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KAPITEL 5 - Juni 1994 - GUNTHER

"Schönes Auto!" Sander saß auf einem Korbstuhl vor dem Tor des Hauses und betrachtete beifällig den BMW, der auf dem Ziegelpflaster vor ihm parkte.

"Firmenwagen", wiegelte Gunther sofort ab, um nur ja keine falschen Hoffnungen aufkommen zu lassen. "Dafür ist dann das Gehalt ein wenig niedriger."

Eigentlich hatte Gunther überhaupt nicht mit diesem Wagen hier auftauchen wollen, bevor der Vertrag in trockenen Tüchern war, aber Sander hatte ihm ja beim Abschied zu verstehen gegeben, dass er sich freuen würde, ihn heute zu sehen - und zwar allein.

Julia hatte ein bisschen gemault. Sie fühlte sich ausgeschlossen und wollte wenigstens dabei sein, wenn es vor dem Notariatstermin noch etwas zu bereden gab, aber Gunther hatte sich durchgesetzt. Er hatte heute etwas früher Feierabend gemacht, und war dann allein zu Sander hinausgefahren.

"Holen Sie sich einen Stuhl." Sander blieb sitzen und wies mit dem Daumen über die Schulter. "Und bringen Sie sich ein Bier mit. - Steht gleich in der Ecke."

Gunther ging durch das Tor auf die Deele und sah sich suchend um. Direkt hinter dem linken Torflügel standen ein zweiter Korbsessel und ein ebensolcher Tisch mit einer verquollenen, aufgesprungenen Holzplatte. Daneben lehnten kreuz und quer einige alte Küchenstühle an der Wand, die wohl nass geworden, und zum Trocknen hier abgestellt worden waren. - Alles Sperrmüll, nichts weiter, aber für heute würde es noch reichen. Entschlossen nahm Gunther den Tisch hoch und trug ihn nach draußen.

"Bringen Sie mir auch noch ein Bier mit!" Sander hielt ihm auffordernd die leere Flasche hin. Gunther nahm sie ihm ab und ging wieder ins Haus. Der Bierkasten stand im dunkelsten Winkel hinter der Tür. Gunther ließ die leere Flasche in das einzige freie Fach gleiten und nahm mit der Rechten zwei volle Bügelverschlussflaschen heraus. Mit der Linken griff er nach der Lehne des Korbstuhls und zog ihn halb hinter sich her nach draußen. Er reichte Sander eine der Flaschen und ließ sich aufstöhnend auf den Sitz fallen.

Sander schwieg, und einen Moment lang saßen die beiden nur still da und schauten auf das sonnenüberflutete Grundstück hinaus. Gunther fragte sich, wie es wohl früher hier ausgesehen haben mochte, als die Munitionsfabrik noch arbeitete. Undeutlich war unter dem hohen Gras noch zu erkennen, wo die einzelnen Fertigungsabteilungen gestanden hatten. Auf dem ganzen Grundstück gab es rechteckige Vertiefungen von der Größe eines mittleren Swimming-Pools, die von massiven, jedoch zerborstenen Betonträgern umgrenzt waren. - Fundamente für die Wellblechdächer, die den Arbeitern, und vor allem den Maschinen in den Gruben Schutz vor dem Wetter geboten hatten.

"Früher nannten wir sowas 'ne Granate", unterbrach Sander das Schweigen, und Gunther sah irritiert zu ihm hinüber. Sander hielt die Bierflasche hoch und spielte mit dem Daumen an dem Verschlussbügel herum. Dann drückte er zu, der Drahtbügel sprang vor und der Porzellankopf wurde von dem sich plötzlich entladenden Überdruck mit einem Salto gegen den Flaschenhals geschleudert. "Bumm!", sagte Sander und grinste Gunther an. "Ein Feind weniger!"

Gunther nahm seine Flasche in beide Hände und bremste den Aufwärtsdrang des Stöpsel mit der Hand ab, während er den Bügel vorschob. Die Flasche öffnete sich mit einem leisen Zischen. Gunther hatte Durst. In einem einzigen Zug trank er die halbe Flasche leer.

"Die gab's ja lange nicht." Sander hielt seine Flasche gegen das Licht und nahm dann einen Schluck daraus. "Erinnern Sie sich noch an die Ex und hopp Werbung?"

"Sowas gab's mal?"

"Von einem Tag auf den anderen gab es nur noch Flaschen mit Kronenkorken." Sander verzog angewidert das Gesicht. "Und dann Bierdosen! - Haben Sie sowas mal getrunken? Bier aus der Dose?"

"Äh ...", begann Gunther lahm. Budweiser aus der Dose war sein Lieblingsbier und im Kofferraum des BMW musste sogar noch ein Sixpack stehen, das im Moment natürlich viel zu warm war. Aber Sander verlangte gar keine Antwort. "Mann, was haben wir alles in die Mülltonnen reingekloppt", fuhr er fort. "Nach einer Woche lief das Ding schon über und ich musste das meiste Zeug verbrennen - hat ja Keinen interessiert, damals - aber die schönen Granaten hier ..." Er hielt die Flasche wieder hoch. "...die gab's nicht mehr."

Gunther nahm auch einen Schluck aus seiner Flasche. Das Bier schmeckte gut und hatte gerade die richtige Temperatur. Wieder war es ihm aufgefallen, dass es im Haus viel kühler war als draußen. Praktisch, besonders an einem so heißen Tag wie heute. Er nahm noch einen Schluck.

"Wie oft kommt der Müllwagen eigentlich?" Sanders Gerede hatte Gunther darauf gebracht.

"Zweiten Donnerstag im Monat", antwortete Sander knapp. "Gelbe Säcke und Papier eine Woche später", setzte er dann mit einem Auflachen hinzu.

"Was ist daran so lustig?" Es war warm, Gunther hatte außer einem kleinen Snack am Mittag noch nichts gegessen und das Bier begann bereits zu wirken. Es war nur noch ein Rest in der Flasche. Trotzdem verschloss er sie sorgfältig und stellte sie auf den Tisch.

"Müll sortieren!", stieß Sander verächtlich hervor. "Als das mit den gelben Säcken anfing, hab ich zuerst in jeden vollen Beutel reingeschissen, damit die Jungs beim Sortieren auch richtig Spaß hatten" Sander gluckste vor Vergnügen. "Aber dann hab ich mal gelesen, dass sie das Zeug sowieso ungeöffnet im Kraftwerk verheizen, da hat's mir dann keinen Spaß mehr gemacht."

Gunther sah Sander halb entsetzt und halb belustigt an. Er musste schlucken. "Warum?", fragte er und griff nach der Bierflasche, weil er plötzlich seine Hände nicht mehr stillhalten konnte. Sein Griff war nicht sehr präzise, er stieß mit den Fingerspitzen an das Glas und die Flasche kippte fast um. Mit einem raschen Griff fing Gunther sie ab.

"Nur so." Sander nahm einen Schluck und sah Gunther unter gesenkten Lidern hervor an. "Langeweile vielleicht."

"Zweiter und dritter Donnerstag also." Gunther sah auf die Flasche in seiner Hand. Der durchgeschüttelte Rest Bier schäumte hinter dem braunen Glas. Er drückte den Bügel nach vorne und der Stöpsel hob sich mit einem kleinen Knall, allerdings ohne einen Salto zu schlagen. Kraftlos sank er wieder auf die Öffnung zurück. Gunther klappte ihn zur Seite und trank einen kleinen Schluck.

"Und - gefällt's Ihnen immer noch hier?" Sander trank den Rest aus seiner Flasche. "Ist es Ihnen nicht zu weit draußen? - Zu einsam?"

"Ach, woher denn?" Gunther winkte lässig ab. Er hatte unheimlich gute Laune und fand Sander heute eigentlich ganz in Ordnung. - Ein bisschen schrullig, aber ganz in Ordnung. Mit einem Schluck trank er den Rest aus seiner Flasche und hielt sie dann prüfend vor sich.

"Die taugt nichts mehr", stellte Sander fest. "Holen Sie uns zwei neue!"

Gunther stand auf und nahm die leeren Flaschen mit. - Wie schön kühl es auf der Deele war. Draußen schön warm und drinnen schön kühl. - Einfach ideal, so ein altes Haus! Sehr konzentriert tauschte er die leeren Flaschen gegen volle. Es kam ihm vor, als würden seine Hände immer wenige Zentimeter neben dem eigentlichen Ziel landen, aber dennoch schaffte er es, ohne großes Geklirre zwei Flaschen hochzunehmen. Er grinste stolz, während er sich aufrichtete, doch obwohl er sehr vorsichtig dabei war, bekam er ein wenig zu viel Schwung und machte ungewollt einen Schritt rückwärts. "Vorsicht mit den Granaten!", befahl er sich murmelnd selbst und hielt die Flaschen unnatürlich weit vor sich. Dann ging er mit langsamen Schritten wieder zu Sander hinaus und war stolz, dass seine Füße immer genau da landeten, wo er sie auch hinsetzen wollte. "Granaten!", verkündete er und hielt Sander eine der Flaschen hin.

Sander sah Gunther freundlich entgegen. - Was war das bloß für ein Kerl, der schon nach einem halben Liter Bier blöde grinsend umherstakste wie ein Storch? Er nahm Gunther die Flasche ab und ließ den Stöpsel mit Schwung gegen das Glas schnellen. Gunther versuchte es auch, aber sein Verschluss blieb oben. Er verschloss die Flasche wieder und probierte es noch einmal. Wieder ohne Erfolg - da zeigte Sander ihm den Trick und Gunther ließ den Stöpsel mit einfältiger Freude noch zweimal im Halbkreis von der Öffnung schießen, dann trank er endlich an.

"Ihre kleine Freundin...", nahm Sander den Faden des Gesprächs wieder auf.

"Julia!" Gunther nahm noch einen Schluck.

"...die fühlt sich hier auch wohl?"

"Der is' alles egal, wenn sie nur aus der Stadt wegkommt", behauptete Gunther. "Hat große Pläne gehabt und is' alles schief gegangen."

"Was ist schief gegangen?"

"Ihr Job." Trotz seiner beginnenden Trunkenheit wurde Gunther vorsichtig. Sander konnte Julia nicht leiden, das war sicher, und Gunther war nicht bereit, sich seine abfälligen Bemerkungen über Frauen widerspruchslos anzuhören. - Aber der Alte saß nur bequem zurückgelehnt in seinem Korbstuhl und hatte die Augen halb geschlossen. Er sah schläfrig aus und schien kein besonderes Interesse an der Beantwortung seiner Frage zu haben; also sprach Gunther weiter, denn irgendetwas musste man ja reden: "Ihr Job beim Jugendamt hat sie fertig gemacht. Ressos... - Re-so-zialisierungsprogramm, Einzelbetreuung. Da muss man sich Tag und Nacht um eine einzige Person kümmern - das sind alles Junkies und so - und ihrer hat sich umgebracht."

"Dann ist sie also Sozialarbeiterin", stellte Sander fest.

"Sozialpädagogin", berichtigte Gunther. "Unterbezahltes Reparaturwerkzeug des Staates, sagt sie manchmal - aber diesmal war das Material, mit dem sie zu tun hatte, härter als das Werkzeug."

"Wen wundert's?" Sander lachte belustigt auf.

"Das ist nicht komisch!" Gunther schüttelte betrübt den Kopf und holte tief Luft. "Sie hat sich förmlich den ..."

"Arsch aufgerissen", vollendete Sander den Satz, und wenn er es sagte, dann hörte es sich ganz normal an.

"Und dann bringt dieser Kerl sich um. - Das verdammte Schwein hat es so eingerichtet, dass sie ihn finden musste!"

Sander schwieg.

"Julia hatte natürlich einen Schlüssel für die Wohnung, die die Stadt ihm zugewiesen hatte."

Gunther war froh, mal über die Sache reden zu können, denn Julia hatte sich seitdem verändert. Sie schliefen nicht mehr so oft miteinander, und wenn, dann war sie nicht ganz bei der Sache. Die Flucht aufs Land sah Gunther als letzte Chance, die Beziehung wieder zu festigen, denn seit drei Monaten fiel Julia fast jede Nacht in Angstzustände. Es war sogar so weit gekommen, dass sie nur noch bei Licht schlief - wenn sie es nicht sowieso vorzog, die ganze Nacht vor dem laufenden Fernseher zu hocken und dort vor sich hin zu dösen.

"Der Kerl hat sich also den goldenen Schuss gesetzt, sich auf die Couch gelegt und die Decke über sich gezogen. - Das war so'n ganz mageres Kerlchen, muss ich dazu sagen. Julia kommt also am Morgen rein, sieht ihn nirgends, denkt, er ist im Bad oder so, und - setzt sich voll auf ihn drauf."

Ein glucksendes Geräusch kam aus Sanders Richtung. Gunther achtete nicht darauf. Trübsinnig starrte er auf seine Bierflasche und sprach leise weiter: "Er kann noch nicht lange tot gewesen sein - war noch nicht steif - und sie voll auf sein Becken. - Der Kerl klappt ein wie ein Taschenmesser - der Oberkörper kommt hoch - die Decke rutscht weg - und sie starrt ihm mitten in sein beschissenes, totes Gesicht."

Das Glucksen aus Sanders Richtung ging in ein stoßartig abgehacktes Keuchen über. Gunther sah hoch und eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn. - Sander lachte. Der Alte saß auf seinem Stuhl und seine Augen strahlten vor Vergnügen. Sein Mund war kreisrund, so, als wolle er ein gewaltiges "Oh!" formen und sein ganzer Körper bebte vor unterdrücktem Lachen. "Da war sie geliefert, was?", brachte er mühsam hervor.

"Das ist nicht komisch!" wiederholte Gunther mit Nachdruck. Ihm wurde heiß, aber gleichzeitig wurden seine Gedanken klar wie Glas. Es war, als laufe seine beginnende Trunkenheit durch ein Loch in seinem Körper aus ihm heraus. Auf einmal war er wieder hellwach und fühlte eine heiße Welle der Wut in sich aufsteigen. Er wollte eigentlich nicht aufstehen, aber seine Beine streckten sich von ganz alleine, und ehe er sich's versah, hatte er einen Schritt nach vorn gemacht und stand drohend vor Sanders Sessel.

"Ruhig Blut, mein Junge." Sanders Lachen brach unvermittelt ab und er starrte Gunther von unten herauf an. Er hob die Hand, aber es war nicht die Geste, die vor einem Gegner schützen soll, sondern eher das lässige Abwinken, mit dem man einen Bittsteller verscheucht.

Gunther wich einen Schritt zurück und schüttelte benommen den Kopf. - War er eben wirklich drauf und dran gewesen, einen fast neunzig Jahre alten Schwerkranken aus seinem Sessel zu zerren und zu verprügeln? Was geschah hier eigentlich? Immer noch verwirrt tastete er hinter sich und ließ sich wieder auf seinen Platz fallen.

"Schnell erregbar, was?", stellte Sander fest und sah Gunther streng an.

"Entschuldigung, ich - eigentlich ..." Gunther wusste nicht, was er sagen sollte, und zu allem Überfluss merkte er, dass das Blut ihm ins Gesicht schoss.

Das altbekannte verschlagene Grinsen stahl sich wieder auf Sanders Gesicht. "Sie haben mich völlig falsch verstanden" behauptete er. "Die Geschichte ist natürlich schrecklich, und ihre Freundin ist zu bedauern. - Es ist nur so, dass ich mich zeitlebens sehr für die deutsche Sprache interessiert habe, und ihr Aphorismus vom Material, das das Werkzeug zerbricht, ist wirklich zu köstlich."

"So?" Trotz seiner Scham war Gunther nicht bereit, sich von Sander so billig einkaufen zu lassen.

"Sie kommen nicht mehr an sie ran", stellte Sander nach einer kleinen Pause sachlich fest.

"Was geht Sie das an?" Gunther wurde schon wieder ärgerlich.

"Sie kommen nicht mehr an sie ran, und Sie denken, dass es hier vielleicht besser wird."

"Möglicherweise" gab Gunther zögernd zu. "Hoffentlich!"

"Ist ein schönes Haus", fuhr Sander in versöhnlichem Ton fort. "Bestimmt genau das Richtige für ihre kaputten Nerven."

"Ich will, das sie wieder in Ordnung kommt", sagte Gunther schwach und sah dabei genauso jämmerlich aus, wie er sich fühlte.

"Und wenn nicht?", wollte Sander wissen.

"Dann hab' ich ein Problem."

"Besser als ich werden Sie es ja wohl hinkriegen."

"Wieso das denn?" Gunther sah auf.

"Meine Alte und ich, wir haben uns gehasst", bekannte Sander in gleichmütigem Ton. "An die fünfzig Jahre haben wir versucht, uns gegenseitig fertig zu machen."

Gunther schwieg.

"Wer gewonnen hat, das sehen Sie ja wohl", fuhr Sander fort, als er den erwartungsvollen Blick seines Gastes sah. "Es war eine wirklich beschissene Zeit mit ihr - aber irgendwie habe ich sie doch genossen."

Gunther zog die Brauen zusammen. Er hatte eigentlich erwartet, dass Sander sich jetzt über sein schlechtes Eheleben ausließ. Es hätte gut getan, so etwas wie einen Leidensgenossen zu haben, damit das eigene Unbehagen kleiner wurde. Sander machte aber einen durch und durch zufriedenen Eindruck. - Das war ein wenig enttäuschend.

"Sie war eine bissige, alte Vettel - selbst als sie noch jünger war - und als sie nicht nachlassen wollte, nach mir zu schnappen, hab' ich ihr die Zähne ausgebrochen - einen nach dem anderen. - Das war eine wirklich große Aufgabe, junger Freund!"

"Sie haben Ihr Leben verschenkt, um Ihre Frau fertig zu machen?", fragte Gunther ungläubig.

"Blödsinn!", trompetete Sander. "Nicht verschenkt! - Gelebt! -Es ist doch gar nicht wichtig, etwas zu schaffen, das gut läuft. Das kann schließlich jeder, der ein bisschen Glück hat. - Glück! Nichts weiter! - Die Würze kommt doch erst in die Suppe, wenn alles schief läuft. - Bei einer freundlichen Frau kann es jeder aushalten, aber neben einer frigiden, herrschsüchtigen Bauernschlampe zu bestehen, bis man schließlich auf ihr Grab pissen kann - das ist eine Leistung, die eines Kulturmenschen würdig ist!"

"Komische Philosophie" meinte Gunther.

"Sie hatte das Geld" sagte Sander und das Lachen, das er dabei ausstieß, kam von Herzen. "Ihr gehörten Haus und Grundstück, es gab einen Ehevertrag - und sie hatte genug Schotter, um ihr ganzes Leben lang keinen Handschlag arbeiten zu müssen. Ihren Eltern hat die Fabrik gehört, die hier mal stand, wissen Sie."

"Aha!" Gunther öffnete seine Flasche genauso elegant, wie er es eben gelernt hatte, und setzte sie an die Lippen. Er hatte jetzt eigentlich keine Lust mehr, sich Sanders Lebensgeschichte anzuhören. Was der Alte ihm da erzählte, half ihm kein bisschen weiter. Außerdem wurde er das Gefühl nicht los, dass Sander ihn irgendwie manipulierte. Gunther wollte das Wohlgefühl von vorhin, dieses leichte Benebeltsein, wieder herbeizwingen. Konnte man nicht einfach hier in der Sonne sitzen, Bier trinken und den herannahenden Abend genießen?

Sander ließ sich nicht stoppen. "Hätte sie Kinder haben können, wäre alles vielleicht anders gelaufen, aber so war alles was sie hatte ihr Geld. Sie war irgendwie verbittert darüber, dass ihre Furche nur Brachland war, und nach ein paar Jahren ging es mir genauso, wie es Ihnen jetzt mit Ihrer kleinen Freundin geht. - Ich kam einfach nicht mehr an sie ran."

Gunther trank aus seiner Flasche, um zu verbergen, dass er sowieso schlucken musste. Irgendwie machte ihn Sanders Art, die Dinge zu erzählen, verlegen. Zum Glück kam langsam dieses leichte, schwebende Gefühl zurück, das ein wenig Alkohol im Blut bei ihm auslöste. "Julia ist nicht so" stellte er fest, denn er meinte verstanden zu haben, dass der Alte ihn warnen wollte.

"Natürlich nicht!" pflichtete Sander ihm sofort bei. "Sie hat ja auch gar kein Geld. - Oder?"

"Arm wie eine Kirchenmaus", bestätigte Gunther und trank sein Bier aus. Dabei verschwieg er, dass er selbst kaum besser dran war, wenn er erstmal die Pacht bezahlt hatte. Das Einzige, was Julia und ihn unterschied, war, dass er noch einen Job hatte und sie nicht. Es war doch zu irre von dem Alten, durch die Blume Julias weitere Veränderung zum Schlechten zu prophezeien. Gunthers Meinung nach war der Höhepunkt der Krise schon erreicht, wenn nicht sogar überschritten, und er war bereit, zu ihr zu stehen. Wenn Sander des Geldes wegen ein halbes Jahrhundert an der Seite einer verhassten Frau zugebracht hatte, dann war das sein Problem, aber so einfach ließ sich das nicht übertragen. Da gab es ja wohl Unterschiede. - Sehr wesentliche Unterschiede sogar!

Etwas klickte neben Gunthers Ohr und er sah, dass Sander ihm seine leere Flasche hinhielt. Sofort stand er auf, um zwei neue Granaten zu besorgen. In einer großtuerischen Anwandlung blieb er vor dem Haustor stehen, legte den Kopf in den Nacken und schaute zum Giebel hinauf. Die Bohlen, die die Giebelseite über dem Fachwerk abdeckten, waren altersgrau, verwittert und verzogen. Zwei Schwalbennester klebten unter dem Dachvorsprung und ein solide aussehender Balken ragte über einer Brettertür aus der Fassade. Es gab fingerbreite Spalten zwischen den Bohlen. "Ist Heu auf dem Boden?", fragte er, ohne sich umzusehen.

"Seit ewigen Zeiten." Sander drehte sich in seinem Sessel um. "Hier vorne Stroh und hinten Heu. Über zwei Meter hoch - die beste Isolierung, die es gibt."

"Gut!" Gunther nickte mit der Ernsthaftigkeit des Halbbetrunkenen. Er interessierte sich schon länger für alte Häuser und fühlte sich im Moment ganz als Fachmann. Ohne die dicke Heuschicht auf dem Boden wäre das Heizen ein Problem geworden. - Dass es das sowieso war, weil die Lehmputzwände im Winter jedes bisschen Wärme aufsaugten und nach draußen abgaben, kam ihm aber nicht in den Sinn.

Er ging in die Deele und besah sich die Deckenkonstruktion, so gut es bei der Dunkelheit möglich war. Nachdem seine Augen sich dem schwachen Licht angepasst hatten, wollte er die Balken und die Bretterlage nach Schäden absuchen. - Aber sofort wurde Gunthers Blick abgelenkt. Fast direkt unter der Decke hingen auf beiden Seiten und an der Stirnwand Trophäen: Stirnplatten von Böcken, Flugwild auf Birkenstangen, Füchse in seltsam gekrümmter Haltung und große Hirschköpfe mit weit ausladendem Geweih hingen dort dicht bei dicht. - Und Wildschweinschädel. Es mussten etwa zwanzig sein, schätzte Gunther. - Seltsam, dass ihnen das bei der Besichtigung nicht aufgefallen war - aber schließlich hingen die Trophäen sehr weit oben und auf der Deele war es sehr dunkel. Alles war von einer dicken Staubschicht bedeckt und so sehr von alten Spinnweben überzogen, dass manche der Trophäen dahinter nur wie durch einen schmutzigen Schleier zu erkennen waren.

"Sind Sie Jäger?", fragte Gunther laut in die Deele hinein, sodass Sander ihn draußen hören musste, aber der gab keine Antwort. Der Anblick war auf eine seltsame Art unheimlich. Gunther wandte sich ab und ging zu dem Bierkasten. Dabei fiel sein Blick auf die Schrotflinte, die hinter dem anderen Torflügel lehnte. Es war ein doppelläufiges Modell, das jetzt, da es nicht auf seine Füße gerichtet war, klein und billig aussah. "Ist das eigentlich geladen? - Das Gewehr, meine ich!", rief er nach draußen, während er zwei volle Flaschen aus dem Kasten nahm.

"Die Flinte? - Weiß nicht! - hab's vergessen! - Probieren Sie's doch aus! - Aber passen Sie auf", fügte er dann hinzu, "das ist 'ne 12er Franchi, wenn die losgeht, dann rappelt's im Karton!"

Gunther nahm die Flinte am Lauf hoch. -Was, zum Teufel, war eine 12er Franchi? Auf jeden Fall sah sie nicht nur billig aus, sie fühlte sich auch so an. Sie war geradezu lächerlich leicht - das reinste Spielzeug! Er trug die Waffe hinaus und stellte die Bierflaschen auf dem Tisch ab. Dann nahm er den Kolben in die rechte Armbeuge und brachte den Zeigefinger in die Nähe des Doppelabzugs.

"Erst spannen!", riet Sander, der ihm amüsiert zusah.

Gunther war den Umgang mit Waffen nicht gewöhnt und schwenkte die Läufe wild durch die Gegend. "Worauf soll ich zielen?"

"Auf Ihren Wagen vielleicht?", schlug Sander grinsend vor, und da wusste Gunther plötzlich, dass die Flinte geladen war. Er wusste es mit absoluter Sicherheit. So sicher, wie man sich nur überhaupt sein kann. "Ich könnte Ihnen auch den Sessel unterm Arsch wegschießen", meinte er, und grinste ebenso schäbig zurück.

"Möglich", meinte Sander. "Aber nur, wenn sie wirklich geladen ist."

Gunther sah auf die Waffe. So weit kannte er sich damit aus, dass man den Haken der Verriegelung lösen konnte, um nachzusehen, ob Patronen im Lauf waren - aber es so herauszukriegen, war interessanter. Er legte den Daumen an die Hähne und zog sie beide nach hinten, bis sie mit einem knackenden Geräusch einrasteten. Sander tat so, als ginge ihn das alles gar nichts an. Fast gelangweilt beugte er sich vor und nahm sich eine Flasche vom Tisch.

Gunthers Überzeugung geriet ins Wanken. Konnte man sich so uninteressiert geben, wenn ein Fremder, und noch dazu ein absoluter Laie, in unmittelbarer Nähe mit einer Schrotflinte hantierte? Nein! - Wahrscheinlich legte Sander ihn rein, und er würde nur ein müdes Klicken zu hören bekommen, wenn er den Abzug betätigte.

"Die Schubkarre da." Sander zeigte beiläufig auf einen der Schutthaufen, die sich im Lauf der Jahre auf dem Hof angesammelt hatten. Obenauf lag eine alte Schubkarre, deren Wanne an einigen Stellen durchgerostet war. Gunther hob die Waffe, zog sie fest an die Schulter, zielte kurz und drückte ab.

Es klickte, als der Hahn nach vorne schnellte, aber sonst passierte gar nichts. Gunther setzte die Waffe ab, und sah Sander mit herabgezogenen Mundwinkeln leicht verächtlich an. - Das sah dem alten Zausel ähnlich, mit einer ungeladenen Flinte herumzukaspern und den Leuten Angst zu machen. Alles nur Schau und nichts dahinter.

"Und der zweite Lauf?" Sanders kalter Blick hätte ihn warnen müssen, aber Gunther war halb betrunken. Lässig nahm er die Waffe hoch, zielte grob, drückte ab, und noch bevor er begriff, was geschah, saß er neben dem umgestürzten Korbtisch auf dem Pflaster. Der Kolben der Flinte war mit der Wucht eines Vorschlaghammers gegen seine Schulter geprallt und hatte ihn herumgerissen. Die Schubkarre war hochgewirbelt und hatte sich zweimal in der Luft überschlagen, bevor sie fünf Meter hinter dem Schutthaufen zu Boden gekracht war. Gleichzeitig war ein Donnerschlag losgebrochen, der Gunthers ganzen Körper gelähmt hätte, wenn er nicht gerade damit beschäftigt gewesen wäre, den Tisch umzureißen. Der Rückstoß der Flinte war so enorm gewesen, und der Schock so groß, dass Gunther mit dem Tisch zusammen zu Boden gegangen war. Die Waffe war ihm aus der Hand gefallen und ein Stück weit auf dem Ziegelpflaster entlang geschlittert.

Die Stille nach dem Schuss war unnatürlich. Gunther war halb taub. Er richtete sich unbeholfen auf und stolperte über die eigenen Füße. Dann nahm er sich zusammen, bückte sich und stellte den Tisch wieder hin. Die Flinte ließ er liegen, wo sie war, und steuerte seinen Korbsessel an.

"Jetzt erinnere ich mich" hörte er Sanders Stimme wie durch Watte "Flintenlaufgeschoss! Genau!" Gunther sah zu ihm hinüber. Er war immer noch total geschockt.

Sander beugte sich vor, und reichte ihm die noch ungeöffnete Flasche Bier. Automatisch griff Gunther zu und biss die Zähne zusammen. Seine Schulter fühlte sich an, als sei ein Kleinlaster - nein, ein Konvoi von Kleinlastern - darüber gefahren. "Sie wussten, was passieren würde!", unterstellte er Sander giftig. "Sonst hätten Sie mein Bier nicht vom Tisch genommen."

"Sie werden es einem armen, alten Mann doch nicht verübeln, dass er sich um seine Pfandflaschen sorgt?", lachte Sander. "Regen Sie sich bloß nicht auf; es war schließlich Ihr Scheiß - Anfängerfehler. Wenn Sie das Ding so locker halten, wie einen Staubwedel, dann muss sowas ja passieren."

"Ach!" Gunther schüttelte unwillig den Kopf und schielte misstrauisch zu der Flinte hin. "Sie hätten es mir sagen müssen!"

"Nö", meinte Sander. "Ich wusst's ja selbst nicht mehr genau. - Ehrlich!"

Sander log! Er log sogar mit Absicht so schlecht, dass Gunther es merken musste.

"Ausserdem waren es ja nur dreißig Gramm Blei. Da könnte man ja erwarten, das ein Kerl damit ..."

Gunther hörte nicht mehr zu. Obwohl in seiner Schulter bei jedem Herzschlag das Blut pochte, musste er plötzlich kichern, als er an das Bild dachte, das er eben geboten hatte. Sander hatte ja Recht. - Ja! Auf seine Art hatte der Alte wirklich Recht! Es war ein Spiel unter Kerlen gewesen. Sander hatte ihn reingelegt, wie ein Kerl einen anderen Kerl eben manchmal reinlegt. Hier war kein Platz für wehleidiges Getue und Beleidigtsein, nur weil man die Regeln nicht kannte. So lief nun mal ein Spiel unter echten Kerlen, zu denen Gunther nie gehört hatte, zu denen er sich aber heimlich immer schon hingezogen fühlte. Was war er doch für ein Idiot gewesen, als er sich von seiner Mutter zum Zivildienst hatte überreden lassen. Wenn er beim Bund gewesen wäre, dann hätte er sich heute bestimmt nicht so reinlegen lassen. - Aber vielleicht ließ sich noch so Einiges nachholen - und vielleicht war Sander der Schlüssel dazu. Sander war zwar alt, aber knochenhart, ganz anders als die Leute, mit denen es Gunther sonst zu tun hatte. Der Alte war todkrank, aber er schoss mit daumendicken Bleikugeln, zog eine Granate nach der anderen ab und kackte in Müllsäcke, wie es ihm gerade gefiel. Man konnte verdammt viel von ihm lernen, wenn man wissen wollte, was es bedeutete, ein richtiger Kerl zu sein.

"Na, dann Prost!" Gunther verkniff sich den Schmerz und hob Sander seine Flasche entgegen.

Der Alte zog die Augenbrauen hoch und beugte sich vor.

"Danke für die Lektion", grinste Gunther, immer noch leicht verlegen. Das dicke Glas klickte leise, als ihre Flaschen sich berührten, und dann tranken sie in tiefen Zügen. "Haben Sie noch Munition?", wollte Gunther danach wissen.

"So sicher, wie Scheiße stinkt", sagte Sander und sein Gesicht strahlte so etwas wie Anerkennung aus. "Gleich auf dem Balken hinter der Tür."

Eine halbe Stunde später war die Schubkarre kaum noch mehr als ein locker zusammenhängendes Bündel von Metallfetzen und Gunther war so glücklich wie noch nie in seinem Leben. Sander war aufgestanden und hatte sich an der Schießerei beteiligt. - Immer zwei Schuss er und zwei Schuss Gunther. Zuerst hatten sie die schweren Brenneke-Bleigeschosse genommen und dann mit 4mm-Schrot weitergemacht, bis alles in Fetzen hing und die Schubkarre über den ganzen Hof geschlittert war.

Gunthers Schulter musste ein einziger Bluterguss sein. Es war ihm noch zweimal passiert, dass er die Flinte nicht fest genug einzog. Auf die Art hatte er sich zwei heftige Eselstritte, wie Sander das nannte, eingehandelt, aber er war jetzt schon ziemlich betrunken, und es machte ihm nichts mehr aus.

Schließlich gingen die schweren Patronen zu Ende und es war nur noch Vogelschrot da. "Das bringt nichts", meinte Sander und brachte die Flinte wieder ins Haus. "Das Zeug spritzt nur unnötig durch die Gegend und macht nichts kaputt."

Gunther hatte einen Moment lang die irre Idee, für Julia eine Ente, eine Wildgans oder einen Fasan zu schießen, aber erstens hätte er nach der Knallerei auf dem Hof in weitem Umkreis kein jagdbares Wild mehr gefunden, und zweitens fiel ihm ein, dass sie alles was tot war, aus tiefster Seele verabscheute. - Memme! Gunther verzog das Gesicht und sah Sander entgegen, der mit zwei neuen Flaschen aus dem Haus kam.

Gunther hätte gern noch weiter geschossen. Bedauernd sah er auf den Torflügel, hinter dem die Flinte nun wieder stand. Das war ja fast wie im Film gewesen. Es hatte unheimlich viel Spaß gemacht, die alte Schubkarre Schuss für Schuss immer weiter quer über den Hof zu jagen. Wenn Julia und er erst hier wohnten, dann würde er vielleicht einen alten Autoreifen an einen Baum hängen. Den konnten sie dann als Ziel benutzen, so wie Bonnie und Clyde es im Film gemacht hatten. Vielleicht würde Julia dann nicht mehr so verflucht zimperlich sein. Hoffentlich ließ Sander die Flinte hier, wenn er nach Chile ging.

Gunther begann Sander zu mögen. Der Alte war wirklich in Ordnung. Den hätte er kennen lernen sollen, als er noch jung war. - Dann hätten sie bestimmt noch ganz andere Dinger zusammen gedreht. - Ganz bestimmt sogar!

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