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1.2.1 „Klassische“ redaktionskritische Studien
Оглавление„Jünger“ als „ekklesiologischer terminus“. Stanton spricht stellvertretend für die redaktionskritische Mt-Forschung zwischen 1945 und 1980, wenn er resümiert: „Matthew᾽s distinctive portrait of the disciples (including Peter) is very much part of his ecclesiological interest.“1 Spätestens seit Günther Bornkamm galt in der redaktionskritischen Mt-Forschung der Begriff „Jünger“ (ὁ μαθητής oder οἱ μαθηταί) als ein zentraler „ekklesiologischer terminus“, weil mit ihm nachösterliche Gemeindethemen wie z.B. „Nachfolge“ verbunden seien.2 Daher war es konsequent, wenn Bornkamm und einige andere Mt-Forscher der redaktionskritischen Pionierphase auf der einen Seite die Jünger im MtEv und auf der anderen Seite die adressierte mt Gemeinde als austauschbare Größen verstanden: mit „Jünger“ sei die mt „Kirche“ gemeint. Bornkamms ekklesiologische Deutung der Jünger teilten nicht nur seine eigenen „Schüler“ Gerhard Barth3 und Reinhart Hummel,4 sondern viele andere Mt-Forscher (dazu gleich mehr), z.B. Wolfgang Trilling, der in Das Wahre Israel: Studien zur Theologie des Matthäusevangeliums (1959) zum Ergebnis gelangte, dass mit „Jünger“ im MtEv der „ideale Jünger“ gemeint sei.5
Die „Zwölf (Jünger)“ als „typische“ Jünger der mt Gemeinde. Weder Bornkamm noch Barth, Hummel oder Trilling nahmen eine Unterscheidung zwischen den zwölf Jüngern bzw. Aposteln einerseits und den Jüngern andererseits vor:6 Laut Bornkamm sind die zwölf Jünger, die in Mt 9,35-11,1 ausgesandt werden, nicht mehr als „Jünger par excellence, Prototypen und Vorbilder auch der späteren Jüngerschaft“, sie sind v.a. Vorbilder für die Mission der Kirche.7 Weil für Barth die Gleichsetzung der Jünger mit der Kirche im Vordergrund steht, können s.E. weder die zwölf Jünger noch die Apostel einen besonderen Status oder eine besondere Funktion haben, die sie von den allgemeinen Jüngern abhebt.8 Und Trilling schlussfolgert, dass mit „Jünger“ kein Apostel oder eine andere historische Person gemeint sein könnte. Vielmehr gelte: „An vielen weiteren Stellen ist zu erkennen, daß Matthäus den engeren Kreis (bei Markus meist der ,Zwölf‘) als Typus und Paradigma für den wahren christlichen Jünger auffaßt.“9
Die „Zwölf (Jünger)“ als Inhaber und Vorbilder eines besonderen „Amtes“? In den 1970er Jahren rückten mehrere redaktionskritische Arbeiten bestimmte Begriffe des MtEv in den Fokus und diskutierten, ob diese Begriffe termini technici seien und als solche auf bestimmte Funktionen oder Ämter in der mt Gemeinde hinwiesen:10 Weisen z.B. Mt 5,12; 7,22f; 10,41; 23,34 auf Propheten in der mt Gemeinde hin, zu denen evtl. auch die Wundertäter und Exorzisten zählten? Das bejahen z.B. Hummel,11 Sand,12 Schweizer13 oder Künzel.14 Doch Trilling15 und Frankemölle16 verneinen das. Gab es z.B. aufgrund von Mt 8,19; 11,25; 13,52; 18,18; 23,8-12.34 Schriftgelehrte bzw. Lehrer, zu denen evtl. auch „Weise“ gehörten? Dem stimmen z.B. Hummel,17 Trilling,18 Sand,19 Schweizer20 oder Künzel21 zu. Frankemölle22 und van Tilborg23 hingegen lehnen das ab. Oder existierte – z.B. aufgrund von Mt 10,41 – eine bestimmte Gruppe von „Gerechten“? Das negiert z.B. Trilling,24 Schweizer jedoch ist sich diesbezüglich unsicher.25 Oder leiteten vielleicht Presbyter bzw. Älteste und außerdem Episkopen die Gemeinde? Das können sich z.B. Sand26 und Frankemölle27 nicht vorstellen. Ergänzend zu diesen Begriffen wurde v.a. aufgrund von Mt 16,17ff ein mögliches Petrus-Amt debattiert:28 Viele Forscher erkannten die herausragende Rolle des historischen Petrus an, der erstens die Schlüsselgewalt erhalten hatte (Stichwort „Disziplinarvollmacht“) und zweitens ein autoritativer Überlieferer der Jesuslehre war (Stichwort „Lehrvollmacht“). Und manche dieser Forscher erkannten gerade in seiner zweitgenannten Funktion seine bleibende Bedeutung für die mt Gemeinde. Doch es wurde stark bezweifelt, dass sich Petri heilsgeschichtliches Primat in einem Gemeindeamt fortgesetzt haben könnte, welches mit einer entsprechenden Autorität ausgestattet gewesen wäre. Die meisten sahen in Petrus stattdessen einen (proto-) typischen Jünger, einen primus inter pares, mit dem sich jedes Gemeindemitglied identifizieren sollte. Diese Position vertraten z.B. Kilpatrick,29 Hummel,30 Schweizer,31 Trilling,32 Bornkamm,33 Künzel,34 Kingsbury35 und bemerkenswerterweise auch Strecker36 und Walker.37 Frankemölle hingegen sah in Petrus tatsächlich die Gemeindeleiter angesprochen.38 Wenn nun im Zusammenhang der Frage nach Ämtern in der mt Gemeinde die zwölf Jünger bzw. Apostel in den Blick geraten, dann fällt die Bewertung relativ eindeutig aus: es gebe in der mt Gemeinde in Fortsetzung der zwölf Jünger kein entsprechendes Amt. Auf die Frage, ob sie im MtEv als (historisch vergangene) Autoritäten dargestellt werden, zumindest an wenigen Stellen, gibt es unterschiedliche Antworten: zu „Nein“ tendieren z.B. Hummel,39 Sand40 und Walker.41 Mit einem eingeschränkten „Ja“ hätte z.B. Trilling geantwortet: Laut Mt 10,2 seien die Zwölf „Apostel“ im dogmatischen Sinne, ähnlich wie im LkEv, nur dass der Evangelist Lk diese dogmatische Angleichung der Zwölf als „zwölf Apostel“ bewusst vornehme, während der Evangelist Mt die Angleichung voraussetze bzw. sie selbstverständlich finde, denn er übernehme den Ausdruck „zwölf Apostel“ aus einer ihm überlieferten Namenliste. Für die Selbstverständlichkeit spreche s.E. der Wechsel von 10,1 zu 10,2. Mt blicke aus einer historischen Distanz auf die Zwölf als Apostel zurück. Denn das aktuelle Interesse des Mt richte sich nicht auf das „Apostel-Sein“, sondern auf das Jünger-Sein der Zwölf.42 Ähnlich würde Schweizer darauf antworten: Einerseits zeige die Augen- und Ohrenzeugenschaft sowie die Thronverheißung 19,28 (jedoch nicht Mt 10) die hervorgehobene Rolle der Zwölf im MtEv. Andererseits seien die Zwölf hauptsächlich Vorbilder für alle Jünger.43
Die „Zwölf (Jünger)“ als „historisierte“ oder „transparent“ gemachte Personen? Im Zusammenhang der (zwölf) Jünger-Thematik verdient eine Debatte besondere Beachtung: auf der einen Seite steht Georg Strecker mit seiner These, dass Mt die Jünger „historisiert“ habe, und auf der anderen Seite steht Ulrich Luz mit seiner These, dass Mt die Jünger „transparent“ gemacht habe.44 Strecker hatte in Der Weg der Gerechtigkeit (1962)45 für drei heilsgeschichtliche Phasen im MtEv plädiert46 und im Hinblick auf die letzten beiden Phasen gefordert, dass man im MtEv zwischen der „heilsgeschichtlichen Vergangenheit und dem Verständnis der Gegenwart grundsätzlich differenzieren“ solle.47 Weil für den Redaktor die Zeit Jesu – und damit auch die Zeit seiner Jünger! – ein „einmaliger, unwiederholbarer, heiliger, idealer Abschnitt im Ablauf der Geschichte […]“ sei, seien die Jünger historisch von der eigenen Kirche distanziert einer heilsgeschichtlich einmaligen Vergangenheit zugeordnet.48 Für das „historisierende“ Vorgehen entdeckt Strecker mehrere Hinweise im MtEv, erstens im μαθητής-Begriff, zweitens in der Idealisierung der Jünger, drittens in ihrer Verkündigung und viertens in ihrer Augenzeugenschaft.49 Für die Frage nach dem Verhältnis zwischen den zwölf Jüngern im Speziellen und den Jüngern im Allgemeinen sind Streckers Überlegungen zum matthäischen μαθητής-Begriff besonders relevant:50 Mt gebrauche die Begriffe μαθηταί und δώδεκα synonym und historisiere dadurch die „Jünger“. Denn Matthäus verbinde in synoptisch einzigartiger Weise οἱ μαθηταί und οἱ δώδεκα (Mt 10,1; 11,1; 26,20). Der Wechsel beider Begriffe deute eine synonyme Gebrauchsweise an,51 und grenze somit die „Jünger“ auf die „Zwölf“ ein. Strecker überprüft seine These anhand folgender Belege, die der These entgegenstehen könnten: 1. Den Schriftgelehrten in 8,19 erkennt Strecker nicht als Jünger an. 2. Dagegen gehöre der „andere Jünger“ in 8,21 vielleicht sogar zum Zwölferkreis. 3. Der Begriff „Jünger“ in 10,24f sei tatsächlich allgemein gefasst und gehe also über die Zwölf hinaus, aber er sei vormatthäischen Ursprungs und falle im Gegensatz zu redaktionellen Veränderungen nicht ins Gewicht. 4. 10,42 sei möglicherweise redaktionell, wobei es dann möglich wäre, „um des Jüngers willen“ entweder auf die voraufgehende Gemeinde oder auf die ursprüngliche Ausrichtung der Rede an die Zwölf zu beziehen. Ein weiteres gewichtiges Argument für Streckers Annahme, dass der μαθητής-Begriff den „Zwölf“ vorbehalten sei, ist das Verb μαθητεύω (13,52; 27,57; 28,19), das Mt nach Streckers Verständnis nie auf die „Zwölf“ beziehe. Das sei bei seiner Vorlage, dem MkEv, noch anders gewesen, dort konnten mit „Jünger“ auch andere Personen als die Zwölf bezeichnet werden, z.B. wenn in Mk 3,13f die „Zwölf“ aus einem größeren Jüngerkreis berufen werden (vgl. 2,15f23; 3,9). Luz hatte in seinem einflussreichen Aufsatz „Die Jünger im Matthäusevangelium“ (1971) Streckers „Historisierungsthese“ kritisiert und ihr die „Transparenzthese“ entgegengestellt.52 Die Transparenzthese geht von nur zwei Phasen der Heilsgeschichte aus, wobei die Phase der Zeit Jesu und die seiner irdischen Jünger in eins fällt mit der Phase der Kirche. Luz meint, dass die Hinweise, die Strecker aus dem MtEv als Stützen für seine These heranzieht, anders gedeutet werden müssten. Luz leugnet, dass aus den identisch gebrauchten Begriffen μαθηταί und δώδεκα ein historisierendes Interesse des Mt abgeleitet werden dürfe.53 Gegen die Idealisierung der Jünger spreche z.B. die Kritik am Kleinglauben der Jünger, welcher aber nicht auf das Verstehen der Lehre Jesu bezogen sei, sondern allein auf das Vertrauen hinsichtlich der Person Jesu (im Gegensatz zu Markus).54 Und Luz betont transparente statt historisierende Aspekte in der Aussendungspassage (Mt 10).55 Er kommt zu dem Schluss, dass das Historisierende im MtEv nur darin liege: die Gemeinde sei auf die Lehre des historischen Jesus bezogen. Die Jünger seien zwar Begleiter des historischen Jesus, aber: „Gerade als Schüler des historischen Jesus werden die Jünger transparent, Typen für das Christsein überhaupt.“ Transparenz der Jünger bedeutet für Luz: „Gleichzeitig werden mit einer Gestalt der Vergangenheit. Die zeitliche Distanz wird übersprungen, aber offensichtlich nicht so, daß der historische Jesus einfach in den Geisterfahrungen der Gemeinde aufgeht.“56 Das gelte für jeden Jünger, auch für Petrus, der als Typus der Jünger verstanden werden müsse. Luz lässt offen, ob die Jünger eher für die Gemeindeleiter oder die Gemeindeglieder transparent sind, da beide Gruppen hinter verschiedenen Texten gesehen werden können. Er schlussfolgert daraus, dass diese Gruppen-Differenzierung im mt Verständnis irrelevant sei, und dass die Gemeindeleiter „in gleicher Weise Jünger, wie alle anderen Gemeindeglieder“57 seien. Die Transparenz-These untermauert Luz danach mit den Wundergeschichten58 sowie anhand drei kürzerer Beobachtungen: zum Substantiv ἀπόστολος, zum Verb μαθητεύω und den Begriffen ἀδελφός und μικρός (dazu s.u. mehr).59 Im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit interessiert insbesondere Luz᾽ erstes Argument (gegen Strecker), nämlich das Verhältnis von „Jünger“ und „Zwölf“:60 1. Weil Matthäus das markinische δώδεκα durch μαθηταί ersetze, jedoch niemals ein μαθηταί durch ein δώδεκα μαθηταί, liege Mt nicht viel an der Zwölfzahl der Jünger, sie sei für ihn vielmehr selbstverständlich. 2. Warum sonst komme δώδεκα bei Matthäus nur acht Mal vor, bei Markus hingegen elf Mal? 3. Die Tendenz, die Jünger mit dem Zwölferkreis gleichzusetzen, habe Matthäus bereits von Markus übernommen. 4. Wäre der Zwölferkreis von besonderem Interesse, dann hätte Matthäus ihn nicht erst in Mt 10,1 ganz selbstverständlich erwähnt, sondern wie Markus in Mk 3,13f von ihrer Konstituierung berichtet. 5. Wenn Matthäus beide Größen konsequent gleichsetzen wollte, dann hätte er in Mt 10,2ff die zwölf namentlich aufgelisteten Personen „Jünger“ genannt, und nicht „Apostel“.61 Luz kommt infolgedessen zum Ergebnis, dass Streckers These, dass Matthäus die Jünger historisiere, indem er sie in bewusster redaktioneller Arbeit mit den Zwölf gleichsetze bzw. identisch mache, nicht stimme. Man beachte, dass Luz ebenso wie Strecker davon ausgeht, dass die „Zwölf“ und die „Jünger“ im vorliegenden Text des MtEv „identisch“ – im Sinne von „völlig übereinstimmend, vollkommen gleich“62 – sind.63 Das bestätigt seine, den Gesamtbefund übergreifende, Deutung des Begriffs μαθηταί: „Mt 17,6 ist die einzige Stelle, wo mit μαθηταί eindeutig nicht der Zwölferkreis gemeint ist, sondern die 17,1 genannten Drei.“64 Allerdings deutet Luz die Gleichsetzung in die entgegen gesetzte Richtung wie Strecker: erstens interessiere sich der Redaktor nicht für diese Gleichsetzung, er habe sie lediglich aus seiner Tradition übernommen.65 Zweitens zeige sich in der redaktionellen Arbeit des Evangelisten eine entgegen gesetzte Tendenz: er habe nicht die allgemeinen „Jünger“ auf die historischen „zwölf Jünger“ beschränkt (Jünger → Zwölferkreis) und somit historisiert (so aber Streckers Behauptung), sondern er habe die „Zwölf“ in ihrem „Jünger-Sein“ dargestellt (Zwölferkreis → Jünger) und somit transparent gemacht. Luz’ Deutung ist also im Wesentlichen redaktionsgeschichtlich begründet. Anders gesagt: Die Zahl der irdischen Jesusjünger, die Mt für seine Gemeinde (und jeden Christen) transparent macht, ist tatsächlich auf die Zwölf beschränkt. Und nicht die Gleichsetzung von Jüngern und Zwölf vertieft Mt gegenüber dem MkEv, sondern die Transparenz der Zwölf durch den allgemeinen Begriff „Jünger“.66 Im Zusammenhang mit der Verhältnisbestimmung Jünger – Zwölf stehen drei weitere Beobachtungen, durch die Luz seine Transparenz-These gestützt sieht:67 1. Matthäus vermeide im Gegensatz zu Lukas den Begriff „Apostel“, weil sich die Gemeindeglieder besser mit dem Begriff „Jünger“ identifizieren könnten, da „Apostel“ historisch konkrete Personen bezeichne, die zudem in der nachösterlichen Zeit eine hervorgehobene Funktion gehabt hätten (man vergleiche dazu z.B. Apg, 2Kor 12). 2. Matthäus verwende drei Male das Verb μαθητεύω, das den gleichen Sinn habe wie das Substantiv μαθητής und deswegen mit „Jünger machen / werden“ übersetzt werden müsste, wodurch Mt die nachösterlichen Gemeindeglieder adressiere. 3. Matthäus verwende die allgemeinen, nicht auf spezifische historische Personen bezogenen Begriffe ἀδελφός und μικρός, die parallel und synonym zu μαθητής stehen.
Die „Zwölf (Jünger)“ als Vorbilder für Gemeindeleiter. Manche Matthäusforscher der 1970er Jahre, die ebenfalls redaktionskritisch arbeiteten und einer ekklesiologischen Lesart des Jüngerstoffs folgten, sahen in den Jüngern Gemeindeleiter widergespiegelt oder angesprochen. Sie betonten Hinweise des MtEv auf Positionen oder Beauftragungen, die mit einer bestimmten Form von Autorität verbunden sind: auf die Parallelen zu atl Propheten sowie zu Jesu vollmächtigem Wirken (z.B. Mt 10,5ff), desweiteren auf Begriffe wie „Schriftgelehrte“ (13,52; 23,34), „Propheten“ (10,41; 23,34) usw.68 Diese Hinweise bezogen sie auf die Jünger, und eben nicht auf Personen, die von den Jüngern zu unterscheiden wären. Z.B. arbeitete M. Jack Suggs in Wisdom, Christology, and Law in Matthew᾽s Gospel die besondere Bedeutung der Lehre in drei für Mt zentralen Jünger-Beauftragungen 28,18-20, 16,17-19 und 5,11-16 heraus. Und schlussfolgerte z.B. zu 5,11-16, dass die Jünger als Schriftgelehrte die primären Adressaten der Bergpredigt seien.69 Zwei bekannte Vertreter dieser These sind Raymond Thysman und Paul S. Minear, die sich sich auch zur Zwölfzahl der Jünger äußerten: Während Thysman die „Jünger“ kategorisch mit den Zwölf gleichsetzte (wie Strecker), gab es für Minear neben den Zwölf auch andere Jünger. Nichtsdestoweniger gebrauchte Minear beide Größen de facto austauschbar. Ähnlich wie Thysman ist Paul S. Minear zu verorten: er vertritt zuerst in seinem Aufsatz „The Disciples and the Crowds in the Gospel of Matthew“70 und später in seinem Kommentar Matthew: The Teacher’s Gospel71 die These, dass die Volksmengen für gewöhnliche Gemeindeglieder stünden und dass die Jünger für Gemeindeleiter transparent seien. Denn die Jünger bildeten eine qualitativ herausgehobene Leitergruppe: Jesus habe sie berufen, um sie zu seinen Nachfolgern als Exorzisten, Heiler, Propheten und Lehrer auszubilden.72 Außerdem seien die Jünger quantitativ begrenzt: Matthäus meine in 12,46-50 mit „Jünger“ die Zwölf (vgl. Mt 10),73 das gelte wohl auch für Mt 13,74 ebenso würden in Mt 18 die Zwölf adressiert.75 Dass Mt mit „Jüngern“ eine kleine Gruppe gemeint habe, belegen s.E. nicht nur die limitierte Platzzahl in einem Boot (8,23),76 sondern auch die Geschichten rund um Jesu Passion, wo ausdrücklich nur zwölf Jünger anwesend seien. Mit Gewissheit könne man bei den Perikopen zwischen 9,35 und 11,1 und zwischen 19,10 und 28,20 von der Zwölfzahl der Jünger ausgehen. Allerdings gebe es vier Fälle, in denen nicht Individuen des Zwölferkreises gemeint sein könnten: 8,21; 10,42; 27,57 und 28,19. In einigen anderen Fällen sei eine größere Gruppe gemeint (z.B. 12,19). Und in vielen anderen Fällen sei die Größe der Gruppe offen gelassen. Minear schlussfolgert daraus: „We infer that Matthew had no special fondness for the term Twelve nor for the special office of the apostle, a term which he used only once.“77 Das hindert Minear nicht, in den beiden genannten Publikationen die Jünger und die Zwölf pauschal als austauschbare Größen zu behandeln. Das passt zu seiner grundsätzlichen Verhältnisbestimmung beider Begriffe, die im Zusammenhang mit Mt 10 deutlich wird: „Most often he spoke of them [the Twelve; V.L.] simply as the disciples (about sixty times). In most instances where he used this simpler designation, Matthew had in mind the group of twelve to whom Jesus gave a special role as shepherds and physicians.“78 Kurz: Mt interessiere sich nicht besonders für die Zwölfzahl oder das Apostelamt, weil die Begriffe „Zwölf“ und „Apostel“ sehr selten auftauchen. Nichtsdestoweniger seien mit „die Jünger“ meistens (bis auf vier oder mehr Ausnahmen?) die Zwölf gemeint. S.E. werden die Jünger, die für die Gemeindeleiter stehen, nicht weiter ausdifferenziert. Raymond Thysman interpretierte im ersten Kapitel seines Buches Communauté et directives éthiques : La catéchèse de Matthieu79 die Funktionen der Jünger als pastoraler, missionarischer und schriftgelehrsamer Art, weswegen sie Prototypen eines Pastors seien.80 Die Volksmengen dagegen seien im MtEv positiv dargestellt81 und auf Lehre und Leitung angewiesen, weswegen sie für die Gemeindeglieder stünden. Die Gemeindeleiter seien die Erstadressaten der Lehre Jesu im MtEv, die dann Jesu Lehre den Gemeindegliedern, den Zweitadressaten, vermitteln sollten. Für diese zwei „Ebenen“ innerhalb der mt Gemeinde und innerhalb der Personengruppen des mt Evangeliums gibt es laut Thysman ein zentrales Argument:82 nämlich die Beschränkung der „Jünger“ auf eine kleine Schar: „[…] mais chez Marc et chez Matthieu, le titre de disciple conserve très généralement un sens technique et restreint.“83 Und dann etwas präziser zum Begriff „Jünger“: „Le mot revient 71 fois chez Mt. et désigne pratiquement chaque fois les membres du groupe des ,Douze‘ […].“84 Als mögliche Ausnahmen für einen Jüngerkreis, der über die Zwölf hinausgehen könnte, nennt Thysman die Stellen 8,12-22 und 12,46-50.