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2.2.2 Bestimmung der Referenten von μαθητής und μαθητεύω im MtEv

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Das Substantiv μαθητής sticht durch sein vergleichsweise häufiges Vorkommen von 72 Malen ins Auge.1 1a. Der Großteil der Vorkommen ist eine Kombination von μαθητής und einem Artikel (v.a. οἱ), oder einem possessiv gebrauchten Personalpronomen (es kommen alle drei Personen im Singular vor) oder dem Adjektiv πᾶς.2 1b. Einen weiteren Teil der Vorkommen bildet eine Kombination von μαθητής und den Zahlen δώδεκα oder ἕνδεκα oder δύο. Während diese beiden Kombinationsarten 1a und 1b eindeutig auf Jesu Jünger bezogen sind, bezieht sich eine dritte Kombinationsart auf andere Jünger: 2. Es gibt Jünger des Täufers Johannes und Jünger der Pharisäer (und evtl. Jünger der herodianischen Politik, vgl. 22,16). 3. Eine weitere Kombinationsart ist zwar inhaltlich in der Nähe der ersten Kombinationsart zu verorten, weil Jesus diese Worte spricht und sie indirekt auf seine eigenen Jünger bezieht. Αber diese Kombinationen bilden dennoch eine eigene Gruppe, weil sie sehr allgemein ein „normales“ Lehrer – Schüler-Verhältnis beschreiben.

Zu 1a: μαθητής + Artikel / + possessives Pronomen / + πᾶς. An allen diesen Stellen lässt der textuelle Kontext eindeutig erkennen, dass auf Jesu Jünger Bezug genommen wird.3 Eine weitere Spezifikation, wer genau jeweils mit „Jünger“ gemeint ist, wird meistens nicht vorgenommen. Für diese Spezifikation des Jünger-Begriffs ist die Entwicklung der verschiedenen Berufungen bis hin zur Liste der zwölf Jünger in Mt 10,2-4 zu beachten. Erstens Mt 5,1: Zum ersten Mal ist in 5,1 von „seinen Jüngern“ (οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ) die Rede. Sie werden vom Volk unterschieden (5,1; 7,28). Dass hier mit „Jünger“ zuallererst die Brüderpaare Petrus und Andreas sowie Jakobus und Johannes gemeint sind, weiß der Leser aufgrund der kurz vorher in 4,18-22 ereigneten Berufung dieser vier Männer.4 Diese Schlussfolgerung wird spätestens in 10,1-4 bestätigt, wo sie „Jünger“ genannt werden (vgl. auch 8,14f). Allerdings darf nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Personen sich bis zur Bergpredigt – etwa aufgrund Jesu Wirksamkeit in Galiläa (vgl. 4,23-25) – dem Jüngerkreis angeschlossen hatten. Nimmt man an, dass die Leserichtung von 4,18-22 über 5,1-7,28 hin zu 9,9-13 auch eine Zeitabfolge enthält, darf man annehmen, dass zumindest der Zöllner Matthäus (bis zu seiner Berufung in 9,9) nicht zu diesen „Jüngern“ gehört hat.

Zweitens Mt 8,19.21: Das zweite Vorkommen in 8,21 – ἕτερος δὲ τῶν μαθητῶν [αὐτοῦ]5 – gibt Anlass zur Diskussion. Nimmt man an, dass das textkritisch umstrittene Personalpronomen αὐτοῦ ursprünglich ist, dann wäre hier eindeutig auf einen Jünger Jesu verwiesen. Doch selbst wenn man annimmt, dass αὐτοῦ nicht ursprünglich sein sollte, dann würden diese Jünger höchst unwahrscheinlich einer anderen „Schule“ (z.B. der Pharisäer?) zugehören. Denn der Kontext spricht relativ deutlich für einen Jesusjünger.6 Unabhängig davon, wie man αὐτοῦ textkritisch bewertet:7 der Text legt die Deutung nahe, dass dieser „andere Jünger“ bereits vor seiner Bitte, vorher (d.h. laut ἀκολούθει μοι in V.22: bevor er Jesus nachfolgt) seinen Vater zu begraben, ein „Jünger“ war.8 Stimmt aber diese Deutung, dann hat Jesus ihn in V.22 zu einer anderen „Qualität“ von Jünger-Sein aufgefordert. Der wahrscheinlichste Unterschied zwischen den beiden Jüngerschaftsarten bestünde darin, dass die einen „sesshafte“ und die anderen „nicht-sesshafte“ Jünger sind.9 Doch unabhängig davon, ob diese Deutung und die Schlussfolgerung stimmen oder nicht: es bleibt offen, ob der „andere der Jünger“ Jesu Ruf gehorsam gefolgt war oder nicht, und wenn ja, ob er einer der Zwölf war. Doch im Zusammenhang von 8,21 lässt sich außerdem darüber streiten, ob die Formulierung ἕτερος δὲ τῶν μαθητῶν zum Ausdruck bringt, dass der vorher auftretende γραμματεύς (8,19) ebenfalls ein „Jünger“ ist. BA übersetzt ἕτερος mit „d. andere“ und gibt dazu zwei Bedeutungen an: 1. „Zahl“, wozu 1.a „v. zweien, e. bestimmte Person od. Sache e. andern entgegenstellend“ und 1.b „v. mehreren“ gehören. Bei 1.a findet sich unter α. „(irgend)ein anderer“ unsere Stelle Mt 8,21.10 Ebenso bei LN: ἕτερος in Mt 8,21 findet sich unter 58.37: „pertaining to that which is other than some other item implied or identified in a context“. Es wird dort mit „another of the disciples“ übersetzt. Die zweite Bedeutung von ἕτερος ist laut BA: „ein anderer, andersartiger v. vorhergehenden äußerlich od. innerlich verschiedener“.11 Dem entspricht bei LN ἕτερος unter 58.36: „pertaining to that which is different in kind or class from all other entities.“ Würde man in Bezug auf das Vorkommen in 8,21 von der zweitgenannten Bedeutung bei BA und LN ausgehen, also entgegen ihrer Zuordnungen, dann wäre die Person „andersartig“ oder „verschieden“. Hierbei wäre zu überlegen, was die Vergleichsgröße der „Andersartigkeit“ bzw. „Verschiedenheit“ sein könnte: unterscheidet sich diese Person vielleicht von den anderen, den „üblichen“ Jüngern? Dafür könnte die unmittelbar folgende Genitivkonstruktion τῶν μαθητῶν sprechen. Die Andersartigkeit würde also in der „Qualität“ bzw. in der Art und Weise der Jüngerschaft bestehen. Dafür könnte man nicht nur die Parallele zu 8,19f, sondern auch 8,21f anführen: er möchte zuerst seinen Vater beerdigen und erst danach Jesus nachfolgen. Jesus dagegen beabsichtigt mit seiner Antwort in V.22 die Prioritäten dieses Mannes in seinem bisherigen Jünger-Sein zu verändern. Zwar ist es bei dieser zweitgenannten lexikalischen Bedeutung „andersartig“ zwar nicht wahrscheinlich, aber dennoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen, dass der γραμματεύς in V.19 einer der „üblichen“ „Jünger“ war, möglicherweise sogar als Beispiel eines typischen Jüngers funktionieren soll. Dann aber wäre durch einen Vergleich von V.19f und V.21f neu festzustellen, worin genau die Andersartigkeit besteht: ist z.B. einer der beiden ein „besserer“ Jünger als der andere?12 Aber: sowohl BA als auch LN ordnen ἕτερος in 8,21 der anderen lexikalischen Bedeutung zu. BA der ersten Bedeutung „Zahl“, konkret unter 1b. „v. mehreren“. Für ἕτερος als Zahl spricht m.E. insbesondere, dass in 8,19 mit εἷς ebenfalls eine Zahl vorkommt, die bezeichnenderweise unmittelbar vor γραμματεύς steht: ein Schriftgelehrter kommt zu Jesus. Diese Kombination von εἷς und ἕτερος hat die Funktion zwei Elemente zusammen- bzw. einander gegenüber zu stellen:13 der eine Schriftgelehrte und der andere von den Jüngern (vgl. zu dieser Kombination 6,24; hier austauschbar auf Gott oder Mammon bezogen). Zieht man außerdem Lk 18,10 und Apg 23,6 als Parallelen hinzu, könnte man schlussfolgern, dass in 8,19.21 auf der einen Seite der Schriftgelehrte steht und auf der anderen Seite einer der Jünger. ἕτερος könnte man dann theoretisch durch ein zweites εἷς ersetzen (so z.B. in 20,21; das entspräche der Konstruktion ὁ μέν – ὁ δέ). Demnach würde der Schriftgelehrte nicht ebenfalls zu den Jüngern gehören. Diese Deutung ist zwar möglich, aber weniger wahrscheinlich. Denn wenn man wie BA – m.E. zu Recht – ἕτερος in 8,21 als Zahl deutet, nämlich als Bezeichnung des zweiten Elements, was sich z.B. durch „der Zweite“ übersetzen ließe, dann besteht die Möglichkeit, dass die Genitivkonstruktion τῶν μαθητῶν nicht nur auf das zweite Element („der Zweite der Jünger“), sondern auch auf das erste Element bezogen ist („der Erste der Jünger“). Diese Lesart, dass auch der Schriftgelehrte einer der Jünger war, wirkt „natürlicher“.14 Allerdings werden neben grammatischen auch einige inhaltliche Argumente gegen die Deutung, dass auch der Schriftgelehrte ein Jünger sei, angeführt. Erstens: im MtEv sei die Haltung der Schriftgelehrten Jesus gegegenüber meistens negativ. Das trifft zwar zu, aber obwohl der Wunsch des Schriftgelehrten, Jesus überallhin nachzufolgen, den Leser überraschen und zunächst stutzig machen mag, gibt es im näheren Kontext keine stichhaltigen Indizien dafür, auch nicht in Jesu Antwort V.20, dem Schriftgelehrten „falsche“ Motive zu unterstellen. Eine negative Bewertung der Figurengruppe „Schriftgelehrte“ darf nicht dazu führen von vornherein auszuschließen, dass Einzelpersonen von der Mehrheit abweichen können.15 Zweitens können die inhaltlichen Unterschiede zwischen V.19f und V.21f gegen das Jünger-Sein des Schriftgelehrten angeführt werden: zunächst die Anrede διδάσκαλε (so der Schriftgelehrte in V.19) statt κύριε (so der andere Jünger in V.21),16 und dann Jesu Aufforderung ἀκολούθει μοι an den „anderen der Jünger“ in V.22, die hingegen beim Schriftgelehrten fehlt.17 Aber das Fehlen von Jesu Aufforderung ist wenig aussagekräftig. Denn selbst wenn Jesus den Schriftgelehrten nach dem Hinweis auf die Heimatlosigkeit berufen hätte, wüsste man dennoch nicht, ob der Schriftgelehrte die Berufung angenommen hätte.18 Stärker ist das Argument, dass die Anrede Jesu mit διδάσκαλε meistens von „verdächtigen“ Personen ausgeht, nämlich von: Pharisäern (9,11; 12,38; 22,3619), Schriftgelehrten (12,38), Eintreibern der Doppeldrachme (17,24), dem reichen Jüngling (19,16), Herodianern (22,16) und Sadduzäern (22,24).20 Häufig leitet diese Anrede Jesu (kritische) Fragen zu Lehrthemen ein.21 Doch dieses Gegenargument kann relativiert werden. Erstens: Jesus selbst betrachtet sich als διδάσκαλος: in 10,24f redet er zwar allgemein von einem Lehrer – Schüler-Verhältnis, aber im Zusammenhang der Aussendungsrede ist das auf ihn und die zwölf Jünger bezogen; in 23,8 stellt er sich als exklusiver Lehrer seiner Jünger dar, und in 26,18 sollen die Jünger ihn so bei demjenigen vorstellen, der ihnen den Raum für das Passahmahl zur Verfügung stellt. Zweitens: Dass Jesus ein „Lehrer“ ist, geht nicht nur aus diesen Stellen hervor: der Evangelist bezeichnet Jesu Tätigkeit als „lehren“, das Volk erkennt es als solches an und die Pharisäer und Herodianer sind sich dessen ebenso bewusst.22 Demnach ist es nicht ungewöhnlich, dass gerade ein „Schriftgelehrter“ Jesus als διδάσκαλε anredet. Einerseits sieht der Schriftgelehrte in Jesus einen „Fachkollegen“. Andererseits ist Jesus für ihn mehr als das, da er Jesus überall hin nachfolgen, also gewissermaßen in Jesu „Schule“ gehen, möchte. Außerdem sei darauf hingewiesen, dass an 13,51f deutlich wird, wie Jesus „Schriftgelehrsamkeit“ in seinem Jüngerkreis nicht nur toleriert, sondern positiv würdigt (vgl. auch 23,34).23 Und zu κύριος ist zu sagen: Die Bezeichnung κύριος beschreibt im MtEv, dass eine Person „Herr-schaft“ über eine andere Person oder eine bestimmte Sache hat, wobei die Anrede κύριε den eigenen Gehorsam dem Herrn gegenüber normalerweise impliziert.24 Nichtsdestoweniger zeugt diese Anrede eben nicht immer nur von einer richtigen Einsicht und lobenswerten Einstellung zum „Herrn“.25 Man kann als Fazit zu 8,19.21 festhalten: erstens spricht der sprachliche Befund etwas stärker dafür, dass auch der Schriftgelehrte ein Jesusjünger war. Zweitens gibt es keine zwingenden inhaltlichen Gegenargumente. Doch selbst wenn dieses Fazit zum Schriftgelehrten stimmt und er tatsächlich ein „Jünger“ war, so lässt der Text dennoch zwei Fragen unbeantwortet: war der Schriftgelehrte schließlich Jesus in eine heimatlose Jünger-Existenz gefolgt oder nicht? Und wenn ja: gehörte der Schriftgelehrte vielleicht zum Zwölferkreis?

Drittens Mt 8,23; 9,10.11.14.19.37: Die folgenden fünf „seine Jünger“ (8,23; 9,10.11.19.37) sowie das einmalige „deine Jünger“ (9,14) verweisen stets im allgemeinen Sinne auf konkrete Personen, die zu Jesus gehören und unterschiedliche Dinge tun. Doch wer genau gehört dazu? Während in 8,23 der Zöllner Matthäus noch nicht dabei ist, ändert sich das ab 9,10. Einerseits gibt es bis einschließlich Mt 9 keinen eindeutigen Beleg dafür, dass eine Person als „Jünger“ Jesu bezeichnet worden war, die außerhalb des späteren Zwölferkreises steht.26 Andererseits darf dieser Befund nicht als Beleg dafür gedeutet werden, dass mit μαθητής nur Personen des späteren Zwölferkreises gemeint waren. Insbesondere die Mehrdeutigkeit von 8,19 und 8,21 sollte verhüten, den Ausdruck μαθητής personell (zu) genau zu füllen.

Viertens Mt 10,1: Eine wichtige Rolle spielt die Frage, ob die „Institution“ Zwölferkreis erst in 10,1 ins Leben gerufen wurde oder schon vorher bestand. Das soll an der entsprechenden Stelle diskutiert werden.27

Fünftens Mt 10,2-4ff: Mt 10 markiert einen wichtigen Einschnitt für das Verständnis von „Jünger“ innerhalb des MtEv, weil hier in 10,2-4 zwölf Personen namentlich aufgelistet und diese Zwölf unmittelbar vorher und nachher als „seine zwölf Jünger“ (10,1: τοὺς δώδεκα μαθητὰς αὐτοῦ; 11,1: τοῖς δώδεκα μαθηταῖς αὐτοῦ) bezeichnet werden. Deswegen gibt es für die Formulierungen „seine Jünger“ und „die Jünger“ nach Mt 10 im Unterschied zu den ersten neun Kapiteln einen Informationsgewinn, weil man statt vier oder fünf nun zwölf Jünger Jesu namentlich kennt. Wenn nun ab Mt 11 allgemein von „den Jüngern“ Jesu, „seinen“, „deinen“, „meinen“ oder „allen“ Jüngern die Rede ist, dann darf man zumindest an diese Zwölf denken (so wie man ab 4,18-22 bis 9,9 beim Ausdruck „seine Jünger“ zumindest an die beiden Bruderpaare denkt). Aber: Obwohl auch nach Mt 10 keine Person mit dem Substantiv μαθητής bezeichnet wird, die nicht zum Zwölferkreis gehört, darf man daraus nicht schlussfolgern, dass dieses Fehlen ein Beweis dafür wäre, dass mit „Jünger“ immer ausschließlich der Zwölferkreis als Ganzes oder einzelne Glieder des Zwölferkreises gemeint sind. Denn diese Formulierungen behalten ihren allgemeinen Charakter. Dass man bei diesen Formulierungen nicht immer und nicht nur an den Zwölferkreis als Ganzes denken darf, belegen drei wichtige Passagen. Erstens: Besonders beachtenswert ist 17,1-20: in 17,6.10.13 wird mit „die Jünger“ (v.a. aufgrund der rahmenden Verse 1 und 14a) eindeutig nur auf drei der zwölf Jünger Bezug genommen wird, Petrus und die Zebedaiden. Und wenn dann in V.16 der Vater des mondsüchtigen Jungen an Jesus gerichtet sagt: καὶ προσήνεγκα αὐτὸν τοῖς μαθηταῖς σου, dann impliziert das, dass das in Abwesenheit Jesu und der drei genannten Jünger geschehen war (entsprechend dazu οἱ μαθηταί in V.19). D.h.: In V.16 ist mit τοῖς μαθηταῖς σου und in V.19 mit οἱ μαθηταί nur ein Teil des Zwölferkreises gemeint. Zweitens: Genau der gleiche Fall liegt in 26,36-46 vor: im Garten Gethsemane kehrt Jesus jeweils von seinem Gebet zu πρὸς τοὺς μαθητάς (26,40.45) zurück, womit der Evangelist laut V.37 die bekannten Drei des Zwölferkreises meint. Drittens: Dass mit „die Jünger“ auch ein Teil der Jüngerschar (nicht notwendigerweise des Zwölferkreises!) bezeichnet werden kann, belegt 21,6 (οἱ μαθηταί), womit zurück auf die δύο μαθητάς aus V.1 verwiesen wird (s.u. zu Zahlen).

Zu 1b: μαθητής + δύο / + ἕνδεκα / + δώδεκα. Auffallend sind die Kombinationen von μαθητής und den Zahlen δώδεκα, ἕνδεκα und δύο. Erstens μαθητής + δώδεκα: Man beachte zunächst die Formulierungen „seine zwölf Jünger“ in Mt 10,1 (τοὺς δώδεκα μαθητὰς αὐτοῦ) und 11,1 (τοῖς δώδεκα μαθηταῖς αὐτοῦ), die eindeutig auf die zwölf namentlich aufgelisteten Personen bezogen sind (10,2-4). Ob der Evangelist in 20,17 ursprünglich τοὺς δώδεκα oder τοὺς δώδεκα μαθητάς schrieb, ist textkritisch umstritten. Eigentlich gehört auch die Textstelle 26,26 zu der Kombination von μαθητής und δώδεκα: zwar heißt es dort nur, dass er „den Jüngern“ (τοῖς μαθηταῖς) das Passahbrot gab, aber laut 26,20 lag Jesus „mit den Zwölf“ (μετὰ τῶν δώδεκα) zu Tisch. Ob laut 26,17.19 (jeweils οἱ μαθηταί) alle Zwölf, Einzelne der Zwölf, oder gar Personen außerhalb der Zwölf das Passahmahl vorbereiten sollten, bleibt aber offen. Zweitens μαθητής + δύο. Zur Vorbereitung seines Einzugs nach Jerusalem hatte Jesus laut 21,1 „zwei Jünger“ (δύο μαθητάς) geschickt, sie sollten ein Eselfohlen holen. Interessant ist, dass auf diese beiden Jünger zurückverwiesen wird, wenn es in 21,6 heißt, dass „die Jünger“ (οἱ μαθηταί), also ohne die Anzahl der Jünger wiederholend zu nennen, hingingen, um Jesu Anweisungen umzusetzen. Die genaue Identität der beiden Jünger in 21,1-7 bleibt unklar. Drittens μαθητής + ἕνδεκα: Zuletzt ist die Formulierung „aber die elf Jünger“ (Οἱ δὲ ἕνδεκα μαθηταί) in 28,16 zu nennen: damit wird indirekt auf den Zwölferkreis verwiesen, da das Zwölferkreis-Mitglied Judas sich zuvor erhängt hatte (27,3-6). Ob aber bereits in 28,7.8 (jeweils τοῖς μαθηταῖς αὐτοῦ) nur die elf Jünger gemeint waren, ist nicht eindeutig (vgl. II,4.1.1).

Zu 2: μαθητής + Johannes / + Pharisäer / + Herodianer. Erstens μαθητής + Johannes: Besonders bemerkenswert ist, dass in Mt 9,14 οἱ μαθηταὶ Ἰωάννου Jesus nach dem Grund für das Nicht-Fasten seiner Jünger befragen. Dies wird sich in Mt 11,2 insofern wiederholen, als dass Johannes „durch seine Jünger“ (διὰ τῶν μαθητῶν αὐτοῦ) Jesus fragen lässt, ob er der „Kommende“ sei. Ebendiese „seine Jünger“ (οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ) holen dann in Mt 14,12 den Leichnam des Johannes. Zweitens μαθητής + Pharisäer (evtl. + Herodianer): In 22,16 schreibt der Evangelist über die Pharisäer: καὶ ἀποστέλλουσιν αὐτῷ τοὺς μαθητὰς αὐτῶν μετὰ τῶν Ἡρῳδιανῶν. Zunächst sollte man festhalten, dass der Evangelist Mt auch die „Anhänger“ der Partei der Pharisäer „Jünger“ nennt.28 Desweiteren könnte man theoretisch zwischen μετά und τῶν Ἡρῳδιανῶν eine elliptische Auslassung annehmen und diese „Lücke“ aufgrund des vorangehenden μαθητὰς αὐτῶν mit τῶν μαθητῶν auffüllen. In diesem Fall hätte Herodes (und die zu ihm gehörige Elite) ebenfalls „Jünger“.29 Allerdings fehlt zwischen μετά und τῶν Ἡρῳδιανῶν kein grammatisch notwendiges Satzglied, so dass es nicht zwingend ist, dort „Jünger“ hineinzulesen.

Zu 3: Ein unbestimmter μαθητής. Die folgenden drei Vorkommen von „Jünger“ beziehen sich nicht direkt auf konkrete Personen (vgl. zum Folgenden II,1.2). Erstens Mt 10,24f: Die ersten beiden Vorkommen „(ein) Jünger“ (10,24: μαθητής) und „dem Jünger“ (10,25: τῷ μαθητῇ) sind Teil der Aussendungsrede Jesu 10,5-42. Jesus adressiert darin die zwölf Jünger (10,1; 11,1), die er im unmittelbaren Kontext von 10,24f direkt anredet (man beachte ὑμᾶς in V.23 und Μὴ οὖν φοβηθῆτε in V.26). Die Propositionen Οὐκ ἔστιν μαθητὴς ὑπὲρ τὸν διδάσκαλον und ἀρκετὸν τῷ μαθητῇ ἵνα γένηται ὡς ὁ διδάσκαλος αὐτοῦ klingen wie allseits bekannte Regeln über ein normales bzw. ideales Lehrer – Schüler-Verhältnis. Diese Regel dürfte im Zusammenhang von 10,16-39 die semantisch-kommunikative Funktion einer Erklärung für die Verfolgungssituation der Schüler bzw. Jünger Jesu einnehmen. Zweitens Mt 10,42: im Ausdruck „im Namen eines Jüngers“ (εἰς ὄνομα μαθητοῦ) ist „Jünger“ ebenfalls allgemein formuliert, wobei es aber keine allseits bekannte Norm widergibt wie die beiden ersten Vorkommen. Zwar werden zunächst in V.40a die zwölf Jünger adressiert (man beachte ὑμᾶς), aber die Verse 41 und 42 sind grundsätzlich formuliert, nach dem Prinzip einer Verheißung „wer das tut, dem geschieht das“.

Schließlich ist zu fragen, auf wen das Verb μαθητεύω bezogen ist? Beim ersten Mal ist μαθητεύω auf einen „Schriftgelehrten“ bezogen (Mt 13,52): διὰ τοῦτο πᾶς γραμματεὺς μαθητευθεὶς τῇ βασιλείᾳ τῶν οὐρανῶν […]. Die einzige Bedingung bzw. Qualifizierung ist, dass er ein „Jünger des Himmelreichs geworden ist“. Interessanterweise ist der Schriftgelehrte kein Jünger Jesu geworden, sondern ein Jünger des Himmelreichs. Dennoch kommuniziert diese Formulierung, dass der Schriftgelehrte dadurch (indirekt) ein Jünger Jesu wird. Diese einzigartige Kombinationsart erklärt sich nämlich dadurch, dass es ein Bestandteil der Gleichnisrede ist, bestehend aus diversen Gleichnissen zum „Himmelreich“. Und laut 13,10-17 ist es ausschließlich Jesu Jüngern gegeben, die Himmelreich-Gleichnisse zu wissen und zu verstehen. Folglich gehört auch der Schriftgelehrte aus 13,52 zu diesen Jüngern.30 Das Adjektiv πᾶς macht zwar deutlich, dass keine bestimmte Person mit „Schriftgelehrter“ gemeint ist, auch kein „Schriftgelehrter“ aus dem Zwölferkreis, aber es verbindet dennoch beide Konzepte „Schriftgelehrter“ und „Jünger“ miteinander (s.o. zu 8,19.21). Denn dadurch, dass Jesus seinen Jüngern die Geheimnisse des Himmelreichs durch seine Erläuterungen aufdeckt (13,10-17.18-23.36-43), gleichen indirekt auch sie einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Altes und Neues hervorholt. In diesem Lehrkontext könnte es legitim sein, statt „Jünger“ den spezielleren Begriff „Schüler“ zu wählen. Das zweite Verb ist auf Joseph von Arimathäa bezogen (27,57): ὃς καὶ αὐτὸς ἐμαθητεύθη τῷ Ἰησοῦ. Dieser Mann, der „ein Jünger Jesu geworden war“, war mit Sicherheit kein Mitglied des Zwölferkreises, sondern – gemäß dem, was man allein aus dem MtEv schließen kann – ein ansonsten Unbekannter, der reich war und möglicherweise gute politische Kontakte hatte, da er sich Zutritt zu Pilatus verschaffen konnte. Das dritte Verb ist dagegen wieder auf eine allgemeine und unspezifische Menschenmenge bezogen (28,19): πορευθέντες οὖν μαθητεύσατε πάντα τὰ ἔθνη […]. Die elf Jünger sollen andere Menschen „zu Jüngern machen“. Auffallend ist, dass die Herkunft der zukünftigen Jünger international ist: sie stammen potentiell aus allen Völkern.

Die zwölf Jünger Jesu

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