Читать книгу Ich wollte nie verlieren - ein Frauenschicksal - Anne Karin Elstad - Страница 5

Maria

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Es passiert während der morgendlichen Besprechung. Maria trägt gerade einen Bericht vor. Plötzlich bricht sie ab, hellwach blickend, nach innen lauschend. Sie sieht die Gesichter der anderen vor sich, sieht, wie aufmerksam sie auf einmal sind, wie sie sie anstarren. Dann spürt sie es. Die Blase, die tief in ihr platzt. Für einen Moment durchrieselt sie die althergebrachte Scham über die Unreinheit der Frau. Sie nimmt sich zusammen, damit ihr nichts anzusehen ist und ihre Stimme nicht zittert.

»Entschuldigung, aber ich glaube, mir ist ein kleines Malheur passiert«, sagt sie, lächelt, gibt ihrem Nebenmann den Bericht mit der Bitte, ihn für sie zu Ende vorzulesen.

Sie erhebt sich, spürt, sieht die roten Flecke, die sich zwischen den Oberschenkeln auf ihrer weißen Hose ausbreiten.

»Nun ja«, sagt sie leichthin und hebt bedauernd die Hände, »das kann jedem passieren, nicht?«

Sie registriert jedoch die verschreckten Gesichter, sieht Verlegenheit, Befremden in den Mienen einiger Männer.

Lächelnd, mit erhobenem Haupt, geht sie hinaus. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hat, lehnt sie sich für einen Moment dagegen, spürt wie die Knie zittern – vor Scham und Entsetzen.

Sie merkt, daß sie ihre Tasche vergessen hat, nimmt sich zusammen und geht wieder zu ihnen hinein. Noch immer herrscht dort diese gelähmte, verlegene Stille.

In der offenen Tür bleibt sie stehen.

»Aber ich bitte euch, guckt doch nicht so entsetzt. Was kann ich dafür, daß ich in der zweiten Pubertät bin!« sagt sie heiter.

Das löst die beklemmende Stimmung, befreiendes Lachen, einige klatschen Beifall.

»Ihr versteht, daß ich schnell mal nach Hause muß. In einer Stunde kommt eine Klientin. Das schaffe ich noch.«

Sie geht zur Toilette, stopft sich eine Binde zwischen die Beine. Binden hat sie jetzt immer in der Tasche, wirft den Mantel über und läuft zum Auto.

Herrgott, was für ein trostloses Wetter. Den ganzen Sommer schon Regen, und der Herbst genauso. Regen und Nebel, tagein, tagaus. Grau in grau.

Ungeduldig hält sie an der roten Ampel. Die Scheibenwischer summen, sie reibt die beschlagenen Fenster im Auto trocken, fährt bei Gelb los und muß scharf bremsen wegen eines Jungen, der im letzten Moment über die Straße läuft. Erschrocken denkt sie, daß sie in ihrem Zustand nicht Auto fahren sollte, daß sie sich und andere gefährdet.

Vom Auto läuft sie ins Haus, durch die Wohnung, spürt die Unordnung vom Vortag mehr, als sie zu sehen ist, nimmt den Geruch von kaltem Zigarettenrauch wahr. In dem trostlosen, grauen Schummerlicht erscheint alles noch schlimmer. Ihr geht durch den Kopf, daß sie es mit dem Haus nie mehr schaffen wird, mit nichts mehr. Selbst wenn sie ständig hetzt, ununterbrochen, von einer Sache zur anderen. Daran muß sie denken und an die peinliche Situation im Büro. Einen langen Arbeitstag so zu beginnen...

Sie erschrickt heftig, als sie ihr kalkweißes Gesicht im Badezimmerspiegel sieht. Wieder muß sie an das Schamgefühl denken, das sie dort auf dem Präsentierteller empfand, die Schande der Frau. Trotz aller Aufklärung und weiblicher Emanzipation war ihnen anzusehen gewesen, den Männern, aber auch den Frauen, daß sie etwas sehr Intimes zur Schau gestellt hatte, etwas, das besonders sorgfältig verborgen wird. Und dafür schämt sie sich.

Plötzlich kommt aus ihrem Inneren, aus dem Verborgenen, eine Erinnerung hoch. Ein zweites Gesicht tritt ihr vor Augen, sie sieht sich als Vierzehnjährige.

Es ist am Abend des 17. Mai, des Nationalfeiertages. Im Jugendklub findet ein Fest statt. Gemeinsam mit ihren Klassenkameraden sitzt sie auf der Galerie. Im Sommer werden sie konfirmiert, deshalb dürfen sie sich das Unterhaltungsprogramm ansehen, bevor der Tanz beginnt.

Die Mädchen sitzen in der ersten Reihe nebeneinander, alle gleich gekleidet, sie tragen die Volkstrachten, die sie in den Handarbeitsstunden in der Schule genäht haben. In der Reihe hinter ihnen die Jungen, die lärmen, sie an den Haaren ziehen und in ihrem Stimmbruch viel zu hoch lachen. Nachdem das Licht im Saal ausgegangen ist, führt sie ihre Hand nach hinten, schmiegt sie in eine warme und schwitzende Jungenhand. Die Hand des einzigen , deren Wärme sie schnell durchdringt.

Da merkt sie es. Zuerst die Schmerzen ganz unten im Rücken, dann der Magen, der sich zu einem harten Knoten zusammenkrampft, was immer unerträglicher wird. Danach die große Blase, die in ihr platzt, das Blut, das in Wellen kommt, in Strömen aus ihr rinnt.

Sie erinnert sich an ihre Verzweiflung darüber, daß sie zwischen den anderen eingeklemmt saß, nicht herauskonnte, sich nicht fortwagte, daß sie die Hand, die ihre hielt, nicht losließ, obwohl ihre Hand kalt und klamm wurde, daß sie kicherte und mit den anderen lachte, daß sie die Vorgänge auf der Bühne nicht wahrnahm, daß vor ihren Augen alles eine rote Wolke der Scham war. Sie blieb sitzen, wie sie saß.

Sie hatte eine grüne Jacke mit, die sie sich behutsam unterschob und auf der sie verharrte, bis ihr klar wurde, daß es keinen Zweck mehr hatte. Bis sie spürte, wie das Blut alles durchdrang, und sie die schale Ausdünstung des Blutes wahrnahm, begriff, daß die anderen bei diesem Geruch etwas merken mußten. Da flüsterte sie der ihr am nächsten sitzenden Freundin zu, daß es gekommen sei, daß sie nach Hause müsse.

Lise kam ihr nach, blieb dicht hinter ihr, damit niemand den großen, beschämenden Fleck auf ihrem Rock sähe. Vor sich her trug Maria ihre zusammengeknüllte Jacke, während sie darum betete, daß ihr Sitzplatz nicht beschmutzt sein und ihr Freund nichts merken möge.

»Du bist verrückt«, sagte Lise aufgekratzt kichernd, als sie endlich draußen waren.

Maria drehte den Rock so, daß der Fleck nach vorn kam, faltete die Jacke zusammen, um deren beschmutzte Stellen ebenfalls zu verbergen, hielt die Jacke vor den Bauch.

»Soll ich dich nach Hause bringen?« fragte Lise widerwillig.

»Natürlich nicht.«

Fröstelnd in dem dünnen Rock, schlug sie den Heimweg ein. Sie schluchzte und weinte, und ihr größter Kummer war, daß sie das Fest verlassen mußte.

Sie schlich sich leise ins Haus, damit der Vater sie nicht hören sollte, verkroch sich tief in ihr Bett und weinte vor Scham und Verzweiflung. Weinte über die Gefangenschaft in einem Körper, der so etwas mit einem machen konnte. Ja, sie erinnert sich jetzt an die Verzweiflung und die Scham.

Dieselbe Scham, die sie heute überkommen hatte. Derselbe unberechenbare Körper. Und sie sieht ihr Leben von diesem Tag bis heute als einen Kreis. Ihr Zyklus ist genauso unberechenbar geworden wie damals. Sie erinnert sich an die ersten Menstruationen, die unregelmäßig kamen, in Abständen von Monaten. Nicht anders ist es jetzt. Fünf Wochen, drei Wochen, sechs, acht; sie muß immer Binden in der Tasche haben. Der Kreis hat sich in gewisser Weise geschlossen, denkt sie. Nur damals, da hatte sie ein unendlich langes Leben vor sich – und heute?

Lediglich vierzehn Tage seit der letzten Menstruation, das ruft quälende Angst hervor. Beunruhigende Gedanken, die sie zwischen den Menstruationstagen verdrängt. Das Krebsgespenst, die Furcht davor, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist.

Unsinn, sagt sie sich. Es ist nichts weiter als das Klimakterium. Ihr Zyklus, der verrückt spielt, eine andere Krankheit hat sie nicht. Wie schon so oft, schüttelt sie die Angst ab, die dummen Gedanken, macht sich schnell zurecht. Sie legt sich zwei Binden vor, zieht einen weiten Rock an, fährt mit dem Kamm durch das Haar, legt etwas Lippenstift auf und eilt wieder aus dem Haus. Denkt, daß sie es immer eilig hat, während ihr die Jahre wie Sand durch die Finger rinnen. In ein paar Jahren ist sie fünfzig. Daran denkt sie auch, jetzt häufig.

Im Auto fällt ihr wieder das fatale Fest an jenem 17. Mai ein. Merkwürdig, daß diese Erinnerung gerade jetzt hochkommt, nachdem sie so viele Jahre verschüttet war. Noch immer gibt es ihr einen Stich, wenn sie sich in das Kind versetzt, das sie damals war. Spuren eines alten Kummers. Am allerschlimmsten war es, allein damit fertig werden zu müssen, mit niemandem über das sprechen zu können, was mit ihr vorging. Nur mit den Freundinnen, und da wurde es zu Gekicher und Getuschel. Niemals jemanden zu haben, dem man den Ernst klarmachen konnte, die Angst und die Unsicherheit. Das war es wohl eigentlich, weshalb sie geweint hatte, auch damals.

Zugleich erinnert sie sich an den Alptraum, daß ihr das am Konfirmationstag passiert. Nacht für Nacht träumte sie damals dasselbe. Sah sich zum Altar gehen, mit dem großen roten Fleck hinten auf dem Kleid. Ihr fällt ein, daß sie an ihrem Konfirmationstag ein Binde trug, obwohl das gar nicht nötig war.

Und plötzlich ist ihr, als sei sie sich selber begegnet, ihrer Scham von damals. Heute, als sie dastand und sich die roten Flecken auf der weißen Hose ausbreiteten, hatte sie sich als Konfirmandin aus dem Traum gesehen, mit einer großen beschämenden Rose auf dem glänzenden, weißen Taftrock.

Während sie die Treppe hinaufeilt, wirft sie einen Blick auf die Uhr. Sie hat noch ein paar Minuten, um sich auf die Begegnung mit der Klientin vorzubereiten. Vor dem Treffen graut ihr – wie immer.

»Ist sie noch nicht gekommen?« fragt sie die junge Kollegin im Vorzimmer.

»Nein. Mein Gott, Maria, ich muß schon sagen, wie spielend leicht du das weggesteckt hast, was da passiert ist. Und noch dazu, wo der Alte dabei war. Wäre mir das passiert, ich wäre gestorben.«

Der Alte, das ist der Chef des Sozialamtes. Maria schmunzelt, er ist in ihrem Alter, obwohl, gelegentlich ist er wirklich alt und hat schrullige Ansichten. Etwas, was die Arbeit der Angestellten hier zusätzlich belastet.

»Aber das ist doch nichts, weswegen man sich schämen müßte. Die natürlichste Sache der Welt, nicht?«

»Schon, aber stark war es trotzdem, wie du das gemacht hast.«

»Was sollte ich denn tun? Im Erdboden versinken, mich unsichtbar machen?«

»Ja, zum Beispiel...«, sagt die Kollegin lachend und schaut voller Bewunderung auf Maria.

Maria ist die Älteste unter den angestellten Frauen. Für die Jüngeren ist sie so etwas wie eine Mutter. Sie kommen mit ihren Schwierigkeiten und Problemen zu ihr, ob es um die Arbeit geht oder um das Privatleben. Sie sehen Maria als die Starke, die alle Dinge in Ordnung bringen kann. Sicher hat sie für dieses Bild, das man von ihr hat, selbst gesorgt. Sie möchte gern als stark angesehen werden. Daß sie auch schwach sein kann, geht niemanden etwas an. Das ist ihre eigene Sache.

Sie geht in ihr Büro und weiß, daß sie eine neue Maria-Anekdote in die Welt gesetzt hat. Wie beispielsweise jene von ihr und der Klientin, bei der es um Scheidung ging, einer abgehärmten, grauen Frau, niedergeschlagen und voller Lebensangst. Plötzlich stand der rasende Ehemann in der Tür und ging auf die Frau los. Maria schmiß ihn raus. Sie packte ihn beim Schlafittchen, schob ihn durch den Korridor, die Treppe hinunter, bis auf die Straße. Der Mann war so verdutzt, daß er sich nicht wehrte und wie ein verprügelter Hund abzog, während die Mädchen im Vorzimmer Maria mit sprachloser Verwunderung betrachteten.

Oder einmal, als die Polizei anrief und sie zu kommen bat. Sie hätten einen ihrer drogensüchtigen Jungen mitgenommen. Er habe in einem Café randaliert, spiele immer noch verrückt und sei nicht zu bändigen. Man wende sich an sie, weil sie der Polizei mitgeteilt habe, daß dieser Junge unter keinen Umständen in eine Zelle gesperrt werden dürfe.

Sie warf sich in ihr Auto und fuhr zur Polizeistation. Dort fand sie ihn, von zwei Polizisten mit Gewalt auf einer Bank gehalten. Sie wurden kaum fertig mit diesem schmächtigen Knaben, in dessen Gesicht wahnsinnige Angst geschrieben stand.

Maria sprach beruhigend auf ihn ein, bat die Polizisten, ihn loszulassen. Sie umfing den mageren Körper des Jungen, bis er sich ihrer Umarmung weinend ergab, ein Ausbund an Angst.

Sie sorgte dafür, daß die Polizei seine Mutter und einen Arzt anrief. Als er nach Hause gefahren wurde, setzte sie sich mit ihm nach hinten ins Polizeiauto, legte die Arme um ihn. Sie blieb, bis der Arzt kam und der Junge sich beruhigt hatte.

Nicht zum ersten Mal war sie in einer Wohnung wie dieser. Aber sie verspürt immer wieder denselben hilflosen Zorn auf eine Gesellschaft, die so etwas geschehen läßt, auf ihren Berufsstand, sie fühlt sich schuldig, wenn sie so eine Mutter sieht, so eine Bruchbude.

Auch diese Geschichte kursierte unter den jungen Kollegen. Man hielt sie für mutig.

»Herrgott, das ist doch meine Arbeit!« hatte sie abgewehrt und die Bürotür hinter sich zugeschlagen.

Das waren die Momente, in denen sie das Heulen kriegen konnte.

Die Klientin, die gleich zu ihr kommen wird, ist die Mutter dieses Jungen. Stein heißt er.

Heute, wenn sie Vorfälle wie diese vor Augen hat, fragt sie sich nach dem Sinn ihrer Arbeit. Jeder Klient verlangt etwas, nimmt sich ein Stückchen von ihr, und so geht es immer weiter – es bringt nichts, denkt sie in ihren finstersten Augenblicken, wie gerade jetzt.

Trostlos, wie der Regen und das Grau dort draußen. Trostlos, denkt sie, wenn sie das triste, enge Kabuff sieht, ihr Büro, das knapp Platz für einen Klienten bietet. Wenn sie mehrere Personen empfangen muß, zum Beispiel ein Ehepaar mit Kind, ist es so eng, daß sie das Gefühl hat, kaum atmen zu können. Enge und Trostlosigkeit, augenfällig durch Unglück und Elend, die innerhalb dieser Wände ständig zugegen, zum Greifen nahe sind.

In letzter Zeit hat sie immer häufiger gedacht, daß sie es nicht mehr packt, sich sinnlos kaputtmacht. Aber wenn die Klienten vor ihr sitzen, weiß sie, daß sie es schaffen muß. Will und muß. In diesen Momenten werden ihre eigenen Alltagsprobleme zu Bagatellen, an die zu denken unanständig wäre, zu einem Nichts.

Das geht ihr auch gerade jetzt durch den Kopf, während sie die dicke Akte hervorholt. Steins Akte. »Dringend«, steht darauf. Im Herbst 1983 als dringend eingestuft. Seitdem ist dieser Fall dringend, wie viele andere. Ergebnislos, und jetzt ist Herbst 1986.

Ihre Gedanken wenden sich der Mutter zu, die gleich kommen wird. Sie war Marias Kollegin, als sie noch in der Stadtverwaltung arbeitete. Erstaunlicherweise hat die Frau es bei dieser Arbeit ausgehalten, trotz eines zerstörten Heims und eines ruinierten Lebens, trotz Scheidung, trotz des Jungen und der Probleme, die sie nach und nach mit den jüngeren Kindern bekommen hat. Seinerzeit, als Maria und sie zusammen arbeiteten – sie saßen im selben Büro –, war sie eine junge, voll ausgelastete, aber glückliche Mutter. Damals war sie die junge Frau Holte. Später sollte sie sie wiedertreffen, hier.

Außerhalb der Arbeit waren sie damals nie zusammen gewesen. Trotzdem, einen Klienten auf diese Weise zu kennen, macht die Sache zu persönlich, zu problematisch.

Sie graut sich vor der Begegnung mit ihr. Erstmals jedoch hat sie ein Angebot zu unterbreiten. Wie es aussieht, ist es ihr gelungen, einen Platz für den Jungen in einer Therapiegruppe zu beschaffen. Nach Weihnachten. Eigentlich wäre es ab sofort notwendig, es hätte schon vor vielen Jahren sein müssen, aber sie ist immer noch damit befaßt. Nach Weihnachten.

Das sind Marias Überlegungen, die Mutter betreffend, die gleich vor ihr sitzen wird. Sie schämt sich ihrer Gedanken von heute morgen. Daß sie sich durch das Mißgeschick mit der Menstruation aus dem Gleichgewicht bringen ließ! Vergessen ist auch die Angst. Ungebührliches Benehmen innerhalb dieser Wände hier. Bagatellen!

Ich wollte nie verlieren - ein Frauenschicksal

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