Читать книгу Savers - und es gibt sie doch - Rabea Blue - Страница 5
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ОглавлениеMit einem Satz schoss David im Bett hoch und war sofort hellwach.
»Verdammt – was für ein Albtraum!«
Kurz darauf realisierte er, dass er nicht zuhause in seinem Zimmer war. Irritiert schaute er sich um.
Der Raum, in dem er sich befand, schien eine Mischung aus Krankenhaus und Ferienwohnung zu sein. Neben einem Bett und einem Kleiderschrank gab es einen großen Schreibtisch, einen Ohrensessel und eine Küchenzeile. Alles war in hellen Farben gehalten und wirkte unnatürlich steril.
»Wo zur...«, murmelte er und stand ruckartig auf, als er einen Mann bemerkte, der außerhalb seines Blickfeldes an der Wand gelehnt hatte. Langsam begann Panik in ihm aufzusteigen, sowie eine Ahnung, dass der Verkehrsunfall doch nicht nur ein Albtraum gewesen sein könnte.
»Wer sind Sie? Und wo bin ich hier?« Mit weit aufgerissenen Augen blickte er in dem Zimmer umher, doch bevor die Aufregung zu groß werden konnte, spürte David plötzlich eine wohlige Schwere in seinem Körper und seine Sicht schien sich auf seltsame Weise zu vernebeln. Ruhig setzte er sich zurück auf das Bett.
Der Mann stieß sich von der Wand ab und schritt langsam auf David zu. Irgendetwas an ihm kam David seltsam vor, allerdings konnte er nicht sagen, was es war. Er war sehr groß, bestimmt 1,90 Meter, schlank und hatte hellblonde Haare, fast weiß. Er trug bequem wirkende Schuhe und war in eine beige Stoffhose und ein weißes, langärmeliges Oberteil gekleidet. Seine Umrisse wirkten seltsam verschwommen. Als er vor David angelangt war, fing er an zu sprechen. Dabei betrachtete er scheinbar interessiert seine Hände.
»Ich weiß es wird für dich ein großer Schock sein, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es am besten ist, euch direkt in das kalte Wasser zu werfen, anstatt um den heißen Brei herumzureden.« Er holte einmal tief Luft und blickte David dann fest in die Augen.
»Du bist tot und befindest dich nicht mehr auf der Erde. Du bist bei einem Autounfall gestorben und wir wollen dich nun zu einem Schutzengel ausbilden. Wir nennen diesen Ort Euphoria.«
David lief ein Schauer über den Rücken. Er starrte den Mann an, aber schaute durch ihn hindurch. Seine Gedanken rasten und wahrscheinlich wäre er aufgesprungen und panisch auf und ab gelaufen, wenn nicht diese seltsame Schwere in seinem Körper ihn davon abgehalten hätte. Lediglich seinen Kopf konnte er bewegen. Wild blickte er in dem Raum umher.
Er versuchte etwas zu sagen, wollte schreien, doch er konnte nicht. Hilflos sah er zu dem blonden Mann hinauf, der noch immer vor ihm stand.
»Ganz ruhig, es wird dir hier gut gehen«, sagte dieser und setzte sich neben David auf das Bett.
»Mein Name ist Ephraim und ich bin dein Mentor. Du wirst viele Fragen haben, aber ich werde dir erst einmal von meiner Seite ein wenig erzählen.«
David wollte ihn unterbrechen, wollte ihn anschreien, dass das alles nicht wahr sein könne und er ihn gefälligst in Ruhe lassen solle. Doch noch immer konnte er keinen Ton herausbringen.
»Ich sehe an deinen aufgerissenen Augen, dass du wahrscheinlich gerne etwas sagen möchtest und dich wunderst, warum es nicht funktioniert«, sagte Ephraim.
»Nun, wir haben hier so unsere Mittel, um unsere Neuankömmlinge – so nennen wir euch - ruhigzustellen. Und das habe ich gerade mit dir getan. Diese Schwere, die du in dir fühlst und das leicht verschwommene Sehen, das ist mein Werk. Ansonsten würden uns die Neuankömmlinge reihenweise vor Schock umfallen. Ich erkläre dir die wichtigsten Sachen, danach wirst du mit Sicherheit schon ein paar Fragen weniger haben.«
Ephraim stand auf und begann langsam vor David auf und ab zu gehen. Dieser verfolgte ihn mit seinen Blicken.
»Am besten fange ich bei den üblichen Fragen an: Nein, du kannst nicht zurück auf die Erde – Ja, du hattest ebenfalls einen Schutzengel, als du noch gelebt hast – Ja, du hast die Wahl, ob du tatsächlich ein Schutzengel werden willst. Um dir ein wenig die Angst zu nehmen: Es macht wirklich Spaß und ist nicht so anstrengend, wie man es sich vielleicht vorstellen mag.«
Langsam ging er zu dem Ohrensessel hinüber, der ein paar Meter gegenüber des Bettes stand und setzte sich. Dann sah er David ernst an.
»Es ist eine große Aufgabe, das muss dir bewusst sein. Nicht jeder Mensch, der stirbt, wird als Saver, wie wir uns nennen, ausgewählt. Nur die, die wir als verantwortungsbewusst und ehrgeizig genug einschätzen, holen wir zu uns. Die meisten freunden sich recht schnell mit dem Gedanken an und bleiben bei uns. Ich als dein Mentor stehe dir, so lange wir beide als Saver tätig sind, für alle Fragen zur Verfügung. Wenn du Probleme mit deinem Schützling hast, dir bei der Ausbildung etwas nicht klar ist oder Ratschläge von einem alten Hasen möchtest, bin ich genau der Richtige«, bot er augenzwinkernd an. Er hielt kurz inne und sah David abschätzend an.
»Aber das führt wahrscheinlich schon viel zu weit. Ich würde gerne einen kleinen Spaziergang machen und dir Teile unserer Welt zeigen. Kann ich die Starre bei dir lösen? Oder rastest du dann aus?«, fragte er.
David zog die Augenbrauen hoch. Woher sollte er wissen, wie er ohne diese mysteriöse Starre reagieren würde? Er war noch nie gestorben und danach im Reich der Schutzengel aufgewacht. Allmählich merkte er, wie die Schwere in seinem Körper nachließ. Ihm wurde erneut heiß und seine Atmung beschleunigte sich. Kurz glaubte er, er würde jeden Moment hyperventilieren. Ephraim sah ihn forschend an und für einen kurzen Augenblick glaubte David, dass die Starre wieder einsetzen würde.
Er setzte sich kerzengerade auf und versuchte seine Atmung zu beruhigen. ›Okay, es ist verrückt, aber hör' es dir doch erst einmal an. Es kann immer noch ein Traum sein – wenn auch ein sehr realistischer. Und wenn es keiner ist, kann ich nichts mehr daran ändern‹.
David konnte nicken. Dann war die Schwere gänzlich verschwunden. Er betrachtete seinen Körper, tastete sich ab. Er suchte nach einer Veränderung, nach Narben oder Schrammen an den Armen, doch er fand keine Anzeichen dafür, dass er wirklich einen Autounfall hatte.
»Denkst du, du kippst um? Möchtest du etwas fragen? Oder soll ich noch ein wenig weiter reden?«, fragte Ephraim.
Davids Stimme zitterte, als er die ersten Worte seines neuen Lebens formte: »Ich glaube es geht. Erklären Sie bitte weiter, ich melde mich, wenn ich eine Frage habe.«
Erleichtert erhob sich Ephraim aus dem Ohrensessel. »Na, das hört sich doch schon mal gut an. Aber gleich vorab: wir duzen uns hier, also bitte nenne mich Ephraim.«
»In Ordnung - Ephraim«, antwortete David und lächelte zaghaft.
»Das hier ist übrigens deine neue Behausung«, erklärte Ephraim und schob David langsam in Richtung Tür. »Hier links ist ein kleines Badezimmer«, fügte er hinzu, als sie vor der Eingangstür standen, und öffnete kurz die schmale Seitentür.
»Aber dort wirst du nicht viel Zeit verbringen. Wir Savers ticken biologisch etwas anders, schließlich sind wir ja schon tot. Verdauungsbeschwerden, Augenringe und Krankheiten gehören der Vergangenheit an. Aber es ist trotzdem eine tolle Sache, wenn man sich beim Beschützen so richtig ins Zeug gelegt hat und sich total verdreckt unter eine heiße Dusche stellen kann.« Ephraim hatte einen schwärmerischen Gesichtsausdruck bekommen. Insgesamt schien er sehr ausgeglichen zu sein, überzeugt von dem was er tat und begeistert von dieser Welt, fand David. Er hatte die Veränderung noch nicht realisiert, das wusste er. Aber er fühlte sich nun nach dem ersten Schock erstaunlich offen gegenüber dieser Welt, und falls sich das nicht doch als sehr real wirkender Traum herausstellte, hätte er zumindest schon genug Informationen darüber, was ihn erwarten würde.
Ephraim öffnete die Ausgangstür und dahinter sah David - Nebel. Und zwar eine Menge. So undurchsichtig, dass man nicht einmal Umrisse von eventuell dahinter befindlichen Gebäuden oder Personen erahnen konnte. Irritiert blieb David stehen und beobachtete, wie der dichte Nebel anfing, durch den Türrahmen in den Raum zu wabern. Ephraim klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter.
»Nur Mut – es wirkt zuerst seltsam, ist hier aber vollkommen normal. Es gehört zu unserer Art uns fortzubewegen.«
David wurde mehr von seinem Mentor nach draußen geschoben, als dass er selbstständig ging, und kam kurz hinter der Tür wieder zum Stehen. Ephraim folgte ihm und schloss die Tür hinter ihnen. Ungläubig lugte sein Lehrling von einer Seite auf die andere und streckte die Hand nach dem dichten Nebel aus.
»Ich habe eine erste Aufgabe für dich. Sieh dir deine Eingangstür ganz genau an. Du wirst es bald brauchen. Unter Tausend Türen müsstest du diese hier sofort erkennen können.«
David drehte sich um und betrachtete seine Tür. Sie war schlicht, ohne Verzierung oder Glas-Elementen, jedoch makellos, als wäre sie ganz neu. Die Farbe war ein helles Blau und die Klinke war silbern und leicht geschwungen. Von der weißen Wand um die Tür herum konnte man nur wenig sehen, denn schon nach ein paar Zentimetern wurde die Tür von Nebel umrahmt. Doch in Augenhöhe war rechts neben der Tür ein durchsichtiges Schild installiert, auf dem in schwarzen Lettern ›David Summers‹ geschrieben stand.
David nickte und lächelte. »Die erkenne ich wieder.«
»Es reicht allerdings nicht, wenn du sie nur wieder erkennst – du musst sie dir vorstellen können, und zwar mit allen Einzelheiten«, entgegnete Ephraim.
Nochmals blickte David auf die Tür und das Namensschild. »Ja, ich habe mir alles gemerkt«, bestätigte er nach ein paar weiteren Sekunden. »Wozu ist das wichtig?«
»Das werde ich dir später erklären«, entgegnete Ephraim. »Jetzt zeige ich dir zuerst unser Ratshaus.«