Читать книгу Ich wollte nie verlieren - ein Frauenschicksal - Anne Karin Elstad - Страница 4
ОглавлениеHeute ist einer der ersten richtigen Frühlingstage. Von meinem Fensterplatz im Bus sehe ich Menschen in leichter Frühjahrskleidung. Ein hoher, blauer Himmel über den Dächern, die Sonne flutet durch die Straßen. Als der Bus an der Haltestelle stoppt, sehe ich sie. Ich sehe Maria.
Sie steht dicht an der Hauswand, im Schatten. Unter den frühlingshaft gekleideten Menschen an der Haltestelle sticht sie hervor, in ihrer Jacke aus gelbgeflecktem Wolfsleder und in Hosen, die in Stiefeln stecken. Mit der einen Hand hält sie den Kragen am Hals zusammen. Den anderen Arm, mit der Handtasche, hat sie fest um den Körper geschlungen. Eine menschliche Statue in eisiger Kälte, das Gesicht halb versenkt in den Kragen, an den sie sich klammert, als müsse sie sich an etwas festhalten, um aufrecht stehen zu können.
Ich sehe dieses Gesicht, blaß, mit Falten über der Nasenwurzel, wie in tiefer Konzentration, um die Fassung zu bewahren.
Für einen kurzen Moment fange ich ihren Blick ein, aber das ist ein Blick, der nichts wahrnimmt. Über den Augen eine dünne Trotzfalte, die Angst und Frieren verbergen soll. Und ihre Angst und ihr Frieren überkommen mich. Ich drehe mich weg, um dem Anblick zu entgehen.
Mit einem langen Seufzer fährt der Bus weiter. Sie bleibt zurück.
Mich fröstelt in der stickigen Wärme des Busses. Fast ohne es zu merken, halte ich den Kragen meines Mantels zusammen, presse meinen Arm mit der Handtasche fest an mich.
Sie ist mir in letzter Zeit nachts erschienen. Nacht für Nacht, in schlaflosen Stunden, habe ich sie bei geschlossenen Augen gesehen. Aber ich sah sie nur wie auf dem alten Negativ eines Schwarz-Weiß-Filmes, den man gegen das Licht hält. Nacht für Nacht kam ihr weißer Schatten hervor und tanzte über die schwarze Leinwand der Dunkelheit. Ich habe sie als kleines Kind gesehen, als junges Mädchen, ich habe ihr Schattenbild gesehen, zärtlich ein Kind im Arm haltend, verschmolzen mit den Umrissen eines jungen Mannes. Und ich habe sie still daliegen gesehen, still, so still, bis sie in sich selbst verschwand, fort war.
Sie zeigte mir niemals ihr Gesicht. Nicht bis vor einem Moment, nicht bis heute. Der Film ist entwickelt, ich habe alles wieder vor Augen.
Mir bleibt keine Wahl mehr. Ich muß Marias Geschichte aufschreiben.