Читать книгу Ich wollte nie verlieren - ein Frauenschicksal - Anne Karin Elstad - Страница 6
ОглавлениеMaria ist immer wieder überrascht, wenn sie Åse Holte trifft. Sie erwartet den Anblick einer verschüchterten, gestreßten und verzagten Frau. Jedesmal durchfährt sie derselbe Schreck, als wäre das, was sie sieht, widernatürlich.
Åse Holte ist großgewachsen, schlank und attraktiv. Heute trägt sie einen knallroten Mantel, ihren roten Regenschirm stellt sie in den Ständer an der Tür. Gelassen kommt sie näher, setzt sich, öffnet die Knöpfe des Mantels.
»Möchtest du den Mantel nicht ablegen?« fragt Maria. »Es ist warm hier.«
»Nein, ich kann mich nicht allzulange aufhalten. Du weißt, die Frühstückspause...«
Ja, Maria versteht. Åse Holte kommt auch sonst nie während der Arbeitszeit hierher. Die Arbeit ist wohl das einzige, was man im Leben dieser Frau als normal bezeichnen kann.
Maria betrachtet sie. Eine frisch gebügelte weiße Bluse zu dem schönen Rock, um den Hals einen rot-weißgestreiften Schal, die Haare frisiert und ordentlich. Unbegreiflich, denkt Maria, daß sie das schafft. In ihrer Situation, immer adrett, sie will der Umwelt zeigen, daß alles in Ordnung ist. Maria fällt jedoch auf, daß das gepflegte Haar matt ist und ohne Leben, in ihrem Gesicht sieht sie ein Grau, das unter keiner Schminke zu verbergen ist, die tiefen Furchen um den Mund, die strengen Falten über der Nasenwurzel. Diese Frau vor ihr ist mindestens fünf Jahre jünger als sie, sieht aber älter aus. Die Augen hinter den rauchblauen Brillengläsern weichen Marias Blick aus, ihr abgemagerter Körper, die zitternden Hände, die die Tasche umklammert halten, sagen alles.
Ihr gepflegtes Äußeres verunsichert Maria mehr als das Bild, das sie von ihr hat, wenn sie sie nicht sieht. Denn sie weiß, diese Frau bewegt sich ständig auf einem sehr, sehr dünnen Seil, das jederzeit reißen kann.
»Was wird nun?«
Ein Schreck durchfährt Maria auch wegen dieser Stimme, die fest ist, aber niedergeschlagen und ohne Gefühl. Sie versucht, ihrem eigenen Tonfall Optimismus zu geben, Nüchternheit, während sie über die Therapiegruppe berichtet, über den Platz dort, der sozusagen reserviert ist. Aber er müsse es selber wollen.
»Jetzt will er doch nichts lieber als das. Wann also?«
»Nach Weihnachten«, sagt Maria, und jetzt muß sie dem Blick der Mutter ausweichen. »Es ist bald soweit, nach Weihnachten.«
Wieder sitzt sie hier und weiß, daß ihr Angebot zu miserabel ist, als daß es der Mutter helfen könnte, denn jetzt ist erst September.
»Das ist zu spät«, sagt die Mutter, »das ist zu spät für uns alle.«
Maria beugt sich zu ihr über den Tisch, versucht, sich eifrig zu geben, ihren Worten Gewicht zu verleihen.
»Wir haben es bis hierher geschafft, die paar Monate müssen wir nun auch noch überstehen.«
»Nein, nach Weihnachten, das ist zu spät«, sagt die Mutter mehr zu sich selbst als zu Maria. – »Das schaffe ich nicht.«
Dann blickt sie Maria direkt ins Gesicht. Ihre Augen sind hart, verzweifelt. Sie zögert einen Moment, bevor sie den Schal am Hals zur Seite schiebt.
Maria merkt, wie ihr schlecht wird beim Anblick der Flekke – lila, blaugelb.
»Ich hatte mir vorgenommen, nichts davon zu sagen. Es ist zum ersten Mal passiert, das hier. Aber verstehst du jetzt, wenn ich sage, daß es mit deinem Angebot zu spät ist?«
»War er das?«
»Letztes Wochenende, als er zu Hause war.«
»Warum hast du nicht angerufen?«
»Hätte das was geändert?« fragt die Mutter müde.
»Aber warum hat er das getan? Er hat dich doch früher nie mißhandelt?«
Da löst sich ihre Zunge, die Worte sprudeln hervor. Daß er nach Hause gekommen sei, nachdem er sich ein paar Wochen nicht hatte sehen lassen, daß sie ihn gesucht, sich wieder fürchterlich gesorgt habe.
Dann sei er nach Hause gekommen, völlig fertig. Sie habe ihn in die Wanne gesteckt, ins Bett gebracht. Fast zwei Tage habe er ununterbrochen geschlafen. Während dieser Zeit habe sie seine Bettwäsche mehrmals wechseln müssen. Geschwitzt habe er so, daß die Matratze naß geworden, die Feuchtigkeit bis zur Auflage durchgedrungen sei. Dann sei ihr der furchtbare Gedanke gekommen: Aids. Daß er infiziert sein könne. Und sie habe solche Angst bekommen, fürchterliche Angst. Er sei erst zwanzig, und die ganze Zeit habe sie die Hoffnung gehabt, daß ein Wunder geschehe. Wie etwa mit der Gruppe. Denn in letzter Zeit habe er sich das auch selber so sehr gewünscht.
Am Sonntagmorgen habe sie ihm das Frühstück gemacht, Eier, Milch, und sich gefreut, daß er so gut gegessen habe. Sie habe ihn betrachtet, ihren gutaussehenden Jungen, bei sich gedacht, daß er ihr Bester sei, von jeher ihr bravstes und am meisten hilfsbereites Kind. Und in dieser Situation, als sie ihn so gesehen habe, ausgeruht, frisch und sauber, da sei ihr all das Qualvolle wie ein böser Traum erschienen. Lächelnd und vollkommen nüchtern habe er dagesessen und sei der gewesen, der er früher gewesen war. Für einen Moment sei er das gewesen. Bis sie ihn danach gefragt habe.
»Wonach gefragt?«
»Ob er nicht einen HIV-Test machen lassen wolle.«
»Und dann?«
»Ja, dann ist der Teufel los gewesen. Er hat alles vom Tisch gefegt, einen Küchenstuhl zerschlagen... Na, du weißt ja selbst, wie das ist. Die Mädchen sind von dem Krach wach geworden, und dann, dann hat er das hier getan«, sagt sie und zeigt auf die Flecke am Hals. »Schließlich ist Per wach geworden, er hat ihn gebändigt, bevor ich das Bewußtsein verlor.«
Ihre Stimme, ratlos, niedergeschlagen, zittert jetzt ein wenig.
»Es war entsetzlich: die heulenden Mädchen, Per kreidebleich vor Haß und blinder Wut. Ja, da habe ich gesehen, was ich solange verdrängt hatte, daß Per seinen eigenen Bruder haßt. Und Stein. Er hat geschrien und mich verflucht. Das war noch nie vorgekommen. Ich hätte auf keinen Fall nach dieser fürchterlichen Sache fragen dürfen, aber ich bin so voller Angst gewesen, bin es noch.«
Die Worte rauschten an Marias Ohren vorbei. Das hat sie alles schon einmal gehört.
»Ich habe ihm alles Geld gegeben, das ich bei mir hatte. Mir ist nichts anderes übriggeblieben, sonst hätte er noch mehr zerschlagen. Das letzte, was er geschrien hat, bevor er gegangen ist, war, daß er mich haßt, daß er nie mehr nach Hause kommen wird. Aber er kommt wieder, wenn er gänzlich am Boden liegt und sich erholen muß. Die Sache ist nur die, ich weiß nicht, ob ich es noch packe. Denn – ich habe Angst vor meinem eigenen Sohn.«
Das letzte sagt sie verwundert, als könnte sie es selbst nicht glauben. Auch während sie Maria ansieht, ist Verwunderung in ihren Augen, als wäre sie aus einem Trancezustand erwacht.
»Was soll ich bloß machen?« fragt sie.
»Wir werden tun, was wir können, um den Platz früher zu bekommen, aber weißt du, wie hoffnungslos das ist, wie viele auf der Warteliste stehen?«
»Ich weiß, daß du tust, was du kannst, aber das reicht nicht. Ab und zu habe ich das Gefühl, daß alles aus und vorbei ist und es nur noch zu einer Katastrophe kommen kann.«
»Aber so darfst du nicht denken.«
Maria spürt, wie ihr von den eigenen Worten schlecht wird, diesen Phrasen. Worte, Worte, an die sie selbst nicht glaubt.
Åse Holte geht, nicht ganz so aufrecht, wie sie gekommen ist, gebeugter, sorgenvoller.
Maria bleibt zurück, das hat an ihren Kräften gezehrt. Soll das ihr Leben sein? In diesem Moment scheint es ihr hoffnungslos. Ihre Arbeit, die Versprechungen, die sie nicht einlösen kann, die Aussichtslosigkeit bei alledem. Und diese Frau ist nur eine von vielen. Sie sieht die verzweifelten Mütter vor sich, die Eltern, alle, die zu dieser Tür hier rein- und rausgegangen sind. Die versuchten, ihren Lügen Glauben zu schenken, die hofften.
Am schlimmsten ist es, solche wie Åse Holte zu empfangen, Menschen, die sie besser kennt als die Klienten sonst. Das geht ihr so nahe, daß sie meint, es nicht ertragen zu können.
In den letzten Jahren ist sie so oft bei Åse Holte zu Hause gewesen. Hat den Verfall mit angesehen. Sah, wie sich die drei jüngeren Kinder von Mal zu Mal veränderten. Per, der Zweitälteste, ist ein guter Schüler, aber wortkarg, sagt die Mutter, sie weiß nie, was er denkt. Die beiden Jüngsten, Mädchen, haben große Probleme mit der Schule und mit Freunden, sind quengelig und nervös. Ein Ausdruck für ihr Verlangen nach Aufmerksamkeit. Der Vater gab auf und suchte das Weite, als sich die Probleme zu Hause häuften. Einmal hatte sie Åse gefragt, ob sie deshalb nicht verbittert sei.
»Nein«, hatte sie geantwortet. »Verbittert? Nein. Er ist nicht so stark wie ich, ist es nie gewesen. Warum sollten wir uns beide zugrunde richten?«
Ganz sich selbst überlassen, lebt sie vollkommen isoliert. Sie und ihre Kinder. Keine Freunde mehr, nur eine alte Mutter, die auftaucht, wenn alles gar zu schwierig wird.
Maria seufzt müde. Åse Holte ist nur eine von vielen. Hoffnungslos ist bloß, daß Gespräche wie dieses sie allmählich zermürben, noch Tage danach an ihr nagen. Das macht sie kaputt. All die Dinge, die sie nicht regeln kann, machen sie fertig. Und das nutzt ja nichts. Auf keinen Fall nutzt es etwas, wenn derjenige, der helfen soll, mit seinem Klienten untergeht.
Wer hat das gesagt? Fredrik. Irgendwann in den ersten Jahren, nachdem sie hier begonnen hatte. Eines Tages war sie beim Mittagessen zusammengebrochen. Hatte nur noch geweint. Hatte ihre drei eigenen wohlgeratenen Kinder betrachtet und geweint. Hatte an die Kinder gedacht, mit denen sie durch ihre Arbeit in Berührung kam, und hatte geweint. Möglich, daß es nach einem solchen Gespräch wie heute war. Er sagte damals: »Es hilft kaum etwas, wenn derjenige, der helfen soll, mit seinen Klienten untergeht. Wenn du so weitermachst und deine Arbeit mit nach Hause schleppst, mußt du dir einen anderen Job besorgen.« Das sagte er. Und er hatte recht.
Seither hat sie versucht, danach zu leben. Versucht. Nur wenn sie besonders müde ist, wenn sie sich nicht wohlfühlt, wird sie empfindlich. In solchen Situationen gehen ihr die Angst und das Entsetzen und das Unglück der Klienten unter die Haut.
Maria räumt die Akte mit all den Informationen zu Stein weg, legt sie in die Schublade, verdrängt das Bild seiner Mutter aus ihrem Kopf. Für einen Moment ärgert sie sich, daß ausgerechnet diese Frau sie derart beschäftigt. Und sie greift zu einer neuen Akte, erwartet den nächsten Klienten. Auch diese Mappe trägt den Vermerk: »Dringend«.