Читать книгу Die Mulgacamper Romane Band 9 und 10 - Elda Drake - Страница 9
ОглавлениеKapitel 6
Da es Britney hier so gut gefiel, blieben sie noch einen Tag länger in Esperance, was Hetty von Stunde zu Stunde kribbeliger machte. Es gab in dem kleinen Ort nicht viel zu sehen und vom dauernden Herumsitzen bekam sie schon Hornhäute auf dem Hinterteil.
Und ihr, ansonsten sehr guter Campingplatz hatte einen großen Nachteil – es war leider kein Schwimmingpool vorhanden. So konnte Hetty als Ausgleich nicht mal ihrer Lieblingsbeschäftigung frönen – dem Schwimmen. Das Meer kam hierfür nicht in Frage, auch wenn das Wasser warm genug war und sich zahlreiche Leute am Strand tummelten. Doch abgesehen davon, dass auf einem Schild vor den Seehunden gewarnt wurde, war jedes Gewässer das Fische enthalten konnte, für Hetty tabu. Denn sie hatte eine ausgeprägte Fischphobie und ein kleines harmloses Fischlein, von der Größe eines kleinen Fingers, reichte vollkommen aus, sie in Panik aus dem Wasser zu treiben.
Also blieb ihr als einzige Beschäftigung ausgedehnte Spaziergänge über die Strandpromenade zu machen, an der sie inzwischen jede Norfolk Pinie persönlich kannte, was aber auf die Dauer auch nicht sonderlich inspirierend war. Auch wenn sie ganz gerne mit sich selbst redete – eine Unterhaltung mit Bäumen, war nicht wirklich effektiv. Hettys Gefühl, dass ihre letzte Fahrt kein Knüller werden würde, verfestigte sich von Stunde zu Stunde und führte dazu, dass sie sich zumindest mit Selbstvorwürfen die Zeit vertreiben konnte.
Glücklicherweise war heute Freitag und damit die übliche Zeit für Patricks Anruf. Nach dem Abendessen erklärte Hetty, sie würde noch einmal kurz um den Block gehen und verkrümelte sich mit ihrem Handy zu einer Bank an der Promenade. Wenn sie schon mit Kai nicht telefonieren wollte, wenn Britney dabei war, dann stand ein Telefonat mit Patrick, in deren Gegenwart, sowieso außer Frage. Hier konnte sie grundsätzlich keine Zuhörer gebrauchen. Und da er nicht wissen konnte, dass hier ein Problem vorlag, musste sie seinem Anruf zuvorkommen. Nachdem sie eine SMS abgeschickt hatte, in der ganz einfach ein Fragezeichen stand und sonst nichts, wartete sie auf die Antwort. Als eine zehn zurückkam wusste sie, dass Zuhörer vorhanden waren und Patrick in eben zehn Minuten zurückrufen würde.
Sie seufzte. Selbstverständlich telefonierten sie auch ganz offiziell miteinander. Aber manche Gespräche waren dann doch nicht für alle Ohren bestimmt, eigentlich sogar nur für ihre. Und, je nachdem, was er gerade wieder auf dem Herzen hatte, nahm er sofort ab oder suchte sich eine ruhige Ecke, in der er ungestört reden konnte.
Schon immer war der Freitagabend diesen Telefonaten vorbehalten gewesen. Da Hetty die Gewohnheit hatte, ihr Handy im Camper liegen zu lassen, hatte sie Patrick einst in grauer Vorzeit gesagt, er sollte sich einen festen Anruftermin angewöhnen, was er dann auch tat. Doch seit sie mit Kai zusammen war, hatte das Telefon nur noch selten geläutet.
Während ihrer Pseudoflitterwochen war allerdings pünktlich am ersten Freitagabend eine SMS gekommen, in der nur ein einziges Wort gestanden hatte: „Glücklich?“ Schließlich war Patrick bewusst, dass sie nun am Ziel ihrer Träume war, denn er war der einzige, der herausgefunden hatte, dass Kai bei ihr in die Kategorie Traumprinz gehörte. Und auch, dass dieser Mann der Grund dafür war, warum er nur als Nummer Zwei in der Rangfolge ihres Herzens geführt wurde.
Jetzt wäre es absolut logisch gewesen einfach „Ja!“ zu tippen und die Sache wäre gegessen gewesen. Sie wusste bis heute nicht, warum sie zu Kai gesagt hatte, sie müsste mal kurz mit Patrick telefonieren und einfach aus dem Zimmer gegangen war. Und dann weiter bis zum Schwimmingpool, wo er ganz bestimmt nicht hören konnte, was sie sagte.
Es war noch nicht solange her, da hatte sie Patrick dieselbe Frage gestellt. Er war ihr nach Byron Bay gefolgt und wollte endlich wissen, warum sie ihn in der Nacht vor seiner Hochzeit angelogen hatte, als er ihr gestanden hatte, dass er sie liebte. Statt ihm damals zu sagen, dass er ihr sehr wohl am Herzen lag, hatte sie seine Gefühle als vorübergehende Vernarrtheit aufgefasst und ihm gnadenlos die Story erzählt, er wäre nur ein netter Zeitvertreib fürs Bett gewesen, aber nicht mehr.
Tief verletzt und völlig durcheinander hatte er dann am nächsten Tag das getan, was sie mit dieser Abfuhr bezweckt hatte und geheiratet. Sie war sich sicher gewesen, richtig gehandelt zu haben, schließlich war er viel zu jung für eine Beziehung mit ihr, ganz abgesehen davon, dass es da ja eben noch ihre uneingestandene Liebe zu Kai gab und sie sowieso keine feste Partnerschaft wollte. Vor allem nicht mit einem Mann, der fünfzehn Jahre jünger war als sie und wohl bald bemerken würde, dass er einem Hirngespinst nachgerannt war.
Bei ihrem Zusammentreffen hatte er ihr dann vorgeworfen, ihm damit die Möglichkeit genommen zu haben, selbst zu entscheiden, was er wirklich tun sollte. Wobei die größte Dummheit gewesen war, ihm dann am übernächsten Tag bei ihrer Abfahrt doch zu verraten, dass sie sehr wohl mehr als Freundschaft für ihn empfand.
Sie war sich bis dahin so sicher gewesen, dass er mit Chrissie glücklich war, schließlich hatte er doch die Frau bekommen, von der er schon lange geträumt hatte. Doch er hatte mit einer Gegenfrage geantwortet und sie hatte bis zum heutigen Tag von ihm niemals eine konkrete Antwort bekommen. Allerdings war ihr mittlerweile dann doch bewusst geworden, dass er wohl nicht nochmal drei Nächte mit ihr verbracht hätte, wenn alles so war, wie es sein sollte. Genauso wie ihr immer mehr dämmerte, dass es wohl eher kontraproduktiv gewesen war, ihn nicht zurückzuweisen.
»Wieso rufst du an?« Patrick war im ersten Moment zusammengezuckt, als nicht wie erwartet, die Meldung ertönte dass eine SMS zurückkam, sondern das Handy geläutet hatte. Mit einem verwunderten Blick auf das Display hatte er festgestellt, dass tatsächlich Hetty dran war und reichlich irritiert den Anruf angenommen.
»Ich weiß nicht. Aber ich wollte nicht einfach bloß eine SMS schicken.« Hetty wurde langsam aber sicher bewusst, dass sie schon wieder einen Fehler gemacht hatte.
Sie stöhnte lautlos vor sich hin. Bei dem Jungen machte sie immer nur Fehler.
»Wo du recht hast, hast du recht!« Die Abteilungen für Verstand und Vernunft waren sich einig, dass hier noch ein erhebliches Defizit an logischem Denkvermögen vorhanden war.
»George hat uns bereits Bescheid gegeben, dass mit euch die nächste Zeit nicht zu rechnen ist.« Patrick war ziemlich kurz angebunden, aber sie konnte schließlich nicht von ihm verlangen, er sollte ihr auch noch dazu gratulieren, dass sie endlich ihren Traumprinzen bekommen hatte.
Seiner Meinung nach hatte er sowieso schon zu viel gesagt, als er Kai indirekt verraten hatte, dass Hetty vor allem Angst vor dem Altersunterschied von neun Jahren hatte und dass sie mit seinen üblichen Bettgefährtinnen vom Aussehen her nicht mithalten konnte. Aber da er sie liebte, wollte er ihrem Glück nicht im Weg stehen und als er sah, dass er helfen konnte, hatte er eben geholfen. Er hatte sich damit getröstet, dass er die Sache nur etwas beschleunigt hatte und damit konnten sie beide jetzt einen Schlussstrich ziehen, schließlich hatte nun jeder den Partner bekommen, den er ursprünglich gewollt hatte. Patrick unterdrückte ein Seufzen. Nur leider hatten sich seine Prioritäten geändert.
Da Hetty sich in Schweigen hüllte und nichts sagte, gab er schließlich dann doch noch ein »Ich hoffe, ihr habt eine schöne Zeit!« von sich.
»Patrick – bist du glücklich mit Chrissie?«
Mit zusammen gebissenen Zähnen und zusammen gekniffenen Augen starrte er aus dem Fenster seines Büros und schüttelte den Kopf. Sie wollte von ihm einen Freispruch, damit sie mit Kai glücklich sein konnte. Den Gefallen würde er ihr nicht tun. Aber er würde sie auch nicht anlügen, es reichte, dass Hetty einmal gelogen hatte.
Deshalb konterte er mit einer Gegenfrage: »Du hast meine SMS noch nicht beantwortet?«
Hetty seufzte tief auf. Irgendwie nahm das nie ein Ende. »Selbstverständlich bin ich glücklich. Was glaubst du denn?«
Patrick zuckte mit den Schultern und stellte die Frage, die ihn beschäftigte, seitdem das Handy geläutet hatte. »Warum hast du dann keine SMS geschrieben? Ein simples „Ja“ hätte doch genügt. Ich wollte euch wirklich nicht stören. Was sagt eigentlich Kai dazu, dass du mit mir telefonierst?«
Na ja, das hatte sie sich eigentlich nicht überlegt. Sie hatte ihm ja nur gesagt, dass sie mit Patrick reden würde und war dann gegangen.
Mittlerweile wurde ihr bewusst, dass sie von Kai ganz schön viel Toleranz voraussetzte. »Der versteht das sicher.«
Patrick saß kopfschüttelnd auf seinem Bürostuhl. Kai tat ihm langsam, aber sicher, leid. Auf den würden noch schwere Tage zukommen. Hetty erwartete Verständnis für Dinge, bei denen jeder normale Mann die Wände hochgehen würde. Doch dann wurde ihm klar, dass sie eben auch gerade deswegen mit Kai zusammen war. Der war als Einziger in der Lage, sich ihrer verqueren Denkweise anzupassen. Bei ihm hätte sie sich das nicht erlauben dürfen, ohne einen Streit vom Zaun zu brechen. Doch ausgerechnet Kai, der alle anderen Menschen absolut gnadenlos behandelte, war Hetty gegenüber die Geduld in Person.
Er kniff die Augen zusammen. »Würde er auch noch verständnisvoll sein, wenn er alles wüsste?«
Hetty überlegte. Was war alles? Gut, dass sie mit Patrick vor seiner Hochzeit eine Affäre gehabt hatte, war überhaupt kein Problem. Das hatte er sich sowieso schon zusammengereimt und sich wahrscheinlich inzwischen auch noch eine genaue Vorstellung darüber gemacht, was da passiert war. Den Ausrutscher, den sie sich in Byron Bay geleistet hatten – normalerweise auch noch akzeptabel, denn auch Kai war es seiner Lebtag lang egal gewesen, ob seine Betthäschen einen Mann hatten oder nicht. Nur war Patricks Frau seine Ziehschwester und lag ihm somit am Herzen, das würde schon mehr unter „vielleicht“ fallen. Und dass sie Patrick trotz allem immer noch viel zu gern hatte, auch wenn der Junge das nicht wusste? Hmmmm?
Doch dann nickte sie. »Ja, würde er, aber ich werde es ihm trotzdem nicht erzählen.«
Patrick schloss die Augen. Einfach das perfekte Paar. Was hätte er da je für eine Chance gehabt. Warum konnte er das einfach nicht akzeptieren? »Also, dann hören wir jetzt besser auf, damit er nicht noch auf dumme Gedanken kommt.«
Hetty starrte das tutende Handy an. Patrick hatte einfach aufgelegt. Und wieder nicht geantwortet.
Leise flüsterte sie vor sich hin. »Ja ich bin glücklich. So glücklich, wie noch nie in meinem Leben.«
Sie stand auf, um zur Lodge zurückzugehen und schaute nochmal auf das Display, wo soeben das Wort Jungchen verblasste. »Fast ganz glücklich.«
Kai der geduldig gewartet hatte, dass sie zurückkam, sorgte dann allerdings dafür, dass sie die nächsten Wochen keine Minute mehr mit Gedanken an Patrick verschwenden konnte.
Hetty lächelte, als sie daran zurückdachte. Er hatte da seine ganz eigenen Methoden.
Das Läuten des Handys riss sie aus ihren Erinnerungen. Die nächste Viertelstunde verging damit, dass sie von der Gnädigsten berichtete und Patrick erzählte vom Leben auf der Farm und im Büro. Da er inzwischen die Leitung über die große Erzmine übernommen hatte, gab es genügend Vorkommnisse, die er mit Hetty besprechen wollte. Alleine das Reden mit ihr half, wenn er sich wieder mal zu sehr unter Druck gesetzt fühlte. Denn sie hatte immer irgendeine Idee oder einen Rat, wie er eine Sache behandeln konnte. Obwohl er mittlerweile als souveräner Geschäftsmann auftrat, war er doch auf der einen Seite immer noch der zurückhaltende Junge, der nicht in den Vordergrund wollte.
Er und Hetty hatten einen ähnlichen Lebenshintergrund. Beide waren sie nicht auf der Butterbrotseite des Lebens zu Welt gekommen, wobei Hetty seit der Begegnung mit seinen Eltern wusste, dass Patrick als Sohn bekannter Sportgrößen Australiens stark untertrieben hatte, was seine Herkunft betraf. Doch im Gegensatz zu seiner Frau Chrissie, die als Tochter eines Minenbesitzers über so viele Millionen verfügte, dass sie selbst nicht wusste wie viel Geld sie hatte, war er dann tatsächlich als relativ arm einzustufen.
Abgesehen davon hatten sie viele gemeinsame Interessen und waren sich auch in ihren Charaktereigenschaften mehr als ähnlich. Patrick konnte genauso albern sein wie sie, hatte aber auch eine ernste Seite an sich, die er ebenso wie sie, vor den Leuten verbarg. Auch ihm konnte man nur schwer ansehen, was er wirklich dachte und fühlte. Nur ihr gegenüber war er völlig offen, und das beruhte fast auf Gegenseitigkeit. Denn auch Hetty hatte ihm nur einmal nicht die Wahrheit gesagt und ab dann zumindest versucht, wenigstens halbwegs, ehrlich zu sein. Schließlich sollte der Junge nicht wissen, wie tief ihre Gefühle eigentlich für ihn gewesen waren.
Als Patrick sich mit einem letzten Scherz von ihr verabschiedete, war sie sich allerdings trotz allem nicht sicher, ob nicht auch er vor ihr Geheimnisse hatte. Denn er hatte übertrieben munter geklungen und das passte nicht ganz mit ihren letzten Eindrücken zusammen. Etwas beunruhigt ging sie zum Campingplatz zurück. Sie hatte das bei ihm schon einmal erlebt und dann am Abend vor seiner Hochzeit erfahren, dass aber rein gar nichts passte. Hoffentlich irrte sie sich dieses Mal in ihrer Einschätzung.