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Tag 5 der Isolation, 20. März 2020

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Liebes Tagebuch,

ich fühle mich leicht mulmig, muss ich sagen. Da ist das Kratzen im Hals, sind die Wallungen in der Nacht und das Fieberthermometer klettert in meiner Achsel regelmäßig über die magische Zahl 37,0. Und dann der Bericht in der Zeitung, dass es nicht genug Covid-19-Tests im Land gibt.

Liebes Tagebuch, du musst wissen, dass ich in so einem Fall normalerweise schnellstens zu meinem Doktor gehe. Das geht jetzt nicht, denn Ärzte wollen ihre Patienten grad nicht sehen – wegen der Pandemie. Sie könnten sich ja anstecken. Anrufen wäre eine Option, aber in dem Fall geh’ ich gleich zum Profi: Ich wähle die Notrufnummer 144. Dort erkläre ich meine Symptome. Mir wird sofort geholfen: Ich soll bei der AGES anrufen, die haben die Telefonnummer 1450. Die sind spezialisiert auf Fälle wie mich, muss ich mir anhören.

Nach ein paar Versuchen merke ich: Die sind offensichtlich nicht nur auf mich spezialisiert. Aber so schnell gebe ich nicht auf, ich will meinen Covid-19-Test. Nach Stunden in der Warteschleife erkläre ich meine Symptome noch einmal. Dann kommen die Gegenfragen: Ob ich Kontakt mit Karona-Infizierten gehabt habe? Ich verneine und merke, dass das Gespräch in eine falsche Richtung zu laufen beginnt. Nächste Frage: Ob ich in den letzten zwei Wochen in China gewesen bin? Ich verneine wahrheitsgemäß. Wenn die Dame jetzt nicht bald ein Erfolgserlebnis hat, kann ich mir meinen Test abschminken … Sie fragt, ob ich in der Lombardei gewesen bin. Ich frage, warum sie das wissen will. Sie sagt, weil das auf dem Fragebogen steht. Ich frage, ob noch viele Fragen auf dem Fragebogen stehen. Nicht mehr so viele, meint sie. Will sie mich damit beruhigen? Also gehe ich aufs Ganze und sage, dass ich in Mailand einkaufen war. Und dann noch in einem Fußballstadion. Plötzlich Stille. Sie will noch einmal meine Fieberwerte wissen. 45 Grad, sage ich. So knapp vorm Ziel lasse ich mich nicht abwimmeln. „Wir schicken eine Mannschaft, die einen Test bei Ihnen vornehmen wird“, sagt sie. Dabei würden sie in meiner Nase und in meinem Rachen minutenlang herumstierln. Ich solle mich isolieren, niemanden mehr treffen, auch niemanden im selben Haushalt.

Da ist mir der Hansi eingefallen. Schon das Stierln in Mund und Nase hat mir nicht besonders behagt, aber meinen Kanari, den kann ich nicht verhungern lassen, also habe ich aus Mailand Meidling gemacht, und aus den 45 Grad 35. Ich hab’ der Dame noch kurz erklären müssen, dass es sich bei „Meid-Ling“ sicher nicht um eine Stadt in China handelt, sondern um einen Bezirk in Wien. Da hat sie aufgelegt. Ich habe mich zum Hansi gesetzt und mit ihm ein paar Kanari-Vitaminperlen geknabbert.

Die letzte Rolle

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