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Sechstes bis zehntes Bändchen
Fünftes Kapitel.
Die Register der Gefängnisse

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Einen Tag, nachdem die von uns erzählte Szene auf der Straße von Bellegarde nach Beaucaire Vorgefallen war, erschien ein Mann von dreißig bis zwei und dreißig Jahren in blauem Frack, Rankinbeinkleidern und weißer Weste, mit britischer Tournure und britischem Accent, bei dem Maire von Marseille und sprach:

»Mein Herr, ich bin der erste Commis des Hauses Thomson und French in Rom; wir stehen seit zehn Jahren in Verbindung mit dem Hause Morrel und Sohn in Marseille, haben uns hierbei auf etwa hunderttausend Franken eingelassen, und sind nicht ganz ohne Unruhe da man behauptet, dieses Haus sei seinem Ruin nahe. Ich komme daher ausdrücklich von Rom, um mir von Ihnen Auskunft über Morrel und Sohn zu erbitten.«

»Mein Herr,« antwortete der Maire, »ich weiß bestimmt, daß seit Vier bis fünf Jahren das Unglück Herrn Morrel zu Verfolgen scheint: er hat hinter einander vier Schiffe verloren und drei Bankerotte erlitten; aber obgleich ich selbst sein Gläubiger für ein Dutzend tausend Franken bin, geziemt es mir doch nicht, irgend eine Auskunft über den Zustand seines Vermögens zu geben. Fragen Sie mich als Maire, was ich von Herrn Morrel denke, so antworte ich Ihnen, er sei ein streng rechtlicher Mann und habe bis jetzt alle seine Verbindlichkeiten äußerst pünktlich erfüllt. Das ist Alles, was ich Ihnen sagen kann, mein Herr. Wollen Sie mehr wissen, so wenden Sie sich an Herrn von Boville, Inspector der Gefängnisse, Rue de Noailles Nro. 15; er hat, so viel ich weiß, zweimal hunderttausend Franken bei dem Hause Morrel angelegt, und wenn wirklich etwas zu fürchten wäre, so würden Sie ihn, da diese Summe beträchtlicher ist, als die meinige, wahrscheinlich über diesen Punkt besser unterrichtet finden, als ich es bin.«

Der Engländer schien diese Zartheit zu würdigen, grüßte, verließ den Maire, und wanderte mit dem den Söhnen Großbritanniens eigenthümlichen Gange nach der bezeichneten Straße. Herr von Boville war in seinem Cabinet: als ihn der Engländer erblickte, machte er eine Bewegung des Erstaunens, welche anzudeuten schien, daß er nicht zum ersten Male diesem Manne gegenüber stand. Herr von Boville aber war so verzweiflungsvoll, daß, gleichsam Verfehlungen von dem Gedanken, der ihn in diesem Augenblick beschäftigte, die Fähigkeiten seines Geistes weder seinem Gedächtnis, noch seiner Einbildungskraft Muße ließen, sich in die Vergangenheit zu verirren. Der Engländer legte ihm mit dem Phlegma seiner Nation beinahe in denselben Ausdrücken dieselbe Frage vor, die er dem Maire von Marseille vorgelegt hatte.

»Oh! mein Herr,« rief Herr von Boville, »Ihre Befürchtungen sind leider nur zu sehr gegründet, und Sie sehen einen verzweifelnden Mann in mir. Ich hatte zwei mal hunderttausend Franken bei dem Hause Morrel angelegt: diese zwei mal hunderttausend Franken waren die Mitgift meiner Tochter, welche ich in vierzehn Tagen zu verheiraten gedachte: diese zweimal hunderttausend Franken waren rückzahlbar, hunderttausend am 15. dieses Monats, hunderttausend am 15. des nächsten. Ich hatte Herrn Morrel von meinem Wunsche, daß diese Zahlung pünktlich stattfinden möchte, benachrichtigt, und nun ist er vor kaum einer halben Stunde zu mir gekommen. um mir zu sagen, wenn sein Schiff der Pharaon bis am 15. nicht einliefe, wäre er außer Stands, seine Verbindlichkeit zu erfüllen.«

»Aber das gleicht ganz einer Zahlungsfristverlängerung,« sagte der Engländer.

»Sagen Sie, es gleiche einem Bankerotte,« rief Herr von Boville außer sich.

Der Engländer schien einen Augenblick nachzudenken, und sprach sodann:

»Also flößt Ihnen diese Schuldforderung Angst ein?«

»Das heißt, ich betrachte sie als verloren.«

»Wohl, ich kaufe sie Ihnen ab.«

»Sie?«

»Ja, ich.«

»Aber ohne Zweifel zu einem ungeheuren Rabatt?«

»Nein, um zweimal hunderttausend Franken: unser Haus,« fügte der Engländer lachend bei, »macht keine solche Geschäfte.«

»Und Sie bezahlen?«

»Baar.«

Der Engländer zog aus seiner Tasche ein Päckchen Bankbillets, die das Doppelte der Summe betragen mochten, welche Herr von Boville zu verlieren befürchtete. Ein Blitz der Freude zog über das Gesicht von Herrn von Boville hin, doch er suchte sich zu bemeistern und sprach:

»Mein Herr, ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, daß Sie aller Wahrscheinlichkeit noch nicht sechs Procent von dieser Summe bekommen werden.

»Das geht mich nichts an.« erwiderte der Engländer, »das geht das Haus Thomson und French an..in dessen Namen ich handle. Es liegt vielleicht in seinem Interesse, ein rivales Haus zu Grunde zu richten. Ich weiß nur, daß ich bereit bin, Ihnen diese Summe gegen Übertragung zu bezahlen, wobei ich mir indessen einen Mäklerlohn erbitten werde.«

»Das ist nicht mehr als billig!« rief Herr von Boville. »Die Commission beträgt gewöhnlich anderthalbe wollen Sie zwei? wollen Sie drei? wollen Sie fünf? wollen Sie noch mehr? sprechen Sie!«

»Mein Herr,« antwortete der Engländer lachend, ich bin wie mein Haus« ich mache keine solche Geschäfte; mein Mäklerlohn ist ganz anderer Natur.«

»Reden Sie, mein Herr, ich höre.«

»Sie sind Inspector der Gefängnisse?«

»Seit vierzehn Jahren.«

»Sie halten Eintritts- und Abgangs-Register?«

»Allerdings.«

»Diesen Registern müssen Noten bezüglich auf die Gefangenen beigefügt sein?«

»Jeder Gefangene hat seinen Fascikel.«

»Nun wohl, ich bin in Rom von einem armen Teufel von Abbé erzogen worden, welcher plötzlich von dort verschwunden ist. Seitdem habe ich erfahren, daß man ihn in dem Castell If gefangen gehalten, und ich möchte wohl gern etwas Näheres über seinen Tod wissen.«

»Wie hieß er?«

»Abbé Faria.«

»Oh! ich erinnere mich seiner ganz genau,« rief Herr von Boville, »er war ein Narr.«

»Man sagte es.«

»Oh! er war es ganz gewiss.«

»Es ist möglich; was war seine Narrheit?«

»Er behauptete Kenntnis von einem unermeßlichen Schatze zu haben, und bot der Regierung tolle Summen, wenn man ihn in Freiheit setzen wollte.«

»Armer Teufel! Und er ist tot?«

»Ja, mein Herr, er starb ungefähr vor fünf oder sechs Monaten, im vergangenen Februar.«

»Sie haben ein glückliches Gedächtnis, mein Herr, daß Sie sich so der einzelnen Umstände erinnern.«

»Ich erinnere mich dieser Geschichte, weil der Tod des armen Teufels von einem seltsamen Ereignis begleitet war.«

»Dürfte man dieses Ereignis erfahren?« fragte der Engländer mit einem Ausdrücke von Neugierde, welchen auf seinem phlegmatischen Gesichte zu finden, ein tiefer Beobachter erstaunt gewesen wäre.

»Oh! mein Gott, , ja, mein Herr; das Gefängnis des Abbé war ungefähr fünf und vierzig bis fünfzig Fuß von dem eines ehemaligen bonapartistischen Agenten entfernt, eines sehr entschlossenen und gefährlichen Menschen von der Zahl derjenigen, welche am meisten zu der Rückkehr des Usurpators im Jahre 1815 beigetragen haben.«

»Wirklich!« sagte der Engländer.

»Ja, ich hatte selbst Gelegenheit, diesen Menschen im Jahre 1816 oder 1817 zu sehen; man stieg in seinen Kerker nur mit einem Piquet Soldaten hinab; er machte einen tiefen Eindruck auf mich, und ich werde sein Gesicht nie vergessen.

Der Engländer lächelte unmerklich.

»Und Sie sagen,« versetzte er, »die zwei Kerker . . . «

»Waren durch eine Entfernung von fünfzig Fuß getrennt, aber es scheint, dieser Edmond Dantes . . . «

»Der gefährliche Mensch hieß . . . «

»Edmond Dantes. Ja, mein Herr, es scheint dieser Edmond Dantes hatte sich Werkzeug verschafft oder verfertigt, denn man fand einen Gang, durch welchen die Gefangenen mit einander in Verbindung standen.«

»Dieser Gang war ohne Zweifel in der Absicht zu entweichen gemacht worden?«

»Allerdings; aber zum Unglück für die Gefangenen wurde der Abbé, von der Starrsucht befallen und starb.«

»Ich begreife, das mußte die Entweichungspläne kurz abschneiden.«

»Für den Toten, ja,« antwortete Herr von Boville, »für den Lebenden nicht; dieser Dantes sah im Gegenteil darin ein Mittel, seine Flucht zu beschleunigen; er dachte ohne Zweifel, die im Castell If gestorbenen Gefangenen würden in einem gewöhnlichen Friedhofe begraben, trug den Hingeschiedenen in seine Zelle, nahm seinen Platz in dem Sacke ein, in welchen man jenen genäht hatte, und erwartete den Augenblick des Begräbnisses.«

»Das war ein gewagtes Mittel, woraus sich auf einigen Mut schließen ließ,« bemerkte der Engländer.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, mein Herr, daß es ein sehr gefährlicher Mensch war, zum Glück befreite er die Regierung selbst von der Furcht, die sie seinetwegen hegte.«

»Wie dies?«

»Sie begreifen nicht?«

»Nein.«

»Das Castell If hat keinen Friedhof; man wirft die Toten ganz einfach in das Meer, nachdem man ihnen zuvor eine Kugel von sechs und dreißig Pfund an die Füße gebunden hat.«

»Nun?« fragte der Engländer, als ob er schwer begriffe.

»Man befestigte ihm die Kugel von sechs und dreißig Pfund an die Füße und warf ihn in das Meer.«

»Ja der Tat!« rief der Engländer.

»Ja, mein Herr,« fuhr der Inspector fort. »Sie können sich denken, wie groß das Erstaunen des Flüchtlings gewesen sein muß, als er fühlte, daß man ihn von dem Felsen herabstürzte. Ich hätte sein Gesicht in diesem Augenblick sehen mögen.«

»Das wäre schwierig gewesen.«

»Gleich viel,« sagte Herr von Boville, den die Gewißheit, seine zweimal hunderttausend Franken wieder zu erhalten, in gute Laune versetzte; »gleichviel, ich stelle es mir vor.«

Und er brach in ein Gelächter aus.

»Und ich auch,« sagte der Engländer.

Und er fing an, ebenfalls zu lachen, aber wie die Engländer lachen, mit dem Ende der Zähne.

»Der Flüchtling ist also ertrunken?« fuhr der Engländer fort, welcher zuerst wieder seine Kaltblütigkeit gewann.

»Ganz und gar.«

»Somit wurde der Gouverneur des Castells zugleich von dem Wüthenden und von dem Narren befreit?«

»Gewiß.«

»Es mußte doch eine Art von Protokoll über dieses Ereignis aufgenommen werden?« fragte der Engländer.«

»Ja, ja, ein Sterbeprotokoll. Sie begreifen, für die Verwandten von Dantes, wenn er hat, konnte es von Interesse sein, sich zu versichern, ob er gestorben wäre oder noch lebte.«

»Folglich können Sie nun ruhig sein., wenn sie von ihm erben. Er ist tot, sehr tot?«

»Oh mein Gott, ja. Man wird ihnen einen Schein ausstellen, wenn sie es haben wollen.«

»Es sei so,« sprach der Engländer. »Doch um auf die Register zurückzukommen . . . «

»Richtig . . . Diese Geschichte hat uns davon entfernt. Verzeihen Sie.«

»Was soll ich verzeihen? Die Geschichte? Keines Weges; sie war mir sehr interessant.«

»Sie ist es in der Tat, Mein Herr, Sie wünschen also Alles zu sehen, was sich auf den armen Abbé bezieht, der die Sanftmuth selbst war, nicht so?«

»Es würde mir Vergnügen machen.«

»Gehen Sie in mein Cabinet, und ich will es Ihnen zeigen.«

Beide gingen in das Cabinet von Herrn von Boville.

Alles war hier in vollkommener Ordnung: jedes Register bei seiner Nummer, jeder Fascikel in seinem Fach. Der Inspector hieß den Engländer in seinen Lehnstuhl sitzen, legte ihm das Register und die Akten bezüglich auf Castell If vor, und ließ ihm volle Muße darin zu blättern, während er selbst in einem Winkel sitzend seine Zeitung las.

Der Engländer fand leicht die Akten, welche sich auf den Abbé Faria bezogen, doch es scheint, die Geschichte, die ihm Herr von Boville erzählt, hatte ihn lebhaft interessiert, denn nachdem er von den ersten Stücken Kenntnis genommen, fuhr er fort, zu blättern, bis er zu dem Fascikel von Edmond Dantes gekommen war. Hier fand er wieder Alles an seinem Platz, Denunciation, Verhör, Bittschrift von Herrn Morrel, Randglosse von Herrn von Villefort. Er faltete ganz sachte die Denunciation zusammen, steckte sie in seine Tasche, las das Verhör und sah, daß der Name Noirtier nicht darin ausgesprochen war, durchlief dann auch noch das Gesuch vom 10. Februar 1815, worin Herr Morrel nach dem Rathe des Substituten, in einer vortrefflichen Absicht, weil Napoleon noch regierte, die Dienste übertrieb, welche Dantes der kaiserlichen Sache geleistet hatte. Dienste, die das Certificat von Villefort unbestreitbar machte. Nun begriff er Alles. Das von Villefort aufbewahrte Gesuch war unter der zweiten Restauration eine furchtbare Waffe in den Händen des Staatsanwaltes geworden. Er wunderte sich daher nicht mehr über folgende Note, welche er als Randglosse neben seinen Namen gesetzt fand:

| Wüthender Bonapartist, hat thätigen

Edmond Dantes   | Anteil an der Rückkehr von

| der Insel Elba genommen.

| Im geheimsten Gewahrsam und unter

| der strengsten Aufsicht zu halten.

Unter diesen Zeilen stand von einer andern Handschrift:

»In Betracht obiger Note, nichts zu machen.«

Die Handschrift der Randglosse mit der des Certificats vergleichend, das unten an das Gesuch von Morrel gesetzt war, bekam er Dantes Gewißheit, daß Randglosse und Certificat von einer Hand, nämlich von der von Villefort herrührten.

Was die begleitende Note betrifft, so begriff der Engländer, daß sie von irgend einem Inspector eingezeichnet worden war, der ein vorübergehendes Interesse an der Lage von Dantes genommen, durch die erwähnte Bemerkung aber sich in die Unmöglichkeit versetzt gesehen hatte, seiner Teilnahme eine Folge zu geben.

Aus Diskretion, und um den Zögling des Abbé Faria in seinen Nachforschungen nicht zu beengen, hatte sich der Inspector, wie gesagt, entfernt und las im Drapeau blanc. Er sah also nicht, wie der Engländer die von Danglars in der Sommerlaube der Reserve geschriebene und mit dem Stempel von Marseille den 27. Februar versehene Denunciation zusammenlegte und einsteckte. Hatte er es aber auch gesehen, so würde er sicherlich zu wenig Gewicht auf dieses Papier und zu viel auf seine zweimal hunderttausend Franken gelegt haben, um sich dem zu widersetzen, was der Engländer that, so ordnungswidrig es auch war.

»Ich danke.« sagte dieser, indem er das Register geräuschtvoll schloß. »Ich weiß, was ich wissen wollte, und nun ist an mir, mein Versprechen n halten; machen Sie mir eine einfache Abtretung Ihrer Schuldforderung; bescheinigen Sie in dieser Abtretung den Empfang des Betrage, und ich bezahle Ihnen die Summe.«

Und er überließ seinen Platz am Schreibtische Herrn von Boville, der sich ohne Umstände setzte und eiligst die verlangte Abtretung schrieb, während der Engländer rauf einem Tischchen die Bankbillets aufzählte.

Der Graf von Monte Christo

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