Читать книгу Im Zentrum der Spirale - Cecille Ravencraft - Страница 13

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Als die beiden dann tatsächlich in sein Zimmer kamen, sahen sie sehr ernst aus. Sie baten Tom, mit runter zu kommen. Alle drei nahmen am Küchentisch Platz. Mr. M. stand wieder auf, ging zum Kühlschrank, und kehrte mit zwei Flaschen Bier zurück. Er stellte eine davon Thomas krachend vor die Nase und öffnete die andere.

»Girls und Bier, das sind wir«, hatte Juan immer gesagt. Das traf wohl auch auf Mr. M. zu. Zwar war er nicht unbedingt ein Weibermagnet, aber das Bier schüttete er sich in die Kehle wie Juan es auch immer getan hatte.

Thomas hatte Mr. M. zuvor noch nie Bier trinken sehen. Er hatte auch Mrs. M. noch nie Alkohol anrühren sehen. Dennoch stand ein weiteres volles Glas Whiskey vor ihr.

»Okay, Tommy«, sagte Mr. M. plötzlich in die Stille, und Thomas erschrak. »Erzähl uns, was du getan hast und warum du es getan hast.« Er gab sich überraschend freundlich. Thomas nickte. Diese beiden Menschen hier waren sowieso die Einzigen auf diesem Planeten, denen er die ganze Geschichte erzählen wollte. Er nahm einen tiefen Zug aus seiner Bierflasche und begann. Es war beinahe Mitternacht, als er fertig war.

Thomas war ein Waisenjunge und lebte bei den Ringers. Die waren sehr geizig. Sie ernährten ihre Pflegekinder Thomas, Juan und Michael mit Lebensmitteln, die sie billiger bekamen, verbeulte Konserven und altes Brot. Die Jungs bekamen ein Sandwich, wenn sie aus der Schule kamen und eines zum Abendessen. Kein Frühstück. Warme Mahlzeiten nur zweimal in der Woche.

»Wären wir im Knast, würden wir besser essen«, sagte Michael.

»Und öfter«, setzte Thomas hinzu.

»Wir enden so oder so im Knast, also gewöhnt euch schon einmal an die Cousine«, erwiderte Juan trocken. Er und Michael stahlen jeden Tag im Einkaufszentrum, oft um die coolen Sachen zu bekommen, die die anderen Kinder hatten, meistens jedoch Essen. Noch weigerte sich Thomas zu stehlen, obwohl er ständig hungrig war. Als er sechzehn wurde, zwangen ihn die Ringers, Zeitungsjunge zu werden. Mitten in der Nacht musste er nun aufstehen, zitternd vor Kälte und Hunger. In der Schule konnte er sich überhaupt nicht mehr konzentrieren und kassierte eine Menge Sechser. Die Ringers kassierten sein Geld.

Thomas stritt sich mit ihnen, und als das gierige Paar ihm sein Geld nicht aushändigen wollte, nahm er es sich heimlich. Die Ringers riefen seine Sozialarbeiterin an, und Thomas musste gehen.

Die Familie Norris war besser. Nicht ihr Essen, aber zumindest konnte sich jeder den Bauch vollschlagen. Thomas freundete sich mit ihrer Tochter Kelly an, die genau wie er sechzehn war. Sie war ein schüchternes, liebes Mädchen. Ein Sensibelchen, wie ihre Oma immer gesagt hatte, und meistens traurig. Sie war so dünn, dass Thomas zuerst dachte, sie sei magersüchtig. Mit der Zeit fand er heraus, dass die kühle Distanziertheit ihrer Eltern ihr den Appetit verdarb.

Mr. und Mrs. Norris hatten eine Menge Eheprobleme. Thomas war das völlig egal. Alles was er wollte, waren ein Dach über dem Kopf und Nahrung. Er erwartete schon lange nicht mehr, von seinen Pflegeeltern geliebt oder auch nur gemocht zu werden.

Mr. Norris ging jeden Morgen zur Arbeit und saß jeden Abend vor dem Fernseher. Viel Zeit verbrachte er beim Bowlen und wahrscheinlich hatte er auch eine Geliebte. Er ignorierte seine Frau, Tochter und den Pflegesohn hartnäckig.

Mrs. Norris war Alkoholikerin. Alles, was Thomas tun musste, war eine Schranktür öffnen und Bingo! Da stand mindestens eine Flasche, versteckt hinter irgendwelchen Putzmitteln. Auch Mrs. Norris ignorierte ihre Tochter. Sie trank nur und verfolgte mit leerem Blick irgendwelche Seifenopern. Kelly hatte jeden Grund, traurig zu sein. Und sie war einsam. Thomas wusste nicht, was in dieser Familie so schiefgelaufen war, aber Kelly tat ihm leid. Seine Herzenswunden waren vernarbt, ihre bluteten noch.

Er wurde zu ihrem großen Bruder. Aber nach ungefähr einem Jahr musste er feststellen, dass Kelly ihn nicht wie einen Bruder liebte, jedenfalls nicht mehr. Sie errötete, wenn er sie ansprach, benutzte Make-up und trug Ohrringe. Sie besorgte sich einen Teilzeitjob und gab das Geld für einen neuen Haarschnitt und künstliche Fingernägel aus. Immerzu versuchte sie, Thomas nahe zu sein, berührte seine Hand, sah ihn voller Bewunderung an. Ihre Verliebtheit stand ihr quer über das schmale, blasse Gesicht geschrieben.

Thomas fühlte sich zwar geschmeichelt, empfand aber nicht dasselbe für Kelly. Er war damals in Sandra Donovon verknallt. Er wollte Kelly aber auch nicht verletzen. Also wahrte er Distanz und verbrachte seine Mathestunden vergeblich damit, Sandras Aufmerksamkeit zu erregen.

Als die Schulzeit sich dem Ende zuneigte, bat Kelly Thomas, mit ihr zum Abschlussball zu gehen. Aber Thomas wollte nicht.

»Ich werde nicht einen ganzen Abend damit verschwenden, mit diesen Idioten abzuhängen, mit denen ich Jahre meines Lebens zusammenhocken musste«, sagte er grob. »Ich gehe lieber ins Kino und hole mir danach irgendwo `nen Burger.« Der wahre Grund für seine Weigerung war, dass Sandra mit David Barns zusammen zum Ball ging, dem weltgrößten Idioten. Sandra hatte ihn regelrecht ausgelacht und ihn mit ihren wunderschönen Augen verächtlich angesehen, als Tom endlich den Mut fand, sie zu fragen, ob sie mit ihm zum Ball gehen wollte. Ein Mädchen wie sie ging doch nicht mit einem aus, der bei einer Pflegefamilie wohnte und keine Kohle hatte! Tom vergaß niemals das Gelächter hinter seinem Rücken, das losbrach, als Sandra ihren Freundinnen von seiner Einladung erzählte.

Nein, er konnte sich nicht überwinden, zu dem verdammten Ball zu gehen. Kelly war ziemlich enttäuscht. Sie hatte Geld gespart, um sich ein schönes Kleid zu kaufen.

»Dann gehe ich eben mit dir ins Kino«, sagte sie schließlich. Thomas fühlte sich schuldig. Was für ein Mädchen würde freiwillig die Chance vertun, Ballkönigin zu werden? Nur ein Verliebtes. Er beschloss, dass der Abend es wert sein sollte, den Scheißball zu verpassen.

Der Film war gut und die Burger auch. Danach fuhren sie raus zum See und schliefen miteinander auf einer Decke, die Thomas am Abend zuvor in den Kofferraum gepackt hatte. Er wollte nicht, dass Kelly ihre Jungfräulichkeit im Auto ihres Vaters verlor. Er versuchte, vorsichtig zu sein, aber er sah, dass er ihr weh tat. Es war nicht das erste Mal, dass er das tat, und bestimmt nicht das letzte. Aber zumindest war es eine andere Art Schmerz.

Der Gedanke, dass es sehr rücksichtslos von ihm war, mit ihr zu schlafen, obwohl er ihre Gefühle nicht erwiderte, kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Wenn man zum Abschlussball ging, wurde man flachgelegt. Wenn Kelly schon den Ball verpasste, wollte Tom wenigstens dafür sorgen, dass sie den Sex bekam, der ihr zustand.

Danach lagen sie beide nebeneinander auf der Decke und sahen in den sternenübersäten Himmel. Das war das Schönste an der Sache. Thomas vergaß nie das Gefühl der Behaglichkeit auf der weichen Decke, Kellys kleine Hand auf seiner Brust und den warmen Sommerwind, der um ihre nackten Körper strich. Er begann über sein weiteres Leben nachzudenken und welche Rolle Kelly darin spielen könnte. Es war, als habe die Magie dieser Nacht ihm erlaubt, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Er mochte nicht, was er sah. Er wusste, dass er sie bitten konnte, ihn zu heiraten. Sie würde begeistert zustimmen. Dann konnte er sie dazu bringen, arbeiten zu gehen, während er das Geld seiner Frau mit Juan und Michael auf den Kopf haute. Girls und Bier.

Kelly würde langsam innerlich krepieren, sich aber niemals beschweren. Thomas wusste, er würde nach und nach anfangen, sie für ihre Schwäche zu hassen. Schrecklicherweise war der Gedanke an so ein Leben auch sehr verführerisch.

Er konnte sie sehen, wie sie nach einem langen Arbeitstag mit Tüten vom Supermarkt nach Hause kam. Unter ihren Augen würden mit den Jahren vor Erschöpfung dunkle Ringe auftauchen, die auch das Make-up nicht mehr kaschieren konnte. Er, Thomas, würde seine Frau mit den Worten »Was gibt’s zum Essen?« begrüßen und sich rülpsend am Hintern kratzen. Dann würde er ächzend aufstehen und ihr womöglich noch zu verstehen geben, wie hässlich sie doch war mit den vielen Falten und dem frühzeitig ergrauenden Haar. Dann würde sie in Tränen ausbrechen und Überstunden machen, damit sie sich einen Besuch bei der Kosmetikerin leisten konnte.

Natürlich würde Kelly Kinder wollen, er aber immer ein Gummi benutzen. Da er selbst ein Pflegekind gewesen war, wollte er keine Kinder in die Welt setzen. Tom würde einen dicken Bierbauch bekommen und sich zum Entsetzen seiner Frau in eine Art Gorilla verwandeln.

Die Bilder verblassten.

Thomas stand auf und schüttelte den Kopf.

»Was ist denn, Thomas? Stimmt was nicht?«, hatte Kelly besorgt gefragt. Er wusste, sie befürchtete, dass der Sex nicht gut für ihn gewesen war, dass sie seinen Erwartungen nicht hatte gerecht werden können. Sie wollte ihn immer zufriedenstellen, ihm gefallen.

»Lass uns nach Hause fahren. Es ist schon spät.« Er zog sich seine Hose an. Kelly sah ihn an wie ein Hundebaby. Tom hasste es, wenn sie ihn so ansah.

Auch Kelly zog sich an und faltete die Decke zusammen. Es lag etwas Endgültiges in dieser Geste. Sie spürte es auch.

Wortlos fuhren sie heim.

Thomas distanzierte sich nach diesem Abend noch mehr. An seinem achtzehnten Geburtstag packte er seine wenigen Habseligkeiten und zog aus. Juan holte ihn mit seinem Auto ab. Thomas zweifelte nicht daran, dass es gestohlen war. Als er einstieg, sah er Kelly am Fenster seines ehemaligen Zimmers stehen. Sie war sehr blass. Er sah ihr in die Augen, bis Juan davonfuhr.

Juan und Michael wohnten in einem Saustall, den man nicht mehr als Apartment bezeichnen konnte.

»Mann, sogar die Kakerlaken kriegen einen Kotzanfall, wenn sie abends rauskommen und diese Schweinerei sehen«, würgte Thomas hervor, als er die Küche betrat. Zerbeulte Kartons mit chinesischem Essen lagen überall herum, innen grün und entsetzlich stinkend. Schmutzige Wäsche türmte sich in allen Ecken, und Tom fand sogar eine getragene Unterhose im Waschbecken. Aber im Grunde machte es ihm gar nicht so viel aus. Seine erste eigene Wohnung, keine Pflegeeltern in der Nähe, die ihn anbrüllten – sein Leben konnte endlich anfangen.

Juan fragte Thomas, wie er seinen Anteil an der Miete zu bezahlen gedachte.

»Na, ich suche mir `nen Job, was hattest du denn gedacht?«

»Ich denke, arbeiten ist was für Idioten«, erwiderte Juan gelassen und zündete sich ein Pfeifchen an. Wie es aussah, nahm er jetzt auch noch Crack. Es stellte sich heraus, dass er tatsächlich Autos stahl. Er wollte, dass Thomas sein Partner wurde. Als dieser keinen Job finden konnte, gab er nach.

Ein Jahr verging. Tom stahl Autos, aber es wurde zunehmend schwieriger. Die Polizei war ihnen immer dicht auf den Fersen, und die Eigentümer versahen ihre geliebten Vehikel mit immer besseren Sicherheitssystemen. Als den erfolglosen Dieben das Geld ausging, und der Vermieter ihnen klarmachte, dass sie am nächsten Morgen rausflogen, packte Michael seine Sachen und verschwand.

Juan sagte zu Thomas, dass er eine Idee habe. »Ich habe mir den Siesta Markt in der Welsh Street angesehen. Den nehmen wir uns heute Nacht vor. Die haben mit Sicherheit ein paar Tausend Kröten in der Kasse.«

»Ein paar Hundert vielleicht, aber keine Tausend, du Idiot«, schnauzte Thomas. Ihm stank dieses Leben buchstäblich. In diesem Dreckloch hier mochte er nicht mal duschen. Er zog es vor, das bei den Weibern zu tun, die er aufriss, wenn er besoffen war.

»Ein paar Hundert Dollar wären genug, um von hier zu verschwinden und irgendwo neu anzufangen«, knurrte Juan zurück. Thomas seufzte und gab nach. Vielleicht würde es ja sogar klappen. Juan gab ihm eine Pistole. »Du richtest sie einfach auf das pickelige Monster hinter der Kasse und schreist. Er gibt das Geld raus, und wir verschwinden. Klappt immer. Die scheißen sich in die Hose, wenn sie eine Waffe sehen.« Thomas nahm sie zögernd. Er mochte das Ding nicht.

Um zehn Uhr abends betraten sie den Siesta Markt. Er war menschenleer. Juan und Thomas zogen sich Skimasken über das Gesicht. Sie rannten zur Kasse. Thomas zögerte kurz als er sah, dass der Kassierer ein Mädchen war, das gerade Twinkies in ein Regal stapelte. Juan fing mit der Brüllerei an. Ihm war es scheißegal, ob der Kassierer männlich oder weiblich war.

»Gib uns das Geld, du blöde Schlampe!«, schrie er und fuchtelte mit seiner Waffe. Thomas hob seine Pistole mit zitternden Händen. Das Mädchen fuhr erschrocken herum. Thomas’ Mark wurde zu Eis. Es war Kelly. Sie sah die Skimasken und die Waffen, und schrie. Juan brüllte zurück, sie solle das Maul halten. Kelly machte einen Schritt rückwärts und stolperte über den Karton mit den Twinkies. Ihre Hände griffen hektisch nach der Ladentheke vor ihr, damit sie nicht hinfiel. Juan geriet in Panik. Ein Schuss fiel. Ein roter Fleck erschien auf Kellys Uniform, und er wurde schnell größer. Thomas stand noch immer wie angewurzelt vor der Kasse, die Knarre erhoben, und starrte mit hervorquellenden Augen auf Kelly, die langsam zu Boden ging. Er wandte sich hilflos Juan zu, der über die Theke sprang und sich an der Kasse zu schaffen machte. Er stopfte das Geld in einen Beutel und rannte einfach davon.

Thomas ließ seine Pistole fallen als wäre sie eine Schlange und kniete sich neben Kelly. Blut lief aus ihrem Mund. Bei jedem Atemzug war ein gurgelndes Geräusch zu hören. Sie sah ihn an. Thomas zog sich die Maske vom Gesicht. Er wusste, dass eine Kamera über der Kasse befestigt war, aber es war ihm egal.

Im Film hätte er ihr jetzt gesagt, was sie seit so langer Zeit hören wollte. Aber dies war echt. Er stammelte irgendetwas, er konnte sich später nicht mal mehr daran erinnern, was es gewesen war. Nur, dass er immer und immer wieder ihren Namen gesagt hatte. Kelly …

Im Film hätte sie ihn jetzt angelächelt, seine Wange berührt und ihm vergeben. Und dann wäre sie ohne Schmerzen in seinen Armen gestorben. Aber dies war kein Film. Kelly litt. Sie erstickte an ihrem eigenen Blut und sie erkannte ihn nicht einmal. Thomas wollte bei ihr bleiben. Er konnte nicht klar denken. Aber dann sah er, dass ihre linke Hand einen roten Knopf drückte, der unter der Ladentheke befestigt war. Sie betätigte ihn schon eine ganze Weile. Der Schock durchfuhr ihn wie eine Hitzewelle.

Hektisch sprang Thomas auf und machte ein paar Schritte in Richtung Tür. Dann besann er sich, rannte zurück und grapschte mit kalten und klammen Fingern nach den Geldscheinen, die Juan zurückgelassen hatte. Thomas packte sie in eine Tüte und steckte noch ein paar Twinkies und einige Dosen Cola hinein. Die Twinkies hatte Kelly noch vor ein paar Minuten in den Händen gehalten und ordentlich, wie es ihre Art war, in das Regal gestapelt. Vielleicht hatte sie dabei an Thomas und an die Nacht auf der Decke gedacht. Vielleicht hatte sie sich gefragt, was er wohl gerade machte. Tom gab einen wimmernden Laut von sich. Dann flüchtete er aus dem Laden und seinem bisherigen Leben.

Im Zentrum der Spirale

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