Читать книгу Die Sonne über Seynako - Sheyla McLane - Страница 13

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Kapitel 10

Am Tag darauf wurde Irina krank. Alle Kraft hatte sie verlassen. Sie war blass und schwächlich, sprach kaum, blickte aus leeren Augen um sich und bei einem Übungskampf brach sie endgültig zusammen. Die Streitaxt, die sie sonst mit Leichtigkeit hob, war ihr plötzlich zu schwer und schon nach einem einzigen Schlag mit dem Übungsschwert ging sie bewusstlos zu Boden.

Alefes erschrak, als er sie auf ihrem Lager liegen sah, umsorgt von seinen Bediensteten. Alle Farbe war aus ihren eingefallenen Wangen gewichen, unter den Augen zeichneten sich tiefe Ringe ab. Aber er war weniger besorgt als verärgert. „Was ist passiert?“, fragte er barsch, sobald sie zu sich kam.

„Meister, ich fühle mich so schwach.“, hauchte Irina und musste um jedes einzelne Wort ringen, damit es ihr nicht in der Kehle erstarb.

„Ich ließ dich die dunkle Macht kosten und empfing dich mit offenen Armen in meinem Land. Alles, was ich von dir verlange, ist Gehorsam. Du betrügst mich um meinen Preis.“

„Gnade, Meister.“, stammelte sie, bevor ihr wieder die Augen zufielen.

Alefes wartete nicht, bis sie erneut die Kraft aufbringen konnte, ihm Rede und Antwort zu stehen. Er schloss sich ein und befahl dem Gargoyle, jeden zu zerfetzen, der sich auch nur in die Nähe der Tür begab, hinter der er die Sitzungen mit seiner göttlichen Herrin abzuhalten pflegte.

„Du hast mich lange warten lassen.“, sprach Trivia ohne Begrüßung, als ihr Sohn endlich das für ihre direkte Kommunikation vorgesehene Dimensionstor öffnete, das flach wie ein Spiegel an der Wand prangte. Zwischen den blau schimmernden Schwaden konnte er ihr Gesicht erkennen. Ein Gesicht menschlicher Gestalt, das sie bevorzugte.

„Ich hatte meine Gründe.“, antwortete Alefes und berichtete ihr, was geschehen war, ohne dabei die Kleinigkeiten auszulassen, die er ihr bis jetzt verschwiegen hatte. Als er zum Ende gekommen war, brach der Zorn der Titanen über ihn herein.

„Bis jetzt hieltest du es nicht für nötig, mich von deinem Experiment in Kenntnis zu setzen?“, tobte Trivia und ihre Stimme schwoll zu einer Druckwelle an, die ein herannahendes Erdbeben ankündigte. Alefes schwieg. „Du kannst einen menschlichen Körper nicht über einen so langen Zeitraum derartiger Belastung aussetzen! Eine menschliche Hülle, noch dazu in so zartem Alter, ist allzu leicht überanstrengt. Die dunkle Macht kommt nur zu dir zurück, wenn jene, denen du sie übertragen hast, durch deinen Willen sterben. Mit solchen Fehlschlägen verschwendest du sie nur!“

„Das hättet Ihr mir mitteilen müssen.“

„Hüte dich davor, mir die Schuld an deinem Versagen zuzuschieben. Durch deinen verfluchten Ungehorsam könntest du eines Tages alles verlieren. Du solltest nicht versuchen, mich zu hintergehen, Alefes. Damit reizt du meinen Zorn. Und wenn er dann ein gewisses Maß erreicht hat, werde ich sehr, sehr böse.“

„Ich würde es nie wagen, Euch zu hintergehen.“, meinte er zähneknirschend.

„Das wäre auch nicht klug von dir.“, erwiderte sie trocken. „Es ist wichtig, dass du jetzt nicht die Geduld verlierst. Unüberlegte Entscheidungen können deine gesamte Vorbereitung zunichtemachen.“

„Bis jetzt glaubte ich, es seien keine weiteren Vorkehrungen mehr nötig. Ich glaubte, alles sei bereit, um Seynako endlich anzugreifen.“

Die Göttin lächelte geheimnisvoll. „Du träumst von einem Feldzug und weißt doch, dass du das Land der Sonne allein einnehmen kannst. Ein Jammer, dass ich auf deinen Vater angewiesen war, um dich zu erschaffen. Deine menschlichen Gene sind störender, als ich erwartet hatte.“

Dass sie von seiner Zeugung sprach, wirkte auf Alefes wie ein Fußtritt. Als sei er eine halbfertig geschnitzte Schachfigur.

„Ich sage dir, wie wir es machen.“, fuhr Trivia fort. „Du nimmst Ventis und reitest mit ihm nach Seynako.“

„Der Nächste!“ General Raghnals Kehle war trocken von diesem sich immer wiederholenden Vers. Seit Stunden hockte er auf einem harten Schemel hinter einem wackeligen Tisch auf dem Marktplatz und trug die Namen der Freiwilligen in eine endlos lange Liste ein. Neben seinem Hintern tat ihm auch noch die rechte Hand vom Schreiben weh und sein Schädel dröhnte. Außerdem bekam er Hunger und wenn ein Mann wie er hungrig war, dann quatschte man ihn besser nicht von der Seite an.

„Verzeiht, General Raghnal.“, sprach der Junge ihn an – natürlich von der Seite.

„Stell dich gefälligst hinten an. Wie alle anderen auch.“, bellte Raghnal. „Ich habe gesagt, du sollst dich hintenanstellen!“

„Mein Name ist Neal Fergus, mein Onkel ist einer Eurer besten Soldaten.“

Der General musterte den eher schmächtigen, jungen Mann. „Soso, der junge Fergus also. Stell dich trotzdem hinten an.“

Trotzig presste Neal die Lippen zusammen und richtete sich so gut es ging zu voller Größe auf, als er seinem Gegenüber fest in die Augen sah. „General Raghnal, mein Onkel ist der einzige Überlebende von denen, die ins Feoras-Gebirge geschickt worden waren, um...“

„Sprich leise.“, raunte Raghnal. „Dieses Unterfangen soll geheim bleiben. Willst du eine Massenpanik auslösen?“

„Nein, General. Ich bin hier, weil ich meinen Onkel rächen möchte. Als Soldat, versteht Ihr? Ich will in die königliche Armee eintreten.“

„Das wollen alle, die hier stehen.“, erwiderte Raghnal und wedelte mit den Händen, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen. Dieser Grünschnabel verschwendete seine Zeit, die er unbedingt brauchte, wenn er zweitausend Soldaten in einer Woche rekrutieren sollte. Auch, wenn General Balfor ihm zur Seite stand und zur gleichen Zeit auf einem ähnlich unbequemen Schemel auf dem Marktplatz einer anderen Stadt hockte, um Namen in eine Liste einzutragen, konnte er sich nicht darauf verlassen, dass sie rechtzeitig fertig wurden. „Du bist noch nicht an der Reihe.“

Neal kam aufgebracht ein paar Schritte näher. Einer der Männer, die Raghnal begleiteten, trat vor und knallte ihm seine Pranke vor die Brust. „Hast du nicht gehört, was der General gesagt hat? Warte gefälligst, bis du an der Reihe bist oder du kannst sofort wieder nach Hause gehen!“

Das wirkte. Er hob zwar stolz das Kinn, trollte sich aber gehorsam an das Ende der Schlange Wartender. Als er endlich an der Reihe war, grinste er den General triumphierend an.

Kopfschüttelnd tauchte Raghnal die Feder in sein Tintenfass. „Wie war der Name?“

„Neal Fergus. Immer noch.“

„Den Namen eines frechen Bengels wie du einer bist, vergisst man schneller als den eines ehrenhaften Mannes.“, sagte der General, der mittlerweile zu erschöpft war, um sich aufzuregen.

„Dann werde ich mich anstrengen, ein solcher zu werden.“, entgegnete Neal eifrig. Strahlend hielt er das Dokument in den Händen, mit dem er sich in Schloss Cian melden konnte.

„Was stehst du noch hier herum, Junge?“, fragte der General, während er sein schmerzendes Gesäß von dem Schemel hob und sich die Schläfen massierte.

„Ach, ich habe nur gerade eine Wolke entdeckt, die im Begriff ist, sich vor die Sonne zu schieben.“, sagte Neal, den Blick zum Himmel gerichtet. „Aber wie Ihr seht, ist sie schon wieder dabei, sich aufzulösen.“

Am nächsten Tag, es war gegen Mittag, wurde auf Schloss Cian Alarm geschlagen. König Darius und Prinz Alec sprangen von der Tafel auf, ließen die Speisen stehen und eilten zum Fenster, um sehen zu können, was draußen vor sich ging. „Beim Sonnengott…“ Alec erblasste. „Was um alles in der Welt tut er da?“

Darius konnte ihm keine Antwort geben. Er stürmte die Treppen hinab, auf dem Weg zum Schlosshof, doch ein Soldat hinderte ihn daran, selbigen zu betreten. „Geht nicht hinaus, mein König. Es ist zu gefährlich.“, keuchte der Mann und warf sich beherzt gegen die schwere Eisentür. Dabei hinterließ er eine feine Blutspur auf dem Boden.

„Zur Seite!“, zitierte Darius, aber der Soldat stieß ihn zurück.

„Nein, ich lasse Euch nicht hinaus! Ihr werdet sterben, wenn Ihr den Schlosshof betretet!“, rief er panisch. Dann verdrehte er schauerlich die Augen und sank hernieder. Der König legte seine Hand auf die Klinke, zögerte aber einen kurzen Moment, bevor er sie herunterdrückte, die Tür öffnete und hinaustrat.

Die Sonne über Seynako

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