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1.2.4.1 Die Restrukturierung der Bonner Katholisch-Theologischen Fakultät

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Die Bonner Professoren Johann Heinrich Achterfeldt (Moraltheologie) und Johann Wilhelm Braun (Kirchengeschichte) gehörten in der Fakultät zu Anhängern und Verteidigern der hermesianischen Theologie.52 Geissel entzieht ihnen die kirchliche Lehrerlaubnis (missio canonica) und erhält damit freie Hand, die Bonner Fakultät mit ihm genehmen Theologen zu besetzen.53 In diesem Zusammenhang schlägt er der Regierung Dr. Dieringer für die Dogmatik vor, den diese umgehend akzeptiert.54 Dieringer zieht Ostern 1843 nach Bonn und wird dort mit 32 Jahren zum Ordinarius für Dogmatik und Homiletik.55 Da es zunächst für Achterfeldt keinen Nachfolger gibt, liest Dieringer bis 1844 zudem noch Moraltheologie. Eine weitere Lücke entsteht in Bonn durch die Suspendierung Achterfelds in der Leitung des Theologenkonvikts, so dass Dieringer auch diese schwierige Aufgabe durch den Erzbischof übertragen bekommt. Achterfeldt hatte sich zunächst mit Erfolg aufgrund der nicht eindeutigen Rechtslage des Konvikts als halbstaatlicher Einrichtung geweigert, sein Amt niederzulegen. Das Seminar, das wenige Jahre später unter Scheeben ein Hort der Neuscholastik werden sollte, war noch im Jahr 1843 dermaßen vom Hermesianismus geprägt, dass es deutlichen Widerstand auch unter den Seminaristen gegen Dieringer gab, der bis zu öffentlichen Angriffen gegen ihn in der Presse führte.56 Dieringer reagierte darauf nicht und führte auch keine direkten Angriffe gegen Hermes, sondern setzte seine Theologie in Predigt und Lehre dagegen.57 Auch dies ist ein Beweis für das Vertrauen Geissels in die rechte Gesinnung Dieringers. Als im Herbst 1844 Konrad Martin an die Bonner Katholisch-Theologische Fakultät berufen wird, tritt Dieringer beide Aufgaben wieder ab.58 Im Sommersemester 1843 beginnt Dieringer seine dogmatischen Vorlesungen mit der „Theorie der Offenbarung“ und setzt damit sofort ein Zeichen, dass nunmehr nach der Zeit des Hermesianismus die positive Theologie in Bonn Einzug hält, und damit auf eine dezidierte Aufklärungstheologie eine wesentliche Offenbarungstheologie folgt.59 Dieser Wechsel stellt wohl nicht nur eine theologische oder methodische Richtungsänderung dar. Der Zuspruch, den Dieringer mit seiner Theologie in Bonn erfährt, spricht auch dafür, dass die kirchlich gesinnten Akademiker nach einer Theologie suchten, die weniger von der Zeit der Aufklärung und der rein rationalen Erklärung des Christentums geprägt war, als vielmehr von der Wendung hin zur Kirche und ihren Lehrquellen. Dabei kann man den Erfolg Dieringers, der sich nachweislich auch in deutlich steigenden Studentenzahlen zeigen lässt60, auch als eine gesellschaftliche Veränderung deuten, die sich im Zuge der Restauration von der Aufklärung abwendet und die Romantik entstehen lässt.61 Der junge Professor Dieringer bringt in mancher Hinsicht neuen Elan an die Fakultät. „Dieringers Auftreten zu Bonn überraschte durch jugendliche Frische, welche damals in der katholisch-theologischen Fakultät ein fremdes Element war, durch eine ganz selbstständige Lehrmethode und vor allem durch seine geistreiche und originelle Herrschaft über die Sprache.“62 Dieringer ist jung, ein begnadeter Redner und seine Theologie basiert auf einer für den Bonner Kontext völlig neuen Methode. Anders als Hermes, der ebenfalls großen Zulauf in Bonn erfuhr,63 besticht Dieringer nicht mit einer neuen Lehre, mit einer originellen oder kreativen Theologie, sondern vielmehr durch seine rhetorischen Fähigkeiten, die traditionelle Dogmatik der Kirche als positive Offenbarungslehre darzustellen.64 Zudem ist die Kollegenschaft in Bonn durch die Suspendierung von Achterfeldt und Braun, zweier tragender Professoren, geschwächt; zwei weitere Kollegen, Vogelsang und Hilgers, hatten sich durch klärende Stellungnahmen vom Hermesianismus distanziert und sich so den Forderungen Geissels unterworfen; sie konnten daher im Amt verbleiben.65 Es muss in diesem Zusammenhang auch erwähnt werden, dass es Geissel nicht gelingt, weitere, bedeutende (Tübinger) Theologen für die Bonner Fakultät zu gewinnen66. Die Last der Erneuerung liegt somit ganz auf Dieringer. Er bleibt dadurch bis in die Mitte der 1860er Jahre die prägendste intellektuelle Kraft der Bonner Fakultät67 und der Lehrkörper mit dem größten Einfluss und Rückhalt beim Erzbischof.68

Die Idee des lebendigen Gottes

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