Читать книгу Jahre auf See - Peter Polonius Teichmann - Страница 6
Der Arbeitstag eines Decksjungen
oder die Story von den 3 Tassen
ОглавлениеMein normaler Arbeitstag auf See sah in etwa so aus. - Morgens um 6 Uhr aufstehen, aus der Kombüse das Frühstück für die Decksgang holen, Kaffee kochen und in der Mannschaftsmesse aufdecken. - Nach dem Essen alles abräumen und in einem Eimer abspülen. - eine Pantry gab es nicht - danach alles seefest wieder einräumen. - Ich musste mich beeilen, denn um 8 Uhr begann meine Wache und Wurras unser Bootsmann mit dem ich zusammen Wache ging, sah es gar nicht gern, wenn er den ersten Turn übernehmen musste. - Wache hieß bei uns nicht verschlafen hinter einer Selbststeueranlage hängen ~ die gab es nämlich nicht, nur einen richtig großen, schönen Magnetkompass ~ Wache hieß: "Den Zossen steuern" - und zwar nicht mit der elektrischen Ruderanlage. Die gab es zwar, aber unser Alter, ein echter Segelschiffsmann und Caphornier war der Meinung, seine Deckshands hätten so zu steuern wie es sich für einen anständigen Jan Maat gehört, nämlich mit der Hand und am großen Rad. - Mittags musste ich wieder rechtzeitig das Essen aus der Kombüse holen, aufdecken, abspülen, aufräumen. - Danach hatte ich die Mannschaftslogis zu reinigen, Bad und Toilette zu putzen und wenn ich damit fertig war musste ich irgendwo an Deck mitarbeiten. - Meistens die Arbeiten die kein anderer machen wollte. - Abends dann wieder das gleiche Spiel mit Essen fassen usw. usw.
Wenn man das Arbeiten so nicht gewohnt ist - und anfangs war ich das natürlich nicht - konnte man schon ganz schön "knille" werden, denn abends um 8 Uhr musste man schon wieder ans Ruder und seine Wache antreten. - Aber da gab es ja den Kaffee und für den war auch wiederum ich zuständig. - Im Durchschnitt gab es 4 gehäufte Löffel auf eine Mug; natürlich schwarz und ohne Zucker. - Später in Westafrika habe ich dann gelernt, dass der eine oder andere Matrose sich noch zusätzlich einen Schuss Pfeffer in die Tasse gepustet hat. - Am Tag stand ich oft 2, 3 Stunden hintereinander am Ruder, nämlich immer dann, wenn der Bootsmann keine Lust zum steuern hatte. Da konnte ich zu den vollen Stunden mit der Schiffsglocke glasen wie ich wollte, Wurras ließ mich einfach oben stehen. - Ach so ja, glasen; da legte der Alte größten Wert drauf; Seemannschaft! - ein Wunder das wir nicht nach Kompass-Strichen steuern mussten, was ich aber auch hin bekommen hätte, denn das hatten wir auf der Schiffsjungenschule, auf dem PRIWALL noch gelernt. - Einmal nachts war ich so müde, dass ich am Ruder den zu steuernden Kurs vergaß; ich erinnerte mich nur noch dunkel, das es irgend etwas mit 160, 170 oder 180 gewesen sein musste. - Dann war die Stunde voll und der Bootsmann der in der Nock gehangen hatte stolperte ins Ruderhaus um mich abzulösen. Es war stockdunkel, der Kursanzeigekasten vor mir nicht zu erkennen. - Ich wäre eher über Bord gesprungen, als den W.O. nach dem Kurs zu fragen. - Kurs Einhunderthmmunmmzig Grad krächzte ich dem Bootsmann ins behaarte Ohr, dann sah ich zu, dass ich in der Brückennock verschwand ohne hin zuhören, ob Wurras den Kurs wiederholte. - Ich habe richtig die Gehirnwindungen beim Bootsmann rotieren gesehen. - Sollte er doch den W.O. nach dem richtigen Kurs fragen, war jetzt nicht mehr mein Problem.
Ein anderes mal, ich war besonders müde, sollte ich frischen Kaffee für den W.O., den Bootsmann und für mich selbst zubereite. - Ich griff mir die drei leeren Muggen, hängte die Henkel an meinen Finger und tappte aus dem Ruderhaus. Dann muss ich im Stehen eingeschlafen und den Steuerbord Niedergang aufs Bootsdeck hinunter gestürzt sein. Unten angekommen rappelte ich mich mühsam hoch. - Auf der Brücke hatte man nichts von meinem Unfall bemerkt. - Ich stellte erstaunt fest, dass ich nichts gebrochen hatte. - Aber am Zeigefinger meiner rechten Hand hingen 3 dicke, runde Henkel. Alle 3 Muggen hatten den Absturz nicht überstanden. - Das war schlecht, denn diese fehlten mir jetzt an meinem Bestand in der Mannschaftsmesse. - Der Bootsmann rückte zwar fluchend aus seinem Geschirrschapp 3 neue Tassen heraus, erklärte mir aber allen Ernstes, diese würden mir von der Heuer abgezogen. Ich solle selber zusehen, wo ich 3 neue Muggen her bekomme.
Antwerpen war unser nächster Hafen und die Arbeiter mögen mir nachträglich verzeihen. - Als die Gang komplett bei uns an Bord war, habe ich mir 3 belgische Muggen aus deren Kantine besorgt. Diese waren noch größer als die unsrigen und aus diesem Grund in der Folgezeit bei den Matrosen sehr beliebt.
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