Читать книгу Reisen ins innerste Afrika - Mungo Park - Страница 14
SECHSTER ABSCHNITT
ОглавлениеAUDIENZ BEIM KÖNIG VON KASSON.
DER VERFASSER REIST NACH KEMMU,
DER HAUPTSTADT VON KAARTA, UND VON DA,
OBGLEICH ES IHM DER KÖNIG WIDERRÄT,
IN DAS MAURISCHE KÖNIGREICH LUDAMAR.
ER GEHT, VON DREI SÖHNEN UND ZWEIHUNDERT REITERN
BEGLEITET, NACH DSCHARRA.
Am 15. Januar 1796 verfügten wir uns zur Audienz. Der Zulauf des Volkes war so ungeheuer groß, dass wir kaum durchkonnten. Wir fanden den König, der Demba Sego Dschalla hieß, in einer großen Hütte auf einer Matte sitzend. Er schien ungefähr sechzig Jahre alt. Seine Tapferkeit im Krieg und sein leutseliges Betragen im Frieden hatten ihn bei all seinen Untertanen beliebt gemacht. Er betrachtete mich mit großer Aufmerksamkeit. Als ihm der Kaufmann den Zweck meiner Reise und die Gründe erklärt hatte, weshalb ich durch sein Land ging, schien er durchaus einverstanden zu sein und versprach auch, mir so viel wie möglich bei meinem Vorhaben zu helfen. Er habe den Major Houghton gesehen und ihm ein weißes Pferd geschenkt, sagte er, aber jenseits des Königreichs Kaarta sei er von den Mauren umgebracht worden. Nach der Audienz kehrten wir in unsere Wohnung zurück, wo ich aus dem kläglichen Rest meiner Habe ein Geschenk für den König zusammensuchte, das trotz seiner Geringfügigkeit doch mit Wohlgefallen angenommen wurde und mir vonseiten des Königs einen großen weißen Ochsen zum Gegengeschenk einbrachte. Der Anblick dieses Tieres erfreute meine Begleiter sehr, nicht nur wegen seiner Größe, sondern weil seine Farbe als ein Zeichen besonderer Gnade angesehen wurde. So gütig mich aber der König aufgenommen und so bereitwillig er mir erlaubt hatte, sein Gebiet zu durchqueren, so standen allem Anschein nach weiterhin meiner Reise große Hindernisse bevor. Der Krieg zwischen Kasson und Katschaaga stand nämlich unmittelbar vor dem Ausbruch. Das Königreich Kaarta, durch das mein Weg führte, war auch hineinverwickelt und überdies durch Feindseligkeiten vonseiten des Königs von Bambarra bedroht. Alle diese Umstände hatte mir der König selbst erzählt und angeraten, noch so lange in der Nachbarschaft von Koniakary zu bleiben, bis er Nachrichten wegen Bambarra eingezogen hätte, die seiner Aussage nach in vier bis fünf Tagen einlaufen müssten, zumal er bereits vier Boten nach Kaarta geschickt habe. Ich ging also vorerst einmal nach Sulo, um meine Anweisung einzukassieren, die mir endlich auch der Händler in Goldstaub auszahlte. Da ich so bald wie möglich weiterzureisen wünschte, bat ich ihn, mir beim König einen Führer zu besorgen, der mich über Fuladu brächte, weil der Krieg zwischen Bambarra und Kaarta angeblich bereits ausgebrochen sei. Er ging noch am gleichen Abend nach Koniakary und kam am 20. Januar mit der Antwort zurück, der König habe seit mehreren Jahren einen Vertrag mit dem König von Kaarta geschlossen, alle Kaufleute und Reisenden durch sein Land zu schicken. Wollte ich indes den Weg über Fuladu nehmen, so stehe es mir zwar frei, einen Führer dürfe er mir, dem Vertrag zufolge, aber nicht gestatten. Nun hatte ich auf meiner bisherigen Reise bereits Erfahrung, was es bedeutet, wenn man ohne den Schutz des Landesfürsten reist, und wollte nicht gerne noch einmal eine so bittere Erfahrung machen, zumal mir hier das letzte Geld ausgezahlt worden war, das ich noch zu erhoffen hatte. Ich entschloss mich also, doch die Rückkehr der nach Kaarta ausgeschickten Boten abzuwarten.
Während dieser Zeit verbreitete sich das Gerücht, dass ich eine große Menge Goldes erhalten hätte. Am 23. kam Sambo Sego, der Sohn des Königs, mit einem Trupp Reiter zu mir und bestand darauf, dass ich ihm die Summe genau angeben müsse, die ich von dem Händler empfangen hätte, weil die Hälfte davon, sei es nun viel oder wenig, dem König gebühre. Außerdem erwarte er für sich und für seine Begleiter noch besondere Geschenke. Man kann sich leicht denken, dass mir nicht viel übrig geblieben wäre, hätte ich all diese Forderungen befriedigt. So kränkend es nun für mich auch war, dem ungerechten und willkürlichen Begehren nachzugeben, bedachte ich dennoch, wie gefährlich es sei, einen Löwen zu reizen, und wollte mich unterwerfen, als der Händler sich ins Mittel legte und Sambo überredete, sechzehn Barren europäischer Ware nebst etwas Pulver und Kugeln als meine vollständige Bezahlung für alles, was man mir noch im Königreich Kasson abfordern könnte, abzunehmen.
Am 1. Februar kamen die nach Kaarta ausgesandten Boten mit der Nachricht zurück, dass der Krieg zwischen Bambarra und Kaarta noch nicht ausgebrochen sei und ich wohl doch durchkommen könne, ehe die Armee aus Bambarra in das Land einfallen würde. Daraufhin sandte mir der König zwei Reiter, die mir bis an die Grenze von Kaarta als Wegweiser und Eskorte dienen sollten. Ich nahm also Abschied von dem Händler und trennte mich nun von meinem Reisegefährten, dem Schmied, der mir sehr herzlich alles Wohlergehen wünschte. Um zehn Uhr verließen wir Sulo. Wir reisten den Tag durch eine felsige Berggegend und kamen gegen Sonnenuntergang nach dem Dorf Sumo, wo wir übernachteten. Am 4. Februar setzten wir unsere Reise am Ufer des Flusses Krieko fort, überall wimmelte es von Leuten, zumal eben jetzt wegen des Krieges zahlreiche Menschen aus Kaarta hierher geflüchtet waren. Am Nachmittag erreichten wir Kimo, ein großes Dorf, die Residenz des Madi Kanko, Gouverneur des Hochlandes von Kasson. Hier verließen mich meine Führer, und ich musste bis zum 6. warten, ehe ich Madi Kanko dazu bringen konnte, mir einen Wegweiser und Begleiter nach Kaarta zu bewilligen.
Endlich gab er mir seinen eigenen Sohn mit, und nun brach ich am 7. Februar auf. Nach einem Marsch von zwei Tagen erreichten wir Fisura, wo wir einen Rasttag einlegten, um uns einige Kleidungsstücke zu waschen und genaue Erkundigung nach der Lage einzuziehen, ehe wir uns in die Hauptstadt wagten.
Unser Wirt, der die Unruhen im Land nutzen wollte, forderte für unsere Beherbergung eine so ungeheuere Summe, dass ich argwöhnte, er suche bloß Gelegenheit zu Händeln, und mir deshalb nicht gleich Furcht einjagen lassen wollte. Meine Gefährten aber waren durch die Gerüchte von dem nahen Ausbruch des Kriegs so besorgt, dass sie nicht von der Stelle wollten, bis ich mich mit ihm nicht nur abgefunden, sondern ihn auch noch als Begleiter bis nach Kemmu gewonnen hätte. Dies kostete mich nicht wenig Überredung und obendrein eine Bettdecke, an der er großes Behagen gefunden hatte und die ich ihm zum Geschenk machen musste. Nun setzte er sich zu Pferde und führte den Zug. Er war einer von den Negern, die sich zwar zur mohammedanischen Religion bekennen, doch noch immer dem Aberglauben ihrer Vorväter anhängen. Sie werden Dschoars genannt und sind in diesem Königreich sehr zahlreich und mächtig. Kaum waren wir im nächsten Wald in einer einsamen Gegend, als er ein Zeichen zum Halten gab und auf einem hohlen Baumbusrohr, das ihm wie ein Amulett um den Hals hing, dreimal laut pfiff. Ich gestehe, dass mich dies gewaltig erschreckte, da ich es für ein verabredetes Zeichen hielt, das er seinen Gesellen gäbe, uns zu überfallen. Er versicherte mir aber, er wolle damit nur erfahren, ob wir eine glückliche Reise haben würden. Dann stieg er ab, legte seinen Speer quer über den Weg, sagte einige kurze Gebete her und pfiff wieder dreimal. Danach horchte er, als ob er eine Antwort erwartete, doch als keine erfolgte, sagte er, wir könnten unbesorgt weitergehen, es drohe uns keine Gefahr. Gegen Mittag kamen wir durch eine Menge kleiner ganz verlassener Dörfer, deren Einwohner wegen des Krieges nach Kasson geflüchtet waren. Bei Sonnenuntergang erreichten wir Karankalla, einst eine große Stadt, die vor vier Jahren von den Bambarranern zerstört worden war, sodass jetzt die Hälfte davon in Trümmern liegt.
Da es von hier nur eine kleine Tagereise bis Kemmu ist, zogen wir am 12. Februar langsamer als gewöhnlich und pflückten unterwegs Baumfrüchte, die an der Landstraße wuchsen. Dabei hatte ich mich ein wenig von meinen Gefährten entfernt, und da ich nicht wusste, ob sie hinter oder vor mir waren, so eilte ich nach einer Anhöhe, um mich von da aus nach ihnen umzusehen. Als ich eben hinauf wollte, kamen zwei Neger mit Flinten zu Pferde im Galopp aus dem Busch gesprengt. Bei ihrem Anblick stand ich still, während sie ihrerseits das Gleiche taten, sobald sie meiner ansichtig wurden. Wir schienen einer nicht weniger verwundert und verlegen als die anderen. Endlich ging ich auf sie zu, da jagte der eine mit verhängtem Zügel davon, und der andere, vom Schrecken gleichsam versteinert, hielt die Hände vor die Augen und murmelte einige Gebete, bis sein Pferd, wahrscheinlich ohne dass der Reiter selbst es wusste, umdrehte und seinem Gefährten langsam folgte. Eine Meile westwärts begegneten sie meinen Begleitern und erzählten ihnen die Wundergeschichte. Sie hatten mich für ein Gespenst mit fliegendem Gewand gehalten, und einer von ihnen versicherte, dass ein kalter Windstoß von oben auf ihn herabgeweht sei, als er mich erblickte.
Gegen Mittag sahen wir die Hauptstadt von Kaarta in einiger Entfernung vor uns und kamen gegen zwei Uhr dort an. Sogleich verfügten wir uns nach des Königs Wohnung, wurden aber von einer so ungeheueren Menge Neugieriger umringt, dass ich es nicht wagte, vom Pferd zu steigen, sondern mich durch meinen Wirt und Madi Kankos Sohn beim König melden ließ. Es dauerte nicht lange, so kamen sie von einem Boten begleitet zurück, der mir andeutete, der König wolle mich noch diesen Abend sprechen. Der Bote hatte zugleich Befehl, mir eine Wohnung anzuweisen und dafür zu sorgen, dass das Volk mir nicht lästig werde. Daraufhin führte er mich in einen Hof, an dessen Eingang er einen Mann mit einem Stab stellte, um das Zudringen des Pöbels zu verhindern, und wies mir dort eine große Hütte an, in der ich wohnen sollte. Kaum hatte ich es mir in diesem geräumigen Quartier bequem gemacht, als das Volk, das durchaus nicht abzuwehren war, auch schon eindrang. Die Hütte war gestopft voll, und hatte ein Haufen sich satt gesehen, so machte er einem anderen Platz.
Kurz vor Sonnenuntergang schickte der König und ließ mir sagen, dass er jetzt Zeit habe und mich zu sehen wünsche. Ich folgte dem Boten durch mehrere Höfe, alle mit hohen Mauern umgeben, in denen Heubündel angehäuft lagen, damit es im Fall einer Belagerung nicht an Futter für die Pferde fehle. Ich fand den König von einem großen Gefolge umgeben. Alle saßen in bestimmter Ordnung, die Krieger zur Rechten, die Frauen und Kinder zur Linken des Königs. Dieser hieß Dasi Kurabarri. In seiner Kleidung unterschied er sich durch nichts von seinen Untertanen. Sein Sitz, eine zwei Fuß hohe Rasenbank, über der ein Leopardenfell ausgebreitet lag, bildete das einzige Kennzeichen seiner Würde. Als ich mich vor ihm auf die Erde gesetzt, den Anlass meiner Reise erzählt und mir zur Fortsetzung derselben sicheres Geleit durch sein Land ausgebeten hatte, schien er mit allem wohl zufrieden zu sein, sagte mir aber, dass es jetzt nicht in seiner Macht stehe, viel für mich zu tun, weil alle Gemeinschaft zwischen Kaarta und Bambarra schon seit einiger Zeit unterbrochen sei. Mansong, König von Bambarra, sei in seinem Krieg gegen Kaarta bereits mit seiner Armee in das Gebiet von Fuladu eingerückt, und es bestehe also sehr wenig Aussicht, dass ich auf einem der gewöhnlichen Wege nach Bambarra kommen könne; denn da ich aus einem feindlichen Land käme, so liefe ich Gefahr, geplündert oder für einen Spion gehalten zu werden. Wäre er selbst nicht in den Krieg verwickelt, so würde er mir anheimgestellt haben, ob ich vorerst bei ihm bleiben und einen günstigeren Zeitpunkt abwarten wollte. So aber, wie die Sache jetzt stünde, sähe er es nicht gern, dass ich länger in Kaarta bliebe, da mir ein Unfall begegnen könne und meine Landsleute dann glauben würden, er habe einen Weißen umgebracht. Er rate mir deshalb, nach Kasson zurückzugehen, bis der Krieg, der wahrscheinlich kaum länger als vier Monate dauern würde, beendet sei. Dann aber würde es ihn freuen, mich wiederzusehen, und wenn er unterdes sterben sollte, so würden seine Söhne für mich sorgen.
Ich war zu tadeln, dass ich diesen wohlgemeinten Rat des Königs nicht befolgte. Allein ich wollte nicht gern die gute Jahreszeit ungenutzt verstreichen lassen und dann die Regenzeit im Innern Afrikas untätig zubringen. Diese Besorgnis und der unangenehme Gedanke, zurückzugehen, ohne wichtigere Entdeckungen gemacht zu haben, bestimmten mich, meinen Weg weiter fortzusetzen. Obschon der König mir keinen Führer nach Bambarra geben konnte, bat ich ihn dennoch, wenigstens zu erlauben, dass irgendjemand mich so nahe, wie es ohne Gefahr geschehen könne, bis an die Grenze seines Reiches begleiten dürfe. Da er merkte, dass ich fest entschlossen war, meine Reise fortzusetzen, sagte er mir, es gebe noch einen anderen Weg, doch sei auch dieser nicht frei von Gefahr. Ich müsse nämlich von Kaarta nach dem maurischen Königreich Ludamar gehen und von dort auf einem Umweg nach Bambarra. Wenn ich das wollte, so sollten einige seiner Leute mich bis Dscharra, der Grenzstadt von Ludamar, geleiten. Er erkundigte sich sehr genau, wie man mich auf meiner Reise vom Gambia bis hierher behandelt hatte, und setzte scherzhaft hinzu, wie viele Sklaven ich mit nach Hause zu nehmen gedachte? Er wollte weiterreden, als ein Mann auf einem schönen maurischen Pferd, das mit Schweiß und Schaum bedeckt war, zum Hof hereinsprengte und andeutete, er bringe eine wichtige Nachricht. Der König griff nach seinen Sandalen, ein Zeichen, dass die Fremden sich entfernen sollen. Ich beurlaubte mich also, ließ aber meinen Negerjungen in der Nähe zurück, um bald etwas von der Nachricht zu erfahren, die der Bote gebracht hatte. Nach einer Stunde kam der Junge nach Hause und sagte mir, die feindlichen Truppen hätten Fuladu verlassen und seien auf dem Anmarsch nach Kaarta. Der Mann, den ich gesehen hatte, sei eine Art Kundschafter oder Wächter gewesen, deren jeder seinen bestimmten Standort, gewöhnlich auf einer Anhöhe, habe, um die Gegend zu übersehen und die Bewegungen des Feindes zu beobachten.
Am Abend schickte uns der König ein schönes Schaf, das uns sehr willkommen war, da keiner von uns den Tag über etwas gegessen hatte. Während wir unser Abendbrot bereiteten, wurde das Abendgebet angekündigt, und zwar nicht wie sonst bei den Mohammedanern durch einen Priester, sondern durch Trommelschlag, zu dem auf großen, ausgehöhlten Elefantenzähnen geblasen wurde. Das letztere Instrument gleicht einem Hifthorn, der Ton ist sehr melodisch und nähert sich, meinem Gefühl nach, hinter allen künstlichen Tönen am meisten der menschlichen Stimme. Da das Haupt-Korps von Dasis Armee hier in Kemmu stand, waren die Moscheen gedrängt voll, und ich sah, dass beinahe die Hälfte der Truppen Mohammedaner waren. Da zu erwarten war, dass die Kriegshandlungen gegen die Hauptstadt gerichtet sein würden, wünschte ich so bald wie möglich von hier wegzukommen und ließ durch den Boten ausrichten, ich bäte, meine Reise unverzüglich fortsetzen zu dürfen, und er möchte mir bald einen Begleiter schicken. Nach einer Stunde ließ der König durch einen Boten für das ihm übersandte Geschenk danken und schickte zugleich acht Reiter mit, die mich bis Dscharra geleiten sollten. Sie sagten mir, der König wünsche, ich solle meine Reise nach Dscharra möglichst beschleunigen, damit sie, noch ehe etwas Entscheidendes zwischen den beiden Armeen vorfalle, zurück sein könnten. Wir brachen sogleich auf, und drei Söhne des Königs mit einem Gefolge von zweihundert Mann zu Pferde waren so gütig, uns eine Strecke weit das Geleit zu geben.