Читать книгу Ich wollte nie verlieren - ein Frauenschicksal - Anne Karin Elstad - Страница 11
ОглавлениеEs ist Freitag, der 5. Dezember 1986.
Endlich sitzt sie im Zug, hat den schweren Koffer an seinen Platz bugsiert. Das Wetter ist trostlos wie immer. Schwere, nasse Flocken, die zu Schneematsch schmelzen, sobald sie die Berge erreichen, auf den Fensterscheiben im Zug bilden sie schmutzige Streifen. In ihrem Innern fühlt sie sich genauso grau wie das Wetter, verspürt sie eine starke Abneigung gegen diese Reise. Wenn es doch endlich richtig Winter werden würde, aber es sieht in diesem Jahr so aus, als ob es überhaupt nicht Winter werden wolle. Sie sehnt sich danach. Das weiße Licht, das mit dem Schnee kommt – wieviel leichter würde dann alles werden. Sie schaut hinaus, über die vorbeihuschenden Felder, die von demselben schmutziggrauen Matsch bedeckt sind.
Herrgott, wie warm und stickig es hier ist! Sie zieht den Pullover aus, aber selbst in der dünnen Bluse ist es, als koche der Körper. In der Wärme, die vom Fußboden aufsteigt, schwellen ihre Füße in den Stiefeletten. Die Ausdünstungen der Reisenden legen sich wie Tau auf die Scheiben des vollen Zuges, trist, deprimierend.
Sie kauft eine Tasse Kaffee. Er schmeckt fade, und sie ärgert sich, daß sie nicht Tee genommen hat. Sie brennt sich eine Zigarette an, drückt sie wieder aus. Auch die schmeckt fade. Sie fühlt sich elend, es graust ihr vor den Stunden auf der Bahn.
Sie holt die Aufgaben hervor, mit deren Korrektur sie nicht fertig geworden war, aber die Buchstaben tanzen über die Seiten. Eine weitere Variante der Sehstörungen, denkt sie. Ob sie sich vielleicht eine neue Brille anschaffen sollte?
Sie lehnt den Kopf in das Polster zurück, schließt die Augen. Denkt, daß es idiotisch von ihr war, jetzt, in ihrem Zustand, zu reisen.
Nach einer Weile versucht sie in dem Buch, das sie mitgenommen hat, zu lesen. Aber als sie nach ein paar Seiten nicht weiß, was sie gelesen hat, und die Buchstaben erneut über die Seiten tanzen, muß sie aufgeben. Sie versucht, sich zu entspannen und auf die Veranstaltung, die vor ihr liegt, zu konzentrieren.
In Oslo nieselt es. Sie kämpft sich mit ihrem schweren Koffer und der Tasche zum Taxistand durch und bemüht sich gleichzeitig in dem Wind, der in heftigen Böen von dem grauen Fjord kommt, die Kontrolle über den Regenschirm zu behalten.
Vom Taxi aus, auf dem Weg zum »Handverkeren«, wo sie verabredet ist, beobachtet sie die vielen Menschen, die nach Weihnachtsgeschenken durch die Straßen hetzen. Ein trostloser Anblick. Die Weihnachtsauslagen in den Schaufenstern der Geschäfte quellen über, sonst aber erinnert kaum etwas an das Fest. Die Weihnachtsgirlanden aus Tannenzweigen hängen naß und schlaff, vom Wind zerfleddert in den Straßen.
Im »Handverkeren«, im gemütlichen Halbdunkel, spürt sie, abgeschirmt von der Straße, bei weihnachtlicher Dekoration und roten Kerzen auf den Tischen so etwas wie Weihnachtsstimmung. Von den Anwesenden wird sie mit fröhlichen Zurufen empfangen, und sie läßt sich von ihrer guten Laune und Begeisterung anstecken.
In den Stunden, in denen sie hier das Frühjahrssemester und die Prüfungen planen, vergißt sie alle Unannehmlichkeiten, alles Bedrückende. Wichtig ist jetzt nur die Arbeit, das, was in diesem Moment geschieht.
Später, nachdem die anderen sie umarmt und ihr fröhliche Weihnachten gewünscht haben und zu ihren Bussen, Straßenbahnen oder Zügen geeilt sind, spürt sie, wie erschöpft sie ist. Mehr als erschöpft – leer, innerlich total leer.
Sie steht auf der dunklen, menschenleeren Straße und wartet auf das bestellte Taxi. Plötzlich wird sie von einer großen Einsamkeit überwältigt, so als wäre sie der einzige lebende Mensch in einer ausgestorbenen Stadt. Ein unheimliches Gefühl, das sie auch im Taxi nicht verläßt, sondern durch die fast menschenleeren Straßen noch verstärkt wird – jetzt, nachdem die Geschäfte geschlossen sind.
Lise empfängt sie gutgelaunt wie immer.
»Wie schaffst du es, beständig so quicklebendig zu sein?« fragt Maria.
»Quicklebendig? Du siehst mich nicht alle Tage, weißt du. Aber ich habe gelernt, meine eigenen Grenzen zu erkennen; ich tue nichts, was ich nicht selber will und wozu ich keine Lust habe. Das solltest du auch lernen. Du solltest anfangen, ein bißchen mehr auf dich achtzugeben, mein Mädchen. Vergiß nicht, du bist nicht mehr zwanzig! Und man sieht dir nun allmählich an, daß du ein zu scharfes Tempo fährst.«
Das Essen zieht sich in die Länge, sie plaudern, lachen, teilen den letzten Schluck aus der Weinflasche. Maria spürt einen ganz leichten Rausch, der die Nervenbahnen wie Seide überzieht, ein wohliges, angenehmes Gefühl im Körper.
Von den Pillen hat sie Lise bisher noch nichts gesagt. Jetzt erzählt sie ihr davon.
»Das traust du dich?« fragt Lise.
»Selbstverständlich trau ich mich das. Meinst du, es ist gefährlich?«
»Nein. Ich weiß nicht. Bei deinem Lebensstil, dem ganzen Streß? Nein. Ich, jedenfalls, hätte es nicht getan.«
»Quatsch. In diesem Fall hätte der Arzt doch etwas davon gesagt.«
»Stimmt. Es ist deine Entscheidung. Ich bilde mir nur ein, darüber gelesen zu haben... Nein, vergiß es!«
»Ich will meine Menstruation unter Kontrolle haben. Ich halte es nicht mehr aus, überrumpelt zu werden, nicht zu wissen, wann es soweit ist.«
»Und wie lange gedenkst du damit noch weiterzumachen, mit einer künstlich erzeugten Mensis – bis du siebzig bist?«
»Nein, du bist verrückt!«
Nach dem Essen trinken sie im Zimmer Kaffee, dazu ein Gläschen Kirschlikör.
»Du verwöhnst mich«, sagt Maria zufrieden seufzend. »Zu dir zu kommen, ist die reinste Medizin.«
»Ich glaube, das tut dir gut.«
Lise will den Krimi sehen. Maria, mit der Zeitung, macht es sich auf der Couch bequem, findet, daß sie es gar nicht besser haben kann.
»Nein, das ist nicht besonders spannend«, sagt Lise. »Wir unterhalten uns lieber. Wie steht es jetzt mit dem kleinen Gute-Nacht-Trunk?«
»Für mich nur ein Tröpfchen Campari. Ich möchte morgen in Form sein.«
Sie sitzen da und plaudern. Maria sieht auf die Uhr, es ist schon zehn.
»Ich muß zeitig ins Bett. Ich fühle mich ziemlich ausgelaugt.«
»Aber dann gehe ich zuerst ins Bad, du kannst inzwischen dein Bett zurechtmachen.«
»Du bist dran«, sagt Lise, als sie im Nachthemd und mit einer hellblauen Badekappe auf dem Kopf ins Zimmer zurückkommt. Maria erhebt sich aus dem Sessel. Unaufhörlich redend und gestikulierend geht sie duch den Raum. Lise kommt ihr entgegen.
Da, plötzlich, mitten im Satz bricht sie ab, bleibt stehen und rührt sich nicht mehr vom Fleck, faßt sich mit beiden Händen an den Kopf.
»Ich fühle mich so eigenartig«, sagt sie erstaunt.
Ein Blitz schlägt ein.
Ein sanftes Dröhnen in Marias Kopf.
Die Welt versinkt in einem blendenden, grellen Lichtstrahl.