Читать книгу Auf Wiedersehen, Noel - Antonia Conrad - Страница 5
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ОглавлениеMadame Renoir hatte uns aufgezogen, sie war uns teilweise näher als unsere eigene Mutter. Seitdem waren wir tagsüber alleine und niemand war da, wenn wir von der Schule kamen. Mir war das alleine sein egal, auch wenn ich in den ersten Monaten oft an Madame Renoir denken musste. Man gewöhnt sich an alles, doch ich glaube, Chloe erging es anders. Ich hätte ihr gerne geholfen, doch ich wusste nicht wie.
Sie saß nur noch in der Küche oder im Wohnzimmer und starrte an die Wand.
Ich war oft mit Freunden weg, wir gingen an den Fluss oder spielten auf der Straße Fußball. Ich dachte nicht an Chloe und heute fühle ich mich schuldig dafür, was im Herbst 1959 geschah. Ich liebte meine Schwester, doch ich hasste diesen Anblick, wenn ich nachhause kam. Ich warf meine Jacke aufs Bett, zog meine Schuhe aus, ging meistens in die Küche, trank einen Schluck, dann ließ mich aufs Sofa fallen. Da saß sie. Auf dem geblümten Sessel neben der Couch. Sie saß immer nur so da, und ich sah immer seltener ein Lächeln auf ihren Lippen, nicht mal ein gequältes oder künstliches. Chloe hatte ein sehr schönes Gesicht, doch sie war sehr dünn. Ihre Finger waren knochig, ihre Haut blass und ihre Backen eingefallen. Chloe hatte schulterlange blonde Haare. Wenn ich nach Hause kam, schaute sie meistens nur kurz zu mir und las weiter oder starrte weiter an die Wand. Chloe war sehr ordentlich. Ihre Haare waren immer gekämmt, ihre Kleider waren immer sauber. Das konnte ich von mir nicht behaupten. Sie trug immer Röcke und nur sonntags Kleider. Ich hatte auch keine blonden Haare, sie waren hellbraun. Chloe hatte eine gerade Nase, genauso wie ich und geschwungene Lippen. Ihre Zähne waren gerade und sie hatte eine feine Lücke zwischen den Schneidezähnen.
Ihre Augen waren groß und hatten eine gräulich blaue Farbe. Sie starrte mich manchmal mit diesen Augen an und ich wusste nie, was sie wollte oder was sie damit bezwecken wollte. Ihre Augen waren groß und leer und fast hätte man sagen können ein wenig langweilig. Aber trotzdem fühlte man sich seltsam, wenn man Chloe in die Augen sah. Es fühlte sich an, wie losgerissen zu werden oder wie loslassen zu müssen. Loslassen zu müssen von deinem Leben. Es war wie eine Krankheit. Ich wollte nicht auch nur dasitzen und nichts tun. Ich wollte nicht loslassen, ich durfte nicht genauso leblos werden wie sie. Ich hatte oft darüber nachgedacht, wann Chloe wieder glücklicher werden würde oder wieder mal etwas unternehmen würde, doch es schien mir sinnlos. Wenn ich sie fragte, was los war, sagte sie nur, ich solle sie in Ruhe lassen oder sie wisse nicht, warum sie keine Lust hätte, raus zu gehen. Manchmal ging sie auch einfach in ein anderes Zimmer und lernte für die Schule oder las ein Buch. Ich fand, das war besser, als nur an die Wand zu starren.
(Chloe)
Mir fehlt jemand. Ich habe keinen Vater und Mama ist nur arbeiten, ich vermisse Madame Renoir so sehr. Noel versteht das nicht. Ihm ist es wahrscheinlich gleichgültig ob jemand bei uns ist. Ich bin fast nur alleine. Warum kann er nicht mal zuhause bleiben? Ich bin sehr einsam ohne jemanden in der Wohnung und ich kenne sie in und auswendig. Ich kann es Mama nicht sagen. Doch ich kann es nicht mehr lange aushalten.
Nach ein paar Monaten wurde es besser. Sie lachte häufiger, hatte zwei Freundinnen gefunden und ich dachte, ich müsste mir endlich keine Sorgen mehr machen. Sie war auch wieder freundlicher zu mir und bereitete manchmal das Abendessen zu. Mama hatte nie mitbekommen, wie traurig Chloe gewesen war, doch ich möchte ihr nicht die Schuld dafür geben, was eben so geschah, wie es geschah.
Mama hatte so viel zu tun und wenn sie es gewusst hätte, hätte sie bestimmt eine Bekannte gebeten, bei uns zu bleiben, solange sie arbeiten musste. Ich erinnere mich lebhaft an den Tag, an dem ich die Augen öffnete und nicht die geringste Ahnung hatte, was ich in wenigen Minuten feststellen werden würde.
Ich war damals elf Jahre alt. Chloe und ich hatten uns bisher ein Zimmer geteilt, ansonsten gab es noch das Wohnzimmer, von welchem aus die Fenster in Richtung Süden zeigten.
Deshalb war es dort tagsüber schön hell. Die Gardinen waren jedoch meist zugezogen und es war warm. Das Licht wirkte verschwommen und doch so klar, dass man die Staubkörnchen durch den Flur in der Luft schweben sehen konnte, wenn die Türe des Wohnzimmers geöffnet war und man zur Haustür hinein kam. Im Flur war damals gräulicher Teppichboden, der bis in das Wohnzimmer reichte. Chloe war eine Zeit lang wie ein Möbelstück in unserem Wohnzimmer gewesen. Ihre blonden Haare und ihre helle Haut in dem hellen warmen Licht waren nach einer Weile eins geworden, so dass ich sie nicht mehr sah. Ich sah nicht mehr sie selbst. Ich hatte sie verloren. Und auch als es ihr besser ging, war sie nicht mehr ganz sie selbst und ich gewann sie nie mehr zurück. Sie glitt mir aus den Fingern, wie ein nasses Stück Seife, immer wieder, wenn ich versuchte meine Schwester wieder zu gewinnen.
Gleich links ging es in die Küche, sie war klein und dunkel, wenn wir nicht aßen oder Chloe oder Mama gerade kochten. Der Boden war gefliest und die Schranktüren matt gelb angestrichen. Die Arbeitsplatte war wohl einst weiß gewesen, hatte sich jedoch zu einem hellen Beige verfärbt. Und besaß zahlreiche Flecken verschiedenster Mahlzeiten. In der Mitte der Küche stand ein kleiner wackeliger Tisch mit drei Stühlen bestückt. Er war aus Holz und die Tischplatte war weiß angestrichen, doch der Lack war an allen vier Ecken schon abgeblättert. Gegenüber der Küche ging es in Mamas Schlafzimmer, dort standen nur ihr Kleiderschrank, eine kleine Kommode, das Bett und ein kleiner Nachttisch. An den Wänden hingen ein paar Fotos von Mamas und Papas Hochzeit, von Mamas Eltern und von Chloe und mir. Neben der Küche war das Kinderzimmer, welches mittlerweile kein richtiges mehr war. Rechts und links an der gemusterten Tapete stand jeweils ein Bett und dazwischen stand ein kleiner blauer Nachttisch. Sonst ein Schreibtisch, den wir uns teilten und ein Kleiderschrank, den wir uns auch teilten. Im Wohnzimmer standen zwei Regale, ein Sofa, der geblümte Sessel und ein kleiner Tisch mit kurzen Beinen. Hier hingen ein paar Gemälde und manchmal stellte Mama Blumen auf den Tisch oder in unser Zimmer.