"Nein, nein", beeilten sich Julia und Gunther schnell zu versichern, "Würden wir nie tun", denn die Gedanken sind frei, und zwischen der Planungsabteilung des Gehirns und der Zunge gibt es zum Glück keine direkte Verbindung. Der Vertrag würde auf jeden Fall länger laufen, als Sander noch zu leben hatte, und wenn sie erst einmal hier wohnten ...
"Gehen wir hinaus", sagte Sander und zog den Torflügel auf. Gleißende Helligkeit schlug ihnen entgegen, und die Hitze des Sommernachmittags nahm ihnen nach der Kühle des Hauses fast den Atem.
"Gibt es den Hund eigentlich noch?" Gunther ging hinter Sander über den Hof. Julia hielt sich ein wenig abseits und schaute sich gerade das Bauerngärtchen an, dessen uralte Bepflanzung von Unkraut überwuchert war.
"Was für einen Hund?" Der Alte schaute im Gehen über die Schulter.
"Wir haben oben an der Straße ein Schild gesehen."
"Ach das! - Schilder werden älter als Hunde. Ich hatte mal ein paar schöne Dobermänner, aber das ist lange her."
"Aus dem Garten könnte man richtig etwas machen!", rief Julia quer über den Hof.
Sander blieb stehen und sah mit zusammengezogenen Brauen in ihre Richtung. "Weiberwichtigkeiten!", meinte er dann verächtlich. "Meine Holde war genauso."
Gunther tat so, als habe er nichts gehört. Zwar kam der Garten auch in seiner Prioritätenliste erst ganz zuletzt, aber so deutlich brauchte man es doch auch nicht zu sagen. Jedenfalls war er nicht bereit, Sander in allem was er sagte zuzustimmen. Der Alte schien ein Frauenbild zu haben, das mit der heutigen Zeit nicht mehr ganz vereinbar war.
"Hauptsache Sie können zwischen wichtigen und nebensächlichen Dingen unterscheiden, junger Freund", schwadronierte Sander weiter.
"Natürlich!", beeilte Gunther sich zu sagen, womit er ganz klar zugab, dass Julia das seiner Meinung nach wohl wirklich nicht konnte. Schnell sah er zu ihr hin, aber sie war weit genug weg und hatte nichts gehört.
"Mit dem Zeug hier können Sie machen, was Sie wollen." Sander stand mit Gunther in der Mitte der alten Wassermühle, die völlig mit Gerümpel aller Art vollgestopft war. Ganze Generationen mussten hier ihre unbrauchbaren Möbel und alles, was sonst im Haushalt kaputtgegangen war, entsorgt haben. Vor den trüben Fenstern rauschte das Wasser des Mühlbachs und die Wand war so feucht, dass sich schon winzige Kalkzapfen an ihr gebildet hatten.
Jede Menge alter Sachen standen hier herum, aber es lag nicht das Flair einer pseudoantiken Ramschausstellung über dem Ganzen, sondern das unangenehme Odium der Vergänglichkeit und des Verfalls. Es roch nach Moder.
Hässliche, verstaubte Ölschinken lehnten an den feuchten Wänden. Die vergoldeten Holzrahmen waren teilweise von einer Schicht grünlichen Schimmels überzogen. Sessel und Sofas mit faulenden Polstern standen kreuz und quer im Raum herum und alte Elektrogeräte waren auf wacklige Tische gepackt. Zerbrochene Stühle und rostige Ofenrohre lagen herum und die dazugehörigen ausrangierten Öfen standen und lagen im Raum, wie sie vor Jahrzehnten abgestellt worden waren. Eine riesige Fernsehtruhe mit einem winzigen Bildschirm stand flach auf dem Boden, und drei der abgebrochenen Beine hatte jemand auf das Gehäuse gelegt. Alle Gegenstände waren von einer dicken, schmierigen Dreckschicht bedeckt, und selbst die Spinnweben waren schwer von Staub.
"Oh, wie schade!" Julia hatte auf einem Sägebock in der Nähe der Fensterreihe ein achtlos darübergeworfenes Bündel Spitzengardinen entdeckt, das sich aber schon bei der geringsten Berührung in Fetzen auflöste.
Sander grunzte unwillig und Gunther warf ihm einen belustigt-verstehenden Blick zu, um Sander zu zeigen, dass er von diesen "Weiberwichtigkeiten" auch nicht viel hielt.
"Wenn Sie eine Verwendung für den Raum haben, können Sie den ganzen Mist verbrennen, oder sonst was damit machen", erklärte Sander. "Meinetwegen lassen Sie den Krempel hier auch weiter verrotten, ist mir egal."
"Ich denke, ich werde hier aufräumen", meinte Gunther. "Lagerraum kann man immer gebrauchen."
"Na dann, viel Spaß dabei. Schauen wir uns den Hof an." Sander ging hinaus.
"Im Krieg war hier eine Munitionsfabrik", sagte Sander. "Aber die Amis haben ´45 die ganzen Hallen gesprengt. - Nur ein paar Mauerreste sind übrig geblieben - aber die holt sich die Natur jetzt auch langsam zurück."
Die Drei standen auf dem gepflasterten Stück Hof, und eben gerade hatte der Alte mit großer Geste auf das umliegende Gelände gedeutet. "Da unten im Wald ist übrigens der Friedhof, aber um den brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Manchmal finden da Gedenkfeiern statt, aber das stört nicht weiter."
"Friedhof?" Gunther sah den Alten fragend an.
"Für die Arbeiter aus der Fabrik", erklärte der. "Es waren schlechte Zeiten, und der Laden war die reinste Knochenmühle. - Arbeiterknochen", schob er mt einem Grinsen nach, als er Gunthers verständnislosen Blick bemerkte. "Unfälle passieren eben. War ja schließlich kein Landerholungsheim. Hier ist gestorben worden, mein Junge."
Gunther bemerkte, dass Julia sich unauffällig ein Stück weit von ihnen entfernt hatte. Sie tat so, als interessiere sie sich sehr für die Rückseite des Schuppens. Gunther kannte das schon von ihr. Alles, was mit Tod zusammenhing, ängstigte sie maßlos. Aber sie hatte, ganz für sich selbst, einen perfekten Verdrängungsmechanismus entwickelt: Was sie nicht hören wollte, das hörte sie einfach nicht.
"Hat Ihre kleine - hm - Freundin etwas gegen Friedhöfe?", fragte Sander unnötig laut, wobei er seine Mundwinkel nach unten zog.
"Wer mag schon Gräber?" Gunther versuchte, seiner Stimme einen lässigen Unterton zu geben, aber ihm war selbst ein Schauer über den Rücken gelaufen, als Sander die umgekommenen Arbeiter erwähnt hatte. "Haben Sie auch hier gearbeitet? - Im Krieg meine ich."
"Als Technischer Direktor", bestätigte Sander. "Heute kann man das ja zugeben. - Früher war das anders! - Die Amis haben uns gejagt, mein Junge - gejagt wie die Hasen. Mitte '45 wäre ich um ein Haar geliefert gewesen."
Gunther presste die Lippen fest zusammen. Kein Erholungsheim! Knochenmühle! Er konnte sich schon vorstellen, was hier los gewesen war: Schlecht ernährte Zwangsarbeiter, zusammengepfercht in pimitiven Schlafbaracken, mörderische Akkordarbeit in Zwölfstundenschichten ... Plötzlich wollte auch er nichts mehr von der Fabrik hören, die hier mal gestanden hatte.
Julia kam wieder heran und schaute sich um. "Ist eigentlich das ganze Gelände eingezäunt?" Wenn der Alte sie auch fast vollständig ignorierte, so war sie doch der Meinung, auch einmal eine Frage stellen zu dürfen.
"Wegen der Wildschweine", bestätigte Sander knapp und ohne sie anzusehen.
Julia traute sich nicht, weitere Fragen zu stellen. Sie hasste sich dafür, aber Sander hatte sie in seiner schroffen Art so sehr eingeschüchtert, dass sie jedes seiner Worte wie einen Schlag ins Gesicht empfand. Jeder Blick und jede Geste sagten ihr, was Sander von ihr hielt. Sie war minderwertig. Sie war Gunthers Geliebte, ein Spielzeug, ein Fickverhältnis. Sie war nur - so eine Frau!
"Fünfzehn Kilometer zum nächsten Supermarkt, fast zwanzig zur nächsten Tankstelle?" Die Drei saßen wieder am Tisch, und die Rede war darauf gekommen, wo man hier die Einrichtungen finden konnte, ohne die ein modernes Leben nicht mehr vorstellbar ist. Jetzt mussten Julia und Gunther die Information erst einmal verkraften. "Da müssen Sie aber weit fahren, um einzukaufen", meinte Julia nach einer kleinen Weile des Schweigens.
"Ich fahre nicht mehr", sagte Sander, und für einen Augenblick ging sein Blick wie in weite Ferne. "Schon seit über zwanzig Jahren nicht mehr." Es war, als schrumpfe seine Gestalt bei diesen Worten zusammen, und für einen Moment sah Julia ihn anders: Ein uralter Mann, der zwar unangenehme Reden führte, in seiner Hilflosigkeit aber doch irgendwie anrührend wirkte. Plötzlich tat der Alte Julia fast Leid. Es musste wirklich schlimm sein, im Alter Stück für Stück seiner Selbstständigkeit zu verlieren.
Sander löschte diesen Anflug von Mitleid jedoch sofort wieder aus. "Früher hat eine junge Frau von der Diakonie mir die Lebensmittel gebracht", gab er mit einem vertraulichen Zwinkern bekannt. "Hatte einen süßen Hintern, die Kleine. - Ich fürchte, vor zwei Jahren habe ich sie ein wenig erschreckt. Jetzt kommen jedenfalls nur noch irgendwelche wehrunwilligen Bengels."
"Na ja", meinte Gunther, "auf die Hilfe von Zivis brauchen wir beide wohl nicht zu hoffen. Wir werden uns unsere Lebensmittel schon selbst beschaffen müssen."
"Bin gleich wieder da!", sagte Julia, stand auf und ging aus dem Zimmer.
"Ich hab schon gedacht, die geht nie pinkeln", grollte Sander, dann beugte er sich unvermittelt zu Gunther hinüber. "Jetzt hören Sie mir mal gut zu, mein Junge! Ich will, dass Sie dieses Haus bekommen! Sie gefallen mir! Sie sind wie ich in jungen Jahren. - Aber wir müssten mal ungestört darüber reden."
"Ich könnte Montagabend noch mal kommen." Gunther fühlte sich geschmeichelt, dass der Alte ihn anerkannte. Sander musste früher mal ein ganzer Kerl gewesen sein und den Umkehrschluss, dass er, Gunther, Gefahr lief, später mal so zu werden wie dieser bösartige, alte Zotenreißer, verbot er sich einfach. "Sind Sie immer hier?"
"Immer", bestätigte Sander. "Ich kann es mir zum Glück aussuchen, an wen ich verpachte", fuhr er dann fort. "Ich habe fast mein ganzes Leben hier verbracht, und glauben Sie mir: Das hier ist ein besonderer Ort. Mein Leben hat sich hier erfüllt, und vielleicht kann sich an diesem Ort auch Ihr Leben erfüllen. - Vielleicht finden Sie hier Manches, über das Sie sich wundern werden. - Vielleicht auch Einiges, was Sie stört, aber denken Sie immer daran: Das hier ist ein Ort, an dem Wünsche wahr geworden sind - und es könnte wieder geschehen, dass sich hier Träume erfüllen. - Träume, von denen Sie vielleicht noch gar nichts wissen, die aber trotzdem darauf warten, erweckt zu werden, und von denen Sie vielleicht - vielleicht sage ich - schon heute eine leichte Ahnung haben!"
Julias Schritte kamen über die Deele auf die Tür zu, und Sander lehnte sich wieder zurück. Gunther fühlte sich völlig überrumpelt. Er wusste nicht, was er sagen sollte, aber er spürte, dass es um eine Sache ging, die nur Sander und ihn betraf.
Die Tür öffnete sich und Julia trat ein. Die beiden Männer saßen schweigend da und Gunther machte seltsamerweise einen verlegenen Eindruck. Julia warf ihm einen fragenden Blick zu, aber er tat so, als bemerke er das nicht.
"Warum wollen Sie eigentlich vermieten?" Etliche Minuten lang war das Gespräch in allgemeinen Bahnen dahingeplätschert, und dann hatte Julia plötzlich diese Frage gestellt. "Hier lässt es sich doch gut leben, oder?"
Zum ersten Mal wandte Sander sich ihr direkt zu und maß sie mit einem langen Blick. "Ich bin am Verrecken, meine Liebe", grinste er sie an. "Ich stecke so voller Krebs, dass ich Eiter kotze und Blut scheiße. Mein Quacksalber gibt mir höchstens noch ein Jahr, vielleicht aber auch nur ein halbes. - Jetzt brauche ich ein paar tausend Mark, damit ich meine Freunde in Chile noch einmal besuchen kann, und dann kneife ich den Arsch für immer zu."
Julia war schon bei seinen ersten Worten blass geworden. - Wie konnte man nur so herzlos und kalt über den eigenen Tod reden? Sie hätte dem Alten gerne gesagt, dass es ihr Leid tat, aber sie hatte das Gefühl, dass er sie dafür nur auslachen würde, also hielt sie lieber den Mund.
"Ooch, jetzt habe ich Ihre kleine Freundin erschreckt", grinste Sander. "Das wollte ich aber nicht. - Ich habe übrigens eine ganz seltene Art von Krebs", fuhr er fort und sein unangenehmes Grinsen verstärkte sich noch. "Ansteckend! Höchst ansteckend!" Unvermittelt beugte er sich vor, und tat so als wolle er Julia über den Tisch hinweg berühren.
Julias stieß einen kleinen Schrei aus und zuckte auf ihrem Stuhl zurück. Natürlich glaubte sie dem Alten kein Wort. - Niemand hat je etwas von ansteckendem Krebs gehört - aber dennoch hatte er es mit seinem Gerede geschafft, eine Spannung in ihr aufzubauen, die sich nun in einem Aufflackern nackter Angst entlud. Sie hörte, wie Gunther neben ihr scharf die Luft einsog, um den Alten gehörig zusammenzustauchen; der aber lehnte sich nun mit einem seltsam zufriedenen Gesichtsausdruck zurück und sprach endlich die Worte aus, auf die sie die ganze Zeit gewartet hatten: "Meinetwegen können wir im Lauf der Woche den Vertrag machen."
Eine Zeit lang war es ganz still im Raum, nur das Ticken des Regulators war noch zu hören. Schließlich gab Gunther sich einen Ruck. "Sie entschuldigen", begann er mit gepresster Stimme, denn sein Ärger war noch nicht verflogen, "aber wenn Sie so bald zu sterben gedenken - dann müssen wir uns ja nachher mit den Erben herumschlagen."
"Verstehe." Sander zog einen Mundwinkel nach unten und nickte. "Sie wollen Sicherheit. - Sicherheit, dass Sie sich die ganze Arbeit nicht umsonst machen. - Dass Sie nicht für die Katz aufräumen und renovieren. - Wie lange wollen Sie sich denn festlegen?
"Möglichst lange."
"Das dachte ich mir. Nun, meinetwegen können wir einen Vertrag über fünfzig Jahre abschließen - Dann gebe ich Ihnen auch einen schönen Rabatt. - Fünfzigtausend für die ersten zehn Jahre auf die Hand, und der Käse ist gegessen."
"Vierzigtausend! - Aber nur mit Notariatsvertrag."
"Fünfundvierzig! Den Notar bestimme ich, und die Kosten gehen zu Ihren Lasten, Schlaumeier", grinste der Alte anerkennend, aber es war auch eine Spur Verschlagenheit darin.
"Soll ein Wort sein!" Gunther streckte Sander seine Hand entgegen. Der griff über den Tisch hinweg, nahm die Hand, und sah Gunther gerade in die Augen. "Wissen Sie, was ein Handschlag wert ist, mein Junge?"
Gunther sah den Alten verwirrt an.
"Einen Scheißdreck!", sagte der Alte mit Nachdruck. "Das ist ein Handschlag wert!"