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4. KAPITEL
SARAH
ОглавлениеWeihnachten kam und ging ohne richtige Geschenke, die daraus einen besonderen Festtag gemacht hätten. Wir bekamen lediglich kleine Notwendigkeiten wie Zahnbürsten und Seife. Hätte mir Logan nicht das Armband mit dem kleinen Saphir geschenkt, wäre mir dieses Weihnachtsfest nicht in Erinnerung geblieben. Ich hatte jedoch nichts für ihn außer einer selbstgestrickten Mütze.
»Es ist eine phantastische Mütze«, sagte er und zog sie sich über den Kopf. »Ich habe mir schon immer eine knallrote, handgestrickte Mütze gewünscht. Vielen Dank, Heaven Leigh. Es wäre toll, wenn du mir zu meinem Geburtstag im März noch einen roten Schal stricken könntest.«
Ich war erstaunt, daß er die Mütze wirklich trug. Sie war viel zu groß, und er schien es überhaupt nicht zu bemerken, daß ich einige Maschen fallen gelassen hatte und daß die Wolle schon abgegriffen und nicht mehr ganz sauber war. Kaum war Weihnachten vorbei, fing ich mit dem Schal an, der zum Valentinstag fertig wurde. »Im März ist es schon zu spät für einen Schal«, sagte ich lächelnd, als er ihn sich um den Hals wand – und er trug immer noch jeden Tag die rote Mütze.
Ende Februar wurde ich vierzehn Jahre alt. Ich bekam wieder ein Geschenk von Logan, ein wunderschönes weißes Pulloverset, das Fannys dunkle Augen neidisch funkeln ließ. Am Tag nach meinem Geburtstag traf mich Logan nach der Schule am Ende des Bergpfades; von da an begleitete er mich jeden Tag bis zu der Waldlichtung vor der Hütte. Keith und Unsere-Jane faßten Zuneigung und Vertrauen zu ihm, während Fanny ihn die ganze Zeit mit ihren Reizen zu verlocken suchte, aber Logan schenkte ihr weiterhin keine Beachtung. Es war wunderbar, mit vierzehn Jahren verliebt zu sein, es machte mich so glücklich, daß ich am liebsten zugleich gelacht und geweint hätte.
Jetzt, da die Luft voller Liebe war, gingen die herrlichen Frühlingstage viel zu schnell vorüber. Ich wollte viel Zeit für die Liebe haben, aber Großmutter und Sarah nahmen mir unerbittlich die Zeit weg. Es mußte nicht nur gepflanzt werden, sondern auch andere Arbeiten warteten auf mich, die zu meinen Pflichten und nicht zu Fannys gehörten. Aber ohne unseren großen Gemüsegarten hinter der Hütte hätten wir uns nicht ausreichend ernähren können. Wir hatten Kohl, Kartoffeln, Gurken, Karotten, Wirsing im Herbst, Rüben und das beste von allem: Tomaten.
Sonntags freute ich mich darauf, Logan in der Kirche zu sehen. Wenn wir zusammen in der Kirche waren und er mir gegenüber in der Bank saß, so daß sich unsere Augen trafen und er mir viele stumme Botschaften sandte, dann vergaß ich einfach die verzweifelte Not, in der wir lebten. Logan schenkte uns mancherlei aus der Apotheke seines Vaters; es waren Kleinigkeiten, für ihn nichts besonderes, die uns aber entzückten, wie zum Beispiel eine Flasche Shampoo, Parfüm in der Sprühdose, Rasierer und Rasierklingen für Tom, dem auf seiner Oberlippe schon mehr als nur ein rotbrauner Flaum wuchs.
Wir hatten an einem Sonntagnachmittag ausgemacht, gemeinsam fischen zu gehen, obwohl Logan seinen Eltern nicht verraten hatte, wer seine Freunde waren. Ich hatte es schon an ihren versteinerten Gesichtern gemerkt, wenn wir uns gelegentlich auf den Straßen von Winnerrow trafen, daß sie es nicht gern sahen, wenn ich, oder sonst jemand aus der Casteel-Familie, etwas mit ihrem Sohn zu tun hatte. Ihre Einstellung schien Logan aber viel weniger auszumachen als mir. Ich wollte, daß sie mich mochten, und Logan wollte mich ihnen auch vorstellen, aber irgendwie gelang es ihnen immer wieder, dem aus dem Weg zu gehen.
Ich bürstete mir gerade die Haare und dachte dabei an Logans Eltern, während Fanny draußen im Hof Snapper, Vaters Lieblingshund, quälte. Sarah setzte sich schwerfällig neben mich und strich sich lange Strähnen ihres roten Haares aus dem Gesicht. »Bin so müd’. Die ganze Zeit schon so verdammt müd’«, sagte sie schließlich seufzend. »Und nie ist dein Vater zu Haus. Und wenn, dann sieht er gar nicht, in welchen Umständen ich bin.«
Ihre Worte durchfuhren mich wie ein Blitz. Was hatte Vater nicht bemerkt? Schnell wandte ich mich um und starrte sie an. Dabei wurde mir klar, daß auch ich sie nur selten wirklich betrachtete, sonst hätte ich es schon längst herausgefunden, daß sie schwanger war... schon wieder.
»Mutter!« rief ich. »Hast du’s Vater nicht erzählt?«
»Wenn er mich mal richtig anschauen würd’, hätt’ er’s ja wohl schon längst bemerkt, oder?« Helle Tränen des Selbstmitleids bildeten sich in ihren Augen. »Ein weiteres Maul zu stopfen ist ja wohl das letzte, was wir brauchen. Wird aber nu’ noch eins kommen, im Herbst. «
»Welcher Monat, welcher Tag?« rief ich, verzweifelt bei dem Gedanken an ein neues Baby, um das man sich wieder sorgen mußte, ausgerechnet jetzt, wo Unsere-Jane endlich zur Schule ging und nicht mehr ganz so viel Mühe kostete wie früher. Bei Gott, es war wirklich sehr aufreibend gewesen, zumal zwischen ihr und Keith nur ein Jahr Unterschied war.
»Hab’ die Tage nicht gezählt für’n Doktor. Geh’ auch zu keinem«, flüsterte Sarah heiser, als hätte das kommende Kind ihrer Stimme schon alle Kraft genommen.
»Mutter, du mußt es mir sagen, wann es kommt, damit ich hier bin, wenn du mich brauchst.«
»Hoffentlich hat’s schwarzes Haar«, murmelte sie geistesabwesend. »Ein dunkeläugiger Junge, wie ihn sich dein Vater wünscht –, ein Junge, der ihm ähnlich sieht. O Gott, bitte erhör mich diesmal und schenk Luke und mir ’nen Sohn, der sein Ebenbild ist. Dann kann er mich lieben, so wie er sie geliebt hat.«
Ihre Worte taten mir weh. Was hatte es für einen Sinn, wenn ein Mann so lange trauert – falls er wirklich trauerte –, und wann hatte er das Baby gemacht? Meistens wußte ich, was sie trieben; es war aber schon eine Ewigkeit her, daß die Federn in dem verräterischen Rhythmus gequietscht hatten.
Auf dem Weg zum See, wo wir mit Logan zum Fischen verabredet waren, erzählte ich niedergeschlagen Tom die Nachricht.
Kaum hatten wir Logan getroffen, da tauchte plötzlich Fanny zwischen den Bäumen auf. Sie schmiß sich an Logan, als wäre sie ein sechsjähriges Kind und kein zwölfjähriges Mädchen, das sich außerdem schon sehr schnell zu entwickeln begann. Logan mußte sie in die Arme nehmen, um nicht nach hinten zu kippen.
»Du siehst ja von Tag zu Tag besser aus«, flötete Fanny und versuchte, ihm dabei einen Kuß zu geben, aber Logan stellte sie wieder auf den Boden und schob sie beiseite. Dann kam er auf mich zu. Aber Fanny war an diesem Tag einfach überall; ihre laute Stimme ertönte aus allen Winkeln, sie verscheuchte die Fische und lenkte beständig die Aufmerksamkeit auf sich. Sie verdarb uns den ganzen Sonntagnachmittag, der uns sonst viel Spaß gemacht hätte, bis sie endlich, als es dämmerte, verschwand – keiner wußte wohin –, und Logan, Tom und mich mit drei winzigen Fischen zurückließ, bei denen es sich nicht lohnte, sie mit nach Hause zu nehmen. Logan warf sie wieder zurück ins Wasser, und wir sahen ihnen nach, wie sie davonschwammen.
»Bis nachher«, rief Tom, und schon eilte er davon und ließ mich mit Logan allein zurück.
»Was ist denn los?« fragte Logan, während ich unverwandt die untergehende Sonne anstarrte, die sich im Wasser in vielfältigen Rosa-Tönen widerspiegelte. Bald, dachte ich, würde sich alles dunkelrot verfärben, so rot wie das Blut, das Sarah bei der Geburt ihres neuen Babys verlieren würde. Die Erinnerung an vergangene Geburten gingen mir durch den Kopf. »Heaven, du hörst mir ja gar nicht zu.«
Ich wußte nicht recht, ob ich ihm etwas so Persönliches erzählen sollte, aber schließlich sprudelte es wie von selbst aus mir heraus. Ich konnte keine Geheimnisse vor ihm haben. »Ich habe Angst, Logan, nicht nur um Sarah und ihr Kind, sondern um uns alle. Wenn ich manchmal sehe, wie verzweifelt Sarah ist, dann weiß ich nicht, wie lange sie dieses Leben noch aushalten kann. Wenn sie geht – sie spricht immer davon, daß sie Vater verlassen will –, dann läßt sie mir das Baby zurück, um das ich mich dann kümmern muß. Großmutter kann nicht viel mehr tun als stricken und häkeln oder Decken zusammennähen.«
»Und dabei hast du schon so genug zu tun, ich verstehe, Heaven. Aber Heaven, du weißt doch, daß alles gut ausgeht. Hast du nicht heute die Predigt von Reverend Wise gehört, in der er gesagt hat, daß wir alle unser Kreuz tragen müssen. Und hat er nicht auch gesagt, daß uns der liebe Gott niemals eines auflädt, das zu schwer für uns ist?«
Ja, das hatte er gesagt, aber im Augenblick trug Sarah ein Kreuz, das eine Tonne wog, und ich konnte ihr kaum einen Vorwurf machen, wenn sie sich beklagte.
Langsam schlenderten wir zur Hütte und wollten uns nur ungern voneinander verabschieden. »Du wirst mich ja doch nie einladen... oder?« fragte Logan steif.
»Das nächste Mal... vielleicht.«
Er blieb stehen. »Ich möchte dich einmal mit nach Hause nehmen, Heaven. Ich habe es meinen Eltern schon erzählt, was für ein wunderbares und hübsches Mädchen du bist, aber sie müssen dich erst sehen, um mir zu glauben.«
Ich trat zurück, bedrückt über sein und mein Los. Warum ließ er sich nicht von der Armut und der Schande der Casteels abschrecken? In diesem Augenblick trat er plötzlich nah an mich heran, packte mich und gab mir einen flüchtigen Kuß auf den Mund. Die Berührung seiner Lippen und sein ungewohntes Aussehen im Dämmerlicht verwirrten mich. »Gute Nacht... und mach dir keine Sorgen, ich bin da, wenn du mich brauchst.« Mit diesen Worten rannte er den Pfad hinunter nach Winnerrow, zu den sauberen, hübschen Häusern. In einer dieser Straßen würde er die Treppen in die Wohnung über der Stonewall-Apotheke hinaufsteigen. Dort waren die Zimmer wohl hell und freundlich, es gab fließend Wasser und Toiletten mit Wasserspülung, wahrscheinlich zwei davon, und er würde mit seinen Eltern heute abend fernsehen. Ich starrte auf die Stelle, wo er gerade gestanden hatte und überlegte, wie es wohl wäre, wenn man in sauberen Zimmern mit einem Farbfernseher wohnte. Eines wußte ich sicher: Es war tausendmal besser als bei uns.
Wäre ich nicht in verliebte Gedanken wegen Logans Kuß versunken gewesen, dann wäre ich nicht so ahnungslos in die Hütte eingetreten und hätte mich über den Lärm um mich herum nicht gewundert.
Vater war daheim.
Er ging im kleinen Vorzimmer auf und ab und durchbohrte Sarah mit seinen Blicken. »Warum bist du schon wieder schwanger?« brüllte er und klatschte mit der geballten Faust gegen seine Handfläche; er drehte sich ruckartig um, boxte gegen die Wand, daß einige Tassen auf dem Regal zu Boden fielen und zerbrachen. Wir besaßen gerade genügend Tassen für uns alle und hatten keine einzige zu viel.
Vater war furchtbar in seinem Zorn – es war unheimlich, wie er mit seiner Kraft, die viel zu heftig für den kleinen Raum war, um sich hieb. »Ich arbeite Tag und Nacht, um dich und die Kinder über Wasser zu halten...« tobte er.
»Und du warst also nicht daran beteiligt, was?« kreischte Sarah. Das Band, das ihre langen roten Haare gewöhnlich zusammenhielt, hatte sich gelöst.
»Ich hab’ dir doch diese Pillen gegeben!« schrie er. »Ich hab’ gutes Geld dafür bezahlt und gehofft, daß du genügend Grips hast, die Anleitung zu lesen!«
»Ich hab’ sie genommen! Hab’ ich dir das nicht gesagt? Hab’ sie alle genommen und hab’ gewartet, daß du kommst, aber du bist nicht gekommen – und dann waren sie schon alle.«
»Willst du damit sagen, daß du alle auf einen Sitz geschluckt hast?«
Sie sprang auf, öffnete den Mund wie zum Reden, ließ sich aber statt dessen wieder auf den Stuhl – einen der sechs harten, unbequemen Stühle – zurückfallen. »Hab’s immer vergessen... dauernd vergess’ ich’s, da hab’ ich sie alle auf einmal geschluckt, um’s nicht zu vergessen!«
»Mein Gott«, stöhnte Vater. Wütend und empört funkelte er sie mit seinen schwarzen Augen an. »Dumm! Und ich hab’ dir noch die Anleitung vorgelesen!« Damit schlug er die Tür hinter sich zu, während ich neben Tom, der Keith und Unsere-Jane auf dem Schoß hatte, auf dem Boden saß. Unsere-Jane hatte ihr kleines Gesicht gegen Tom gepreßt, so wie sie es immer tat, wenn sich unsere Eltern stritten. Fanny lag zusammengerollt auf ihrer Schlafdecke, die Hände gegen ihre Ohren gepreßt und die Augen fest zugekniffen. Großmutter und Großvater saßen in ihren Schaukelstühlen und wippten hin und her, dabei starrten sie ausdruckslos in die Luft, so als hätten sie dies alles schon tausendmal gehört und würden es auch in Zukunft tausendmal wieder hören. »Luke kommt zurück und sorgt für dich«, versuchte Großmutter Sarah zu trösten. Sarah weinte noch immer. »Er ist’n guter Junge. Wenn er sein neues Baby sieht, verzeiht er dir.«
Sarah erhob sich stöhnend und machte sich daran, unser Abendessen vorzubereiten. Ich eilte auf sie zu, um ihr zu helfen. »Setz dich, Mutter, oder leg dich aufs Bett. Ich kann das Essen schon alleine herrichten. «
»Dank dir, Heaven... Muß aber was tun, um nicht nachzudenken. Hab’ ihn wahnsinnig geliebt. Mein Gott, hab’ ich Luke Casteel geliebt und so großes Verlangen nach ihm gehabt. Dabei hab’ ich’s weder ahnen noch erraten können, daß er nur sich selbst liebt.«
Nach dem Abendessen zischte Fanny mir etwas ins Ohr. »Ich werd’ das neue Baby hassen. Mutter ist zu alt für’n Baby... Ich muß jetzt mein eigenes Baby bekommen.«
»Das mußt du überhaupt nicht!« fuhr ich sie scharf an. »Fanny, du machst dir was vor, wenn du meinst, daß du mit einem eigenen Kind erwachsen und frei bist... Mit einem Baby hast du noch weniger Freiheit als jetzt. Also paß auf, was du mit deinen Freunden machst.«
»Du verstehst ja gar nichts davon. Passiert ja nicht zum erstenmal! Bist ja noch viel mehr ein Kind als ich, sonst wüßtest du, was ich meine.«
»Und was meinst du?«
Schluchzend klammerte sie sich an mir fest. »Weiß nicht... Ich will so viel, was wir nicht haben, daß es direkt weh tut. Es muß was für mich geben, daß ich ein besseres Leben führen kann. Hab’ keinen richtigen Freund wie du. Die Jungen lieben mich nicht so wie Logan dich. Heaven, hilf mir bitte, bitte hilf mir.«
»Ich helfe dir, ich helfe dir«, versprach ich. Wir hielten uns fest umschlungen.
Die Augusttage wurden viel zu schnell immer kürzer. Die letzten Wochen von Sarahs Schwangerschaft verliefen mehr oder weniger qualvoll – für sie wie für uns –, obwohl Vater jetzt öfter als zuvor zu Hause auftauchte und nicht mehr auf und ab ging und brüllte. Er hatte sich wohl mit der Tatsache abgefunden, daß Sarah vielleicht noch fünf oder sechs Kinder haben würde, bevor ihre Zeit um war.
Schwerfällig stolperte sie in der Hütte umher und hielt oft ihre roten, schwieligen Hände an die Wölbung ihres Bauches gepreßt, in der ihr fünftes Baby lag, das sie nicht mit besonders großer Freude erwartete. Sie murmelte entweder Gebete vor sich hin oder brüllte herum. Von der Liebenswürdigkeit, die Sarah in ihren besten Zeiten besessen hatte, war kaum mehr etwas zu spüren. Auf ihr ständiges Keifen, an das wir uns schon notgedrungen gewöhnt hatten, folgte jedoch etwas viel Schlimmeres – ein bedrückendes Schweigen.
Anstatt Vater und uns anzuschreien, bewegte sie sich nur mehr mit schlurfendem Gang wie eine alte Frau – und dabei war Sarah erst achtundzwanzig. Wenn Vater nach Hause kam, bemerkte sie ihn kaum, sie erkundigte sich nicht einmal, wo er gewesen war. Sie vergaß »Shirley’s Place«, und sie vergaß ihn zu fragen, ob er »sauberes« oder »schmutziges« Geld verdiente. Sie machte den Eindruck, als igele sie sich ein und kämpfe innerlich um eine Entscheidung.
Tag für Tag wurde Sarah stiller. Sie zog sich immer mehr in sich zurück und kümmerte sich immer weniger um uns. Es tat weh, keine Mutter mehr zu haben, besonders da Keith und Unsere-Jane sie so dringend gebraucht hätten. Ihre Augen wurden hart, wenn Vater ein- oder zweimal in der Woche kam. Er arbeitete in Winnerrow und hatte nun eine ehrliche Arbeit, aber sie weigerte sich, es zu glauben, so als würde sie nach einem Grund suchen, ihn zu hassen und ihm zu mißtrauen. Manchmal hörte ich, wie er Sarah von seiner Arbeit erzählte und dabei verlegen aussah, weil sie ihm keine Fragen mehr danach stellte. »Arbeit als Mädchen für alles, für die Kirche und für reiche Bankiersdamen, die ihre lilienweißen Hände nicht beschmutzen wollen.«
Tatsächlich verdiente sich Vater als Mädchen für alles bei den Reichen einige Dollars, und Sarah konnte eigentlich nichts dagegen haben. Vater konnte bei allen möglichen Arbeiten einspringen.
Unsere-Jane bekam Sarahs Depression mit, und es schien, als würde sie diesen Sommer noch öfter krank als sonst. Sie war es, die jede Erkältung bekam, die wir anderen ohne weiteres abschüttelten. Sie hatte Windpocken, und kaum waren die vorüber, bekam sie einen allergischen Ausschlag und weinte eine Woche lang Tag und Nacht – damit verscheuchte sie Vater, der mitten in der Nacht aufstand, um wieder einmal »Shirley’s Place« aufzusuchen.
Es gab aber auch Tage, an denen sich Unsere-Jane wohl fühlte. Wenn sie glücklich war und lächelte, gab es kein hübscheres Kind auf der Welt als Unsere-Jane, dann war sie die unumschränkte Herrscherin in der Hütte der Casteels. In der Tat, die Talbewohner erzählten sich immer, wie schön doch alle Kinder des grausamen, düsteren und aufbrausenden Luke Casteel geraten waren. Trotz seiner – in den Augen neidischer Frauen – nicht nur gewöhnlichen, sondern auch grobschlächtigen und ausgesprochen häßlichen Frau Sarah.
Eines Tages wollte Keith, der fast nie etwas verlangte, Wachsmalstifte haben. Die einzigen, die zu der Zeit vorhanden waren, hatte Fanny vor Monaten von Miß Deale bekommen – und Fanny hatte die Schachtel noch kein einziges Mal aufgemacht.
»Nein!« quäkte Fanny. »Keith bekommt meine funkelnagelneuen Wachskreiden nicht!«
»Borg ihm doch deine Wachsmalstifte, sonst redet er womöglich überhaupt nicht mehr«, bat ich sie. Ich hatte immer ein wachsames Auge auf meinen kleinen, stillen Bruder, der wie Großvater die Angewohnheit hatte, herumzusitzen und nicht viel zu tun. Trotzdem sah Großvater viel genauer als wir alle. Wie sonst hätte er jedes einzelne Härchen eines Eichhörnchenschweifes schnitzen können? Wer hatte schon solche Augen, die nicht nur sehen, sondern auch Wirklich beobachten konnten?
»Mir egal, wenn er nie wieder ein Wort spricht«, kreischte Fanny.
Daraufhin nahm ihr Tom einfach die Wachskreiden weg und gab sie Keith, während Fanny schrie und drohte, sich in den Brunnen zu schmeißen.
»Maul halten!« donnerte Vater, der eben zur Tür herein kam und seine streitenden Kinder sehen mußte. Er verzog das Gesicht, als bereite ihm das Gezeter große Kopfschmerzen.
»Hast sie gemacht, oder?« war Sarahs einziger Willkommensgruß. Dann preßte sie die Lippen zusammen und sagte kein Wort mehr. Vater sah sie zornig an und schleuderte unser Essen auf den blankgescheuerten Tisch. Ich kalkulierte schnell, wie lange die fünfzig Pfund Mehl, die zehn Pfund Schmalz in der Dose, die Säcke mit Feldbohnen und weißen Bohnen ausreichen würden.
Peng, die Haustür fiel ins Schloß. Bestürzt sah ich auf. Es war Vater, der mit langen Schritten auf seinen Lieferwagen zuging. Er war wieder fort.
Jedesmal, wenn Vater Sarah allein zurückließ, fügte sie entweder uns oder sich etwas Furchtbares zu. Trotzdem konnte ich manchmal verstehen, daß er nicht bleiben wollte. Es waren nicht nur wir Kinder, die an seinen Nerven zerrten, sondern er und Sarah gerieten sich auch ständig in die Haare. Sarah war ja nie besonders hübsch gewesen, aber nun hatte sie auch ihre Liebenswürdigkeit verloren.
Morgens war es jetzt schon ziemlich kalt. Die Eichhörnchen huschten hin und her und suchten Nüsse für ihren Wintervorrat. Tom half Großvater Holz zum Schnitzen zu sammeln; das war keine leichte Aufgabe, denn es mußte ganz bestimmtes Holz sein, das weder zu hart noch zu weich war und auch nicht splitterte. Eines Tages standen Vater und ich allein im Hof. »Vater«, begann ich stockend, »ich tue mein Bestes für die Familie... könntest du mir vielleicht ein wenig helfen... und auch mal ein nettes Wort sagen?«
»Hab’ dir schon gesagt, sollst mich in Ruh lassen!« Er warf mir einen durchdringenden Blick zu, bevor er mir wieder den Rücken kehrte. »Verschwinde, sonst bekommst du, was dir gebührt.«
»Was gebührt mir denn?« fragte ich ihn unverfroren, dabei erinnerten ihn meine Augen gewiß an all das, was er verloren hatte: Sie.
Wie kleine dunkle Miniatursoldaten hockten die Stare auf der Wäscheleine. Aufgeplusterte, verschlafene Vögel, die mit geschlossenen Augen die kommende Kälte erwarteten und auf den nächsten Sommer hofften. Bald würde oben in den Bergen Schnee fallen. Seufzend schichtete ich Brennholz. Ich wußte, daß es nicht genug war, um die Hütte warm zu halten. Die Axt steckte noch in einem Baumstumpf. Wenn ich noch ein Wort sage, haut er womöglich mit der Axt auf mich ein, dachte ich. So sagte ich lieber nichts mehr und begann, das Holz, das Vater gehackt hatte, ordentlich aufzustapeln.
»So«, sagte Vater zu Sarah, als sie an der Tür erschien, »das müßte ausreichen, bis ich wiederkomm’.«
»Wohin gehst du noch so spät?« fragte ihn Sarah, die sich ausnahmsweise die Haare gewaschen und etwas hübsch gemacht hatte. »Wird mächtig einsam für ’ne Frau hier so ganz alleine, Luke, ohne Mann und nur in Gesellschaft von alten Leuten und Kindern.«
»Bis bald!« rief Vater und lief eilig zu seinem Lieferwagen. »Hab’ ’nen Job bekommen. Wenn ich damit fertig bin, komm’ ich nach Haus und bleib’ die Nacht.«
Eine ganze Woche kam er nicht. Abends saß ich auf der Treppe zur Veranda und starrte in den düsteren, stürmischen Himmel. Bittere Gedanken bedrängten mich. Es mußte einen besseren Ort für mich geben als diesen. Irgendwo gab es einen besseren Ort. Eine Eule schrie, dann folgte das Heulen eines herumirrenden Wolfes. Die Nacht war von tausend Geräuschen erfüllt. Aus dem Norden kam der Herbstwind und jammerte und pfiff zwischen den Bäumen hindurch.
Ich betrachtete die Mondsichel, die von einer dunklen Wolke zur Hälfte verdeckt wurde; es war der gleiche Mond, der über Hollywood, New York City, London und Paris stand.
Ich fröstelte und hustete, aber ich wollte nicht in den überfüllten Raum zurückkehren und mich zwischen Fanny und Unsere-Jane legen. Tom und Keith schliefen neben Großmutter und Großvater auf dem Boden.
Während die anderen Familienmitglieder mehr oder weniger friedlich schlummerten, hörte ich das leise Schlurfen alter Füße, das sich langsam näherte. Mit rasselndem Atem, stöhnend und ächzend, setzte sich Großmutter neben mich auf die Treppe.
»Holst dir noch den Tod in der Nachtkälte. Glaubst wohl, deinem Vater tut es dann leid, aber wirst du in deinem Grab glücklich sein?«
»Großmutter, Vater soll mich nicht so verachten. Warum kannst du ihm nicht erklären, daß es nicht meine Schuld ist, daß Mutter gestorben ist?«
»Er weiß, daß es nicht deine Schuld ist, tief im Herzen. Aber wenn er’s zugibt, muß er sich selbst die Schuld geben, daß er ’n Mädchen wie sie geheiratet und in die Berge gebracht hat, die sie nicht gewöhnt war. Sie gab ihr Bestes, bei Gott, das kann man sagen. Seh’ sie noch vor mir, wie sie wäscht und schrubbt und ihre schönen, weißen Hände ruiniert. Und wie sie ihr Haar, eine wahre Pracht, nach hinten streift... Sie lief immer wieder zum Koffer hin, voller Töpfchen war er, und rieb sich mit Creme ein. Sie versuchte alles, um ihre Hände schön und jung zu erhalten.«
»Großmutter, du weißt, ich bring’ es nicht übers Herz, den Koffer aufzumachen und ihre ganzen schönen Sachen anzusehen. Was nützen diese Kleider hier oben, wo kein Mensch hinkommt? Aber neulich in der Nacht habe ich von der Puppe geträumt – sie war ich, und ich war sie. Eines Tages werde ich nach Boston fahren und die Familie meiner Mutter suchen. Ich will ihnen erzählen, was ihrer Tochter zugestoßen ist, das schulde ich ihnen. Sie nehmen sicherlich an, daß sie noch irgendwo lebt und glücklich ist.«
»Hast recht. Hab’ selbst nie dran gedacht, aber hast recht.« Sie umarmte mich flüchtig mit ihren alten, dünnen, kraftlosen Armen. »Du mußt nur wissen, was du willst, dann bekommst du’s schon, bestimmt.«
Für Großmutter war das Leben auf den Bergen härter als für uns alle. Niemand außer mir schien bemerkt zu haben, daß Großmutter das Aufstehen und Niedersetzen viel schwerer fiel als sonst. Oft hielt sie mitten im Gehen inne und preßte ihre Hand gegen das Herz. Manchmal wurde sie aschgrau im Gesicht und schnappte nach Luft. Es nützte nichts, wenn man ihr vorschlug, zu einem Arzt zu gehen; sie glaubte nicht an Ärzte und schon gar nicht an Medikamente, die sie sich nicht selbst aus Wurzeln und Kräutern, die ich für sie sammelte, zusammengebraut hatte.
Durch Sarahs grimmiges und düsteres Verhalten wurde jeder Tag zur Qual. Es sei denn, Logan und ich waren zusammen. Und dann eines schrecklichen Tages, die Sonne schien glühend heiß, fand ich ihn unten am Fluß, und Fanny hüpfte splitternackt vor ihm am Ufer hin und her! Lachend forderte sie ihn auf, sie zu fangen. »Und wenn du mich gefangen hast – bin ich dein, nur dein«, lockte sie ihn. Ich stand wie erstarrt und war über Fannys Verhalten entsetzt. Ich wartete jedoch ab, was er tun würde.
»Schäm dich, Fanny«, rief er ihr zu. »Du bist nur ein Kind, das eine gehörige Tracht Prügel verdient.«
»Dann fang mich doch und gib sie mir!« forderte sie ihn heraus.
»Nein, Fanny«, schrie er zurück, »du bist einfach nicht mein Typ.« Er drehte sich um und machte sich anscheinend auf den Weg nach Winnerrow. In diesem Augenblick trat ich hinter dem Baum hervor, der mich vor seinen Blicken versteckt hatte.
Er versuchte zu lächeln, sah jedoch ziemlich betreten aus. »Ich wünschte mir, daß du das nicht gesehen oder gehört hättest. Ich habe auf dich gewartet, als Fanny aufgetaucht ist. Sie hat sich einfach das Kleid vom Leib gerissen und nichts darunter angehabt... Es war nicht meine Schuld, ich schwöre es dir, bestimmt nicht.«
»Und das soll ich dir glauben?«
»Es ist nicht meine Schuld«, rief er wieder und wurde ganz rot im Gesicht.
»Ich weiß schon...« sagte ich kühl. Ich kannte Fanny ja. Und nach allem, was ich gehört hatte, mochten die Jungen lockere Mädchen, die gar nicht schüchtern und gehemmt waren, sondern so wie meine jüngere Schwester Fanny.
»He«, rief Logan und zog meinen Kopf näher zu sich. Meine Lippen waren den seinen nahe. »Dich will ich, du gefällst mir. Fanny ist vielleicht hübsch und herausfordernd... Mir ist es aber lieber, wenn die Mädchen etwas zurückhaltender sind. Und wenn es mir aus irgendeinem Grund nicht gelingt, dich zu heiraten, dann will ich von alledem sowieso nichts mehr wissen.«
Als er mich küßte, läuteten die Glocken. Ich hörte den zukünftigen Klang der Hochzeitsglocken. Mrs. Logan Grant Stonewall... das sollte ich sein.
Sarah begann jetzt, Selbstgespräche zu führen, als quäle sie ein Alptraum.
»Muß raus, muß raus aus dieser Hölle«, murmelte sie vor sich hin. »Nur Arbeit, essen, schlafen, und ich wart’ und wart’, daß er nach Hause kommt –«
Es war unübersehbar und quälend zu beobachten, wie Sarahs kleine Welt düsterer und hoffnungsloser wurde. Und meistens ließ sie ihre dumpfe Verzweiflung an mir aus. Eines Abends fiel ich erschöpft auf meine Schlafdecke und weinte leise Tränen in mein hartes Kissen. Großmutter hörte es und legte mir tröstend die Hand auf die Schulter.
»Schscht, wein nicht, Sarah mag dich ja, Kind. Dein Vater regt sie auf, aber du bist halt da, er nicht. Sie kann ihn ja nicht anschreien, wenn er gar nicht da ist, und hauen auch nicht – auch wenn er da wär’. Du kannst keinem Menschen mit Heulen und Schreien weh tun, der dich nicht liebt. Sie heult und schreit ja nun schon jahrein, jahraus, aber er hört es nicht, und es kümmert ihn nicht. Sie muß immer hier sein, also schlägt sie dich.«
»Warum hat er sie überhaupt geheiratet, wenn er sie nicht liebt, Großmutter?« schluchzte ich. »Nur damit ich eine Stiefmutter bekomme, die mich nicht mag?«
»Das weiß der Himmel, warum und wieso die Männer so sind, wie sie sind.« Die Großmutter atmete schwer. Sie drehte sich um und umarmte liebevoll Großvater, den sie Toby nannte. Mit einem Kuß und einem Streicheln über sein schrundig zerfurchtes Gesicht schenkte sie ihm mehr Liebe als wir alle zusammen. »Schau zu, daß du den Richtigen bekommst, so wie ich’s gemacht hab’, dann ist alles gut. Und wart’s ab, bis du alt genug bist und schon vernünftig. So fünfzehn.«
Wenn ein Mädchen aus den Bergen sechzehn Jahre alt geworden war und sich noch nicht verlobt hatte, dann wurde aus ihr höchstwahrscheinlich eine alte Jungfer.
»Jetzt flüstern sie wieder«, brabbelte Sarah und spitzte die Ohren hinter ihrem verwaschenen roten Vorhang, »und reden über mich. ’s Mädchen heult wieder. Warum bin ich zu ihr so gemein und nicht zu Fanny, die ja den ganzen Ärger macht? Oder zu Unserer-Jane oder Keith? Und vor allem, warum nicht zu Tom?«
Ich hielt den Atem an, weil Sarah mit dem Gedanken spielte, ihre Wut an Tom auszulassen.
Es war ein schrecklicher Tag, als Sarah Tom mit einer Peitsche schlug, als könnte sie sich dafür an Vater rächen, daß er nie zu ihr so gewesen war, wie sie es sich gewünscht hatte. »Hab’ ich dir nicht gesagt, du sollst in die Stadt gehen und Geld verdienen?«
»Aber Mutter! Keiner wollte mich anstellen. Viele Jungens haben einen elektrischen Rasenmäher, der die Blätter aufsaugt. Die brauchen keinen Burschen aus den Bergen, der nicht einmal einen Handrasenmäher hat!«
»Keine Ausreden! Ich brauch’ Geld, Tom, Geld!«
»Mutter... Morgen versuch’ ich’s wieder«, schrie Tom und hob seine Arme schützend vor sein Gesicht. »So verschwollen und blutig krieg’ ich doch nie ’n Job!«
Verstört blickte Sarah zu Boden – leider. Tom hatte nämlich vergessen, sich die Schuhe abzuputzen. »Hast wohl keine Augen im Kopf, was? Der Boden ist geputzt! Grad eben! Schau ihn dir jetzt an, völlig verdreckt!«
Patsch! Sie hieb mit ihrer schweren Faust mitten in Toms verblüfftes Gesicht, daß er gegen die Wand knallte, und ein Glas Honig, den wir gestohlen hatten und der oben auf dem Regal stand, fiel ihm auf den Kopf. Die klebrige Masse troff an ihm herunter.
»Dank dir, Mutter«, sagte Tom mit einem komischen Grinsen. »Jetzt kann ich so viel Honig schlecken, wie ich mag.«
»Ach, Tommy...« schluchzte sie und schämte sich nun doch. »Es tut mir ja leid. Weiß einfach nicht, was in mich gefahren ist...«
Es war September. Bald würden wir in die Schule zurückgehen, und Sarahs Baby konnte jetzt jeden Tag geboren werden. Sarah blieb, obwohl sie immer wieder drohte zu gehen, in der Hoffnung, daß sie Vater weh tun könnte, wenn sie ihm seinen dunkelhaarigen Sohn wegnahm. Vater blieb immer länger in der Stadt.
Eine Stunde verging wie die andere, furchtbare Stunden, zwar nicht ganz wie die Hölle, aber weit entfernt vom Paradies. Wir waren über den Sommer zwar merklich größer und erwachsener geworden, aber während Sarahs Kind ihren Bauch immer dicker werden ließ, wurden wir älteren dürrer, stiller und genügsamer.
Etwas Bedrohliches schien auf uns zuzukommen. Und oft wälzte ich mich die ganze Nacht hin und her. Wenn ich in der Frühe aufstand, hatte ich das Gefühl, daß ich keinen Augenblick geschlafen hatte.