Читать книгу Ich wollte nie verlieren - ein Frauenschicksal - Anne Karin Elstad - Страница 7

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Die Stadt liegt drei Autostunden von Oslo. Sie hat viel Industrie. In Perioden des Abbaus von Arbeitsplätzen gibt es Arbeitslosigkeit, Probleme. An diesem Tag ist es nicht nur der Nachmittagsverkehr, auf den Maria ihre Aufmerksamkeit richtet, während sie nach Hause fährt. Ihr fällt auf, was anderen verborgen bleibt. Jugendliche Gangs an den Straßenecken in der Bahnhofsgegend, sie hält nach einem ihr bekannten Gesicht Ausschau; fast unbewußt sieht sie alles.

Mitunter wünscht sie sich, daß sie nicht alles wüßte, was sie weiß. Sie spürt das Unbehagen, wenn ein Augenpaar ihrem Blick ausweicht, wenn sich ein Gesicht abwendet, sich versteckt, wenn sie die Straße entlangkommt, ein Geschäft betritt, ins Kino geht. Überall wird sie mit ihrer Arbeit konfrontiert. So ist ihr Job, und so klein ist die Stadt.

Soweit sie zurückdenken kann, von klein auf, immer hat sie sich einen Beruf erträumt, in dem sie mit anderen Menschen in enge Berührung kommt. Sie hat etwas an sich, das andere aufgeschlossen macht, was Vertrauen erzeugt. So war es schon, als sie ein junges Mädchen war. Die Freundinnen vertrauten sich ihr an, und sie hat es für sich behalten.

Auch während der Studienzeit war das so. Wie viele haben sich an ihrer Schulter ausgeweint! Sie hat eine einmalige Begabung, sich das Unglück anderer aufzuhalsen.

So ist es immer noch. Wildfremde Menschen im Zug, im Restaurant oder im Warteraum, urplötzlich ist sie in das Unglück anderer verwickelt. Ab und zu wundert sie sich darüber, denn sie selbst ist verschlossen, wenn es um ihre eigenen, innersten Gedanken geht. So war sie schon immer. Die Menschen, die wissen, wie es in ihr aussieht, kann sie an einer Hand abzählen. Und Maria wünscht sich nichts weniger als diese intimen Vertraulichkeiten. Sie bereiten ihr Unbehagen, fallen ihr zur Last, trotzdem bekommt sie es nie fertig, jemanden abzuweisen. Dabei hätte sie mehr als genug mit dem zu tun, was ihr die berufliche Arbeit beschert.

Der Beruf, von dem sie jahrelang geträumt hatte.

Nach dem Abitur steuerte sie ihn an und begann, Psychologie zu studieren. Nachdem der erste Abschnitt absolviert war, lernte sie Fredrik kennen. Zum ersten Mal begegneten sie sich während eines Besuches bei ihrer besten Freundin, die in Trondheim studierte. An der Universität. Er war lang, mager und ernst. Als sie tanzten, reichte sie ihm kaum bis ans Kinn. Anschließend, auf der Nachfeier, spielte er Gitarre, sang Lieder, und sie war total überwältigt.

Daher gab sie ihr Psychologiestudium auf, fuhr nach Trondheim, besuchte an der Handelsschule einen Sekretärinnenkurs und verdiente Geld, bis er mit der Diplomarbeit fertig war.

Lise sagte, sie sei verrückt, und fragte, was sie mit diesem Langweiler wolle. Zu dieser Zeit jedoch war für Maria alles bestens.

Als Fredrik fertig war, zogen sie hierher, in sein Elternhaus. Ein schönes, allerdings baufälliges Gebäude aus der Zeit um die Jahrhundertwende.

Die Schwiegermutter hatte ihre Wohnung im Obergeschoß. Einige Probleme bereitete das schon, aber sie hatten mehr Vorteile davon und kamen gut miteinander aus.

Die Schwiegermutter war ernst und zurückhaltend, wie Fredrik. Selten mischte sie sich in ihre Angelegenheiten. Sie hütete sogar die Kinder, so daß Maria arbeiten gehen konnte. Im Büro in der Stadtverwaltung, eine Tätigkeit, die Maria mit jedem Jahr, das verging, als immer hoffnungsloser und langweiliger empfand. Aber sie mußte Geld verdienen. Die Reparaturen am Haus nahmen kein Ende, und sie brauchten für alles Leute. Fredrik ist ein guter Theoretiker, aber wenn es um praktische Dinge geht, hat er zwei linke Hände.

Die Unzufriedenheit mit der Arbeit und mit dem Leben, das sie führte, wuchs in dem Maße, wie die Kinder größer und selbständiger wurden. Schließlich nahm sie die Sache in Angriff, bewarb sich an der Sozialschule und wurde angenommen. Fredrik bestärkte sie, half ihr in jeder Weise.

Sie erhielt ein Stipendium, drei Jahre lang pendelte sie hin und her. Freitagabend kam sie nach Hause, montags im Morgengrauen fuhr sie wieder los. An den Wochenenden wusch sie, machte die Sachen für Fredrik und die Kinder zurecht, backte, bereitete die Mittagsmahlzeiten vor. Zu dieser Zeit schaffte sie alles. Die Schwiegermutter lebte noch. Obwohl sie alt geworden war nicht mehr allzuviel vermochte, hatten die Kinder jemanden, zu dem sie gehen konnten.

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen, seit sie an der Sozialschule begann. Damals war der Optimismus der siebziger Jahre noch ungebrochen. Als Maria ihre Tätigkeit aufnahm, du lieber Himmel, mit welcher Begeisterung war sie die erste Zeit zu Werke gegeangen. Ja, sie schaffte alles. Die Schwiegermutter wurde krank und mußte gepflegt werden, dazu die Kinder – ein Wust von Arbeit, trotzdem fühlte sie sich niemals richtig kaputt, nie so ausgepowert wie jetzt.

Es kommt ihr vor, als wäre das eine Ewigkeit her. Nicht nur sie selbst hat sich verändert, alles um sie herum ist anders geworden. An allen Ecken und Enden werden Kürzungen vorgenommen. Und zu Hause gibt es die Schwiegermutter nicht mehr, und ihre beiden Ältesten, ihre kleinen Mädchen, sind schon vor Jahren ausgeflogen. Anders, der Jüngste, geht in die dritte Klasse der Oberschule. Im nächsten Jahr ist auch er weg. Bei diesem Gedanken läuft ihr ein Schauer über den Rücken. Fredrik und sie allein. Ringsrum diese Ruhe. Diese Veränderungen. Und sie selbst, was ist aus ihrem Enthusiasmus, ihrem Feuereifer geworden? Zur Zeit ist ihr alles zu viel.

Während sie das Auto in die Garage fährt, spürt sie die Vorzeichen ihrer Migräne, die sich regelmäßig mit dem ersten Menstruationstag einstellt. Wie immer gibt es keinen Zweifel. Das übliche Flimmern vor den Augen, helle Streifen, schwarze Punkte, und sie sieht alles doppelt. Wenn sie sich jetzt beeilt, schnell noch ein paar Tabletten einnimmt, kann sie die fürchterlichen Kopfschmerzen eindämmen, so daß sie das Mittagessen auf dem Tisch hat, wenn Fredrik nach Hause kommt.

Im Flur schlägt ihr aus Anders‘ Zimmer Popmusik entgegen. Die Mißklänge dröhnen, als wäre eine Wand in ihrem Kopf explodiert. Sie stürzt in sein Zimmer, stellt den Plattenspieler ab.

Er sitzt über seinen Schularbeiten, sieht sie erstaunt an.

»Junge, Junge, was ist denn mit dir los?«

»Wie kannst du nur bei diesem Krach Schularbeiten machen?«

»Was ist denn heute los, ist dir eine Laus über die Leber gelaufen, Mutti?«

»Ich ertrage es einfach nicht. Ich bin kaputt, hab Kopfschmerzen.«

Dann bekommt sie Gewissensbisse. Ihr ist klar, daß sie im Gegensatz zu anderen Müttern froh darüber sein sollte, daß er brav zu Hause in seinem Zimmer bei den Schulaufgaben sitzt.

Sie stellt den Plattenspieler wieder an, verringert die Lautstärke.

»Entschuldige, Anders, ich habe einen miesen Tag.«

Er schaut sie an, nachsichtig, mit diesem Mutter-ist-im-Klimakterium-Blick. Diesen Blick haben sie sich in letzter Zeit zugelegt, haben ihn oft drauf, sowohl er als auch Fredrik.

Rasch fährt sie ihm übers Haar.

»Machst ein bißchen leiser, nicht?«

Sie muß sich zwingen, etwas zu essen. Das Flimmern vor den Augen ist weg, die Kopfschmerzen sind inzwischen erträglich, aber ihr ist übel, und sie fühlt sich sehr abgespannt.

Fredrik betrachtet sie forschend.

»Bist du krank?«

»Ach was, nicht krank. Nur Kopfschmerzen, und außerdem habe ich meine Mensis bekommen. Das geht vorüber.«

»Jetzt hör aber auf, Mutter. Das ist ja unanständig. Du bist zu alt für so was.«

Sie kann sich nicht helfen, sie muß die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu weinen.

»Entschuldige, Anders, aber im Moment fehlt mir der Sinn für Humor.«

»Ich hab es nicht so gemeint«, sagt Anders. »Übrigens habe ich gelesen, solange man diese Sache hat, bleibt man jung und frisch. Mach also nur weiter damit, Mütterlein.«

Abwesend stochert sie im Essen herum, während ihre Gedanken noch immer um die Arbeit kreisen.

»Anders, hast du einen Jungen in deiner Klasse, der Per Holte heißt?«

»Ja, Mister Stone-face. Verdammt merkwürdiger Typ.«

»Merkwürdig? In welcher Hinsicht?«

»Ja, ich weiß nicht. Steinharter Typ eben. Ich kenn’ ihn ja kaum. Meistens sondert er sich ab. Ich würde sagen, ziemlich unangenehmer Typ.«

»Ist er intelligent?«

»Mensch, und wie. Ich glaube, er hat fast nur Formeln und Zahlen im Kopf.«

»Warum sondert er sich dann ab? Seid ihr schuld daran?«

»Wir? Mensch, wieso denn? Er will mit uns anderen nichts zu tun haben. Er hat sich ausgeschlossen und gesagt, daß er nicht mitmacht beim Grillfest oder irgendwelchen anderen Feiern, die mit dem Abitur zu tun haben. Er will seine Ruhe haben.«

»Hör auf, die ganze Zeit Mensch zu sagen«, erwidert sie ärgerlich.

»Mensch, ja doch. Entschuldige, Mutti! Entschuldige. Übrigens ist dieser Holtetyp nicht, ist er nicht der Bruder von eurem Rauschgiftfreak?«

»Anders, das habe ich nie gesagt!«

»Entschuldige. Schweigepflicht. Ich weiß. Entschuldigung.«

»Wie wäre es denn, wenn ihr euch um Per ein bißchen mehr kümmern würdet? Vielleicht will er gar nicht allein sein?«

»Ja doch, Mutter, aber ich verspreche mir gar nichts davon. Absolut nichts. Dieser Typ könnte beispielsweise verdammt unangenehm werden. Besonders verlockend ist deine Idee nicht gerade, kein bißchen«, sagt er und erhebt sich vom Tisch. »Verdammt unangenehmer Typ.«

»Bitte mach, was du denkst«, murmelt Maria und lächelt müde zu Fredrik hinüber.

»Maria«, sagt Fredrik ernst, »jetzt verlange ich, daß du einen Arzt anrufst.«

»Das hat gar keinen Zweck. So was ist doch keine Krankheit.«

»Unsinn. Wozu haben wir Ärzte?«

»Ist ja richtig, aber ich habe das Gefühl, daß ich wehleidig bin, eine hysterische Frau in den Wechseljahren. Das ist alles. Es bringt überhaupt nichts, wenn ich anrufe, ich fühle mich dann höchstens noch elender, noch idiotischer.«

»Himmel, du mit deiner krankhaften Furcht vor Ärzten. Ärzte sind da, um zu helfen, wann wirst du das endlich begreifen?«

»Das weiß ich doch!«

»Du mußt mir jetzt versprechen, daß du anrufst. Wenn nicht, mach ich es.«

»Das läßt du bleiben! Ich rufe an, das verspreche ich.«

»Morgen?«

»Ja, Morgen.«

»In Ordnung. Und jetzt legst du dich auf die Couch, ruhst dich aus, ich räume hier auf.«

Dankbar läßt sie sich verwöhnen. Er schiebt ihr ein Kissen unter den Kopf, deckt sie mit einer Decke zu, streichelt ihr die Wange.

»Schlaf jetzt!«

Sie liegt da und lauscht auf die Geräusche aus der Küche. Denkt, daß sie glücklich ist, einen wirklich guten, fürsorglichen Mann hat. Ab und zu in einem Grad, daß es stört.

Merkwürdig, daß es mit ihnen so gut gegangen ist. Im Laufe der Jahre hat es anstrengende Perioden gegeben, in denen es nur schwer auszuhalten war mit seinem Ernst und seiner Schweigsamkeit. Denn sie selbst ist im großen und ganzen lebhaft, hat ein hitziges Temperament und ist nicht ausgesprochen gut und brav. In ehrlichen Momenten hält sie sich für total egoistisch. Ein Egoismus, den sie zu verbergen weiß.

Vor fünf, sechs Jahren hatte sie eine ziemlich dramatische Affäre mit einem Kollegen. Miteinander ins Bett waren sie nicht gegangen, soweit war es nicht gekommen. Sie hatten Vernunft walten lassen, er ging fort, aber es dauerte Monate, bis sie seine körperliche Nähe nicht mehr vermißte, ihn aus ihren Gedanken und Gefühlen verdrängt hatte. Herrgott, wie verliebt sie war, wie ein Teenager. Am liebsten hätte sie das, was ihr geschah, mit Fredrik geteilt. Die Welt um sie herum und in ihr war weit geworden, viel geräumiger. Sie wünschte sich nur, darüber zu sprechen, über ihre Verliebtheit, die fast zu groß war, um mit ihr allein fertig werden zu können. Aber wenn sie sich ausgesprochen hätte, wäre er gegangen.

Nachdem das Ganze überwunden war, begegnete sie Fredrik mit größerer Wärme als zuvor. Der andere hatte etwas in ihr gelöst, sie empfindsamer gemacht, bewirkt, daß sie Fredrik mit neuen Augen sah. Dennoch verbirgt sie die Erinnerung an diese Zeit, bewahrt sie sorgsam auf, damit sie etwas hat, an dem sie sich aufrichten kann, wenn die Tage zu grau, zu niederdrückend werden.

Im letzten Jahr hatten sie Silberhochzeit. Während in ihrem Freundeskreis Paar für Paar aufreibende und quälende Ehescheidungen durchstand, haben sie zusammengehalten. Manchmal sprechen sie darüber, und in guten Stunden fühlen sie wohl beide, daß sie ein privilegiertes Leben führen.

In dieser Nacht findet Maria keinen Schlaf. Hier in der Dunkelheit, mit Fredriks ruhigen Atemzügen im Ohr, stellt sich die Angst wieder ein, die Befürchtung, daß es doch etwas Ernstes ist. Letztes Jahr im Winter war es ihr schon einmal so ergangen wie jetzt. Auch da hatte Fredrik sie zum Gynäkologen schicken müssen. Ein neu eingestellter Arzt, ihr völlig unbekannt, ungeduldig, überlastet. Ihr alter Gynäkologe ist pensioniert. Wie sehr sie ihn vermißt. Was für eine Sicherheit das gibt, wenn man den Arzt kennt. Von Anfang an, seit sie hier wohnt, war sie zu ihm gegangen, seit sie mit Hilde schwanger ging. Die Sicherheit, die sie empfand, war mühsam aufgebaut worden, und erst nach und nach war sie, ohne sich zu graulen, zu den jährlichen Kontrollen gegangen. Bei ihm fühlte sie sich wie ein Mensch. Er hatte Zeit zu reden, zuzuhören. Als er aufhörte, kam es ihr vor, als hätte sie einen guten Freund verloren.

Dann der Neue. Dieselbe Unsicherheit, wieder die alte Angst vor Ärzten. Er bekam das schnell und effektiv in den Griff, indem er eine Ausschabung vornahm, Muskelknötchen in der Gebärmutter entfernte. Das half, eine Weile kam der Zyklus regelmäßig. In den letzten Monaten jedoch ist es wieder genauso hoffnungslos. Ihr ist klar, daß dieses Mal eine Krebsprobe entnommen wird. Aber Frauen bekommen ja wohl nicht nur Gebärmutterkrebs?

Erneut versucht Maria sich damit zu trösten, daß das alles nur Beschwerden sind, die mit den Wechseljahren zu tun haben. Kleine Beschwerden, würde der Arzt sagen. Das weiß sie ja. Sie hat weder aufsteigende Hitze noch andere Probleme, über die viele Frauen klagen. Während der Periode etwas unausgeglichen, aber meistens geht es ihr um die Angst und darum, daß sie von der Arbeit mehr geschafft ist als früher. Sie will sich über nichts beklagen, wenn nur erst die Untersuchung überstanden wäre und ein Ergebnis vorläge, das ihr die Angst nehmen könnte – vor dem anderen .

»Fredrik, schläfst du?«

»Fast. Ja, was ist?«

»Du, Ausschabung, ist das nicht ein schreckliches Wort?«

»Was ist los?«

»Ich sagte, Ausschabung... Möchtest du dich ausschaben lassen, Fredrik? Nein, das geht ja nicht. Nur Frauen kann man hinlegen und ausschaben.«

»Liebste, Mia, komm her zu mir, leg dich in meinen Arm.«

Sie kuschelt sich an ihn, dankbar, daß sie klein sein, Angst haben darf.

»Du kannst mich Mia nennen«, hatte sie ihm gesagt, damals, als sie sich kennengelernt hatten. Als sie jung waren.

»Warum soll ich?« hatte er gefragt.

»So wurde ich gerufen, als ich klein war.«

»Das will ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil du ein schönes Mädchen bist mit einem phantastisch schönen Namen. Du kannst gar nicht anders als Maria heißen.«

Das zu hören, war für sie merkwürdig, denn als Kind hatte sie ihren Namen gehaßt. Bis zur Geburt ihrer kleinen Schwester wurde sie immer Mia genannt. Dann sollte sie plötzlich ein großes Mädchen sein und Maria heißen. Wenn es wenigstens noch Marie gewesen wäre. Aber das verhaßte A machte alles kaputt. Von den Alten dort zu Hause wurde sie Maria gerufen. Die Jungen ärgerten sie. Jungfrau Maria, Jungfrau Maria...

Dann war Fredrik mit seiner Behauptung gekommen, daß sie einen phantastischen Namen habe. Maria, in dem Namen ist Musik, hört sie ihn sagen. Ich bin so froh, daß du Maria heißt und nicht Mia, aber wenn du dich klein fühlst und Trost brauchst, dann kann ich dich gern Mia nennen, sagte er.

Im Laufe der Jahre ist sie nur noch selten Mia für ihn gewesen. Ansonsten wird sie nur von Lise Mia genannt. Denn sie erinnert sich an die Zeit, als Maria Mia war. Und jetzt liegt sie hier in Fredriks Armen und darf Mia sein. Die dumme, alte Mia in den Wechseljahren.

»Weißt du, woran ich oft denke?« fragt sie. »Ich denke, daß ich in einem gefährlichen Alter bin.«

»Gefährlich? Wieso denn?«

»Ich habe mich mit vielen, die in meinem Alter sind, darüber unterhalten, daß die Ärzte jedes Gespräch über Beschwerden mit dem Wort Wechseljahre vom Tisch fegen. Daß man eine lebensgefährliche Krankheit haben kann, die nicht erkannt wird, weil die Ärzte das Überspanntheit oder Hysterie infolge der Wechseljahre nennen. Sie schieben dir ein Rezept für Schlaftabletten oder Beruhigungspillen zu und schicken dich fort. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, daß es für Frauen lebensgefährlich ist, im Klimakterium zu sein? Daß für sie das Risiko besteht, deshalb sterben zu müssen?«

»Jetzt übertreibst du aber!«

»Nein, das stimmt.«

»Aber dann ist es ja noch wichtiger, daß du zum Arzt gehst und ihm dasselbe sagst wie mir eben.«

»Ja«, erwidert sie und beschließt, es genau so zur Sprache zu bringen.

»Du«, sagt er, »ich würde mir wünschen, daß du den Kursus in Oslo absagst.«

»Aber das geht nicht. Jetzt kann ich keinen Rückzieher mehr machen.«

»Natürlich kannst du das. Du machst dich kaputt mit all dem, was du dir aufhalst. Ganz bestimmt findet sich Ersatz für dich.«

»Nein, dafür ist es zu spät. Die Planung ist abgeschlossen, wir haben schon alles angeschoben, ich muß es nur noch durchführen. Es wird schon gutgehen.«

»Dein Fehler, Maria, ist, daß du nie deine Grenzen erkennst, daß du niemals nein sagen kannst. Du hältst dich für unentbehrlich, aber das bist du nicht, weißt du. Ich kann nicht begreifen, warum du dich für so was kaputt machst. Du mußt doch zugeben, daß das unnötig ist.«

Sie antwortete nicht, wechselt in ihr eigenes Bett hinüber. Sie ist wieder Maria für ihn, und sie kann diese Diskussionen nicht ausstehen. Nicht jetzt. Aber der Kursus, zu dem sie morgen abend in Oslo sein soll, lenkt sie ab von der Furcht.

Außerdem ist diese Sache zu einem Bestandteil ihrer Arbeit geworden, zu einer freiwilligen Aufgabe, in die sie sich mit heller Begeisterung einbringt. Denn sie hält sie für sehr wichtig. Sie reist umher und hält sowohl hier in der Stadt als auch in den Nachbargemeinden Vorträge auf Lehrerkursen und auf Planungstagungen. Besucht die oberen Klassen von Grundschulen und Gymnasien, um vor Schülern zu sprechen. Besonders wichtig ist es ihr, in den Grundschulen Kontakt zu den Schülern der Oberstufe herzustellen. Wenn man Schüler in diesem Alter erreicht, ist die Chance groß, daß es mit ihnen gut gehen wird. Allerdings hat es in letzter Zeit auch an den Gymnasien alarmierende Informationen über wachsende Rauschgiftprobleme gegeben. Das ist neu und erschreckend.

Eine Forderung hat Maria immer an sich gestellt: Niemals den Glauben daran zu verlieren, daß das, was sie tut, einen Sinn hat. Deshalb hat sie zugesagt, als der Kursleiter sie bat, aufzutreten. Vorträge an der Basis mit möglichst wenig Theorie und möglichst viel Stoff aus der Praxis, das ist Marias Gütezeichen als Referentin. Jetzt, wo sie daran denkt, fühlt sie sich mutlos. Vielleicht ist sie gar nicht so gut, vielleicht ist es nur so, daß sie ja sagt, während andere nein sagen. Vielleicht hat Fredrik recht, wenn er meint, es habe überhaupt keinen Zweck, daß sie sich lediglich dabei kaputtmache und die Freizeit besser für die Familie nutzen solle.

Sie seufzt. Wahrscheinlich hat er recht, sie hätte nein sagen sollen zu diesem Kursus in Oslo. Aber im Frühjahr, als sie gefragt worden war, hatte sie nicht nein sagen können. Sie hatte es als eine Herausforderung empfunden, als etwas Neues und Interessantes, und so lange vor dem Herbst war es sehr leicht gewesen, ja zu sagen.

Der Kursus findet für Lehrer statt, die an einer Weiterbildung in Sozialpsychologie teilnehmen. Jede dritte Woche soll sie Vorlesungen halten, außerdem Arbeiten korrigieren. Ein Wochenende ist sie bereits dort gewesen. Sie war begeistert, aber zu Hause hatte sie auch gespürt, wie geschafft sie war.

Jede dritte Woche, und das bis zum Frühjahr! Wenn sie jetzt daran denkt, scheint ihr das undurchführbar.

Sie wird immer munterer und wälzt sich im Bett herum. Ebensogut kann sie aufstehen. Mit all diesen Gedanken im Kopf ist es ohnehin unmöglich, wieder einzuschlafen.

Sie sitzt am Küchentisch bei einem Glas Tee, blättert in den Notizen zu den Vorlesungen. Fast ohne es zu merken, raucht sie eine Zigarette nach der anderen. Mit Widerwillen sieht sie den vollen Aschenbecher. Je gestreßter sie ist, desto mehr Zigaretten werden es. Sie schämt sich, daß sie es nicht schafft, dieses Laster abzulegen. Sie hat es wirklich versucht, immer wieder, jedesmal die gleiche Niederlage.

Fredrik meint, das sei nur eine Frage des Charakters, wer nicht aufhören könne, habe einen Defekt im Charakter.

Dann habe ich wohl einen, denkt sie ärgerlich, aber ohne diesen Trost geht es im Alltag überhaupt nicht. Plötzlich fühlt sie Unmut über den mustergültigen Mann, mit dem sie zusammenlebt. Fredrik, der joggt und sich trimmt, der sich samstagabends eine einzige Zigarre gestattet, der sowohl in bezug auf seine Lebensgewohnheiten als auch auf seinen Körper auf Ordnung achtet. Fredrik, der meint, alle Probleme könnten rational gelöst werden, der im Bett liegt und einen gesunden und sorglosen Schlaf hat.

Sie hatte ihm erzählen wollen, was heute im Büro vorgefallen war, es dann jedoch vergessen. Sie hatte gedacht, daß sie vielleicht darüber ulken, es weglachen könnten. Daß sie sich gemeinsam über die roten Flecken auf der weißen Hose, über den Ekel im Gesicht des Chefs amüsieren könnten. Jetzt glaubt sie, daß sie ihm das nie erzählen wird. Vielleicht, weil sie befürchtet, sie könnte auch in Fredriks Gesicht Scham und Widerwillen sehen?

Es ist Morgen, und alles sieht anders aus. Die Kopfschmerzen von gestern, die Depressionen sind heute nur noch wie Schatten.

Während sie sich in dem großen Spiegel im Flur betrachtet, ist sie ganz zufrieden mit sich. Ihr kurzes, dunkles Haar ist frisch gewaschen und glänzt. Sie stellt fest, daß ihr die hellen Streifen, die sie sich kürzlich beim Friseur hat einfärben lassen, gut stehen. Das macht ihre Gesichtszüge weicher, vermindert den tristen Eindruck, der von den grauen Haaren herrührt, die sich immer schneller vermehren.

In wenigen Jahren wird sie ganz grau sein. Das macht nichts, das ist das wenigste, was ihr Sorgen bereitet. Genauso wenig sorgt sie sich um die vier-fünf Kilo, die sie in den letzten Jahren zugelegt hat. In dem hellgrauen Hosenanzug fühlt sie sich einigermaßen schlank. Sie ist groß, die überflüssigen Pfunde fallen kaum auf.

Sie wird den Nachmittagszug direkt nach der Arbeit nehmen. Jetzt, wo der Koffer gepackt ist, sie sich zurechtgemacht hat und sich wohlfühlt, freut sie sich. Auf alle Fälle freut sie sich auf einen ruhigen Abend zu Hause bei Lise. Ein Glück, daß sie Lise hat. Sie ist ihre beste Freundin, seit der Kindheit haben sie fest zusammengehalten. Sie wohnt immer bei Lise, wenn sie in Oslo ist.

Während sie im morgendlichen Verkehr durch die Stadt fährt, ertappt sie sich beim Summen einer Melodie. Jetzt, endgültig unterwegs, graut es ihr nicht mehr vor der langweiligen Zugreise. Im Koffer hat sie ein neues Buch, das sie für die Fahrt eingesteckt hat. Heute kommen keine speziellen Klienten, sie sitzt im Auto und findet, daß das Leben gar nicht so übel ist.

Im Büro ruft sie als erstes Fredrik an. Er mußte heute sehr zeitig los, so daß sie nicht mehr mit ihm sprechen konnte, und sich auf die Reise zu freuen, während er zu Hause sitzt und sich um sie sorgt, das bringt sie nicht übers Herz.

Es ist, wie zu vermuten war: Seine Stimme klingt besorgt, unruhig.

»Mußt du denn fahren? Es ist doch kein Verbrechen, krank zu sein.«

»Ich bin aber nicht krank. Heute fühle ich mich ganz wohl, es geht wieder bergauf.«

»Manchmal weiß ich wirklich nicht, was ich glauben soll«, sagt er, und es klingt verletzt.

Nein, verwunderlich ist es wohl nicht, daß er von ihren Stimmungsschwankungen irgendwann mal genug hat.

»Hast du deinen Arzt angerufen?«

»O verflixt.«

»Du willst doch nicht etwa kneifen?«

»Nein«, erwidert sie schnell, »natürlich rufe ich an.«

Ihre gute Laune ist indessen fast verschwunden. Sie fürchtet sich davor, mit dem Arzt zu sprechen. Am besten, sie bringt es hinter sich, aber sie hat Herzklopfen, als sie die Nummer des Krankenhauses wählt und die Zentrale sich meldet.

»Dr. Moe? Nein, leider, er ist verreist, zu einem Kursus.«

»Oh«, sagt Maria konsterniert, »ist er lange fort?«

»Die ganze nächste Woche«, erwidert die Dame geschäftig, »rufen sie bitte wieder an!«

Maria atmet auf. Ein kleiner Aufschub. Bis dahin will sie das Ganze vergessen.

Eine Weile später ist Fredrik am Apparat.

»Na, was war?«

»Gar nichts, der Arzt ist nicht da, er ist auf einem Lehrgang.«

»Auf einem Lehrgang?« fragt er mißtrauisch. »Du hast wirklich angerufen?«

»Denkst du, ich lüge dich an?« erwidert sie scharf. »Hältst du mich für ein Kind, auf das du aufpassen mußt?«

»Manchmal schon«, sagt er einlenkend. »Paß gut auf dich auf, mein Schatz!« fügt er hinzu, und weg ist er.

»Verflucht noch mal«, murmelt sie ärgerlich vor sich hin und legt den Hörer auf.

Gar nicht schlecht, ein paar Tage wegzukommen, von allem weg.

Schon als sie auf dem Westbahnhof den Zug verläßt, ergreift die Stadt von ihr Besitz. Diese Hektik, die vielen Menschen auf dem Bahnsteig, Oslo ist eine Stadt, die sie zugleich abstößt und anzieht. Das letztere mehr, sie hat sich in Oslo verliebt, die Stadt ist für sie ein Ort zum Verschnaufen geworden. Sie hat es gern, durch die Straßen zu schlendern, unerkannt in der Menschenmenge unterzutauchen, das Treiben, die Anonymität zu erleben.

Aber auch hier sieht sie das, worauf die meisten nicht achten. Sie hat es im Blut, es ist zu einem untrennbaren Bestandteil ihres Lebens geworden. Auf große Entfernung kann sie einen rauschgiftsüchtigen Jugendlichen in der Menge erkennen. Sie sieht die Penner, die Prostituierten, die Zuhälter, alles, was wie ein Tumor unter der Oberfläche des scheinbar friedlichen und unbeschwerten Straßenlebens wuchert.

Vor dem Eingang zur Bahnstation ein junger Iraner, ein Knabe, mit einem Schild vor dem Bauch, einer Sammelbüchse in der Hand. »Nein zu Khomeini«, steht in roter Schrift über dem Bild des Diktators.

»Bitte, helfen politische Gefangene in Iran«, sagt er in gebrochenem Norwegisch.

Sie steckt ein paar Zehner in seine Büchse, greift nach dem Flugblatt, das er ihr hinhält, lächelt ihm schnell zu. Als sie zum Taxistand eilt, bleibt sie stehen, es läuft ihr eiskalt den Rücken hinunter, denn dort, halb versteckt in der Menschenmenge, die aus dem Bahnhofsgebäude strömt, sieht sie einen großen, schwarzhaarigen Mann, in einen eleganten langen, hellen Mantel gekleidet, einen Ausländer, der einen Fotoapparat in seinen Händen hält, einen Fotoapparat mit Teleobjektiv. Im Schutz der Menge macht er heimlich von dem jungen Iraner Aufnahme um Aufnahme.

Marias erster Gedanke ist, daß sie etwas tun muß, um das zu unterbinden, daß sie zu dem Jungen laufen und ihn warnen muß, aber die Vernunft sagt ihr, daß das nichts nutzen würde. Sicher weiß er, daß er observiert wird, oder ahnt doch, daß die Wahrscheinlichkeit dafür sehr groß ist, wenn er sich dort hinstellt. Ein Schreck durchfährt sie bei dem Gedanken, daß auch sie fotografiert wurde, daß alle, die dem Jungen Geld gegeben haben, mit ins Archiv kommen.

Als sie im Taxi sitzt, wird sie innerlich von einer großen und unbekannten Angst geschüttelt. Das geschieht in Norwegen, mitten im friedlichen Oslo. Obwohl sie es wußte, ist es ein Schock für sie, auf diese Weise damit konfrontiert zu werden.

»Herrgott, in was für einer scheußlichen Welt leben wir!« sagt sie.

Der Chauffeur antwortet nicht, betrachtet sie im Spiegel, denkt vielleicht, er habe eine Verrückte im Auto.

Maria ist zu erregt, um die Beobachtungen für sich zu behalten.

Der Taxifahrer zuckt mit den Schultern.

»Ja, mir tun die überhaupt nicht leid. Niemand hat dieses Volk hierher eingeladen, oder was? Die sollen, zum Teufel, dort bleiben, wo sie hergekommen sind und uns nicht mit ihrem Mist behelligen!«

Sie ist auf einen von der Sorte gestoßen, sie schweigt und läßt sich in den Sitz zurücksinken, zu erschöpft, um eine nutzlose Diskussion mit einem Taxifahrer zu beginnen. Auch das ist Norwegen, denkt sie.

Während Maria in dem alten, trauten Haus auf Majorstuen ihren Koffer zu Lises Wohnung hochschleppt, fühlt sie sich niedergeschlagen und müde. Aber Lise, klein, schmächtig und quicklebendig, steht in der Tür und empfängt sie mit breitem Lächeln. Sie nimmt Maria den Koffer ab, bleibt für einen Moment stehen, schaut sie an.

»Du siehst nicht gut aus. Nun ja, vorläufig ist es verboten, über Sorgen zu sprechen. Rein mit dir ins Bad, zur Toilette, Hände waschen und zu Tisch.«

Im Bad steht Maria vor dem Waschbecken, betrachtet sich eingehend im Spiegel. Stimmt, Lise hat recht, das Gesicht dort ist grau, abgespannt, sieht nicht so gut aus wie heute morgen zu Hause im Flurspiegel. Nicht hier im grellen Neonlicht in Lises Bad.

»Möchtest du Rotwein oder Rosé zum Essen?« ruft Lise aus der Küche.

»Was gibt es denn?«

»Käsesoufflé.«

»Mm, herrlich. Rosé, für mich heute keinen Rotwein. Das verträgt sich nicht mit meiner Mensis.«

»Herrgott«, sagt Lise, als sie in die Küche kommt. »Wie lange willst du dich denn noch damit plagen? Ich hab es erledigt, bevor ich vierzig war. Du solltest jetzt damit Schluß machen. Ich glaube, jedesmal, wenn du bei mir bist, hast du deine Mens.«

»Das kann ich wohl kaum abstreiten«, antwortet sie leichthin. »Wie schön du alles zurechtgemacht hast«, fügt sie hinzu, um vom Thema abzulenken. «Gott, wie gut es tut, hier zu sein.«

Maria läßt ihren Blick durch die gemütliche Küche wandern. Auf dem weißgescheuerten Tisch rote Sets, Kerzen, das hohe Küchenfenster zum Hinterhof mit den kleinen Scheiben ohne Gardinen, aber mit einem Gewirr von hängenden und auf dem Fensterbrett aufgereihten Grünpflanzen. An der Decke und an den Wänden Kupfergefäße.

»Zu dir kommen, ist das Beste, was ich kenne, Lise.«

Und das stimmt. Lise gehört zu den Menschen, bei denen sie sich geborgen fühlt, hier kann sie ganz sie selbst sein.

Lise ist seit vielen Jahren geschieden, sie hat keine Kinder. Nach und nach ist sie eine richtig selbständige Frau geworden. Ein paar Mal hat sie versucht, mit jemandem zusammenzuleben. Jetzt zieht sie es jedoch vor, allein zu bleiben.

»Ein Mann kommt mir nicht mehr in mein Haus«, sagte sie, als ihr letztes Verhältnis in die Brüche gegangen war. »Ich habe nicht vor, im Zölibat zu leben, aber nie wieder soll ein Mann über mich verfügen. Ich will selber bestimmen, wann sie kommen und wann sie gehen sollen«, sagte sie, und seither hat sie danach gelebt.

Lise ist Studienrätin an einen Gymnasium, hat einen großen, breitgefächerten Freundeskreis, geht ständig ins Theater, Kino, Konzert, zu politischen Veranstaltungen.

»Ich langweile mich nie«, sagt sie. »Dazu habe ich gar keine Zeit.«

Aber hinter dem lebensfrohen, heiteren Antlitz besitzt Lise andere Gesichter. Wie Maria weiß, gibt es noch eine ganz andere Lise. Eine Lise, die zum Vorschein kommt, wenn sie einmal zuviel getrunken haben. Eine Lise, die Angst davor hat, in dieser Stadt alt und einsam zu werden, die sich nach den Kindern sehnt, die sie nie bekommen hat. Daran denkt Maria, wenn sie Lise gelegentlich beneidet. Um ihre Freiheit, Selbstständigkeit beneidet, um diese gemütliche und aufgeräumte Wohnung, darum, daß sie in Oslo wohnt und Gelegenheit hat, alles, was hier los ist, mitzunehmen, den Puls des Lebens ganz anders zu spüren, als es Maria in ihrer Kleinstadt möglich ist. Wenn ihr Neid zu groß wird, denkt sie an die andere Lise, und sie verspürt starke Zärtlichkeit für ihre Freundin.

Nach dem Essen sitzen sie im Zimmer mit dem Rest Wein im Glas.

»Soll ich gleich noch eine Flasche aufmachen?« fragt Lise.

»Nein, bitte nicht. Ich muß an morgen denken.«

»Dann vollziehen wir zuerst unser Ritual und nehmen anschließend einen kleinen Gute-Nacht-Trunk.«

Das Ritual – jedesmal, wenn sie hier ist, dasselbe: Für die Nacht zurechtmachen, das Nachthemd anziehen, Maria bettet für sich die Couch auf, und dann bleiben sie sitzen und schwatzen, oft bis spät in die Nacht hinein. Wie zwei kleine Mädchen, mit angezogenen Beinen im Schneidersitz, jede in ihrer Couchecke.

Maria ist todmüde, jedoch genau in dem Moment, als sie spürt, daß der Schlaf kommt, schreckt sie mit einem schmerzhaften Ruck hoch, plötzlich ist sie hellwach. Sie bleibt liegen und starrt in das Dunkel, nur ein schwaches Licht von den Straßenlaternen gibt dem Raum Leben. Durch die Dunkelheit der Nacht schleichen sich Gesichter zu ihr herein. Der iranische Knabe, sein junges Gesicht, schutzlos, offen. Herrgott, er dürfte nicht älter als sechzehn-siebzehn sein. Sie sieht all die unglücklichen Jugendlichen, für die sie verantwortlich war und ist. Kreideweiße, anklagende Gesichter, schwarze, hilflose Augen, sie kommen zu ihr, die Lebenden und die Toten. In ihr die große Hoffnungslosigkeit, helfen zu wollen und nicht zu können.

Sie sei naiv, sagt Fredrik. Sie könne die Welt nicht allein retten, sagt er. Nein, das weiß sie. Dann ist sie wohl naiv.

Draußen auf der Straße beginnt eine Kehrmaschine mit höllischem Lärm zu arbeiten. Das abscheuliche Geräusch zerreißt die nächtliche Stille, und all das Unheimliche, das die Nacht in dieser Stadt verborgen hält, ergreift Besitz von Maria und raubt ihr auch heute den Schlaf.

Am nächsten Tag fährt Maria mit großer Unlust zu ihren Vorlesungen. Erneut denkt sie, daß es idiotisch von ihr ist, solche Aufträge anzunehmen, daß sie schnellstens lernen muß, nein zu sagen. Aber als sie vor den Studenten steht, die meisten von ihnen sind Lehrer in der Oberstufe, schämt sie sich. Sie kennt die Probleme, mit denen sie sich herumzuschlagen haben, den Mangel an finanziellen Mitteln, die auf ein Minimum gekürzte Rahmenstundenzahl, was sich natürlich zusätzlich negativ auf die Problemschüler auswirkt. Mit Bewunderung schaut sie auf die Studiengruppe, die aus reinem Idealismus Freizeit und Geld für diesen Kursus aufwendet. Die Freizeit von zwei Jahren, um ein halbes Grundfachstudium zu absolvieren, ohne etwas dafür zu bekommen, jedenfalls nichts Materielles.

Dann ist sie wieder bei der Sache. Spricht mit Enthusiasmus und Feuereifer, mitgerissen von den interessierten Gesichtern. Einmal mehr gibt sie alles, was sie hat.

Erst, als sie im Zug sitzt, merkt sie, wie erschöpft sie ist. Sie hat das ungute Gefühl, daß sie wieder einmal Steine statt Brot gab. Daß es nicht große Worte sind, was diese Menschen brauchen. Das wirkliche Problem ist Geld, sind mehr Mittel, größere Freiräume, um die Arbeit ordentlich machen zu können. Das ist es, worum sich alles dreht.

Ich wollte nie verlieren - ein Frauenschicksal

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