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Aileen I
ОглавлениеManche fantasiebegabten Kinder, mit ihrem sensiblen Wesen und ihren seltsamen Fragen über das Leben, sind vermutlich oft eine größere Quelle der Sorge als der Freude für ihre Eltern. Aileen, das Kind meiner verwitweten Cousine, beeindruckte mich von Anfang an als ein seltsam anschauliches Exemplar dieser Klasse.
Ungewöhnlich war auch die Art, wie sie die quasi-onkelhafte Verantwortung akzeptierte, die in den Augen ihrer Mutter auf meinen Schultern lag, und die abzulehnen ich nicht das Recht und nicht einmal die Neigung hatte. Tatsächlich liebte ich dieses verrückte, unberechenbare, geheimnisvolle kleine Wesen. Wenn, es auch nicht immer einfach war, mit ihr umzugehen, und ihre speziellen Eigenheiten nach besonderer Erfahrung und Fingerspitzengefühl verlangten.
Es war nicht allein, dass ihre Fantasie ungewöhnlich ernsthaft und ausgeprägt war, und dass sie stundenlang mit unsichtbaren Spielkameraden sprach (sie berührte, die Lippen spitzte, um sie zu küssen, Türen für sie öffnete, damit sie hinein- und hinaus gehen konnten, und Stühle, Schemel, und sogar Blumen für sie hinstellte), denn nach meiner Erfahrung tun das andere Kinder genauso oft und mit ebenso großer Ernsthaftigkeit. Aber Aileen akzeptierte auch das, was ihre unsichtbaren Besucher ihr erzählten mit einer so festen Überzeugung, dass deren Worte ihr Leben beeinflussten und demzufolge auch ihr Befinden.
Sie erzählten ihr offenbar Geschichten, in denen sie selbst die Hauptrolle spielte, und die zudem weder tröstlich noch vernünftig waren. Sie saß dann in einer Ecke des Zimmers, wie ihre Mutter und ich bezeugen können, Angesicht zu Angesicht mit einem eingebildeten Benutzer des sorgfältig zurechtgerückten Stuhls. Der Fußschemel war exakt platziert und von Zeit zu Zeit schob sie ihn ein bisschen nach hierhin oder dorthin. Der Tisch, auf den sich die unsichtbaren Ellbogen stützten, stand neben ihr, darauf eine Vase mit Blumen, die sie je nach Besucher wechselte. Da saß sie dann bewegungslos, vielleicht eine Stunde oder länger, starrte empor in die unsichtbaren Züge der Person, die ihr eine Geschichte erzählte, in der sie eine überaus ergreifende Rolle spielte. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich mit den Gefühlen, ihre Augen wurden groß und feucht, und manchmal furchtsam. Nur selten lachte sie, und selten stellte sie eine geflüsterte Frage; meistens saß sie nur da, angespannt und begierig, auf unheimliche Weise gefangen von der unhörbaren Geschichte, die von unsichtbaren Lippen kam, der Geschichte ihrer eigenen Abenteuer.
Es war der Schrecken, bewirkt durch diese eigentümlichen Vorträge, der ihre zarte Gesundheit schon im Alter von acht Jahren beeinträchtigte; und als sie sich ihnen, dem gut gemeinten aber ungeschickten Spott ihrer Mutter ausweichend, mit mehr Heimlichkeit hingab, wurde die Wirkung auf ihre Nerven und ihr Wesen so akut, dass ich zu einem Besuch bestellt wurde, auf den ich mich nicht besonders freute.
„Nun, George, was denkst du, was ich tun sollte? Dr. Hale hat zu mehr Bewegung und Kontakt mit anderen Kindern geraten, Seeluft und alles das, aber nichts davon scheint wirklich zu helfen.“
„Hast du sie in dein Vertrauen gezogen oder eher sie dich in ihres?“, forschte ich sanft. Die Frage schien für leichte Verärgerung zu sorgen.
„Natürlich“, war die nachdrückliche Antwort. „Das Kind hat keine Geheimnisse vor seiner Mutter. Sie ist mir absolut ergeben.“
„Aber du hast versucht sie davon abzubringen, indem du über sie gelacht hast, nicht wahr?“
„Ja. Aber immerhin mit dem Erfolg, dass sie diese Unterhaltungen jetzt viel seltener führt als vorher.“
„Oder heimlicher?“, kommentierte ich mit einem überlegenen Schulterzucken
Dann, nach einer weiteren Pause, in der die Notlage meiner Cousine und mein eigenes teilnahmsvolles Interesse an der skurrilen Fantasie meiner kleinen Nichte mich gemeinsam dazu drängten, tätig zu werden, versuchte ich es noch einmal:
„Fantasie“, bemerkte ich, „wirkt immer etwas verwirrend auf uns Erwachsene, weil wir, obwohl wir uns ihr unser ganzes Leben lang hingeben, letztlich doch nicht daran glauben; während Kinder wie Aileen ...“
Sie unterbrach mich rasch.
„Weißt du, wovor ich mich fürchte“, sagte sie mit gesenkter Stimme. „Ich glaube, dass ich Grund zu wirklicher Besorgnis habe.“ Dann sagte sie geradeheraus, indem sie mir mit ernstem Blick ins Gesicht sah: „George, ich brauche deine Hilfe, bitte. Du warst immer ein wahrer Freund.“
Ich antwortete ihr in wohlüberlegten Worten:
„Theresa“, sagte ich mit großem Nachdruck, „es gibt auf beiden Seiten der Familie keinen Hinweis auf Wahnsinn, und meiner Meinung nach ist Aileen absolut ausgeglichen, außer, dass sie eben eine etwas zu stark entwickelte Vorstellungskraft hat. Aber vor allem darfst du sie nicht dazu bringen, sie in sich zu verschließen, indem du darüber lachst. Lass sie ihre Fantasien ausleben. Erziehe sie. Führe sie durch kluges Verständnis. Bring sie dazu, dir alles zu erzählen und so weiter. Ich glaube, Aileen möchte vielleicht nur liebevolle Teilnahme - und nicht mehr.“
Für einige Minuten blickte sie mir schweigend und aufmerksam ins Gesicht, Ihre Züge zuckten kaum merklich. Aus ihrem Verhalten schloss ich sofort, worauf sie hinauswollte. Sie war ungeschickt und weitschweifig an das Thema herangegangen, denn es war etwas, wovor sie sich scheute, unsicher, ob es dem Himmel oder der Hölle entstammte.
„Du bist wirklich wunderbar, George“, sagte sie schließlich, „und du hast für fast alles eine Theorie.“
„Vermutungen“, gestand ich.
„Und deine hypnotische Kraft ist sehr hilfreich, weißt du. Nun, wenn ... wenn du meinst, es wäre ungefährlich, und dass Providence nicht gekränkt wäre ...“
„Theresa“, stoppte ich sie abrupt, bevor sie bis zu dem Punkt gelangte, wo eine Absage sie verletzt hätte, „lass mich dir gleich sagen, dass ich ein kleines Kind nicht für das passende Subjekt eines hypnotischen Experiments halte. Und ich bin mir sicher, dass ein vernünftiger Mensch wie du mir zustimmen wird, dass so etwas absolut unzulässig ist.“
„Ich erhoffte mir nur eine kleine Empfehlung“, murmelte sie.
„Die besser von ihrer Mutter kommen sollte.“
„Wenn diese Mutter durch ihren Spott nicht bereits ihren Einfluss verloren hätte“, bekannte sie kleinlaut.
„Ja, du hättest sie niemals auslachen dürfen. Ich frage mich nur, warum du es getan hast?“
In ihre Augen trat ein Ausdruck, von dem ich wusste, dass er bei einem hysterischen Charakter stets der Vorbote von Tränen war. Sie schaute sich um, um sich zu versichern, dass niemand zuhören konnte.
„George“, flüsterte sie und in die Dämmerung jenes Septemberabends glitt ein Schatten zwischen uns vorbei, der eine Atmosphäre plötzlichen und unerklärlichen Schauderns zurückließ. „George, ich wünschte - wünschte, ich wäre mir wirklich sicher, dass das alles nur Fantasien sind, ich meine ...“
„Was meinst du?“, fragte ich mit einer Schärfe, die wohl nur mein eigenes Unbehagen verbergen sollte. Aber im selben Moment kam eine Flut von Tränen, die jede vernünftige Erörterung unmöglich machte. Die Angst der Mutter um ihr eigenes Fleisch und Blut brach hervor.
„Ich habe Angst, entsetzliche Angst!“, sagte sie zwischen den Seufzern.
„Ich werde zu ihr in ihr Zimmer gehen und selbst nach ihr sehen“, sagte ich schließlich beruhigend, als der ärgste Sturm sich gelegt hatte. „Du brauchst dich nicht zu beunruhigen. Mit Aileen ist alles in Ordnung. Ich glaube, ich kann dir in der Sache ganz gut weiterhelfen.“