Читать книгу Unrast - Olga Tokarczuk - Страница 7
Sehen ist wissen
ОглавлениеDas Ziel meiner Pilgerreise ist immer ein anderer Pilger. Diesmal ist es ein gebrechlicher Pilger, in Stücken.
Hier werden zum Beispiel Knochen gesammelt, aber nur solche, mit denen etwas nicht stimmt: verkrümmte Wirbelsäulen und verdrehte Rippen, die bestimmt aus ebenso verdrehten Körpern gezogen worden sind, um präpariert, getrocknet und zum Schluss mit Lack überzogen zu werden. Eine kleine Nummer gibt einen Hinweis auf die Krankheitsbeschreibung in längst zerbröselten Listen. Wie kurzlebig ist Papier im Vergleich mit Knochen! Man hätte gleich auf Knochen schreiben sollen.
Da ist zum Beispiel ein Oberschenkelknochen, den jemand vorwitzig der Länge nach durchgesägt hat, um zu sehen, was darin steckt. Bestimmt war er enttäuscht, denn er hat beide Teile mit Schnur umwickelt und sie, mit den Gedanken schon bei etwas anderem, zurück in den Schaukasten gelegt.
In diesem Schaukasten befinden sich mehrere Dutzend Menschen, die sich nicht kannten, deren Leben zeitlich und räumlich weit voneinander entfernt stattfanden. Jetzt sind sie gemeinsam in diesem schönen, geräumigen, trockenen und gut beleuchteten Grab zur musealen Ewigkeit verurteilt; die Knochen, die auf ewig in der Erde stecken, beneiden sie bestimmt darum. Und manche von ihnen – die Knochen der Katholiken – machen sich vielleicht Sorgen darüber, wie sich alle am Tag des Jüngsten Gerichts wiederfinden werden, wie sie sich so versprengt wieder zu dem Körper zusammenfinden sollen, der Sünden begangen und gute Taten vollbracht hat.
Schädel mit allen nur vorstellbaren Strukturen, durchschossen, durchlöchert, geschrumpft. Vom Rheumatismus befallene Handknochen. Mehrfach gebrochene Arme, die ohne Hilfe wieder zusammengewachsen sind, so, wie es sich gerade fügte, ein versteinerter vieljähriger Schmerz.
Lange Knochen, die zu kurz sind, und kurze Knochen, die zu lang sind, tuberkulös, von Veränderungen gezeichnet, als hätte ein Borkenkäfer an ihnen genagt.
Arme Menschenschädel in beleuchteten viktorianischen Glaskästen, wo sie die eigenen Zähne demonstrativ blecken. Der eine hat zum Beispiel mitten in der Stirn ein großes Loch, aber schöne Zähne. Man fragt sich, ob dieses Loch tödlich war. Nicht unbedingt. Es gab einmal einen Eisenbahningenieur, dem eine Eisenstange das Gehirn durchbohrte und der trotz dieser Verletzung noch viele Jahre lebte. Diesen Fall machte sich selbstverständlich die Neuropsychologie zunutze und erklärte, der Sitz unseres Seins sei im Gehirn. Der Verletzte starb nicht, veränderte sich aber stark. Er wurde – wie man so sagt – ein anderer. Denn es hängt vom Gehirn ab, wie wir sind, deshalb wollen wir gleich nach links abbiegen, in den Gang mit den Gehirnen. Da sind sie! Cremefarben liegen sie in der Lösung, große und kleine, geniale und solche, die nicht bis zwei zählen konnten.
Weiter hinten liegt das Revier der Föten, der Menschen im Miniaturformat. Kleine Püppchen, Präparatchen, alles im Miniaturformat, so passt ein ganzer Mensch in ein kleines Glas. Die Allerjüngsten, die Embryonen, die man fast nicht sehen kann, sind kleine Fischchen, Fröschchen, die an einem Rosshaar im Formaldehyd hängen. Die Größeren veranschaulichen uns die Ordnung des menschlichen Körpers, in dem alles so wunderbar verpackt ist. Nicht menschgewordene Würmchen, semihominidale Winzlinge, deren Leben nie die magische Grenze des Potentiellen überschritt. Sie haben eine Gestalt, doch in den Geist sind sie noch nicht hineingewachsen – vielleicht ist die Gegenwart des Geistes irgendwie mit der Größe der Gestalt verbunden. In ihnen hat die Materie angefangen, sich in schläfriger Unbeirrbarkeit zu Leben zu fügen, Gewebe anzusammeln, Verbindungen zwischen den Organen herzustellen, ein festes Netz zu bilden, schon hat die Arbeit am Auge begonnen, sich die Lunge vorbereitet, obwohl Licht und Luft weit weg sind.
In der nächsten Reihe die gleichen Organe, doch ausgewachsen, glücklich, dass die Umstände ihnen gewogen waren und sie ihre volle Größe erreichen konnten. Ihre Formen? Woher wussten sie, wie groß sie sein sollten, wann sie aufzuhören hatten? Manche wussten es nicht, sie wuchsen und wuchsen, und die braven Professoren hatten Mühe, ein Glas zu finden, das groß genug war. Umso schwerer kann man sich vorstellen, wie sie im Bauch des Mannes Platz fanden, dessen Initialen auf dem Etikett vermerkt sind.
Ein Herz. Sein ganzes Geheimnis ist ein für alle Mal offengelegt: Es ist dieser unförmige Klumpen, faustgroß und schmutzigweiß. Das ist nämlich die Farbe unseres Körpers, grau-cremeweiß, graubraun, hässlich, das darf man nicht vergessen. Weder in unserem Haus noch in unserem Auto würden wir eine solche Farbe sehen wollen. Das ist die Farbe des Inneren, der Dunkelheit, der Orte, wo die Sonne nicht eindringt, wo sich die Materie im Feuchten vor fremden Blicken verbirgt, da muss sie sich nicht mehr zur Schau stellen. Nur mit dem Blut kann sie sich noch Eskapaden leisten. Das Blut soll warnen, sein Rot soll der Alarm sein, dass die Muschel des Körpers sich geöffnet hat, dass die Geschlossenheit des Gewebes unterbrochen ist.
In Wirklichkeit haben wir im Innern gar keine Farbe. Wenn alles Blut aus dem Herzen gespült ist, sieht es genau so aus: wie ein Schleimklumpen.