Читать книгу Wasser zu Wein - Anne Chaplet - Страница 6
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ОглавлениеLambsheim am Rhein
Agata Perski seufzte und rutschte auf der kalten Bank hin und her, bis sie bequem saß – auch wenn's nicht lange anhalten würde. Hinter ihr wisperte jemand das Vaterunser. Die Kirche hallte wider vom Hüsteln und Flüstern und dem Geräusch, das Mäntel und Jacken machen, wenn Menschen sich zurechtsetzen. Der weiße Flieder unter dem Kreuz duftete, sie roch es noch hier hinten, und die Pfingstrosen leuchteten tiefrot im Schein der geweihten Kerzen. Auch damals hatten Blumen auf dem Altar gestanden, am Pfingstsonntag vor einem Jahr. Fast vor einem Jahr.
Schon konnte man die Spuren kaum noch erkennen – nur, wenn man genau hinsah. Die Säule unter der Kanzel rechts vom Gang war ausgebessert worden. Das Gestühl in der Mitte war heller als das, wo sie jetzt saß. Hinten, so wie damals. Sie saß immer hinten, wenn sie in die Kirche ging. Sie wollte nicht bei den deutschen Frauen sitzen, bei diesen falschen Hennen, dachte sie, zog die Schultern hoch und drückte die Ellenbogen an den Leib. Und ihren sauer riechenden Kerlen.
»Erbarme dich unser, erbarme dich«, murmelte Agata mit dem Chor der Kirchengemeinde. Und plötzlich war alles so wie damals. Die Kirchentür gab einen sehnsüchtigen Laut von sich, den sie immer machte, wenn sie behutsam geöffnet wurde. Dann ein Luftzug. Und jetzt, dachte sie, jetzt müßte Else sich umdrehen, mit ihren dünnen Lippen und den funkelnden Brombeeraugen unter der weißgescheitelten Frisur. So hatte sie damals nach hinten geschaut, nach dieser unmöglichen Person, die noch nicht einmal zu Pfingsten pünktlich in den Gottesdienst kommen konnte. Das Kyrie war schließlich längst gesungen!
Aber Else war nicht mehr da. Und wer sich jetzt hastig in die Kirche duckte, war Timo, der Junge von Bäckers.
Agata aber sah die Frau vor sich, die damals in die Kirche gekommen war, die dunkel gekleidete Frau im Kopftuch, die kurz neben ihr stehengeblieben war, bevor sie langsam den Gang entlang nach vorne ging, etwas zusammengekrümmt, so, als ob sie etwas Verbotenes tue. Sie rümpfte die Nase beim Gedanken an den Geruch, der von der Frau zu ihr herübergeweht war. Nach Schweiß, frischem Parfüm und alten Kleidern. Und nach etwas anderem, das sie nicht definieren konnte. Aber vielleicht bildete sie sich das nach all der Zeit nur ein.
Sie faltete die Hände im Schoß und merkte erst gar nicht, wie sich die Gemeinde erhob – wie eine Gänseherde von der Weide, in einer Welle und mit rauschenden Kleidern. Fast hätte sie vergessen, mit aufzustehen. Die Gestalt der Frau stand so überdeutlich vor ihrem Auge. Wie sie im Gang gezögert hatte, wohl unschlüssig, ob sie nach rechts oder nach links in eine der Stuhlreihen gehen sollte. Nicht auszudenken, wenn sie nach links gegangen wäre! Agata schüttelte sich, als ob ihr kalt wäre. Dabei war es draußen schon recht warm – so warm wie damals. Deshalb war ihr auch aufgefallen, wie dick die Frau sich angezogen hatte, eingemummelt in einen Mantel, mit einem schwarzen Tuch über dem Kopf.
Geistesabwesend murmelte sie das Glaubensbekenntnis mit, das die Gemeinde routiniert herunterbetete, mittendrin der trockene Husten des alten Karnack, der wie immer auf seinem Stammplatz saß: in der Mitte der Reihe ganz vorne. Der hatte auch Glück gehabt. Wenn die Frau nicht nach rechts gegangen wäre – dann säße der heute nicht da. Und sie auch nicht, mit all den Erinnerungen an den schlimmsten Tag ihres Lebens. Fast der schlimmste Schlimmer war nur noch der Tag gewesen, an dem Vater gestorben war. Der Unfall. All das Blut. Sein bleiches Gesicht. Sie bekreuzigte sich hastig. Gott hab ihn selig.
Agata hatte die Frau nicht gekannt. Andere wohl: Maria und Theo hatten zu ihr hinübergegrüßt. Sie hatte völlig unbewegt zurückgeschaut und war dann weitergegangen. Unhöflich, hatte Agata damals gedacht. Heute sah sie das anders. Sie preßte die Lippen zusammen. Heute wußte man auch mehr.
Eine Frau aus der Nachbarschaft war sie gewesen – in Wingarten aufgewachsen, aber das war schon eine Weile her. Am nächsten Tag wußte plötzlich jeder irgend etwas über sie zu berichten – auch die, die sie gar nicht gekannt hatten: Sie galt als freundlich, ein bißchen schüchtern, lebte sehr zurückgezogen, in Scheidung von ihrem Mann. Der Sohn war tot, noch gar nicht lange, jung war er gestorben, kurz vor seinem zwanzigsten Geburtstag.
Also eher unwahrscheinlich, daß die Frau schwanger war. Aber sie hatte so ausgesehen. Auch das Mädchen hatte ihr neugierig auf den Bauch geschielt, als sie sich endlich in die Reihe hinter dem Kind zwängte.
Das Kind, das Kind. Agata schloß die Augen und atmete tief die feuchte Kirchenluft ein, die vertraute Mischung aus Putzmittel und Blumenduft und Weihrauch und Mottenkugeln. Manche Leute hatten die auch heute noch in den Taschen ihrer Festtagsgarderobe stecken, die sie seit zwanzig, dreißig Jahren schonten und nur sonntags aus dem Schrank holten. So hatte Vater feiertags gerochen: nach Bier, Rasierwasser, Zigarettenrauch und Mottenkugeln. Unter der Woche hatte sie der Bierdunst weit weniger gestört, da rasierte er sich nicht, und alles wurde übertönt vom trockenen, warmen Geruch von Sägespänen in seinen Arbeitsklamotten. Wenn er nur weniger getrunken hätte – nur ein paar Biere und Schnäpse weniger. Dann wäre nichts passiert. Vielleicht nicht.
Was für ein nutzloser, hilfloser Gedanke, dieses »Wenn, dann«. Agata Perski, nach eigener Einschätzung gerade eben noch jung, blond, polnisch, fleißig, seufzte und rutschte auf der Bank ein Stück nach hinten, bis sie wieder bequem saß. Die beiden Frauen neben ihr hatten die Handtaschen an die Haken in der Rückenlehne der Vorderbank gehängt und den Kopf über die gefalteten Hände gesenkt. Pfarrer Warnhart las aus dem Evangelium. Er hatte eine tiefe, tönende Stimme und war bei den Frauen sehr beliebt. Er hatte auch damals die Predigt gehalten. Kurz, bevor es passierte. Agata merkte plötzlich, daß sie schon eine ganze Zeitlang den Atem angehalten hatte, und atmete aus. Und tief wieder ein. Was war der Frau wohl im Kopf herumgegangen – kurz, bevor es passierte?
Hatte sie sich gefragt, ob sie auch die Geschirrspülmaschine ausgemacht hatte? Ob die Wäsche gebügelt war und der Mülleimer geleert? Agata schlug sich erschrocken mit der Hand auf den Mund – fast hätte sie laut gelacht. Schon ihr leises Prusten hatte die Schultern der Alten in der rosafarbenen Strickjacke zwei Reihen vor ihr ganz steif werden lassen. Noch einen Laut, und der Kopf mit den akkurat gekringelten blaugrauen Locken hätte sich langsam umgedreht. Agata atmete wieder aus. Die Frau hatte ihre Wohnung tipptopp hinterlassen und sogar das Telefon abgemeldet, hatte in der Zeitung gestanden. So einer hätte man das alles doch nie zugetraut!
Hatte die Frau nicht gewußt, welche Katastrophe sie auslösen würde? Warum war sie dafür in die Kirche gekommen? Hatte sie etwa einkalkuliert, daß sie fünf Menschen mitnehmen würde? Wer so etwas tat – konnte der noch hoffen, in den Himmel zu kommen? »Ist sie ja auch nicht. Nur bis unter die Kirchenkuppel«, flüsterte eine Stimme in Agata, die sich sofort bekreuzigte. So etwas dachte man noch nicht einmal.
Die Orgel setzte mit einem strahlenden Akkord ein. Agata krümmte sich. So hatte die Orgel damals eingesetzt, genau so. Zum Vorspiel von »Großer Gott, wir loben dich«. Alle hatten schon das Gesangbuch aufgeschlagen, sich geräuspert, sich bereit gemacht für den Einsatz. Und dann – dieser Höllenlaut. Dieser betäubende Knall. Der gewaltige Luftdruck, der Holzstücke, Stoffetzen und Menschenteile durch den Raum peitschte. Und die entsetzliche Stille danach. Sie hatte sich neben der Bank auf dem Boden wiedergefunden. Und sah noch heute alles vor sich, wie sie es damals gesehen hatte, als sie endlich aufgestanden war: zerborstenes Holz, überall menschliche Körperteile, Blut auf dem Boden, an den Wänden. Und sie hörte die Geräusche, die Entsetzensschreie, die stöhnenden Menschen. Agata stöhnte in der Erinnerung mit, in die jubelnden Orgelklänge hinein, die Hände vors Gesicht geschlagen, die Stirn an das kühle Holz der Bank vor ihr gelehnt.
Bevor die Gemeinde einsetzte, hatte die Frau die beiden Handgranaten gezündet, die sie sich um den Leib gebunden hatte, und sich in die Luft gesprengt. Sie mußte sofort tot gewesen sein. Laura, Martin und Therese auch. Bei der alten Else dauerte es ein bißchen länger. Noch länger brauchte das Kind, die kleine Bettine, bis sie im Himmel war.
Agata würde immer daran denken. Das Kind, das wimmernde Kind. Wer tat einem kleinen Mädchen so etwas an? Was hatte sich die Frau dabei gedacht?
Warum?