Читать книгу Die Sonne über Seynako - Sheyla McLane - Страница 12
ОглавлениеKapitel 9
„Blair, das gefällt mir ganz und gar nicht.“ Verschwörerisch senkte Ivar seine Stimme. „Unser Magier plant hier etwas über unsere Köpfe hinweg, das uns alle umbringen wird.“
Blairs Faust landete auf dem Tisch. „Du kannst nicht so über ihn sprechen, er ist dein Herr und Meister. Wenn er es befiehlt, wirst du deine Zunge einmal um deinen Torso wickeln und dich kopfüber daran aufhängen!“
Ivar schnaubte verächtlich. „Ich werde ihm nie verzeihen, wie er Kennan abgeschlachtet hat. Er war ein ehrenvoller Krieger. Und diese verdammte Hexe, diese Irina, sähe ich am liebsten gebrandmarkt mit einem Strick um den Hals.“
Blair ließ den Kopf in den Nacken fallen. Er verstand den Groll des Ritters gegen Alefes und seine „Hexe“, wie die Männer sie getauft hatten. Doch gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass dem Halbgott gelungen war, was er beabsichtigt hatte. Die Ritter mochten hasserfüllte Reden schwingen und verbittert mit den Schwertern rasseln, doch das täuschte nicht darüber hinweg, dass sie vor Angst zitterten. Alefes legte keinen Wert darauf, dass sie ihn mochten oder gar verehrten, solange sie nur seine Überlegenheit nicht infrage stellten.
„Verflucht Blair, diese Zauberei wird einmal unser Untergang sein.“
„Denkst du gar nicht an das, was Alefes uns versprochen hat? Er kann Seynako einnehmen, ohne dass auch nur ein einziger Mann dafür bluten muss. Wir werden unendliche Reichtümer…“
„Es geht ihm nicht um die Reichtümer, Blair!“, unterbrach Ivar ihn und raufte sich seine dicke, schwarze Lockenpracht. „Du kannst mir nichts vormachen, dazu kenne ich dich zu gut. Ich weiß, du denkst genauso wie ich. Hör zu, du hast mehr Einfluss auf Alefes als jeder andere von uns. Du musst ihn daran erinnern, welche Dienste der Clan ihm all die Jahre erwiesen hat. Die Mondgöttin möge verhüten, dass er eines Tages auf den Gedanken kommt, uns nicht mehr zu brauchen.“
Blair musste zugeben, dass auch ihm vor Alefes‘ immer größer werdender Macht graute, doch was seinen Einfluss auf den Meister betraf, überschätzte Ivar ihn. Sein jüngster Versuch ihm ins Gewissen zu reden war gerade noch glimpflich abgelaufen, aber er würde nichts darum verwetten, es auch ein zweites Mal zu überleben. Blairs Aufgabe war es, seine Befehle entgegenzunehmen und deren kompromisslose Ausführung zu überwachen. Wenn er sich erdreistete, Einfluss auf den Halbgott ausüben zu wollen, würde dieser ihn in Stücke reißen, bevor er „Seynako“ sagen konnte.
„Ivar, wie lange kennen wir uns schon?“, fragte er, ohne sein Gegenüber anzusehen. Stattdessen heftete er seinen Blick starr auf die Kerzen, die zwischen ihnen auf dem mit Wachs bekleckerten Tisch standen und neben einigen Fackeln den Raum mit lebendigem Licht versorgten.
Die Augen des anderen Ritters waren von so stechendem Blau, dass sie selbst dann noch glühten, wenn die halb im Schatten seiner hohen Stirn verborgen lagen. „Ich kenne dich lang genug, um zu wissen, dass du ein kluger Mann bist, der seine eigenen Prinzipien hat. Lass dir diese Prinzipien nicht durch Habgier ersetzen, noch dazu durch die eines anderen Mannes.“
Vor Blairs Augen tanzten gelbe Flecken, weil er direkt in die Flamme gesehen hatte. Es stimmte, Ivar und ihn verband eine lange Freundschaft. Doch es gab etwas, das Ivar nicht erahnen konnte. Etwas, das Blair entschlossen machte, am Leben zu bleiben.
„Du verstehst nicht...“, begann er und wusste schon, als er Luft holte, dass Ivar sich seine Ausrede nicht anhören und ihn unterbrechen würde. Er fühlte sich kläglich deswegen. Obwohl er der Ritter des Clans war, der die höchste Position bekleidete, war er doch nicht der mit dem stärksten Charakter. Vielleicht beschämten die Worte seines Freundes ihn deswegen, weil er wusste, dass Ivar sich dessen gewiss war, und er ihn trotzdem verehrte. „Du hast Recht. Ich sollte… ich werde es versuchen.“
Die Kleine sah nicht so armselig aus, wie er angenommen hatte, das musste Alefes zugeben. Jetzt, da sie gebadet, gekämmt und ihr Gesicht gepudert war, wirkte sie viel gesünder und rosiger. Der Kontrast ihrer blonden Haare zu dem schwarzen Kleid, das sie trug, war ein ungewohnter Augenschmaus für ihn.
„Mehr Wein?“, fragte er und ließ eine Bedienstete nachschenken, obwohl bereits eine heitere Röte Irinas Gesicht überzog. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und seufzte wohlgefällig. „Genießt du den Überfluss, den ich dir biete?“
„Ich genieße nur Eure Anwesenheit, Meister.“, erwiderte sie und lächelte zurückhaltend. „Meister, darf ich Euch eine Frage stellen?“
„Ich verabscheue Fragen. Doch zur Belohnung für deine Dienste darfst du mir heute eine stellen.“
„Diese vielen Männer, wer waren sie und woher kamen sie?“
„Das waren gleich zwei Fragen auf einmal.“
„Verzeiht mir meine Neugier, Meister.“
Alefes erhob sich und trat an das offene Fenster. „Der Himmel ist heute von ausgesuchter Klarheit. Komm und bewundere mit mir die Schönheit der Nacht.“
Gehorsam stand Irina auf, ergriff seine ausgestreckte Hand und hob ihre glänzenden Kulleraugen zum nächtlichen Himmel.
Der Halbgott trat noch näher an sie heran. „Diese Männer kamen aus deinem Land, Irina, aus Seynako. Sie sind den ganzen langen Weg geritten, um dich zurückzuholen. Möchtest du zurück?“ Das Mädchen schüttelte heftig mit dem Kopf, sodass ihre blonden Locken sein Kinn streiften. „Siehst du, es war gut von dir, sie zu töten.“
Nur einen hatte sie am Leben gelassen. Ein Mann reichte aus, um König Darius Bericht zu erstatten.
„Ein bisschen fehlt mir meine Mutter.“, sagte das Mädchen mit leiser Stimme. „Aber sie hat ja noch meinen Vater und meinen kleinen Bruder Simon, da muss sie sich nicht einsam fühlen.“, fügte sie schnell hinzu. Ihre Gedanken standen gänzlich unter seiner Kontrolle. Wenn er ihnen Freiraum gab, dann nur, um sich nicht dabei zu langweilen, immer das aus ihrem Mund hören zu müssen, was er hineingelegt hatte.
„Weißt du, ich interessiere mich sehr für dein altes Zuhause. Sag, was erzählt man sich über mich in Seynako?“
Irina kicherte. „Die Menschen sprechen von Eurer Grausamkeit.“ Alefes nickte zufrieden. „Und manche behaupten, dass es Euch gar nicht gebe, sondern dass Ihr ein Vorwand des Clans der Ritter von Donovon seid, um Eure Untertanen beherrschen zu können.“
„Ach ja?“ Er wusste nicht, ob er lachen oder Ärger verspüren sollte. „Und der König? Wie denkt der König über das Reich des Nordens?“
Unbekümmert zuckte Irina mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Aber ich denke, er muss große Angst vor Euch haben, wenn er sich sogar den Seher ins Schloss holt. Den, der prophezeit hat, dass...“
„Das ist mir nicht neu.“
„Dann wisst Ihr auch, welche geheimnisvolle Waffe das Mädchen mit dem blauen Haupte besitzt, die Euch zu besiegen vermag?“, fragte Irina und wandte sich erstmals während ihres bisherigen Gesprächs ihm zu, um ihn anzusehen.
„Ich habe dir nicht gestattet, mir weitere Fragen zu stellen.“, zischte Alefes unwillig, denn ihm war aufgefallen, dass er sie nicht zu beantworten vermochte. Es klang hohl und absurd in seinen Ohren – eine Waffe, die ihn zu besiegen vermochte. Niemand, kein Wesen, das auf Erden weilte, hatte magische Kräfte, die mit den seinen vergleichbar waren. Eine Menschenfrau brauchte er von allen möglichen Widersachern am wenigsten zu fürchten. Und dennoch erahnte er eine Bedrohung. Ein Windhauch nur, der den unbezwingbaren Felsen streichelte. Eine harmlose Brise oder aber der Vorbote eines apokalyptischen Unwetters.
Nachdem Allan die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ er sich ächzend auf einen Stuhl fallen und tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn. Es war nicht einfach gewesen, dem Soldaten, der den Angriff im Feoras-Gebirge überstanden hatte, eine Schilderung dessen abzuringen, was sich zugetragen hatte. Nur brockenweise war er mit der Sprache herausgerückt. Wahrscheinlich wusste er selbst, dass seine Geschichte unwirklich und nach reiner Einbildung klang.
„Was hat er gesagt?“, wollte Darius wissen, nachdem er den Seher zu sich beordert hatte.
Dieser schaute sich um, entdeckte aber zur Rechten des Königs nur den Prinzen. „Wo ist Azur?“, fragte er.
„Ich hielt es für richtig, sie, was diese Sache betrifft, vorerst nicht unterrichten zu lassen.“, antwortete Darius. „Darüber werde ich nicht mit dir diskutieren. Und nun sag, was du erfahren hast.“
Allan räusperte sich bedeutungsvoll. „Der Soldat berichtete mir Folgendes: Er und seine Begleiter hatten soeben einen unheimlichen Wald durchquert und rasteten an einem seichten See, als sie plötzlich eine Frau um Hilfe rufen hörten. Drei von ihnen blieben beim Lager. Zwei, darunter unser Soldat, gingen los, um zu erkunden, woher die Schreie kamen. Sie fanden ein Mädchen, das am Boden lag und jammerte, sie sei gestürzt und habe sich dabei den Fuß gebrochen. Das Gelände um den See war karg und steinig, der Untergrund hier und da von Rissen durchsetzt, darum kam es den Männern zunächst nicht verdächtig vor. Als sie sie fragten, ob sie Irina aus Ghabran sei, gab sie es zu. Weil sie über starke Schmerzen klagte, trugen sie sie zum Lager, um dort ihre Verletzung zu versorgen.
Aber dort angekommen sprang sie auf, stahl einem der Männer seine Klinge und griff an. Sie muss gekämpft haben wie eine Naturgewalt.“ Allan schüttelte sich bei der Vorstellung. „Dann hat sie den armen Kerl gezwungen, seinem eigenen Landsmann die Kehle durchzuschneiden, bevor sie auf ein Pferd stief und damit verschwand. Nach Norden.“
Einen Moment lang herrschte betroffenes Schweigen. „Unglaublich.“, murmelte der König. „Dazu kann das Gör unmöglich in der Lage gewesen sein, man sagte mir, sie sei noch keine siebzehn Jahre alt.“
Allan blickte nachdenklich auf seine Schuhspitze und sprach, als ob er mehr mit ihr, denn mit Darius reden würde: „Ich habe ihre Mutter befragt und dabei herausgefunden, dass Irina kurz vor ihrem Verschwinden urplötzlich anfing, von einem Meister zu schwafeln. Ähnlich wie ihre Großmutter. Nehmen wir an, diesen Meister gäbe es wirklich.“ Er blickte auf, seine alten Augen waren vollkommen klar. „Wenn es ihn gibt, dann muss Irina das Feoras-Gebirge durchqueren, um zu ihm zu gelangen. Hierfür und auch für den hinterlistigen Überfall auf die Gesandten ist eine ungeheure Kraft vonnöten, die ein Mädchen unmöglich von selbst hätte aufbringen können. Ebenso wenig wie eine gebrechliche Großmutter in der Lage gewesen wäre, drei Männer in ihrem besten Alter tödlich zu verletzen.“
Alec sprang auf und schnippte mit den Fingern, als ob ihm eine Eingebung zuteil geworden wäre. „Vater, was ist mit den Versen, die die Alte unten im Kerker gesungen hat? Darin ist von einer dunklen Macht die Rede, von einer erfüllenden Kraft, die der Meister mit ihr teilte.“
Allan nickte abwesend. In Gedanken war er schon dabei, den Faden weiter zu spinnen. „Dieser Jemand gibt seinen Opfern also für eine gewisse Zeit einen Teil seiner Macht und ich wage die Theorie aufzustellen, dass er diese erst mit dem Tod der betreffenden Person wieder zurückerlangt, sonst hätte er sich nicht die Mühe machen müssen, der Frau im Kerker das Leben zu nehmen.“
„Du willst sagen, dass an jenem Tag unten im Gefängnis wirklich jemand war, den wir nicht sehen konnten?“, hakte Darius nach.
„Azur hat seine Anwesenheit gespürt.“, erwiderte Allan selbstsicher. „Und wenn dieser jemand nicht körperlich zugegen war, dann ein Teil seiner Energie. Er scheint uneingeschränkten Zugriff auf seine Opfer zu haben und sich ihrer bedienen zu können, wie es ihm passt.“
„Ein Übel wird auf unser Land zukommen, das wir nicht bekämpfen können, weil wir sein wahres Gesicht nicht kennen.“, flüsterte Alec ehrfürchtig.
„Ihr schmeichelt meinem Stolz.“, schmunzelte Allan. „Jetzt fehlt uns etwas, das wir dem Feind entgegensetzen können.“
„Dieser Meister, sagst du, überträgt seinen Opfern einen Teil seiner Kraft.“, wiederholte Darius. „Wenn es uns also gelänge, jene zu töten, die von ihr besessen sind, bevor er es tut – „
„Bei allem Respekt!“, rief Allan aus. „Ihr meint doch nicht etwa, gegen ihn ins Feld ziehen zu können? Wir haben es mit schwarzer Magie zu tun, Majestät. Eine Macht, deren Abgründe selbst mir unbekannt sind.“
„Wenn das so ist, woher nimmst du dann das Recht, mir zu widersprechen?“
„Die Prophezeiung besagt, dass Waffen uns nicht weiterhelfen, sondern großes Unheil anrichten werden.“
„Soweit ich mich entsinne, kamen diese Worte aus deinem Mund, Allan.“, konterte der König. „Und das, obwohl du selbst erbärmlich wenig darüber weißt. Beim Sonnengott, man kann einen Gegner nicht bekämpfen, ohne dabei ein Schwert in die Hand zu nehmen!“
Bevor der Seher widersprechen konnte, klatschte Darius in die Hände und verlangte, man solle sofort General Raghnal rufen.
Der Mann ließ nicht lange auf sich warten und verneigte sich kaum merklich. Das Gewicht der goldenen Schulterpanzer und sein korpulenter Körperumfang hinderten ihn an einem tieferen Knicks. Das lange, hellblonde Haar war struppig und bildete eine beinahe übergangslose Einheit mit seinem Bart, was ihm eine nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeit mit einem Löwen verlieh.
„Ich habe beschlossen, unsere Truppen aufzustocken.“, erklärte König Darius. „Wie lange braucht Ihr, um tausend Mann zu rekrutieren?“
Dem General gingen fast die Augen über. „Wenn Ihr einen ordentlichen Sold bietet und wir uns ranhalten… in frühestens fünf Tagen.“
„Sehr gut. Dann werdet Ihr auch zweitausend Mann in einer Woche schaffen. Je eher unsere Armee kampfbereit ist, desto besser.“
Raghnal geriet ins Stottern. „Eine Woche… aber Majestät, das ist… fast unmöglich. So viele Rekruten zu gewinnen ist eine Sache, doch sie auszubilden dauert Monate!“
Der Seher trat nervös von einem Bein aufs andere, während die beiden Männer sprachen. Hatte er nicht vorausgesagt, dass der, der sich gewaltsam gegen den Feind auflehnte, viele Unschuldige mit sich in den Tod reißen würde? Wie konnte der König diese Warnung ignorieren?
„Wenn ich Euch richtig verstanden habe, ist es also nicht vollkommen unmöglich. Am besten Ihr fangt sofort an. Durchstreift alle Wirtshäuser und die Gutshöfe. Eine Woche, General Raghnal. Ich verlasse mich auf Euch. Ihr dürft nun gehen.“
„Majestät, es ist nicht mein Wort, das Ihr missachtet. Es ist Sols Wort.“, begann Allan aufgeregt, doch Darius brachte ihn mit einer unwirschen Geste zum Schweigen.
„Es steht dir nicht an, mich zu belehren.“, wies er den Seher zurecht. „Du hast auch prophezeit, dass dieses Mädchen die Rettung für unser Volk sein wird. Doch bisher war das stumme Bauernweib uns so nützlich wie ein löchriger Hut beim Bäumefällen.“
Alec schluckte trocken. „Aber Vater, Azur hat… Visionen und sie…“
„Schlechte Träume. Ich will nichts mehr davon hören. Und kommt mir bloß nicht auf den Gedanken, ihr von dem zu berichten, was wir besprochen haben.“
Irina war, was die Technik betraf, keine sehr gute Kämpferin, doch die Leichtigkeit, mit der sie ihre Gegner besiegte, bescherte Alefes ein Hochgefühl. Jeden Tag setzte er ihr neue Widersacher vor und alle, selbst die erfahrensten Ritter, konnte sie in die Knie zwingen. Er entwickelte eine Sucht danach, sie siegen zu sehen. Selbst als er, um sie auf eine besonders harte Probe zu stellen, einen Mann schickte, der Irina im Schlaf überraschen und töten sollte, war es der erfahrene Meuchelmörder, der den Kürzeren zog. Das Mädchen schien durch Alefes‘ Energie unbesiegbar geworden zu sein und er sehnte sich danach, selbige auf erwachsene, von Grund auf mit einem viel größeren Maß an Körperkraft ausgestattete Männer zu übertragen.
Allerdings wollte er sie noch einer letzten Prüfung unterziehen, bevor er den Vorstoß nach Seynako wagte…
Mit einem selbstzufriedenen Lächeln entfernte Alefes den blauen Samt von beiden Käfigen und ließ den Anblick der zwei im Schmutz zusammengekauerten Gestalten auf Irina wirken. „Kannst du es mit denen aufnehmen, meine Schöne?“
Zuerst schweifte ihr Blick über Phelan, der bei ihrem Anblick scheu die Augen niederschlug und seine Arme um die eigenen Rippen schlang. Kurz betrachtete sie ihn ohne merkliche emotionale Regung. Dann musterte sie das Häufchen Elend, das Enya hieß. Irinas Augen weiteten sich erschrocken und reflexartig stürmte sie los, um an den Gitterstäben zu zerren, die sich trotz ihrer Stärke keinen Millimeter bewegen wollten. Endlich gab sie diese kräftezehrenden Bemühungen auf und ließ sich mit einem Ausdruck größter Fassungslosigkeit auf die Knie sinken. Schwer atmend lehnte sie ihre Stirn gegen das Metall, die Augen immer noch starr und geweitet auf Enya geheftet, die dalag, als würde sie schlafen.
Energisch zog der Halbgott Irina auf die Füße – und stieß sie daraufhin bestürzt zurück. Das Mädchen unternahm nicht einmal den Versuch, ihre hemmungslosen Tränen vor Alefes zu verbergen. „Was erlaubst du dir.“, fauchte er wütend und packte sie bei ihren blond gelockten Haaren. „Warum heulst du! Sag mir, warum du heulst!“, verlangte er und kramte gleichzeitig in seinem eigenen Gedächtnis fieberhaft nach einer Lösung für das Problem. Nein, Problem war untertrieben, es war eine Katastrophe, denn theoretisch dürfte Irina nicht weinen. Ebenso, wie er dazu nicht in der Lage war. Es entweihte und schwächte. Er verachtete jegliche Form von Gefühl, das sich nicht kontrollieren ließ.
„Hör sofort damit auf!“, brüllte er Irina an. Das Wasser, das über ihre Wangen floss, brannte auch schmerzhaft auf seinen, verseuchte ihn, als sei er es selbst, der Tränen vergoss.
„Oh, Meister.“, flüsterte sie mit erstickter Stimme. „Sie ist tot.“
„Was faselst du da?“
Er ließ von Irina ab und schlug mit der flachen Hand so kräftig gegen die Gitterstäbe, dass die gesamte Konstruktion erbebte. Er suchte Enyas Gedanken, um ihr den Befehl zu erteilen, sie solle auf der Stelle herauskommen. Vergeblich. Ohne, dass er es wollte, hatte Enya die dunkle Macht für immer ausgehaucht. Sie lebte nicht mehr.