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KAPITEL 1 – 1958 - DER JÄGER

Der silbergraue Borgward kündigte sich schon aus weitem Abstand mit immer wieder aufgeblendeten Scheinwerfern an. Der Mann schaute in den Rückspiegel seines brandneuen 220er Mercedes und zog verächtlich die Mundwinkel nach unten. Sein Wagen war gerade eingefahren und zu anderen Zeiten wäre er gern bereit gewesen, es diesem Angeber mal so richtig zu zeigen, aber jetzt hatte er etwas anderes vor.

Immer schneller kam der Borgward heran, immer hektischer wurde das Geblinke. Der Mann sah nach vorne, wo ein Fiat Neckar sich abmühte, an einem Volkswagen vorbeizukommen, aber der VW-Fahrer hatte den Überholversuch rechtzeitig bemerkt und natürlich Vollgas gegeben.

Der Borgward flog förmlich an dem 220er vorbei, und obwohl er so stark abgebremst wurde, dass er ein wenig ins Schlingern geriet, hätte er den Fiat fast gerammt. Der Mann sah noch, wie der Fahrer ungeduldig auf das Lenkrad trommelte, dann verlor er das Interesse an der Szene. Ein Blick in den Rückspiegel verriet ihm, dass sich kein weiterer Wagen näherte. Nur das breite Doppelband der Autobahn zog sich in der Abenddämmerung durch das Tal, und auch auf der Gegenspur mühte sich in einiger Entfernung lediglich ein alter Krupp-Vorkriegs-LKW, tiefschwarze Rußwolken ausstoßend, im Schritttempo die sanfte Steigung hinauf.

Ständig nach allen Seiten sichernd fuhr der Mann auf die linke Spur und wurde langsamer. Dann schlug er die Räder scharf ein und wendete über den Mittelstreifen. Der schwere Wagen rutschte mit den Vorderrädern ein Stück weit durch das hohe Gras, dann fanden die Reifen wieder Halt. Obwohl der Mann nur vorsichtig beschleunigte, rissen die Hinterräder doch eine breite Furche in die weiche Erde. Grashalme und erdbehaftete Wurzelfetzen wurden hochgeschleudert, dann war es geschafft. Fast brutal trat der Mann das Gaspedal durch und der Wagen schoss mit wimmernden Reifen in der Gegenrichtung davon. Der Mann fühlte so etwas wie Jagdfieber in sich aufsteigen - denn auf der Raststätte, an der er eben vorbeigekommen war, wartete sein erstes Stück Wild auf ihn.

Fast wäre sein erstes Opfer ihm doch noch entgangen. Regelrecht entsetzt hatte der Mann feststellen müssen, dass neben dem Mädchen, das er im Vorbeifahren erspäht hatte, ein riesiger Büssing-Lastwagen mit laufendem Motor stand. Aufgeregt parkte er den 220er so, dass er von einem Gebüsch halb verdeckt wurde. Nervös beobachtete er die Szene.

Das Mädchen stand neben der geöffneten Fahrertür und unterhielt sich mit dem Fahrer, einem älteren Mann mit hüftlanger Lederjacke und Schirmmütze. Wenn das Mädchen dort einsteigen sollte, nahm der Mann sich vor, würde er den Lastwagen unauffällig verfolgen und auf eine zweite Chance warten. Die Kleine sah einfach zu verdammt süß aus, in ihrem weißen Faltenrock mit großen schwarzen Blumen, zu dem sie ein schwarzes Bolerojäckchen über weißer Bluse trug. Etwa siebzehn Jahre mochte das Mädchen alt sein, schätzte der Mann. Etwas unsicher stand es in seinen cremefarbenen Pumps vor dem Fernfahrer und schwenkte bei jedem Satz, den es sprach eine kleine schwarze Handtasche hin und her.

"Fast eine richtige kleine Dame" murmelte der Mann seinem Spiegelbild in der Seitenscheibe zu. Besonders apart fand er die ebenfalls etwas unpassenden weißen Söckchen, aber für Nylonstrümpfe hatte es wohl genauso wenig gereicht wie für einen Mantel.

Schließlich schüttelte das Mädchen heftig den Kopf und wandte sich von dem Fernfahrer ab. Der blickte der Kleinen achselzuckend kurz nach, kletterte schließlich in seinen Wagen und fuhr davon.

Hastig schaute der Mann sich um, aber der große Parkplatz lag wie ausgestorben da, also ließ er den Wagen hinter dem Busch hervorrollen und hielt auf die Ausfahrt der Raststätte zu. Er bemerkte, dass die Innenflächen seiner Hände feucht wurden. Jetzt würde es sich zeigen, ob er den Plan, den er schon so lange mit sich herumtrug, heute verwirklichen konnte.

Leise glitt der große Wagen auf das Mädchen zu, das neben einer Telefonzelle stand und die Fernverkehrskarte studierte, die dort hinter Glas aushing. Nervös stellte der Mann fest, dass der Mercedes-Motor so leise lief, dass die Kleine ihn wahrscheinlich erst hören würde, wenn er an ihr vorbei war, und dann wäre es zu spät.

Entschlossen gab der Mann Vollgas. Der Motor wurde lauter und der sanfte Schub drückte ihn in das Polster der Rücklehne. Unbewusst krallten seine Hände sich um das elfenbeinfarbene Lenkrad, denn in wenigen Sekunden würde er hinter dem Mädchen vorbei auf die Autobahn fahren, und wenn es bis dahin nicht versuchte, ihn anzuhalten ...

Plötzlich drehte das Mädchen den Kopf, sah den Wagen herankommen, wirbelte herum und streckte mit einer kindlich - korrekten Geste die Hand aus, den Daumen fein säuberlich nach oben gereckt.

Eilig trat der Mann auf die Bremse und kam direkt neben der Telefonzelle zum Stehen. Sich zur Ruhe zwingend beugte er sich mit gemächlichen Bewegungen über die Sitzbank und ließ die Beifahrertür aufschwingen.

"Fahren Sie in Richtung Hannover? Darf ich ein Stück weit mitfahren?" Das Mädchen war mit schnellen Schritten herangekommen und beugte sich nun ein wenig linkisch zu dem Fahrer hinab, der sich zwang, ihr gerade in die Augen zu sehen. Dennoch hatte er bemerkt, dass die Kleine unter ihrer Bluse keinen BH, sondern bloß ein Feinripphemdchen mit dünnem Baumwoll-Spitzenbesatz trug.

"Komm rein." Der Mann machte eine einladende Handbewegung.

"Danke!" das Mädchen schwang sich auf den Sitz und zog die Tür zu, die mit einem satten Geräusch ins Schloss fiel.

"Da hast du aber Glück gehabt", sagte der Mann. "Ich fahre direkt bis Hannover durch."

"Prima!", freute das Mädchen sich. "Dann komme ich ja heute Abend noch an."

Schweigend konzentrierte der Mann sich auf den Rückspiegel und beschleunigte.

Ein 180er Mercedes raste mit Höchstgeschwindigkeit hupend auf der linken Spur vorbei, als der 220er auf die Autobahn fuhr.

"Du bist ja wohl nicht von zu Hause fortgelaufen?", wollte der Mann jetzt wissen. "Wie heißt du denn?"

"Immer dieselben Fragen!" Die Stimme des Mädchens hatte einen patzigen Unterton.

"Nun sag schon", forderte der Mann. "Ich will keine Schwierigkeiten bekommen, nur weil du vielleicht irgendwo ausgerissen bist."

"Ich heiße Irmi Weber. Meine Mutter ist im Krankenhaus und ich soll für ein paar Tage bei meiner Oma in Hannover wohnen!", leierte das Mädchen unwillig herunter. "Sind Sie jetzt zufrieden?"

"Und da schickt deine Mutter dich so einfach ohne Fahrgeld los?" Der Mann schüttelte verständnislos den Kopf, während er lässig auf die linke Spur wechselte, um eine Isetta zu überholen.

"Ich habe zwanzig Mark!", verkündete das Mädchen stolz. "Aber die spar ich!", setzte es entschlossen hinzu. "Das reicht fast für so ein kleines Transistorradio. Das hol ich mir, wenn ich wieder in der Stadt bin."

"Entschuldigung", begann das Mädchen wieder nach ein paar Augenblicken schweigsamer Fahrt, "stört es Sie wohl, wenn ich das Radio anmache? Im AFN läuft nämlich gerade die amerikanische Hitparade, wissen Sie?"

"Mach nur", forderte der Mann sie auf. Er hatte noch nicht ausgesprochen, da hatte sie das Radio schon eingeschaltet und brachte mit dem Stationsknopf den Zeiger auf der Skala in die Nähe der richtigen Frequenz. Es dauerte einen Moment, bis die Röhren im Gerät sich aufgeheizt hatten, dann schlug dem Mann mit fast schmerzhafter Wucht der Rhythmus eines Elvis Presley-Songs aus dem Lautsprecher in der Mitte des Armaturenbretts entgegen. Schnell griff er zu und regelte die Lautstärke auf ein für ihn erträgliches Maß herab. "Tanzt du gern, Irmi?", fragte er das Mädchen, das im Takt der Musik auf der Sitzbank herumruckelte.

"Natürlich! Alle tanzen gern!"

"Was war eigentlich eben mit dem Fernfahrer?", brüllte der Mann jetzt gegen die Musik an "Ich hab euch zufällig gesehen. - Fuhr der nicht in deine Richtung?".

"Ach der!" Das Mädchen verdrehte mit einer komischen Grimasse die Augen "Der ist mir ganz schön auf die Nerven gegangen. Er hätte auch eine Tochter in meinem Alter, sagt er, aber dass die per Anhalter fährt, das käme gar nicht in Frage, und so weiter. - Das wäre viel zu gefährlich. - und ich sollte mitkommen, zu ihm nach Hause, also zu ihm und seiner Frau und dort übernachten. - Aber das wollte ich nicht. - In Amerika fahren alle per Anhalter, und keinem passiert dabei was!"

"Es wird bald dunkel", stellte der Mann fest, "und der Weg nach Hannover ist noch weit. Hast du denn wirklich kein bisschen Angst?"

"Na ja", begann das Mädchen nachdenklich. "Eigentlich nicht. - Aber wenn es wirklich dunkel wird und ich allein draußen an der Straße stehen muss ... - Aber jetzt bin ich ja bei Ihnen", fuhr es in erleichtertem Tonfall fort. "Sie fahren doch bis Hannover, oder?".

"Natürlich, Irmi", bestätigte der Mann "Mach dir keine Sorgen. Bei mir bist du sicher."

"Ich meine ja nur, weil es bald dunkel wird. - Sonst hab ich keine Angst." Irmi sah den Mann aufmerksam an, und als er ihr nicht widersprach, lehnte sie sich behaglich in das weiche Polster der Sitzbank zurück.

Der Mann lächelte und nickte zufrieden mit dem Kopf "So ist's recht", sagte er. "Mach's dir nur bequem - wir sind noch lange unterwegs." Dann streckte er seinen rechten Arm über die Lehne und fuhr mit der Hand suchend über den Rücksitz. "Keine Sorge", beruhigte er lächelnd das Mädchen, das sich steif aufgerichtet hatte und seine Bewegungen aufmerksam verfolgte. "Ich hab da noch was Schönes für uns.". Endlich hatte er die angebrochene Pralinenpackung gefunden. "Du magst doch auch etwas Süßes, oder?"

Knapp eine Viertelstunde später war das Mädchen betäubt in sich zusammengesunken. Der Mann hielt kurz an und holte ein Kissen aus dem Kofferraum, das er so unter ihren Kopf schob, dass man es von außen bemerken musste. Wer immer den weinroten Mercedes mit seinen Insassen sah, würde vermuten, dass hier ein Vater mit seiner Tochter oder ein Onkel mit seiner Nichte unterwegs war, und sollte das Mädchen vorzeitig erwachen, würde es sich sogar über die Fürsorge freuen.

Der Mann ließ den Motor wieder an, beschleunigte zügig und wenig später schnurrte der Wagen mit über 140 km/h über die Autobahn. Der Mann hatte es eilig, denn die Betäubung hielt wahrscheinlich nur drei bis vier Stunden an, und es war noch ein weiter Weg bis nach Hause.

Der AFN-Sprecher kündigte ein Lied von einem gewissen Buddy Holly an. Angewidert schaltete der Mann das Radio aus. - Er hasste diese Art von Musik. Dann waren für lange Zeit nur noch das Summen des starken Sechszylinders und die Windgeräusche zu hören. Der Mann hing seinen Gedanken nach. Ab und zu warf er einen aufmerksamen, lauernden Blick auf das Mädchen, aber noch wagte er nicht, es zu berühren. Es begann zu regnen. Als der Mann die Scheibenwischer anstellte, hustete das Mädchen kurz im Schlaf.

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