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5. Die Gemeinde, die Jesus baut, kann man nicht aufhalten

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Der Feind, mit dem wir es zu tun haben, ist stark. Schon seit Anbeginn der Zeit ist er zugange und studiert unsere Stärken und Schwächen. In seinem ersten Versuch, das menschliche Leben zu zerstören, ging er gegen einen perfekten Mann und eine perfekte Frau vor, die Teil einer perfekten Umgebung und nicht durch eine sündige Natur behindert waren, aber er hatte Erfolg. Seit dieser Zeit hat er sein Handwerk noch weiter perfektioniert. Er kennt all unsere Schwächen und unsere Verwundbarkeit. Er hat ein Heer von Soldaten unter seinem Kommando. Er und alle seine Truppen sind unsichtbar und übernatürlich, und sie umgeben uns. Sie beobachten uns schon unser Leben lang.

Betrachte ich unsere Situation aus dieser Perspektive, dann sehe ich die Gemeinde als Zufluchtsort oder Unterschlupf. Ich sehe sie als eine Festung, in der wir die Heiligen vor dem grausamen Wolfsrudel verteidigen, das uns umlagert und jeden von uns verschlingen will. Aber diese Beschreibung der Gemeinde entspricht nicht dem, was Jesus in diesem Vers (Mt 16,18) sagt.

Jesus hat gesagt, dass die Pforten der Hölle seine Gemeinde nicht besiegen können. Die meisten unter uns haben zu Hause ein Tor oder eine Pforte. Eines Tages dämmerte mir, dass ein solches Tor keine Angriffswaffe ist. Man braucht keine spezielle Erlaubnis, um ein Tor kaufen zu können, wie etwa bei einem Gewehr. Die Polizei führt keine geladenen Tore mit sich. Terroristen halten Opfer nicht mit einem Tor in Schach. Wir senden keine Waffeninspektoren ins Ausland, um Tore der Massenvernichtung ausfindig zu machen. Und es gibt auch keine Hunde, die mit einem kleinen Schild „Vorsicht vor Toren“ um den Hals herumrennen.

Tore sind keine Bedrohung; sie sind defensiv, und die Tore, von denen Jesus gesprochen hat, sind auch keine perlenbesetzten Tore, sondern es sind die Tore der Hölle! Die Gemeinde soll in der Offensive sein, nicht defensiv. Die Gemeinde ist bereits zu lange als Geisel am Tor festgehalten worden. Es wird Zeit, dass wir damit aufhören, uns von einem Tor einschüchtern zu lassen. Es ist an der Zeit, dass die Gemeinde dem Teufel wieder auf den Fersen ist, statt umgekehrt.

Leider hat die Gemeinde im Westen meist eine defensive Haltung eingenommen. Christen sind dafür bekannt, gegen andere Institutionen zu sein. Als ob das nicht schon genug wäre, fühlen wir uns sogar häufig voneinander bedroht. Einige unter uns fühlen sich nicht wohl, wenn wir nicht in der Defensive sind, als ob es eine Sünde wäre, offensiv zu sein. Wir sind so defensiv, dass es schon wieder anstößig ist.

Können Sie sich vorstellen, was passieren würde, wenn eine Football-Mannschaft nur ihre Defensive einsetzen würde? Die Defensive könnte sie nicht zum Sieg führen, denn sie brauchen ja auch Spieler, die Punkte erzielen.

Einmal spielte ich Schach gegen einen zehn Jahre alten Jungen. Es war sein allererstes Schachspiel, und er war mir ebenbürtig. Gegen Ende des Spiels, als er schon seine Dame verloren hatte, begann ich seinen König über das ganze Brett zu jagen. Er machte einen Zug, dann ich: „Schach!“ Er machte wieder einen Zug, ich ebenfalls: „Schach!“ So ging das eine ganze Weile, und irgendwann fragte ich mich, wann dieses Spiel wohl einmal enden würde. Während ich in meinem Selbstvertrauen vor mich hin träumte, überlegte sich der Junge eine Strategie. Er stellte mir eine Falle, in die ich glatt hineintappte. Dadurch verlor ich meine Königin, und jetzt beherrschte er das Feld. Schnell wechselte ich von der Offensive zur Defensive. Nun verfolgte er mich. Großmütig wie ich bin, ließ ich den Jungen schließlich gewinnen.

Wie dieser Junge, muss auch die Kirche heute von der Defensive zur Offensive umschalten, wenn wir wirklich all das sein wollen, was Jesus mit uns vorhat.

Vor einigen Jahren war ich in Frankreich, um für Missionare in Europa einige Führungsseminare zu halten. Bevor ich losreiste, besuchte ich noch eine Party, die Freunde aufgrund der Geburt eines Kindes gaben. Dana und ich waren die einzigen Christen dort. Eine Freundin, die mitbekam, dass wir nach Paris reisen würden, meinte, wir müssten unbedingt das Rodin-Museum besuchen.

Der Franzose Auguste Rodin war ein impressionistischer Bildhauer. Obwohl sein Name nicht sehr bekannt ist, ist doch den meisten seine Arbeit vertraut. Er schuf die Skulptur „Der Denker“. Was Ihnen aber vielleicht nicht bewusst ist, ist, dass der Denker eine Studie für sein bestes Meisterstück, „Die Pforten der Hölle“, war. Er sollte dort ganz oben angebracht werden. Jahrelang haben wir uns gefragt, woran der Denker wohl denkt. Nein, er fragt sich nicht, wo er die Nacht zuvor seine Klamotten verloren haben könnte. Der Denker denkt darüber nach, was es bedeutet, dazu verurteilt zu sein, eine Ewigkeit von Gott getrennt zu sein. Er ist Dante, der sich das Inferno vorstellt.

Unsere Freundin von der Party begann uns die Pforten der Hölle zu beschreiben. Es ist ein hohes und schwermütiges Werk mit scheinbar zahllosen Figuren, die sich vor Leid, Schmerz und Todesqualen krümmen und zu ihrem Gericht hinabgleiten, während der Denker über dem allem in einer reuigen und nachdenklichen Haltung sitzt. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte und Identität und hat einen Bezug zu Dantes Inferno oder einer anderen mythologischen Geschichte. Als unsere Freundin damit begann, jede einzelne Figur mit ihrer Geschichte zu beschreiben, wurde sie vor lauter Begeisterung ganz euphorisch und sagte erstaunt: „Ich glaube, ich könnte für immer auf die Pforten der Hölle starren!“

Diese Worte blieben bei uns nicht ohne Wirkung und es entstand eine lange Pause in unserem Gespräch. Einige gaben ein unbehagliches, leises Lachen von sich, als sie begriffen, wie bedeutsam ihre Worte waren. Mir fiel in diesem Moment nichts Besseres ein, als zu sagen: „Hoffentlich nicht!“

Dies macht uns deutlich, welche Folgen es hat, wenn die Kirche in einer passiven, defensiven Haltung verharrt. Wenn wir uns vor lauter Angst, was uns bedrohen könnte, in unserer Festung zurücklehnen, bleiben zahllose Seelen an die Mächte der Hölle gebunden. Wir müssen in die Offensive gehen, die Pforten bestürmen und die Gefangenen befreien. Das ist die Gemeinde, die Jesus sich vorstellt.

Als wir nach Long Beach in Kalifornien gingen, um eine Gemeinde zu gründen, wollten wir zunächst ein Kaffeehaus eröffnen. Gott zerstörte aber unsere Pläne, indem er uns vorschlug, stattdessen in die bestehenden Kaffeehäuser zu gehen, in denen schon verlorene Menschen waren. Wir begannen, regelmäßig ein lokales Kaffeehaus mit dem Namen „Coffee Tavern“ aufzusuchen. Dort lernten wir Sean kennen.

Eine Frau aus unserem Team erkannte Sean, weil sie zusammen in einer Band am College der Stadt spielten. Sean war ein außergewöhnlicher Musiker, bis er durch seine Drogensucht alles verloren hatte. Später vertraute er mir an, er habe bei unserem ersten Treffen gerade auf seinen Drogendealer gewartet. Sean ging es ganz offensichtlich schlecht. Seine Kleidung war schmutzig, seine Haare fettig und er sah ungepflegt aus.

Sean hatte seine ganzen Instrumente verkauft, um sich Speed kaufen zu können. Er hatte immer wieder seinen Job verloren, weil er oft stahl, um seinen Drogenkonsum finanzieren zu können. Er war kurz davor, ganz unterzugehen.

Wir luden Sean zu mir nach Hause in die Gemeinde ein. Ehrlich gesagt war ich sehr überrascht, als er dann tatsächlich kam und seine Besuche schließlich immer häufiger wurden. Mit der Zeit taute er auf und fing an, auf uns einzugehen.

Bei unserer ersten Taufe war er dabei und machte Fotos. Das zeigte mir, dass er kurz davor war, selbst ein Teil der Familie Gottes zu werden. Ich fragte ihn, ob er getauft werden wolle. Er antwortete: „Nein, ich habe ja Jesus noch nicht angenommen, aber das werde ich bald tun.“ Einige Wochen später taufte ich ihn im Meer.

Nach seiner Taufe feierte er mit Speed. Wir beide trafen uns jede Woche, um einander Rechenschaft über unser Leben zu geben. Bei jedem Treffen bekannten wir uns gegenseitig unsere Sünden, und jede Woche erzählte er davon, dass er wieder einmal seiner Sucht nachgegeben hatte. Gerichtlich war ihm schon die Teilnahme an einem 12-Schritte-Programm auferlegt worden, auch musste er sich regelmäßig auf Drogen überprüfen lassen. Der Erfolg blieb aber aus. Jüngerschaft und unsere Rechenschaftstreffen funktionierten ebenfalls nicht, weshalb wir die Sache eine Stufe intensiver angingen und ihn einige Zeit bei uns wohnen ließen. Er ließ die Finger von den Drogen, solange er bei uns wohnte, sobald er aber wieder in seine eigene Wohnung ging, wurde er rückfällig. Ich wusste nicht, wie ich ihm helfen konnte, sodass ich ein Rehabilitationszentrum vorschlug. Diese Idee gefiel ihm überhaupt nicht und er bettelte um eine andere Möglichkeit. Ich sagte: „Nun, es gibt noch einen anderen radikalen Weg, den wir versuchen könnten.“

Er sagte: „Super, und das ist?“

Ich sagte: „Wir beide setzen uns jetzt ins Auto und fahren zu deinem Dealer und erzählen ihm von Jesus.“ Mit einem Lächeln fügte ich hinzu: „Sollte dein Dealer Jesus annehmen, würde dadurch deine Drogenquelle wegfallen.“

Sean lächelte, weil er nicht wusste, ob er mich ernst nehmen sollte – aber ich meinte es todernst. Ich sagte zu ihm: „Bruder, hör jetzt mal zu. In deinem Leben gibt es eine dunkle Stelle! Wie können wir dich davon befreien? Können wir sie mit dem Staubsauger wegsaugen? Können wir sie einfach beiseite wischen? Nein, Dunkelheit kann nur auf eine Weise beseitigt werden: Wir brauchen Licht! Paulus sagt in Römer 12,21: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten!“ Sean erkannte nun, dass ich es ernst meinte.

Er antwortete: „Ok, in Ordnung, aber es geht nicht, dass du dabei bist. Ich ziehe das besser alleine durch.“ Offensichtlich sehe ich eher wie ein Drogenfahnder als ein Süchtiger aus. Ich stimmte zu, verlangte aber, dass er es bis zum nächsten Tag erledigte. Ansonsten würde ich ihn doch begleiten müssen.

Er fand seinen Dealer (nicht schwer für einen Süchtigen) und erzählte ihm von Jesus. Sie stellen sich diesen Dealer wahrscheinlich als einen finsteren Mann vor. Es war aber eine Frau, sogar eine Mutter. Drogen sind eine Möglichkeit, leicht Geld zu verdienen. Sie lebte nebenan im Ghetto und verkaufte Drogen an die Jugendlichen in der Umgebung.

Von dem Zeitpunkt an nahm Sean keine Drogen mehr. Er war frei. Die Kraft des Evangeliums, das er selbst empfangen und schon an andere weitergegeben hatte, veränderte sein Herz. Es ist Gottes Kraft zum Heil für die, die glauben (vgl. Rö 1,16). Indem Sean das Evangelium an die weitergab, die Einfluss auf ihn hatten, verinnerlichte er es und konnte es noch besser glauben. Oft sind wir sehr schnell dabei, nach anderen Wegen zu suchen, den Menschen zu helfen, und übersehen das, was am wirksamsten ist: die einfache Botschaft von Jesus, verinnerlicht und an andere weitergegeben.

Seans Dealerin wurde an jenem Tag noch keine Christin, dafür aber ihr 14-jähriger Sohn. Sean taufte ihn. Nach rund einem Jahr war auch die Mutter so weit, nachdem man ihr ihren Sohn weggenommen und sie ins Gefängnis gesteckt hatte. Schließlich führte Sean auch noch einige Freunde des Jungen zu Jesus und taufte sie. Er begann in seinem Stadtviertel eine neue Gemeinde, eine Gemeinde für Jugendliche, die nach etwas Besserem für ihr Leben suchen. Heute ist er immer noch wie ein Hirte für sie und stellt mir immer wieder junge Menschen vor, die Jesus kennengelernt haben.

Eines Abends kam Sean in die Gemeinde und verkündete, er habe eine neue Gemeinde gegründet. Sie treffen sich mittwochs um drei Uhr morgens auf dem Parkplatz eines Supermarktes im Stadtzentrum von Long Beach. Warum hatte er eine Gemeinde gegründet, die sich zu einer derart ungewöhnlichen Uhrzeit und an einem solchen Ort trifft? Sean arbeitete damals als Sicherheitsbeauftragter in Long Beach. Er fand einige an Jesus hingegebene Christen, die nachts arbeiteten und tagsüber schliefen. Nun gab es auch für sie eine Gemeinde.

Die Gemeinde ist eine lebendige, authentische Demonstration der Liebe und Wahrheit Jesu in dieser dunklen Welt, und mit Jesus am Steuer ist sie unaufhaltbar. Wir sollten vor Drogendealern und der Dunkelheit nicht flüchten. Denn wenn wir tatsächlich das Licht der Welt sind, dann sollten wir in die Dunkelheit hineinrennen – und zwar mit dem Verständnis, dass uns die Dunkelheit nichts anhaben kann. Wir sollten das Licht nehmen und es der Dunkelheit direkt in den Rachen stoßen.

Dana, meine Frau, ist Lehrerin von Beruf. Früher arbeitete sie in einer christlichen Schule, aber in den vergangenen Jahren wollte sie lieber in einer öffentlichen Schule arbeiten – in einer üblen Gegend von Los Angeles. In ihrer ersten Woche an dieser Schule kam sie mit einem breiten Lächeln und einem Leuchten in den Augen nach Hause. Sie sagte diese unvergesslichen Worte, die mich noch immer stolz machen: „Es macht so viel mehr Spaß, ein Licht in der Dunkelheit zu sein als ein Licht im Licht!“

Ich denke, wir sollten alle lernen, mehr Spaß zu haben!

Jesus hat gesagt: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,14). Er hat uns nicht befohlen zu leuchten. Er meinte nicht, wir sollten heller werden. In Wirklichkeit sagte er: „Ihr scheint bereits; ihr seid ein Licht – das ist, was ihr seid!“ Dann fügte er noch hinzu, ein Licht sei nutzlos, wenn man es unter ein Gefäß stelle. Eine Lampe gehöre auf ein Lampengestell, damit sie die ganze Dunkelheit in ihrer Umgebung erleuchten könne (vgl. Mt 5,15).

Normalerweise steht im Griechischen ein Pronomen bzw. ein Subjekt erst weiter hinten im Satz, aber Jesus hat „ihr“ an den Anfang gesetzt. Das fiel allen auf. Das Pronomen ihr wird extra betont, als wolle er sagen: „Ihr – ja ihr – seid das Licht der Welt.“ Er spricht zu Ihnen, ja Ihnen!

Unsere größte Bedeutung findet sich in der Dunkelheit, nicht im Licht. Das kleinste Licht besiegt das Dunkel der Nacht. Wir sind dazu geboren, Krieger zu sein, und dazu wiedergeboren, um die Dunkelheit zu verjagen. Wie die Reiter von Rohan müssen wir uns daran erinnern, wer wir sind, und dann hinausreiten und dem Feind begegnen. Dann sind wir wirklich die, die wir immer schon sein sollten. Die Gruppe von Feiglingen, die sich in der Festung mit den Buntglasfenstern versteckt, das ist die Karikatur davon!

Liebe Leser, der offene Krieg steht uns bevor. Reiten Sie mit mir hinaus, um dem Feind entgegenzutreten. Befreien wir die Gefangenen und schlagen wir den Feind in die Flucht.

Dies soll die Stunde sein, in der wir gemeinsam „die Schwerter ziehen“!

1 Silvoso, E., … dass niemand verloren geht, Campus für Christus, 1999, S. 89.

2 Logan, R. E., und Clegg, T., Releasing Your Church´s Potential, ChurchSmart Resources, Saint Charles, Ill. 1998, S. 4-12.

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