Читать книгу Ein Abgesandter der Götter - Anita Koschorrek-Müller - Страница 16
ОглавлениеMach mal Pause!
Heute war ein anstrengender Tag. Ich habe mein Rudel, aber in erster Linie mein Frauchen, auf fremdem Terrain erzogen und unsere emotionale Bindung gestärkt. Dies war keine leichte Aufgabe, waberten doch Geruchsfäden durch die nähere Umgebung, die mir fast den Verstand raubten. Bei meinem Einsatz in dem Gebäude mit der Aufschrift „Tierbedarf – Alles für den Hund“, das ist mir jetzt klar, herrschten besonders schwierige Bedingungen, um die notwendige Erziehungsarbeit zu leisten. Auch wenn es mir etwas schwerfällt es einzugestehen, aber ich bin erschöpft.
Zuhause angekommen, hängt Frauchen die Leine an den Haken im Flur und verschwindet in der Küche, um die mittägliche Nahrungsaufnahme vorzubereiten. Der Rest des Rudels verteilt sich auf diverse Räumlichkeiten. Ich döse erst mal vor mich hin. Nach einem kurzen, erholsamen Nickerchen ist mir klar, dass ich dringend eine Abwechslung von meiner heute so besonders anspruchsvollen Tätigkeit benötige. Das ist jetzt ein Wink des Schicksals, denn irgendjemand hat die Haustür offengelassen. Auf leisen Pfoten schlüpfte ich hinaus, ein Sprung über das Gartentörchen und einem Kurzurlaub steht nichts mehr im Wege. Kaum habe ich die große Wiese am Ende der Straße erreicht, höre ich Frauchens Stimme aus dem geöffneten Küchenfenster: „Wer hat die Haustür aufgelassen? Der Hund ist weg!“
Diese beiden Sätze sind für mich wieder einmal der Beweis dafür, wie unlogisch Menschen denken. Ist es noch relevant zu erfahren, wer die Tür offengelassen hat, wenn der Hund doch schon weg ist? Ich weiß, ich habe noch viel Arbeit vor mir, aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend.
Zielstrebig folge ich meiner Nase über die große Wiese Richtung Waldrand. Die Wiese hat einiges an Geruchserlebnissen zu bieten, denn sie wird von hunderten Mäusen bewohnt. Das macht Laune! Ich springe auf der Jagd nach den Nagern von einem Mauseloch zum nächsten – ein bisschen buddeln hier, ein bisschen buddeln da. Erbeuten kann ich keinen dieser Leckerbissen, aber da ich satt bin, ist das nicht tragisch.
Der Wind dreht sich. Mitten in meiner Buddelarbeit halte ich inne, schnäuze die Erde aus der Nase, um die Geruchsfäden, die der Wind jetzt zu mir trägt, besser analysieren zu können. Augenblicklich folge ich der Witterung, im Bewusstsein, dass mir ein Erlebnis der ganz besonderen Art bevorsteht. Ich muss nur weiter, immer weiter, durch den Wald, zu einer Anhöhe, auf der, ich kann mein Glück kaum fassen, eine Schafherde weidet. Das Schafehüten liegt meiner Rasse im Blut. Ich kreise die Herde ein und treibe sie dann vor mir her. Immer wieder versuchen Schafe, sich meiner Führung zu entziehen, doch die habe ich schnell wieder zur Herde zurückgetrieben. Diese Arbeit ist eine Tätigkeit, die höchste Konzentration erfordert. Genau das Richtige für einen Hund wie mich mit meinen außergewöhnlichen Fähigkeiten. Leider habe ich den Schäfer übersehen, der am Rande der Wiese bei seinem Auto steht und gerade mit den Hütehunden beschäftigt ist. Der Schäfer brüllt los und die komplette Herde gerät in Unordnung. Typisch menschliches Verhalten – unüberlegt, ohne jegliches Feingefühl! Dann schickt er seine Hunde los, um die Schafe zusammenzuhalten. Ich schlage einen Haken und kann so der Meute entkommen. Doch die Herde steuert bereits panikartig auf den nahen Wald zu. Ich kreise sie erneut ein und langsam kommt wieder Ruhe in den Wirrwarr der wolligen Herdenmitglieder. Die Hunde des Schäfers halten sich jetzt respektvoll auf Distanz, haben sie doch sofort erkannt, dass hier ein Kollege edlen Geblüts am Werke ist. Zum Abschied schlage ich mir noch mit diesem delikaten Schafsmist den Bauch voll und wälze mich ausgiebig in den kleinen runden Ausscheidungen der wolligen Geschöpfe, damit mir diese fantastischen Aromen etwas länger anhaften. Eingehüllt in diese unvergleichlichen Düfte mache ich mich, nach einer kurzen Verschnaufpause im nahen Wald, wieder auf den Heimweg. Zuhause steht mein komplettes Rudel vorm Haus auf der Straße.
„Mensch, Blacky“, ruft der kleine Junge und schließt mich in die Arme. „Da bist du ja wieder!“
„Und wie der stinkt“, meint mein Frauchen. Sie nennt einen absolut fehlgeleiteten Geruchssinn ihr Eigen – typisch menschlich eben.
In diesem Moment kommt ein schmutziges Auto um die Ecke gebraust und heraus springt der Schäfer, der mir wohl irgendwie gefolgt ist.
„Ist das Ihr Hund?“, schnauzt er mein Herrchen an.
„Wer will das wissen?“, blafft Herrchen zurück.
„Ich bin mit meiner Schafherde auf der Weide am Waldrand und Ihre Töle hat die ganze Herde aufgemischt. Sie können von Glück sagen, dass kein Tier zu Schaden gekommen ist.“
Ungläubig schaut mein Rudel zu mir herab. Jetzt heißt es Haltung bewahren und freundlich gucken.
„Unser Hund?“, fragt Herrchen ungläubig nach. „Sie haben doch Hütehunde dabei. Warum haben die unseren Hund nicht vertrieben?“
„Hab ich ja versucht, aber die haben ihn nicht gekriegt“, erwidert der aufgebrachte Schäfer.
„So, so“, brummt Herrchen, „und das soll ich jetzt glauben?“
„Das können Sie glauben. Diesmal ist nix passiert, aber wenn ich diesen Köter noch einmal bei meiner Herde erwische, dann ist er reif.“
Dann schwingt sich dieser unmögliche Mensch in sein dreckiges Auto und braust davon.
„Mein lieber Herr Gesangverein, Mensch Blacky, du bist vielleicht ’ne Granate. Da haben wir ja nochmal Schwein gehabt“, meint Herrchen und tätschelt mir den Kopf.
„Er redet wirr“, denke ich mir. „Es waren doch Schafe und keine Schweine.“
Wir gehen gemeinsam zum Haus, aber ich darf nicht rein.
„Dieser Hund kommt mir so nicht ins Haus. Hol die Wanne!“, befiehlt Frauchen dem Jungen. Zehn Minuten später werde ich eingeweicht und mehrfach gespült, bis diese Frau ihren Waschzwang ausgelebt hat. Waschzwang, das haben inzwischen auch die Menschen erkannt, ist eine Störung, die behandelbar ist. Unsereins kommt da nicht zum Einsatz. Das kriegen die Menschen auch ohne die Hilfe eines göttlichen Abgesandten auf die Reihe. Was bin ich froh, wenn Frauchen endlich einsichtig wird und eine Therapie beginnt.