Читать книгу Du darfst nicht sterben - Andrea Nagele - Страница 20
ANNE
ОглавлениеLili ruft an. Schon wieder. Ununterbrochen klingelt das Telefon.
Zuerst rührt sie sich tagelang nicht, und jetzt kann sie nicht damit aufhören.
Ihr Verhalten erinnert mich an unsere Kinderspiele. Wer sieht beim Bockschauen als Erstes weg, kann den Blick des anderen keine Zehntelsekunde länger ertragen? Lilis Augen zuckten und schlossen sich. Wer kann versteinern und zur Statue erstarren, bis man erlöst wird? Lili bewegte sich und verlor. Es langweilte mich, in meiner Schwester keine ebenbürtige Gegnerin zu finden. Manchmal war ich hässlich zu ihr, richtig gemein, um sie zum Widerspruch herauszufordern.
Doch anders als damals ist es heute kein Spiel, bei dem die Stärkere siegt, sondern eine vertrackte Angelegenheit, in die ich mich leichtfertig hineinmanövriert habe und bei der ich nun nicht mehr weiß, wie ich ohne Kollateralschäden wieder herauskomme. Hebe ich das Telefon ab, muss ich mit ihr reden. Reden wir miteinander, wird sie spüren, dass etwas nicht stimmt. Doch um keinen Preis der Welt kann ich ihr von Paul und mir erzählen.
Hebe ich nicht ab, wird sie, so wie es nun mal ihre Art ist, auf andere Weise versuchen, mich an die Strippe zu kriegen. Sie könnte zum Beispiel mit einer mir unbekannten Nummer anrufen oder Julia überreden, den Kontakt herzustellen. Und wenn das alles nichts nützt, steht sie irgendwann vor meiner Tür. Im schlimmsten Fall genau dann, wenn Paul das Haus verlässt.
Verdammt.
Paul.
Ich muss ihn loswerden.
Mein ganzes Leben lang habe ich mich stets in die bösen Jungs verguckt und mich in aussichtslose Affären gestürzt. Schmerzhaft und desillusionierend, eine Charakterschwäche. Aber diesmal habe ich den Vogel abgeschossen, ich bin ja nicht mal in den Kerl verliebt. So viel steht fest. Wahrscheinlich war es einzig mein verletzter Stolz. Als ich sah, dass Paul Lili mir vorzog, konnte ich es nicht akzeptieren.
Was, frage ich mich, ist schlimmer als Selbstanalyse? Richtig, das, was dabei herauskommt.
Und ja, manchmal mag ich mich selbst nicht, aber ich bin wie ich bin, und jetzt stecke ich in einer klassischen Zwickmühle und habe sie mir auch noch selbst gebaut.
Es gibt nur eine Lösung: Ich muss das, was auch immer es ist, das ich mit Paul habe, beenden. Sonst kann ich meiner Schwester nicht mehr in die Augen schauen.
Wieder klingelt es, wieder lege ich das Handy weg, drehe es um, sodass ich den Schriftzug ihres Namens auf dem Display nicht sehe.
Ich probe halblaut den Abschied. Morgen Abend will Paul mich besuchen, bis dahin werde ich die richtigen Worte gefunden haben.
Jetzt aber muss ich in die Redaktion.
Als ich mich fertig mache, blickt mir im Spiegel ein strenges, förmliches Selbst meiner Person entgegen. Das Kleid, das ich anziehe, trage ich gerne bei offiziellen Terminen. Es ist dunkelgrau mit feinen hellgrauen Nadelstreifen, und es macht mich ernst und sehr schlank. Dazu setze ich eine schwarze Brille auf. Ich schlüpfe in meine Daunenjacke; es ist jene, die ich zum letzten Mal anhatte, als ich mit Lili durch den Schnee lief.
Vor der Haustür schlägt mir die Kälte entgegen wie eine Wand aus Stahl, und ich schnappe nach Luft.
Auf einmal steht Paul vor mir und grinst über das ganze Gesicht. In seinem Bart schimmern Eiskristalle.
»Was …?«, bringe ich mit einem Hauch gefrorener Atemluft hervor, als er meinen Mund auch schon mit einem Kuss verschließt. Ich wende den Kopf, stemme meine Hände gegen seine Brust, er aber packt unwillig meinen Arm und zieht mich zur Haustür.
Und ich? Ich stolpere hilflos neben ihm her und versuche, mich aus seinem Griff zu befreien.
»Lass das«, herrscht er mich an und zieht energisch die Tür hinter uns ins Schloss.
Das Deckenlicht ist noch an und erhellt seine Gesichtszüge. Sie wirken verzerrt, aggressiv.
Dann wird es dunkel im Flur. Ich will zum Lichtschalter greifen, aber Paul stößt meine Hand beiseite.
»Paul«, meine Stimme klingt belegt, »komm rauf, in die Wohnung.« Ich taste nach seiner Hand, erwische aber nur den rauen Stoff seines Ärmels.
Statt einer Antwort drängt er mich gegen die Wand und küsst mich. Es ist kein zärtlicher Kuss, er ist wild und fordernd, und er schmeckt nach Bier und nach paniertem Fisch. Wieder versuche ich, den Kopf wegzudrehen, aber er hält mein Gesicht eisern umklammert.
Die Haustür springt auf, wieder wird es hell, und eine der Nachbarinnen, mit einem kleinen Kind an der Hand, mustert mich pikiert.
Wir grüßen einander, dann ist sie an uns vorbei.
»Paul«, flüstere ich, »das ist peinlich.«
»Peinlich?« Er knurrt wie ein Tier in mein Ohr, und alle Härchen auf meiner Haut stellen sich auf.
Abermals drängt er mich brutal gegen die Wand. Meine Brille fällt dabei zu Boden, und das Glas bricht. Ich zittere. Mit einer Hand greift er in mein Haar und zieht mein Gesicht an seines, mit der anderen schiebt er mein Kleid hoch.
»Nein!«, fauche ich.
Die Schritte im Treppenhaus sind verklungen, das Licht verlischt wieder.
Diesmal zerkratzt sein Bart meine Haut, seine Stöße sind hart. »Ich will das nicht!«, schreie ich ihn an.
Er tut mir weh, und ich versuche, ihn wegzustoßen. Irgendwann lässt er von mir ab. »Netter Versuch«, sagt er und mustert mich von oben bis unten. Seine Augen glänzen undurchdringlich.
Empörung, Scham und Zorn wallen in mir hoch. »Ich muss mit dir reden, oben in meiner Wohnung«, sage ich und funkle ihn an.
»Wenn du was zu meckern hast, dann gleich hier«, entgegnet er gelassen und lächelt maliziös. Die Kälte seiner Worte erschreckt mich.
»Wie du willst, Paul, dann eben hier. Wir werden uns nicht mehr sehen. Es ist aus und vorbei.«
Sein Blick ist eisig. »Das kommt mir gelegen«, sagt er, »ich habe mich ohnehin längst für Lili entschieden. Ihre Demut ist unterhaltsamer.«
»Was sagst du da? Das meinst du nicht ernst.«
»Und ob«, jetzt grinst er, »und ich frage mich, was du dagegen tun willst? Eine Bemerkung von mir, und sie schaut dich nie wieder an.«
Ich starre in sein Gesicht und spüre, wie ich am ganzen Körper zu zittern beginne. »Paul, ich warne dich«, flüstere ich und merke selbst, wie schwach meine Stimme klingt.
»Du warnst mich?« Er lacht und schiebt mich beiseite. »Anne, du überschätzt die Glaubwürdigkeit eines gewöhnlichen Flittchens bei Weitem.« Er wischt mir achtlos über die Wange.
Wie versteinert bleibe ich stehen und höre, wie sich seine Schritte entfernen.