Читать книгу Die Mulgacamper Romane Band 9 und 10 - Elda Drake - Страница 12
ОглавлениеKapitel 9
Nach einer Mobilatkur und einer ausgedehnten Ruhepause am Pool, war der Knöchel zwei Tage später wieder wie neu. Und Britney war auch wieder einmal bereit etwas Neues zu sehen. Also fuhren sie in den Torndirrup Nationalpark. Der lag nur einen Katzensprung von Albany entfernt – nämlich direkt daneben. Er war sozusagen der Hausnationalpark von Albany. Dementsprechend viele Leute waren hier auch unterwegs – Hetty konnte tatsächlich mehr als zehn Autos an einem der Aussichtspunkte ausmachen. Für hiesige Verhältnisse ein Menschenauflauf. Allerdings hatte sich der Tourismusverband wie üblich auf die hundertfache Menge vorbereitet und die Parkplätze entsprechend bemessen. Also gab es als einziges Problem, die Qual der Wahl, an welchen Platz man sich am besten hinstellen sollte.
Vom Stony Hill hatten sie eine wunderbare Aussicht auf den Prinzess Harbour und auf die andere Seite der Bucht. Sogar Albany konnte man in der Ferne erspähen und die feine weiße Linie, die ihren Strand kennzeichnete.
Doch richtig sehenswert und interessant waren vor allem das Gap und die natürliche Brücke, die sie anschließend anfuhren. Die beiden Felsformationen lagen nebeneinander und waren ein tolles Fotomotiv für jeden Besucher. Man stand hoch über dem Ozean, der seine Wellen mit Wucht an die hellgrauen Klippen klatschte. Der Sprühnebel der Gischt reichte weit über den Rand hinaus und sorgte dafür, dass die dort stehenden Menschen gründlich durchnässt wurden.
Am offiziellen Aussichtspunkt des Gaps konnte man sich direkt über einem Einschnitt im Felsen auf eine Plattform stellen und mit wackligen Knien über das Geländer in die Tiefe schauen. Dort brachen sich die herein rollenden Wellen mit einem lauten Donnern und die Zuschauer zuckten hin und wieder zurück, wenn das Wasser gar zu bedrohlich anstieg. Von hier aus hüpften und kletterten sie vorsichtig über ein paar flache Felsen zur natürlichen Brücke, die ihrem Namen entsprach und einen felsigen Bogen bildete, der sich über einen kleinen Einschnitt in den Klippen spannte. Auch dort schwappte das Meer malerisch durch die Gegend und lieferte genügend Anreiz erneut den Fotoapparat zu zücken.
Britney war ausnahmsweise wirklich begeistert und nutzte die Möglichkeiten ihrer Digitalkamera weidlich aus. Als dann auch noch ein Brautpaar samt Fotograf auftauchte, war sie gar nicht mehr zu halten. »Guck mal die Braut – hat die nicht ein wunderschönes Kleid an?«
Hetty hatte im ersten Moment auch nur auf das Brautkleid geschaut, aber als ihr Blick dann auf die Fußbekleidung fiel, war sie nicht bloß perplex, sondern sprachlos. Die Frau trug tatsächlich weiße Westernstiefeln zu ihrem Tüllkleid!
»Der Bräutigam sieht ganz gut aus!« Britney hatte den Mann ausgiebig gemustert, der einen ganz passablen, schwarzen Anzug trug und als guter Durchschnitt einzuordnen war.
»Nicht mein Geschmack.« gab Hetty als kurze Antwort zurück. Wenn sie diesen Null-acht-fünfzehn-Typen mit ihrem Kai verglich, dann trat da Quasimodo gegen den König der Nacht an.
Ihre Sarkasmusabteilung hielt sich mit einer mäßigenden Bemerkung zurück, denn was wahr war, war wahr.
Britney hatte ihre Bemerkung verdutzt zur Kenntnis genommen und hakte jetzt etwas neugierig geworden nach. »Der sieht doch echt ganz nett aus?«
Hetty antwortete ausweichend. »Ich stehe mehr auf blond!« Das entsprach zwar nicht direkt der Wahrheit, war aber als Begründung hervorragend geeignet.
Sie hatte sich bei dieser Aussage einfach an ihr früheres Beuteschema gehalten, das vorwiegend auf blond, blauäugig und braungebrannt ausgelegt gewesen war. Deshalb hatte sie auch Kai in die Irre führen können, der sehr bald mitbekommen hatte, dass sie anscheinend ausgerechnet Männer attraktiv fand, die das Gegenteil von ihm waren. Hetty lächelte vor sich hin.
Dabei hatte sie schon bei dem ersten Blick auf Kai festgestellt, dass vor ihr genau der Mann aufgetaucht war, den sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hatte vorstellen können. Sie unterdrückte ein Kichern. Kai hatte ihr gestanden, dass er ein paar Stunden länger gebraucht hatte, um zu erkennen, dass sie etwas ganz Besonderes war. Das hatte sie ihm allerdings generös verziehen. Schließlich lag sie bei ihrem ersten Zusammentreffen, von einem Streifschuss niedergestreckt und auch sonst ziemlich fertig, auf dem australischen Outbackboden. Bei ihrer Befreiungsaktion von Chrissie hatte sie als Tarnkleidung eine Jogginghose und einen Nickipulli angezogen, was eine ideale Kleidung für vierzig Grad Außentemperatur abgab und zur Folge hatte, dass die Bezeichnung, völlig verschwitzt, stark untertrieben war.
Die Umgebung ihres rechten Auges war wunderbar blau gefärbt und schön dick angeschwollen, was ihrem Aussehen natürlich nicht im Geringsten schadete. Diese Verletzung war ein Andenken an den Zusammenstoß mit ihrer Eckbank, am Tag zuvor, bei dem sie sich fast selbst bewusstlos geschlagen hatte. Gleichzeitig war sie durch Wassermangel dehydriert und durch den Blutverlust stark geschwächt. Wer konnte es ihr dann verdenken, dass sie, nachdem sie gesehen hatte, dass Prinz Eisenherz neben ihr kniete, sich in wunderbaren Versen erging, die schließlich mit einem „… Ich schenke dir all meine Schlösser und Güter“ geendet hatten. Kein Wunder, dass Kai im ersten Moment gedacht hatte, er trüge eine entsprungene Irre auf seinen Armen.
Seine Ziehschwester Chrissie hatte ihm dann erklärt, dass Hetty vor allem eine sehr lebhafte Phantasie hatte. Abgesehen davon habe sie fast nichts getrunken, sondern ihr das ganze Wasser überlassen, was natürlich auch nicht unbedingt gut für die Gehirnleistung war. Sobald Kai die ganze Geschichte kannte, waren ihm die Zusammenhänge verständlich geworden und er hatte seine Meinung revidiert. Als sie dann beim Abendessen am nächsten Tag auf Wunsch aller Anwesenden ihr Abenteuer schilderte, war sein Interesse endgültig erwacht. Denn so eine Frau hatte er bis dahin noch nicht kennengelernt. Und alles was in der Zeit danach passierte, hatte ihn nur noch in seiner Meinung bestätigt, dass Hetty absolut einmalig war und dazu geführt, dass er sich immer mehr in sie verliebte.
Britney unterbrach ihre Gedankengänge. »Fahren wir noch zu den Blowholes?«
Die leichte Wanderung zu den Felsen, in denen das eindringende Meerwasser durch kleine Öffnungen als Fontänen noch oben spritzen sollte, war zumindest von der Aussicht her sehr schön. Allerdings hatten die Blowholes keine Lust, sie mit Gischt zu besprühen, nur ein gruseliges Heulen war zu vernehmen, wenn die Wellen in die Löcher drangen. Vermutlich war Ebbe und dadurch einfach zu wenig Druck vorhanden. Glücklicherweise genügte das Röhren schon, um Britney zufriedenzustellen. Anscheinend hatte sie noch nie Blowholes in Aktion erlebt und Hetty hütete sich, ihr zu sagen, dass das hier nur ein schwacher Abklatsch der tatsächlichen Show war.
Nach diesem Ausflug, der auch für die gebrechlichen Insassen eines Altersheims tauglich gewesen wäre, legte Hetty Tags darauf wieder eine richtig sportive Einlage ein. Getreu ihres Versprechens versicherte sie sich, dass außer ihr noch genügend andere Personen auf dem Weg waren und dann ging es los. Sie war in die Stirling Ranges gefahren – Britney hatte dankend verzichtet, als sie gehört hatte, dass Hetty hügelan wollte.
Die dachte sich, während die Gebirgskette immer näher kam, dass die Gnädigste sich damit ein paar ganz großartige Landschaftsansichten hatte entgehen lassen. Sie war fast bei jedem Parkplatz an die Seite gefahren, um begeistert zahlreiche Aufnahmen von den lilablauen Bergen zu schießen. Die zarte blaue Linie des Gebirges mit den Weizenfeldern und Eukalyptusbäumen im Vordergrund ergab ein wunderbares Fotomotiv. Atemberaubend schön! Von weitem konnte man meinen, vor einem läge ein riesiges Bergmassiv, das den großen Gebirgen dieser Welt in nichts nachstand.
Der heutige zu erobernde Gipfel hieß Bluff Knoll. Na ja, nicht gerade ein interessanter Name, aber bekannt war er auf alle Fälle. Nach Aussage eines Australiers den sie im Le Grand getroffen hatte, der höchste Berg den man in Westaustralien besteigen konnte und ein unbedingtes „Must do“. Tja, in Bayern wäre dieses Teil nur als hoher Hügel durchgegangen, denn aus der Nähe betrachtet, entpuppten sich die so hoch aufragenden Felsformationen, als grünbewachsene Erhöhungen in der flachen Landschaft.
Doch Hügel oder nicht, der Anstieg hatte es in sich. Schließlich hatte das Teil doch knappe vierzehnhundert Höhenmeter. Obwohl kein schmaler Bergpfad, sondern ein angelegter Weg, wurde der Aufstieg zur Tortur. Denn er bestand aus zahllosen Stufen und Hetty mit ihren 1.60 Metern hatte entsprechend kurze Beine, was für ein Treppensteigen nicht gerade förderlich war. Schier endlos mühte sie sich den Berg hinauf und blieb hin und wieder stehen, um sich wenigstens mit einem Rundumblick für ihre Qualen zu belohnen. Der innere Schweinhund bettelte nach einer halben Stunde bereits um eine Rückkehr, aber Hetty fand, wenn sie schon mal unterwegs war, dann wollte sie auch auf den Gipfel.
Das war allerdings dann auch das einzige Erfolgserlebnis, das sie hatte, denn die Aussicht war bei weitem nicht so weltbewegend, wie sie gedacht hatte. Natürlich eine Sicht bis zum Horizont, ein paar Bergketten, ein flacher See – aber irgendwie nichts wirklich Aufregendes. Wenn sie ehrlich war, dann war es der Devils Slide tausendmal mehr wert gewesen die Mühen auf sich zu nehmen. Sogar einen verstauchten Knöchel.
Wie unterschiedlich die Auffassungen waren, erfuhr sie, als sich ein paar Australier zu ihr gesellten. Die waren ganz außer sich und fanden den Berg einfach großartig. Und den Beweis, dass sie dieses Teil anscheinend für den Mount Everest in Australien hielten, sah man an ihrer Fußbekleidung. Sie hatten doch tatsächlich alle richtige Bergstiefel an und Hetty traf weder auf den Hin-, noch auf dem Rückweg, einen Flip-Flop-Träger. Diese in Australien allgemein üblichen Gummisandalen waren eines der Erkennungszeichen, um echte Australier auszumachen. Normalerweise ließen sie sich nicht einmal bei einer steinigen Wanderung dazu bringen, etwas anderes am Fuß zu tragen. Aber hier waren alle bestens ausgerüstet und furchtbar stolz, es auf den Gipfel geschafft zu haben. Musste wohl so ähnlich sein, wie wenn man in Deutschland sagte, man war auf die Zugspitze geklettert.
Selbstverständlich stimmte Hetty in das Loben das Berges mit ein, sie wollte den anderen nicht die gute Laune verderben. Und nur weil sie es hier nicht so toll fand, war das noch lange kein Grund, dass sie diesen bewaldeten Buckel abfällig behandelte. Er konnte schließlich nichts dafür, dass sie andere Vorstellungen hatte. Als sie dann allerdings die verflixten Stufen langsam nach unten kletterte und ihre Knie an den Rand der Belastbarkeit führte, schwor sie sich, dass dieser Berg sicher nicht zu ihren auserwählten Kandidaten für eine Nochmalbesteigung gehören würde.
Aber einen wunderschönen Parkplatz hatte er und hier wurde sie dann wieder mit der Welt versöhnt. Mit der Kühltasche neben sich und dem kalten Huhn vor sich, genoss sie einen herrlichen Ausblick in die umliegende Landschaft, während sie auf einem der beschatteten Picknickplätze gemütlich Brotzeit machte. Denn der Platz lag auf einer kleinen Anhöhe und rundum konnte man die Gegend bestaunen. Da hier relativ viele Leute unterwegs waren, fanden sich bald ein paar Gesprächspartner und der Nachmittag verging wie im Fluge. Vor der Abfahrt knipste sie noch schnell ein paar Bilder, mit einem dekorativen Grasbaum im Vordergrund der blauen Berge und stieg dann zufrieden in ihren Camper. War auf alle Fälle bedeutend besser gewesen, als am Pool zu liegen und Britney beim Schön-Sein zuzusehen.