Читать книгу Sara Z., verschwunden - Pirmin Müller - Страница 10

4. Es hallt von der Kirchenwand

Оглавление

«Nach der Sitzung ist vor der Sitzung», sagte Verena Grunder-Koch beim Abschied. «Das ist eben lokale Politik, das Bohren harter Bretter braucht Zeit. Heute hast du die ganz dicken Bretter erlebt.» Sie wartete Rahels Reaktion ab, als diese ausblieb, fuhr sie fort: «Die Polizei hat einen schweren Job. Kommandant Willisauer ist allergisch auf Kritik, dünnhäutig und eitel, das stimmt. Aber er führt seine Leute, er fordert sie, intern greift er durch.» Die Stadtpräsidentin klemmte ihre Mappe unter den Arm. Schornfeger eilte auf sie zu, bat um eine Minute, sie winkte ab, er solle morgen telefonieren.

Rahel überlegte einen Augenblick.

«Ich fand es befremdlich, wie die Herkunft des Opfers thematisiert wurde. Die Situation am Bahnhof – ich hatte nie Probleme mit Eritreern.»

«Es sind die Sorgen der Bevölkerung», entgegnete die Stadtpräsidentin, «und Bedrohung wird subjektiv erlebt. Die Politik ist männlich geprägt, leider, seit Jahrtausenden.»

«Das erklärt für mich noch nichts.» Rahel verschränkte die Arme vor der Brust.

«Politik ist eine Kunst, nicht nur des Machbaren, wie immer gesagt wird, sondern vor allem des Umgangs mit den Ängsten der Bevölkerung.»

Diese Erklärung verstand sie.

Drei Treppen führten vom Rathaus aus hinunter ins Allmendquartier: eine direkt an der Nordmauer über den behauenen Felsen, zwei bei der Kirche, wobei die eine als Tunnel durch eine Häuserreihe gebaut worden war. Meist nahm Rahel den Kirchweg, der länger war, dafür mit Strassenlaternen beleuchtet, gesäumt von denkmalgeschützten Fassaden und Fenstern, aus denen nachts Licht schien. Hier wohnten langjährige Mieter, die sich kannten und die gerne am Schattenhang lebten, solange sie dafür mit weniger Geld durchkamen.

Rahel trat durch die grosse Rathaustür ins Freie, eilte über den Vorplatz und bog in die erste Querstrasse, auf der sie zum Kirchplatz gelangte. Hinter sich hörte sie das Klacken harter Absätze auf dem Kopfsteinpflaster. Zwei Frauen mittleren Alters, die betrunken durch die Altstadt staksten – Rahel war beruhigt. Je näher sie der Kirche kam, desto deutlicher hörte sie die Schritte von vorne, als näherten sie sich aus der dunklen Nebengasse vor ihr. Das Phänomen war ihr bekannt, eine Reflexion des Schalls. Doch so täuschend wie jetzt hatte sie es noch nie erlebt. Auf der Höhe des Kirchturms hallten die Schritte aus allen Richtungen. Eine mysteriöse Vervielfachung, die kurz darauf in sich zusammenfiel. Rahel liess die beiden Frauen vorbei, die zielstrebig einer Haustür entgegenwankten. Die eine lachte, die andere sang, falsch, dafür mit Begeisterung und laut.

Rahel kam zum Pfarrsteig, wo sie sich von Sara verabschiedet hatte. Seit sie vor vier Jahren in ihre Stadt zurückgekehrt war, hatte der Ort für sie nichts mehr von der früheren Unheimlichkeit, selbst nachts strahlte er eine eigentümliche Vertrautheit aus. Eine Art Verbindung mit ihrer Schwester, mit ihrem früheren Leben, bevor es auseinanderfiel. Ein Gefühl von Zeitlosigkeit erfasste sie. Als wäre hier Anfang und Ende.

Einige Stufen tiefer verlor sich dieser Zustand, es blieb das Rauschen des Verkehrs, die Lichter, das dunkle Band der Aare.

Das Haus, in dem sie aufgewachsen war und jetzt wohnte, lag an einer Kreuzung von zwei kaum befahrenen Strassen. Sie öffnete das Gartentor, es quietschte, schloss es vorsichtig und trat auf den Kiesweg, der zur Veranda führte.

Es knackte im Unterholz.

Rahel zuckte zusammen und spürte in sich diese lauernde Angst, die sie seit Saras Verschwinden verfolgte. Sie konzentrierte sich auf das Jetzt. Der linke Schuh drückt an der Ferse. Zigarette ausdrücken. Die Handballen gegeneinander reiben und an die Schläfen pressen.

Es gibt keinen Grund zur Panik. Alles ist gut.

Sie öffnete die Verandatür. In der Küche stapelte sich Geschirr, es roch muffig. Lena hörte Musik in ihrem Zimmer.

Sara Z., verschwunden

Подняться наверх