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KAPITEL 3 – 1958 - IRMI

Irmi war gewitzter als es zunächst den Anschein gehabt hatte. Fast wäre sie doch noch entkommen.

Als der Mann die Ausfahrt Melling erreichte und den 220er in die scharfe Kurve lenkte, war er sehr vorsichtig. Bis jetzt war alles gut gelaufen, aber nun durfte das Mädchen keinesfalls aufwachen. Der Mann kümmerte sich nicht darum, dass der Fahrer eines großen Barockengel-BMW hinter ihm ungeduldig mit der Lichthupe spielte. Sachte bog er auf die Hauptstraße ein und schaute zu Irmi hinüber, die, immer noch betäubt, in dem Winkel zwischen Türholm und Sitzpolster lehnte. Über eine Stunde lang hatte sie sich nicht gerührt und ein Speichelfaden lief aus ihrem Mundwinkel.

Das machte dem Mann Sorgen. Er hätte zufrieden sein können, aber obwohl alles perfekt ablief, war er unruhig. Was, wenn die Dosis zu hoch gewesen war, wenn sie nicht wieder aufwachte? Schließlich war es das erste Mal, das er so etwas machte.

"Geh aber vorsichtig damit um!", hatte sein Bekannter, der Drogist, ihm ans Herz gelegt, als er ihm das Fläschchen mit dem weißen Pulver gegeben hatte. "Das ist reiner Wirkstoff!" Dann hatte er ihm gezeigt, wie das Zeug zu dosieren war. - Aber wie sollte man vorsichtig sein, wenn man nicht wusste, ob so ein Mädchen eine, drei oder fünf Pralinen nahm? - Das hatte er dem Drogisten natürlich nicht sagen können. Dem hatte er vorgelogen, dass er die normalen Schlafmittel nicht gut vertrug, dass sie bei ihm Brechreiz auslösten, und er deshalb etwas Besonderes brauche. - Etwas, das nicht durchschmeckte! Zwei der Pralinen hatte das Mädchen genommen. - Konnte das zu viel gewesen sein? - Atmete sie überhaupt noch?

Das letzte Dorf auf der Strecke. Danach kam nur noch Wald. Das Mädchen hatte bei einer Bodenwelle im Schlaf gestöhnt. Es lebte. - Gut!

Mittlerweile war es dunkel geworden. Der Mann brauchte sich keine Sorgen zu machen, dass jemand Irmi in seinem Wagen bemerkte, und sich fragte, mit wem er da durch die Gegend fuhr.

Jetzt wurde es kritisch. Sehr langsam bog der Mercedes von der Asphaltstraße ab, aber trotzdem schwankte der Wagen, als er die Pflastersteine unter die Räder bekam. Irmis Kopf sackte nach vorne. Der Mann beschleunigte ein wenig. Das Geräusch der Reifen schwoll auf dem Kopfsteinpflaster an. Der Mann wurde nervös. Nur noch zwei Kilometer.

Irmi schlug träge die Augen auf. "Hab ich geschlafen?", murmelte sie verwundert. "Wo sind wir denn hier? - Sind wir bald da?"

"Fünf Minuten noch." Dem Mann war es bei Irmis Worten schlagartig heiß geworden und seine Stimme klang gepresst. "Gleich sind wir in - Hannover." Gerade noch rechtzeitig war es ihm eingefallen, wo Irmi eigentlich hingewollt hatte.

"Dann muss ich ja gleich raus." Irmis Stimme war schwach, behaglich kuschelte sie sich wieder in das Kissen und schloss die Augen.

Der Mann atmete verhalten tief ein. Sein Herz raste und seine Handflächen waren feucht. Ein Kilometer noch, dann würden sie auf dem Grundstück sein - nur eine Minute! Langsam und mit äußerster Vorsicht lenkte er den Wagen an den Dellen und Schlaglöchern in der alten Straße vorbei. Draußen herrschte jetzt undurchdringliche Finsternis. Weit vor dem Wagen wechselten im Scheinwerferlicht ein paar Rehe von einem Waldstück in das andere. Irmi konnte sie nicht sehen, sie war wohl wieder eingeschlafen.

Als das Tor in Sicht war, bremste der Mann vorsichtig ab, bog ein und hielt an. Lautlos zog er die Handbremse an, dann brachte er den Schalter der Innenbeleuchtung in die 'Aus'-Stellung. - Kein Risiko eingehen! Nicht, dass das kleine Luder im letzten Moment doch noch aufwachte. Nach einem kurzen, prüfenden Blick auf das Mädchen öffnete er leise die Tür und stieg aus.

Geblendet vom Licht der eigenen Scheinwerfer kam der Mann zu seinem Wagen zurück. Die Fahrertür hatte er einen Spalt weit aufgelassen, um Irmi nicht durch das Geräusch des Schließens zu wecken. Jetzt stand das Tor zu seinem Grundstück weit auf. In wenigen Augenblicken würde er mit seiner Beute in Sicherheit sein.

Der Mann stieg ein und schloss die Tür. Jetzt kam es auf ein bisschen Krach nicht mehr an. Triumphierend sah er zur Seite, aber da durchfuhr es ihn wie ein Blitzschlag: Der Beifahrersitz war leer, die Tür offen ...

Ohne zu überlegen legte der Mann den Rückwärtsgang ein und gab Vollgas. Die Beifahrertür schlug so heftig auf, dass die Scharniere knackten und fiel dann federnd ins Schloss. Der Mann achtete nicht darauf und schlug die Lenkung voll ein. Rasend schnell strich der Lichtkegel der Scheinwerfer die Böschung entlang. - Sie durfte nicht entkommen! Er hatte sie entführt und betäubt. Sie kannte ihn und sie kannte seinen Wagen - und jetzt kannte sie sogar die Einfahrt. Wenn die kleine Schlampe es schaffte, sich bis zu irgendeinem Haus durchzuschlagen, dann war er geliefert.

Der Mann kniff die Augen zusammen. Da - abseits der Straße waren zwei helle Flecken zu erkennen, die sich rasend schnell auf und ab bewegten. Das verdammte Biest war gerissen; es lief nicht auf der Straße, es rannte auf der Böschung entlang, und nur der Zaun hatte verhindert, dass sie schon im Wald verschwunden war.

Wenn sie jetzt die Straßenseite wechselte, war er geliefert, das wusste der Mann. Dort gab es keinen Zaun und er hatte keine Taschenlampe im Wagen. Innerhalb von Sekunden würde der Wald sie verschlucken und bei dieser Dunkelheit würde er sie niemals finden.

"Geliefert!" das Wort beherrschte sein ganzes Denken. "Wenn sie entkommt, bin ich geliefert!" Mit aufkreischenden Reifen beschleunigte der 220er und war nach wenigen Sekunden in Höhe der Fliehenden. "Bleib stehen!", schrie der Mann aus dem Fenster. "Bleib doch stehen! Was hast du denn?"

"Hauen Sie ab!" Irmi hielt kurz an. "Sie haben mir was gegeben, damit ich einschlafe!" schrie sie außer Atem von der Böschung herab. "In den Pralinen war was drin!" Sofort rannte sie weiter.

Schlaues Mädchen! Der Mann war immer noch sehr aufgeregt, aber jetzt konnte er wieder klar denken. Ein Grinsen überzog sein Gesicht. - Es sah ganz so aus, als würde sie ganz von selbst in die Falle rennen.

Der Mann hielt den Wagen knapp hinter der Flüchtenden, so, dass er sie im Licht der Scheinwerfer sehen konnte. Gleich musste sie an die Stelle kommen, wo der Zaun einige Meter von der Straße zurückwich, und dann im rechten Winkel wieder vorsprang - An genau dieser Stelle würde er sie festnageln.

Jetzt war es so weit. Irmi hielt sich in der Nähe des Zauns und verschwand zwischen den Büschen. Der Mann stoppte mitten auf der Straße, riss die Handbremse an und sprang aus dem Wagen.

Irmi sah den Zaun nicht und prallte in vollem Lauf dagegen. Die Schuhe, die sie in der Hand getragen hatten, flogen davon und der Anprall an das nachgiebige Geflecht schleuderte sie zu Boden. Rasch wollte sie sich aufrichten, aber da war der Mann schon über ihr und umklammerte mit der Rechten ihren Arm.

"Hilfe! Ah - Sie tun mir weh!", schrie das Mädchen aus Leibeskräften und holte tief Luft.

"Ruhig jetzt!", herrschte der Mann sie an und riss sie hoch. Drohend hob er die Hand. "Du kommst jetzt mit!"

Irmi versuchte, sich loszureißen, aber der Mann war viel stärker. Da gab sie plötzlich nach und ließ sich widerstandslos zwei Schritte weit führen. Dann blieb sie aber doch wieder stehen.

"Weiter!" Der Mann ruckte an dem Arm.

"Moment noch!" Irmi wollte sich bücken.

"Was ist denn jetzt wieder los?" Der Mann zerrte sie ungeduldig weiter.

"Meine Schuhe!"

Das war in den Augen des Mannes mal wieder typisch Frau. Er überlegte einen Moment. Liegen lassen konnte er die hellen Schuhe hier sowieso nicht. - Wenn sie am Tag jemand sah - Sollte sie sie doch ruhig mitnehmen. Also ließ er es zu, dass das Mädchen sich bückte.

Einen Sekundenbruchteil später traf ihn der Absatz mit voller Wucht am Kopf. Vor Schmerz wurde es ihm einen Moment lang schwarz vor Augen. Sein Griff lockerte sich ein wenig, und fast wäre das Mädchen ihm wieder entwischt, aber noch bevor sie ein zweites Mal zuschlagen konnte, fasste er nach und drehte ihr den Arm auf den Rücken. Dann nahm er selber den zweiten Schuh auf und führte das nach vorn gebeugte Mädchen zum Wagen. Jetzt war er gewarnt und ließ sie nicht mehr los, ehe sie durch die Tür des Bunkers unter seiner Garage gegangen waren.

Irmi hatte Angst und sie schämte sich entsetzlich. Der Mann hatte sie so fest auf einen Stahlrohrsessel gefesselt, dass sie noch nicht einmal die Beine bewegen konnte. "Ich möchte nur ein paar Bilder von dir machen." erklärte er gerade mit väterlichem Lächeln. "Portraits, um genau zu sein. - Weißt du eigentlich, dass du ein sehr hübsches Gesicht hast?"

"Lassen Sie mich doch gehen. - Ich sage auch nichts!", bat Irmi mit vor Angst geweiteten Augen. "Bitte!"

"Natürlich weißt du das", fuhr der Mann versonnen fort, ohne auf Irmis Worte einzugehen. Er nahm die Kamera hoch und ein Blitz zuckte auf. "Ich möchte wetten, dass die Kerle wie verrückt hinter dir her sind - Erzähl mir davon." Er bereitete den Apparat für die nächste Aufnahme vor und legte ihn zur Seite.

"Was wollen Sie denn bloß von mir?"

"Hörst du mir nicht zu? - Ich will wissen, was du mit den Männern machst, die du heimlich triffst, in dunklen Kellerecken oder auf dem Boden, wo es keiner sieht."

"Ich mach sowas nicht! Lassen sie mich doch gehen. Ich sag' auch bestimmt nichts."

"Du sollst doch nicht lügen." Von Irmis ängstlichem Blick verfolgt nahm der Mann eine Lötlampe vom Regal, schüttete aus einer Flasche ein wenig Benzin auf die Vorglühpfanne und entzündete es mit seinem Feuerzeug. Als das Gerät heiß genug war, drückte er ein paar Mal den Pumpenhebel nieder. Sofort brach eine gelbliche Flamme aus dem Brenner hervor, die nach wenigen Sekunden zu einer bläulichen, handspannenlangen Feuerlanze wurde. Der Mann pumpte nochmals Luft in den Tank, damit die Flamme stabil blieb; dann stellte er das Gerät nahe vor Irmis linkem Bein auf, so dass sie schon etwas von der Hitze spüren konnte.

Der Mann nahm die Kamera wieder zur Hand. "Kennst du dich in Geometrie aus, Irmi?"

Das Mädchen hatte entsetzt auf die Flamme gestarrt, aber jetzt sah es kurz zu ihm auf. "Was - was wollen Sie bloß von mir?"

"Das ist keine Antwort, Irmi", stellte der Mann mit leichtem Tadel in der Stimme fest. "Wo Geometrie doch so wichtig ist." Er konnte ein Kichern nicht unterdrücken. "Lebenswichtig, möchte ich sagen. - Was meinst du wohl, wird passieren, wenn ich die Lötlampe, sagen wir mal, zehn Grad weiter auf dich zu drehe?"

"Was wollen Sie denn bloß von mir?" Irmi hatte kein Wort verstanden, aber das irre Kichern hatte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken gejagt. Sie hatte den Kopf so weit wie möglich nach vorne gebeugt und starrte angstvoll auf die bläuliche, zischende Flamme, die sie bedrohte. Sie begriff, dass der Fremde etwas unsagbar Schreckliches mit ihr vorhatte - etwas viel Schlimmeres, als sie zunächst gedacht hatte - und dass sie ihm hilflos ausgeliefert war.

Ein neues Blitzlicht zuckte auf. Der Mann nahm die Kamera herunter, spulte den Film weiter und wechselte mit ruhigen Bewegungen das verbrauchte Birnchen gegen ein neues aus. "Nur zehn Grad", fuhr er im Plauerton fort, "winzige zehn Grad - dann brennt dir die Flamme ganz langsam das Fleisch vom Knochen."

"Warum?" Irmi schrie die Frage fast heraus. "Warum tun Sie das? - Warum?"

"Mach' ich doch gar nicht", lächelte der Mann auf sie herab. "Ich werde doch ein so hübsches Mädchen nicht zum Krüppel machen." Dann bückte er sich und drehte die Lötlampe ein Stück weit herum. Die Flamme streifte kurz Irmis Bein. Es knisterte leise und ein paar Härchen verschrumpelten zischend. Irmi stieß einen Schmerzlaut aus und das Bein ruckte von der Flamme fort. "Aber aber." Der Mann schüttelte den Kopf. "Warum die Aufregung? Das waren doch nur fünf Grad."

Irmis Körper ruckte in den Fesseln. Die Lötlampe gab zischende Geräusche von sich und spuckte gelbliche Flammen aus. Irmi nutzte den letzten Spielraum, den die Fesseln ihr gaben, um von der Hitze fortzukommen, sie warf den Kopf zurück und ihr Gesicht war dabei vor Angst verzerrt. "Gut so", murmelte der Mann. "Sehr gut!" Er nahm die Kamera wieder hoch. "Wenn du hier raus willst, dann gesteh endlich! Was treibst du mit den Kerlen? Sind es nur die Leute aus dem Haus, oder triffst du sie auch an der Straßenecke?"

"Ich mach' sowas doch gar nicht!", schrie Irmi ein letztes Mal. Sie war vor Angst halb wahnsinnig, aber als der Mann die Lötlampe um eine Winzigkeit verschob, begriff sie, dass sie irgendetwas gestehen musste.

Der Mann war nicht sehr zufrieden mit Irmi. Obwohl ihr nach und nach doch noch so einiges einfiel, was sie mit den Männern aus der Nachbarschaft gemacht hatte, versuchte die kleine Nutte immer noch, ihm die Naive vorzuspielen - fast so, als habe sie wirklich keine Ahnung. Der Mann nahm ihr das natürlich nicht ab. - Er war ja kein Idiot. Er half ihr ein wenig auf die Sprünge und fotografierte ab und zu. Natürlich stellte sich schnell heraus, dass Irmi gar nicht so unschuldig und naiv war, wie sie zunächst getan hatte. - Wie viel Schmutz sich doch in ihrem kleinen, hübschen Köpfchen angestaut hatte, wie tierhaft sie war, wie unersättlich. - Einfach ekelhaft.

Der Mann verbrauchte in dieser Nacht noch zwei weitere Filme, dann machte er der Sache ein Ende, verließ den Keller, und kam erst eine Stunde später wieder zurück. Er breitete ein Stück Maschendraht auf dem Boden aus und begann, Irmis Leiche darin einzupacken. Er zog den Draht eng um den schmalen Körper und verdrillte die Enden mit einer Kombizange. Als er fertig war, sah das Ganze aus, wie ein länglicher Kokon und war viel leichter zu transportieren als der schlaffe, tote Körper.

Irmis Fluchtversuch war dem Mann eine Lehre, und schon am nächsten Tag wurde er, gleich nachdem er eine Birke an das Ufer des Teichs gepflanzt hatte, aktiv.

In der Garage nahm er ein paar Werkzeuge mit zum Wagen und machte sich an der Innenseite der Beifahrertür zu schaffen.

So etwas würde ihm nicht noch einmal passieren. Der Mann hatte sich nie für perfekt gehalten, aber er machte jeden Fehler nur einmal. Darauf war er stolz.

Endlich war die Türverkleidung gelöst und das Stück steifen Drahtes entdeckt, das den inneren Türöffner mit dem eigentlichen Schließmechanismus verband. Ein kleiner Ruck mit der Kombizange und der Draht rutschte aus der Öse. - Fertig. Der Mann besah sich zufrieden sein Werk. "Schlechte Verarbeitung.", murmelte er mit einem nachsichtigen Lächeln. "In den Autofabriken werden sie auch immer schlampiger!" - Diese Tür würde jedenfalls niemand mehr von innen öffnen können, das war sicher. Sehr sorgfältig befestigte der Mann die Innenverkleidung wieder an der Tür. - Was er auf den Tod nicht leiden konnte, waren Autos, an denen irgendetwas klapperte.

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