Читать книгу Die Sonne über Seynako - Sheyla McLane - Страница 11
ОглавлениеKapitel 8
König Darius gab den Befehl, eine Gruppe seiner besten und erfahrensten Soldaten solle ins Feoras-Gebirge reiten, Irina suchen und zurückbringen. „Das Mädchen wird uns zu diesem Meister führen.“, verkündete er zuversichtlich. „Und kennen wir erst sein Versteck, dürfte es mit Sols Hilfe ein Leichtes sein, ihn auszuschalten.“
Azur musste unterdessen Lesen und Schreiben lernen. Ihre Lehrerin, eine Priesterin aus dem Tempel des Sonnengottes, versuchte Azurs Unerfahrenheit durch doppelte Strenge wettzumachen.
Wenn ihr bereits die Buchstaben vor den Augen tanzten und sie keinen Federstrich mehr tun wollte, dann gab die Priesterin ihr einen Klaps auf den Hinterkopf und nannte sie eine „dumme Bauerngöre“. Dann sehnte sich Azur nach ihrer Familie, dem Haus und den Feldern ihres Vaters, wo sie sich nicht wie ein Edelfräulein benehmen, kein Alphabet und keine Zahlen kennen musste und wo man sie wie einen Menschen behandelte, anstatt wie eine dressierte Äffin. Der Einzige, in dessen Gegenwart sie sich wie ein normales Mädchen fühlte, war Prinz Alec. Der Königssohn sorgte sich nach wie vor sehr um sie und obwohl Azur für seine Herzlichkeit dankbar war, hatte sie immer die Stimme der Priesterin im Hinterkopf, wenn sie Zeit mit ihm verbrachte. Er war der gebildete, charismatische Thronfolger Seynakos, für den alle Frauen schwärmten. Sie dagegen war nur eine dumme Bauerngöre.
Es stand ihr nicht zu, dass er sie sympathisch fand.
Eines sonnigen Nachmittags saß Azur im königlichen Garten an ihrem Lieblingsplatz unter einer Weide und quälte sich selbst bei dem Versuch, ein Buch zu lesen. Hatte sie es einmal geschafft, ein paar Worten Sinn abzugewinnen, schnürte das lange, kostbare, aber keinesfalls alltagstaugliche Kleid sie ein und sie musste das Buch absetzen, um eine erträgliche Position zu finden, die dem Kleid nicht schadete. Dame Telda wäre außer sich, wenn der Stoff einen Grasfleck oder – Sol verhüte! – einen Riss davontrüge.
Am liebsten hätte Azur das unerträgliche Ding kurzerhand abgestreift, so wie die Absatzschuhe, die sie neben die Decke gestellt hatte, auf der sie saß.
Es tat gut, einmal die nackten Füße zu strecken, die rote Druckstellen von den abscheulich unbequemen Schuhen davongetragen hatten. War es Azur gelungen, eine Haltung zu finden, die sich eine Weile aushalten ließ, machte sie sich daran, die Stelle im Buch zu finden, an der sie eben stehengeblieben war. Je länger sie auf die Buchstaben starrte, deren Aussage sie in der Zwischenzeit wieder vergessen hatte, desto blöder kam sie sich vor. Was in ihrem Gehirn sträubte sich dagegen, sie sprechen, lesen und schreiben zu lassen? Resigniert schlug sie das Buch zu und die Hände vors Gesicht.
„Störe ich?“
Sie fuhr herum und schämte sich zum vielleicht tausendsten Mal vor Prinz Alec. Eilig schüttelte sie den Kopf und spürte, wie das Blut in ihre Wangen schoss.
„Was hast du, Azur?“, fragte er. Sanfter als sie ertragen konnte. „Du siehst unglücklich aus.“
Sie zuckte mit den Schultern und erinnerte sich erst im Nachhinein daran, dass einem Edelfräulein eine solch bäuerliche Geste nicht anstand.
„Darf ich mich einen Moment zu dir setzten?“ Alec ließ sich neben ihr auf der Decke nieder. Nicht zu weit entfernt, das wäre unhöflich gewesen, und nicht zu nahe bei ihr, um nicht aufdringlich zu wirken. Seine Manieren entsprachen ganz seinem Stand. Er nahm das Buch in die Hand und blätterte darin. „Das ist ein sehr schönes Werk. Hast du es gelesen?“
‚Ich habe es versucht.’, dachte Azur und schlug die Augen nieder.
„Verstehe.“, sagte Alec, auch wenn sie bezweifelte, dass er das tat. „Soll ich dir daraus vorlesen?“
Es war sicher nicht angemessen, ihn darum zu bitten. Aber wenn er sie fragte, wäre es nicht untugendhaft, sein Angebot abzulehnen? Sie nickte so erhaben wie möglich.
„Gut.“, lächelte Alec ehrlich erfreut. „Das Buch gehörte meiner Mutter. Es… ist eine Romanze.“
Beide blickten kurz in entgegengesetzte Richtungen, um ihre Verlegenheit zu verbergen, bevor Alec begann: „Der Prinz hatte es geahnt, nein, gewusst. Jedes Mal, wenn er ihre liebliche, elfenhafte Gestalt betrachtete, wusste er, dass sie zu mehr bestimmt war, als für die Arbeit am Webstuhl. Sie hatte Geist, war von ausgesuchter Schönheit und freundlichem Wesen. Ihm war bewusst, dass es seinen Vater nicht erfreuen würde, wenn er ihre Verlobung bekannt gab, doch er war fest entschlossen, sich, wenn es sein musste, gegen alle Zwänge zu stellen, denn er liebte sie mehr als alles andere auf der Welt, schon von ihrer ersten Begegnung an.“ Alec stockte. „Entschuldige, ich glaube ich bin überhaupt kein guter Vorleser.“
Sie hatte gar nicht darauf geachtet, was er gelesen hatte, sondern war im melodischen Klang seiner Stimme und in seinen braunen Augen, die konzentriert von Zeile zu Zeile gesprungen waren, versunken. Als er das Buch beiseitelegte und sich erhob, kam sich auf ihrer Decke klein und deplatziert vor. Schnell ergriff sie seine Hand, bevor er gehen konnte, um ihm zu verstehen zu geben, wie sehr ihr sein Vorlesen gefallen hatte.
„Es tut mir leid, Azur. Wahrscheinlich langweile ich dich.“
Bestürzt schüttelte sie den Kopf. Wie in Sols Namen kam er dazu, so etwas zu denken? Sie zog leicht an seiner Hand und sah unbeholfen zu ihm auf. Wenn er jetzt ging, dann würde der Eindruck dieser komischen, kurzen Begegnung lange Zeit zwischen ihnen stehen und einen unbefangenen Umgang miteinander verhindern, das spürte sie.
Alec gab ihrer stummen Bitte nach und kniete sich wieder neben sie, diesmal mit mehr Abstand. „Du fühlst dich unwohl, nicht wahr, Azur?“
Wie sollte sie darauf reagieren? Vorsichtshalber schaute sie weg.
„Ich weiß, dass du Zweifel hast, dass du am liebsten fortlaufen würdest und ich kann es dir nicht übelnehmen.“ Alec seufzte schwer. „Du musst dir vorkommen wie ein seltener Vogel in einem goldenen Käfig und ich fühle mich schuldig deswegen, als sei ich der Wilderer, der dich gefangen und in diesen Käfig gesperrt hat. Ich habe dich dazu gezwungen zurückzukommen, als du fliehen wolltest. Kannst du mir das verzeihen?“
Versöhnlich strich sie über seinen Handrücken. Es gab nichts, wofür er sich entschuldigen musste. Er hatte rechtmäßig im Namen seines Landes gehandelt. Sie sollte um Verzeihung bitten, weil sie im Gegensatz zu ihm nicht das Recht besaß, nur dem eigenen Gutdünken nach zu handeln. Selbst diese winzige Geste der Vergebung, ihre Fingerspitze an seiner Hand, war anmaßend. Wäre es ihr vergönnt, zu sprechen, sie hätte aus Scham sicher etwas sehr Dummes gesagt.
„Womöglich glaubst du, ich hätte es aus Pflichtbewusstsein getan.“, fuhr Alec fort. „Aber es war purer Eigennutz, Azur, nichts als Eigennutz. Ich konnte das Gefühl nicht ertragen, dich nie wiederzusehen.“
Sie fühlte, wie ihr Herz schneller zu klopfen begann. Zornig auf das Prickeln unter ihrer Haut, senkte Azur den Blick, doch sanft er legte einen Finger unter ihr Kinn und bat: „Sieh mich an.“
Seine Wärme, der Duft seiner Kleider und die Berührung, die er ihr zuteilwerden ließ, machten Azur schwindelig vor Glück. Das Sonnenlicht brachte die goldenen Sprenkel seiner Iris zum erleuchten. Sein Gesicht war weicher und sein Blick tiefer als je zuvor und plötzlich verstand Azur, wie verletzlich sie beide sich in diesem Moment zu sein erlaubten. Welches Opfer musste es für ihn, der er der Thronfolger Seynakos war, bedeuten, wenn er sich tatsächlich entscheiden sollte, sie zu küssen? Musste er damit nicht unweigerlich seine Pflicht, seine Herkunft, sich selbst verraten? Oder war es das, was Prinzen zu tun pflegten – sich die Frauen zu nehmen, deren Schönheit sie zu kurzem und vergänglichem Begehren reizte? Aber sie war nicht schön.
Der Gedanke ließ Azur zurückzucken. Ich bin nicht schön. Ein missgestaltetes, dummes Bauernmädchen bin ich, nichts weiter.
Alec entging ihr Zögern nicht. „Azur.“, seufzte er und Melancholie legte sich wie Staub auf seine Miene. „Wahrscheinlich habe ich deine Gesten… falsch interpretiert. Ich…“
„Prinz Alec, Azur! Kommt schnell, etwas Schreckliches ist geschehen!“
Allan, der in den Garten stürmte und dabei aufgeregt mit den Armen fuchtelte, zerriss den zarten Schleier endgültig.
Nun sprang Alec auf, ganz der pflichtbewusste Königssohn, und Azur schämte sich dafür, dass sie beinahe seine Lippen durch die ihren beschmutzt hätte. Eilig schlüpfte sie in ihre Schuhe, bevor sie Allan in den Thronsaal folgte.
Darius, umringt von seinen Generälen und Beratern, erwartete sie. Die Ratlosigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ein Mann in einer verbeulten Rüstung, augenscheinlich schwer verwundet, war der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Um nicht wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen, musste er von zwei Wachen gestützt werden.
„Schaut euch diesen Unglücksteufel an!“ Darius deutete auf den verletzten Soldaten. „Er ist der einzige, der lebend aus dem Feoras-Gebirge herausgefunden hat. Und wisst ihr, wer ihn so zugerichtet haben soll?“
„Ein wildes Tier?“, mutmaßte Alec.
„Pah, in Sols Namen, ich wünschte, es wäre so!“, rief der König aus. „Aber es war kein wildes Tier.“