Читать книгу Der Casta-Zyklus: Initiation - Christina Maiia - Страница 23
Fragen
ОглавлениеNoch immer verwirrt biegt Yoav um die Ecke zu Tonys Imbiss ein. Die letzte Nacht mit Boyle vor dessen Laptop hat ihm eine Welt offenbart, die in den letzten zwei Jahren anscheinend völlig an ihm vorbei existiert hat. Er kann sie immer noch nicht ganz fassen. Wie ein Paralleluniversum, denkt sich Yoav, als er schon kurz vor Tonys Bude steht.
Das freundschaftliche Gespräch mit einem wie immer glänzend aufgelegten Tony über die Banalitäten des täglichen Lebens kommt ihm da gerade recht. Mehr als eine Stunde hängt er bei ihm ab, genießt seinen geliebten Burger, heute Marke Veggie, begrüßt ein paar weitere Stamm-Seelen an diesem Ort des himmlischen Friedens und lacht sich über ein paar Witze schlapp, die Tony wie immer in Non-Stopp-Qualität auf Lager hat. Dann versorgt er sich mit seinem kulinarischen Mitbringsel, bevor er aufbricht, um Xavier an ihrem üblichen Ort zu treffen. Seltsam, denkt sich Yoav, wir haben uns nur zweimal gesehen und einmal davon nur kurz auf ‚ne Fluppe, und schon kommt es mir vor, als ob wir ganz alte Freunde wären. Es kostet ihn keine Überwindung, zum Schlachthof zu gehen, im Gegenteil, er spürt Vorfreude, nur ein wenig abgemildert von den bohrenden Fragen, die der Alte so treffsicher zu stellen weiß und die Yoav sicher wieder einige Stunden, wenn nicht sogar Tage beschäftigen werden. Aber ein Teil von ihm will genau das, ganz offensichtlich, dieser Teil genießt das auf eine fast schon masochistische Weise, wie ein unerwartetes Geschenk, das sowohl einen tiefen Wunsch erfüllt, über den man nicht einmal etwas wusste, als auch den weiteren Gang des Lebens unwiderruflich verändert wird.
Boyle ist das beste Beispiel. Zwei Jahre wohnen wir jetzt schon zusammen, reflektiert Yoav, zwei ganze Jahre lang, haben sogar einige Nächte zusammen Joints geraucht, Biere gezischt und uns die Köpfe heiß gequatscht, doch keine Sekunde lang hatte ich auch nur einen vagen Plan, was sich hinter diesem scheinbar harmlosen Typen verbirgt. Ich bin der eigentliche Vollidiot hier. Aber wie hat Xavier so schön gesagt: Nur wer fragt, der bekommt auch eine Antwort. Und die hat Yoav jetzt auch erhalten, mehr als ihm vielleicht lieb ist.
Das Fragen, das ist Xaviers Masche, sinniert Yoav, als er fast schon am Schlachthof angelangt ist, das hat er drauf wie kein anderer. Aber witziger Weise nimmt die Offensichtlichkeit dieser Masche ihr nicht den Reiz. Es ist wie ein Spiel mit offenem Visier, bei dem jeder Gegner weiß, was abgeht, weiß, dass der andere das ebenfalls kapiert hat, und dennoch lassen sich beide auf dieses Spiel ein. Wahrscheinlich, weil es ein Bedürfnis befriedigt, weil es Spaß macht, weil es genial ist zu entdecken, was der andere gleich wieder aus dem Köcher zaubern wird. Das ist genau die Art und Weise, wie Yoav es genießt zu spielen. Sich gegenseitig etwas vorzumachen und tatsächlich zu glauben, dass der andere das nicht checkt, ist ihm viel zu blöd und viel zu banal.
Doch die ganze Sache hat auch noch einen ganz anderen Aspekt: Mit seiner Fragerei hat Xavier bislang nämlich geschickt vermieden, etwas über sich selbst verraten zu müssen. Dieser Kerl hat es faustdick hinter den Ohren, folgert Yoav, auf eine magische, weise Art. Doch heute wird er ihm ein würdiger Gegner sein, ein Freund, mit dem es sich lohnt zu reden, weil beide Seiten etwas dabei zu gewinnen haben.
Als er um die Ecke zum Schlachthof einbiegt, sieht er seinen neuen Freund schon wie üblich auf dem Betonpfeiler sitzen. Der späte Nachmittag ist nicht so sonnig wie noch einen Tag zuvor, sondern eher bedeckt mit ein paar gelegentlichen Tropfen darin, was Xavier allerdings nicht die Bohne zu stören scheint. Freudig reckt er sein Gesicht gen Himmel, fängt alles auf, was ihm daraus entgegenkommt und schenkt Yoav ein breites, freundliches Hallo aus einer sehr zufriedenen Miene.
„Hallo, mein Junge! Schön, dass du auch heute Zeit gefunden hast zu kommen. Und wieder mit so einer leckeren Delikatesse. Ich danke dir für deine Freundlichkeit. Komm, setze dich, ich habe uns ein paar Decken mitgebracht.“
„Hallo Xavier, wie geht´s so heute?“
„Bestens, wenn ich dich sehe. Wie war dein Tag bisher?“
„So und so. Ich bin etwas kaputt von einer langen Nacht am Computer“, erwidert Yoav.
„Interessant. Magst du mir etwas davon erzählen?“
Und schon hat er mich wieder. Ich will es wohl nicht anders, realisiert Yoav. Gleichzeitig realisiert er aber auch, dass es ihm in Wahrheit nichts ausmacht. Er lässt sich darauf ein: „Hab‘ ich schon mal von meinen Roommate Boyle erzählt? Ein echt durchgeknallter Typ. Gestern Abend, auf jeden Fall, sind wir ein bisschen ins Reden gekommen, was wir sonst nicht so oft tun, jedenfalls nicht über das, den Sinn des Lebens, diese Stadt und so. Und dann, als wir uns fast in die Wolle gekriegt haben, weil ich ihn, zugegeben, etwas dumm angegangen bin, da hat er mich mit in sein Zimmer geschleift und mir die halbe Nacht lang gezeigt, womit er sich herumschlägt. Mann! Ich muss dir sagen, echt abgefahren. Das war, als ob man mir ein neues Universum zeigen würde, von dessen Existenz ich noch nicht einmal einen vagen Plan hatte. Der blanke Wahnsinn! Ich kann dir gar nicht alles erzählen, was ich da gesehen und gelesen habe.“
Yoav hat sich warm geredet und alles Weitere will nun auch aus ihm raus. Xavier spürt das selbstverständlich. „Erzähl‘ weiter, das klingt wirklich spannend“, sagt er mit echtem Interesse.
„Auf jeden Fall, das geilste waren die Foren, die mir Boyle in seinem Netz gezeigt hat. Lauter total verrückte Typen mit abstrusen Geschichten, so von Weltuntergang, Katastrophen und so, und dann solche, die genau erklärt haben, wie man sich einen Bunker baut, Vorräte anlegt, Wasser reinigt, Goldmünzen versteckt, und auf ‚nem Campingkocher kocht, wenn nichts mehr geht, also kein Strom und kein Wasser aus der Leitung. Und einer hat sogar erzählt, dass er extra den Waffenschein gemacht hat, und andere, dass sie niemanden in ihren Bunker lassen werden, egal wen, und wenn er noch so bettelt. Und dann gab´s da ein paar total Abgedrehte, die von Außerirdischen oder von Übergang sprachen, so à la der Planet steigt auf und wir alle mit ihm oder eben nicht, wenn wir nicht bereit sind. Die halbe Nacht haben wir uns in den Foren herumgetrieben und Boyle hat mir alles erklärt, wer der ist und wer das ist, wer seines Erachtens eine vernünftige Meinung hat und wer nicht, und worum es ihm geht und was er für den totalen Bullshit hält. Sogar irgendwelche Prophezeiungen und Kalender und Geheimbünde gab es. Der totale Wahnsinn, sag‘ ich dir! Mir qualmt jetzt noch der Schädel davon.“
„Das muss wirklich harter Tobak für dich sein. Und deinen Freund erst so zu erleben. Wie geht es dir jetzt mit dem, was du gesehen hast?“, fragt Xavier nach, mitfühlend und neugierig zugleich.
„Weiß nicht. Ich hatte noch keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich denke, ich muss das alles erst einmal sacken lassen und verdauen. Aber an ein paar Dingen war schon was dran.“
„Magst du mir erzählen, an welchen?“
„Nun ja, zum Beispiel das mit den zunehmenden Naturgewalten, das habe ich mich auch schon gefragt. Es kommt mir vor, als wolle der Planet uns irgendwie loswerden, weil wir so in Disharmonie mit ihm leben, ihn so ausplündern und schlecht behandeln, so wie wir es mit einem echten Freund nie täten. Und dann auch das mit dem immer stärker zunehmenden Tempo und der Entwurzelung der Leute, die nur noch auf schnelles Geld scharf sind und auf sonst nichts mehr. Und dann immer gleich diese allgemeine Panik, bei Kleinigkeiten, wenn mal die Börse fällt und irgendein sonstiger Blödsinn, der uns eigentlich nicht jucken müsste, wenn wir etwas mehr in uns ruhen würden. Dass sich da was ändern muss oder wir geradewegs in den Abgrund latschen, den wir uns selbst produziert haben, das ist mir schon klar. Aber all das Katastrophen-Gequatsche, ich weiß nicht so richtig.“
„Ich verstehe dich. Ich denke auch, dass Angst- und Panikmache nicht der Weg sein kann. Aber damit sind wir beide wohl in der Minderheit hier, fürchte ich.“
„Wie siehst denn du das, Xavier?“ Yoav ergreift seine erste Chance, den Spieß des Fragens umzudrehen. „Wie stellst du dir denn die Zukunft und eine Lösung vor? Schließlich gehörst du ja offensichtlich nicht zu denen, die von all dem Wahnsinn hier profitieren.“
„Nichts ist wie es scheint, mein lieber junger Freund“, antwortet Xavier mit einem sibyllinischen Lächeln. „Aber um deine Frage zu beantworten: Ich persönlich denke, dass es zwei wichtige Dinge gibt, die sich jeder zu Herzen nehmen sollte, und zwar erstens: Setze du selbst zuerst ein Beispiel, wie man es besser macht, bevor du andere diesbezüglich anklagst. Und zweitens: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, also frage dich lieber, was die Liebe tun würde, und dann kennst du die Antwort eigentlich. Damit bin ich immer gut gefahren. Wie man sieht“, fügt Xavier mit einem Grinsen und einem Blick auf seine verrottenden Klamotten hinzu.
Yoav lächelt ein wenig, ist aber noch zu beschäftigt in seinem Kopf mit dem, was er gerade gehört hat. Nach einer kurzen Pause sagt er nachdenklich: „Weißt du, ohne dass ich das alles verstanden und durchdacht hätte, was du gerade gesagt hast, aber eine unmittelbare Sache fällt mir doch ein, auf die das passen könnte.“
„Schön. Bitte erzähle mir dein Beispiel, ich würde mich wirklich freuen, wenn das, was ich für mich erkannt habe, auch für dich eine Hilfe wäre.“
„Weißt du, ich muss bald eine Entscheidung in Bezug auf mein weiteres Leben treffen. Keine zwei Monate mehr und ich hab‘ nämlich meinen Abschluss an der Uni im Kasten, zumindest so wie es momentan aussieht. Und eigentlich hatte ich mich schon damit abgefunden, dass ich dann in irgendeiner dieser großen High-Tech-Firmen oder einem dieser Finanzriesen anfange, wie so viele andere der Ameisen, wie ich sie nenne, du weißt schon, so mit Anzug und Schlips und brav von 8 bis 20 Uhr und immer schön alle Anforderungen erfüllen, Karriere machen und ackern bis der Arzt kommt, ein kleines Häuschen am Stadtrand oder ein schickes Apartment, die richtige PS-Kiste, die richtige Frau, die richtigen Kinder, alles schön stromlinienförmig durchoptimiert und immer fleißig konsumieren. Und am besten abnibbeln, bevor man in Rente geht und dem Staat auf der Tasche liegen kann. Na ja, auf jeden Fall hab´ ich dann vor Kurzem bei Quincy in seiner Bar gespielt, ich bin da zweimal die Woche und verdien´ mir was dazu mit meiner Musik, und dann ist da plötzlich dieser Typ aufgetaucht und Quin hat mich zu sich herüber gerufen und mir den Typen vorgestellt, und der hat gesagt, er wäre der Chef von einem Label und wir müssten unbedingt mal etwas zusammen machen, und dann hat er mir seine Visitenkarte gegeben.“
„Und du hast ihn angerufen?“
„Nein, irgendwie noch nicht, ich weiß nicht so richtig“, erwidert Yoav unsicher.
„Warum? War er dir nicht sympathisch?“, hakt Xavier nach.
„Nein, das war es nicht, ich mochte den Typ, obwohl er so einen superschicken, teuren Anzug getragen hat. Er hat sich richtig gut ausgekannt und mir ein ehrliches Kompliment für meine Musik gemacht. Aber du weißt schon, Musikerleben, wenig Geld, immer knapp bei Kasse, nie wissen, ob‘s für die Miete reicht und so. Und dann hast du´s vielleicht mal geschafft und ´ne gute Platte draußen und dann kommt sie nicht an, oder du bist kurz ganz cool und angesagt und dann wieder weg vom Fenster, einfach so.“
„Und das weißt du alles, ganz einfach, noch bevor du den Mann überhaupt angerufen und dich mit ihm getroffen hast“, fühlt Xavier ihm mit einem ironischen, aber doch überzeugten Ton auf den Zahn.
Yoav bemerkt den Unterton sofort und fühlt sich ertappt. Kleinlaut antwortet er: „Ich weiß, ich hätte es versuchen sollen, aber ich weiß einfach nicht, ich bin so hin- und hergerissen in dieser Sache.“
„Darf ich dir etwas sagen, was ich beobachtet habe, mein Junge?“
„Nur zu, ich hab‘ dir sowieso schon viel mehr erzählt als ich eigentlich wollte, dann kommt‘s auf noch mehr Weisheit von dir heute echt nicht mehr an.“ Yoav versucht mit einem Grinsen etwas Abstand von all der Schwere seiner Gedanken zu finden.
„Erinnerst du dich noch, als ich dich gefragt habe, wann du dich eins mit dir und vollständig fühlst? Und weißt du noch, wie du mir, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, sofort geantwortet hast, wenn ich auf dem Klavier spiele, wenn ich meine Musik mache? Glaubst du denn wirklich, dass es Zufall ist, dass dich dieser Mann angesprochen hat? Lass‘ mich dir ein Geheimnis verraten, mein junger Freund: Wenn du etwas aus ganzem Herzen und mit viel Liebe machst, dann wirst du auch die Unterstützung finden, die du dafür brauchst. Es wird vielleicht nicht sofort sein und nicht aus der Richtung, in die du schaust, aber sie wird kommen. Hab‘ ein wenig Vertrauen, Yoav, in dich und in das, was du liebst.“
Yoav spürt, wie ihm bei Xaviers Worten ein fetter Kloss im Hals stecken bleibt und in seinen Augen die untrüglichen Anzeichen dafür anschwellen, dass ihn der Alte soeben an dem Punkt seiner Seele getroffen hat. Er dreht seinen Kopf zu dem heute sehr sparsamen Sonnenuntergang hin, dessen Farben ein flacheres, subtileres, aber deshalb nicht weniger schönes Abbild des gestrigen Spektakels sind. Dann schweigt er für eine Weile, um sich zu fangen.
Behutsam legt sich von der Seite her das Gewicht eines Arms auf seine Schultern, und eine tiefe, warme Stimme dringt an sein Ohr: „Du hast schon alle Antworten in dir. Hab‘ nur ein wenig Vertrauen. Ich helfe dir dabei.“