Читать книгу Die Mulgacamper Romane Band 9 und 10 - Elda Drake - Страница 10
ОглавлениеKapitel 7
»Willst du den Wave Rock sehen?« Hetty hatte ihren Laptop auf dem Campingtisch platziert und zeigte ihrer Mitreisenden eine Aufnahme dieser steinernen Welle.
Als Britney unschlüssig durch die Gegend guckte, klappte sie ihren Roadatlas auf und deutete auf die Strecke. »Wenn nicht, fahren wir jetzt direkt durch nach Albany, das sind so vierhundertfünfzig Kilometer. Oder wenn ja, dann geht es hier hoch nach Hyden, das ist nicht so weit zu fahren.«
Nicht so weit und nicht so stressig, gab für Britney den Ausschlag und schon war der Entschluss gefasst, ins Landesinnere aufzubrechen. Ein paar Stunden später konnten sie bereits ihr Quartier auf dem Campingplatz beziehen der, etwas außerhalb von Hyden, direkt in unmittelbarer Nähe des Wave Rocks lag. Von ihrem Stellplatz aus hatten sie noch einen Fußmarsch von beachtlichen dreihundert Metern vor sich und schon standen sie vor dem Naturwunder, das ihr erklärtes Ziel gewesen war. Die steinerne Welle war genau genommen nur die Abschlusskante eines größeren Granitfelsens aus dem die Erosion, vermutlich durch Schlagregen, diese einmalige Form herausgewaschen hatte. Das Gebilde war fast fünfzehn Meter hoch und knappe hundertzehn Meter lang und sogar die Aborigines hatten schon Welle zu der Welle gesagt. Hetty zuckte mit den Schultern. Schaute eben auch aus wie eine Welle. Zwar keine blaue aus Wasser, sondern eine braune aus Gestein, mit vertikalen roten und dunklen Streifen. Aber deswegen nicht weniger beeindruckend.
Oben auf dem Felsen hatten die ersten Siedler vor Urzeiten eine Mauer errichtet, um damit das Regenwasser aufzufangen und in ein Reservoir zur Bevorratung zu leiten. Mauer und Wasserbehältnis waren heute noch vorhanden und wurden genau wie früher eingesetzt. Wenn man Fotos schoss, musste man deswegen mit den Ausschnitt der Aufnahme etwas achtgeben, sonst geriet die Mauer, die oben leicht nach hinten versetzt den Wave Rock abgrenzte, mit aufs Bild.
Aber woher hätte damals irgendeiner wissen sollen, dass der Felsen für etwas anderes gut war. Bis dann eines Tages ein Fotograf, der zufällig in der Gegend vorbeikam, das Ding entdeckte, ein Bild davon machte und mit dieser Aufnahme den ersten Preis bei einem Wettbewerb einstrich. Das Siegerfoto wurde in allen namhaften Zeitungen abgedruckt, woraufhin zahlreiche Leute dachten, es sei eine gute Idee, sich diese Naturattraktion einmal persönlich anzuschauen. Und damit wurde Hyden touristisch erschlossen und hatte jährlich hundertfünfzigtausend Besucher, was für australische Verhältnisse einen Rekord bedeutete. Da ansonsten hier alles andere als der Bär steppte, war der Wave Rock inzwischen zur Lebensader der kleinen Stadt geworden.
Britney begnügte sich mit einigen Fotos des Felsens und verzog sich dann an den Pool, der überraschend sauber war und sogar relativ neue Liegen und Stühle, unter nett gestalteten Schattenpavillons, vorzuweisen hatte. Der Rest des Platzes dagegen war sehr dürftig ausgestattet und erinnerte mit seinem Ambiente etwas an das Roadhouse in der Nullarbor. Aber genau wie dort, herrschte auch hier Sauberkeit und für einen Tag konnte man sich leicht mit den Nachteilen abfinden, vor allem wenn man dafür in direkter Nähe des Rocks war.
Während Britney sich dem üblichen Nichtstun hingab, kletterte Hetty über eine Eisentreppe auf den Felsenhügel, spazierte auf dessen Oberfläche herum und genoss den Wind und die Aussicht. Da das umliegende Land hier völlig flach war, hatte man von der nur sechzig Meter hohen Erhebung einen wunderbaren Blick bis in weite Fernen. Auch wenn es nur Felder und karge Buschlandschaft zu sehen gab, einen längeren Rundgang war die Oberfläche auf jeden Fall wert.
Wieder auf dem Boden entdeckte sie ein Schild, das auf einen sogenannten „Heritage Walk“ hinwies und folgte neugierig geworden dem Weg der zwischen durch die Versalzung abgestorbenen Eukalypten hindurchführte und in eine offene Landschaft überging. Der Pfad schlängelte sich durch ein mit flachem Wasser bedecktes Gelände aus dem Baumstümpfe und abgebrochene Äste grauweiß schimmernd in die Höhe ragten. Irgendwie kam bei Hetty der Gedanke an Friedhof und knochige Finger auf, die einen in die Tiefe ziehen wollten. Da konnte einem das Gruseln kommen und sie beschleunigte ihre Schritte, um diesen Teil des Weges schneller hinter sich zu bringen.
Kurz darauf hatte sie allen Grund, sich über die Vorlieben der Australier zu wundern. Eine künstlich angelegte und äußerst unansprechende Wasserfläche wurde als magischer See betitelt und gleich nebenan hatten die Farmer aus der Gegend eine Ansammlung neuer Ferienhäuser hin gebaut. Hetty fiel beim besten Willen kein Argument ein, warum hier jemand Urlaub machen sollte. Sie selbst hätte sich, bei einem erzwungenen mehrwöchigen Aufenthalt in dieser Ödnis, wohl im magischen See ertränkt und dafür gesorgt, dass er umbenannt werden musste. Und was der uralte Panzer, der als Dekoelement zwischen den Gebäuden stand, für eine Bedeutung hatte, blieb ihr vollkommen verschlossen.
»Wahrscheinlich haben die ihn als Pistenraupe benutzt.« Ihr Verstand versuchte mit einer Vermutung zu glänzen.
»Alles schön und gut – aber wie kommt ein Panzer nach Westaustraliens Süden?« Soviel sie wusste, hatte noch nie ein Pinguin einen bewaffneten Angriff auf die Südküste gestartet und andere Lebewesen, die in dieser Himmelsrichtung eine Verteidigungswaffe erforderten, waren eindeutig nicht vorhanden.
»Vielleicht genauso wie das Teil vom Spacelab nach Esperance?«
Hetty schüttelte grinsend den Kopf. Zuerst hatte sie ja gemeint, die Campingnachbarn würden sich nur einen Spaß machen, als sie ihr davon erzählten. Als sie dann aber selber vor dem Museum in Esperance stand und das Schild las, konnte sie sich ein Lachen nicht verkneifen und gackerte auf offener Straße vor sich hin. Da war vor einiger Zeit, statt wie vorgesehen in einer menschenleeren Gegend oder auf dem Meer, ein Teil von einem amerikanischen Spacelab in der Nähe von Esperance aufgeschlagen. Bevölkerung dieses Areals: Drei Menschen.
Glücklicherweise hatte das Metallstück keinen von den dreien getroffen. Die Aussies hatten, nachdem sie das Ding geborgen hatten, mit ihrem typischen Humor den Amis eine Rechnung über vierhundert australische Dollar gestellt: Strafgebühr wegen Umweltverschmutzung durch Müll. Und die war von den Amerikanern auch schön brav bezahlt worden. Und genau das stand hier auf dem Schild. Die Teile hatten sie natürlich im Museum eingelagert, wo man sie gegen einen kleinen Obolus besichtigen konnte.
Vernunft an Verstand: »Panzer fliegen nicht durch die Luft und gehören auch nicht zu den regulären Ausrüstungsgegenständen in Spacelabs!« Damit wurden ihre kreative Überlegungen gnadenlos beendet.