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Wanderjahre am Oberrhein Stationen

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Im April 1490, kurz nach Ostern, brach der Malergeselle Dürer im Alter von 19 Jahren zu seiner ersten großen Reise auf:

Und da ich außgedient hat, schickt mich mein vatter hinwegg, und bliebe vier jahr außen, biß daß mich mein Vater wider fodert. Und alß ich im 1490 jahr hinwegg zog, nach Ostern, darnach kam ich wider, alß man zehlt 1494 nach Pfingsten. (R. I, S. 31)

Leider berichtet Dürer in der „Familienchronik“ nicht, wohin ihn seine Wanderschaft führte. Die Rekonstruktion der Gesellenreise wird dadurch erschwert, dass von der deutschen Kunst des Spätmittelalters nach dem Bildersturm der Reformation, der Umgestaltung der Kirchen und Adelsresidenzen in der Barockzeit, den Zerstörungen durch Kriege und den „Restaurierungen“ des 19. Jahrhunderts nur noch Fragmente erhalten sind. Auf diese Weise wurden mögliche Spuren einer Mitarbeit Dürers an Altarwerken, Wand- oder Glasmalereien ausgelöscht.

Eine Gesellenwanderung diente neben der Arbeitssuche vor allem dem Kennenlernen neuer Techniken und der Erweiterung des Motivschatzes durch das Abzeichnen von Werkstattvorlagen. Wohl ins Reich der Legende gehört die Behauptung des holländischen Kunstschriftstellers Karel van Mander (1548–1606), Dürer sei während seiner Wanderschaft in den Niederlanden gewesen. Die flandrischen und holländischen Städte waren als bedeutendste Kunstzentren nördlich der Alpen Anziehungspunkt vieler Künstler – auch Dürers Vater war als junger Goldschmiedegeselle in die Niederlanden gewandert –, doch nachweisen lässt sich eine Reise seines Sohnes dorthin erst 1520/21. Seine privaten Reisenotizen, die seit ihrer Veröffentlichung im 18. Jahrhundert als „Tagebuch der niederländischen Reise“ bekannt sind, enthalten keine Hinweise, dass er die Orte, Bau- und Kunstwerke von einem früheren Aufenthalt her kannte.

Auch Dürers Werk enthält keine Hinweise auf eine direkte Auseinandersetzung mit der altniederländischen Malerei. In seinen frühen Zeichnungen rezipierte er allenfalls Motive der um 1430 bis 1460 tätigen Malergeneration um Jan van Eyck (um 1390–1441) und Rogier van der Weyden (um 1400–1464), deren Werke jedoch in Form von Kopien und Kupferstichen, etwa Martin Schongauers, auch in Deutschland weit verbreitet waren. Hingegen scheint er die aktuelle niederländische Kunst, etwa die Gemälde Gerard Davids (um 1460–1523), nicht gekannt zu haben. Statt einer Reise in die Niederlande ist anzunehmen, dass Dürer das in den Nürnberger Werkstätten vorhandene Vorlagenmaterial genau studiert hat. Allenfalls war er bei seinem Vetter Niklas in Köln, wo sich zahlreiche niederländische Gemälde befanden.

Ebenfalls nicht belegen lässt sich ein Aufenthalt bei dem so genannten „Hausbuch-Meister“ oder „Meister des Amsterdamer Kabinetts“, der zwischen 1470 und 1490 im Gebiet um Mainz oder Frankfurt tätig war. Die Forschung hat Leben und Werk des Hausbuchmeisters mittlerweile als kunsthistorisches Konstrukt enttarnt, hinter dem sich mehrere Künstler verbergen. Dürer hat allein die innovative Druckgraphik dieses Künstlerkreises rezipiert, die keine persönliche Bekanntschaft erforderte, sondern weithin erhältlich war. Zwar ist es gut möglich, dass Dürer während seiner Wanderschaft durch das Rhein-Main-Gebiet kam, doch hatte die dortige Kunst keinen nachhaltigen Einfluss auf seine Entwicklung.

Anders sieht es mit der Region am Oberrhein aus, einem blühenden Zentrum der Malerei und Druckkunst, der Heimat des im Februar 1491 verstorbenen Martin Schongauer. Obwohl Dürer Schongauers Bekanntschaft nach eigener Aussage „hochlich begert“ hatte, ging er im April 1490 nicht direkt zu ihm (R. I, S. 294f., Nr. 7). Schongauer arbeitete zu diesem Zeitpunkt an den großen Wandgemälden des „Weltgerichts“ im Münster zu Breisach. Wäre er das Hauptziel der Reise gewesen, so hätte ihn Dürer selbst bei langsamem Reisetempo in spätestens drei bis vier Wochen erreichen und damit den verehrten Meister noch lebend antreffen können. Stattdessen zog er nach Auskunft des Nürnberger Gelehrten Christoph Scheurl „in Teütschland hin vnd wider“ (R. I, S. 294f., Nr. 7). Als er 1492 nach Colmar kam, habe er nur noch Schongauers Brüder, die Goldschmiede Caspar und Paul (gest. 1514) und den Maler Ludwig (um 1440–1494), angetroffen, die ihm „gute gesellschaft gelaist“ hätten. Ebenso hätte ihn der vierte Bruder, der in Basel als Goldschmied tätige Georg (um 1445 – nach 1495), freundlich empfangen (R. I, S. 294f., Nr. 7).

Albrecht Dürer

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