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Interpretation statt Texttreue

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Nachweisbar beschränkt sich die Kirche auf einzelne Bibelstellen, die in jeden beliebigen passenden oder unpassenden Zusammenhang gestellt werden können und so jede beliebige gewünschte Aussage untermauern.

Das kann man übrigens mit jedem literarischen Werk ab einem bestimmten Umfang an Anzahl von Wörtern und Sätzen so handhaben. Alles ist daraus mit einer gewissen Interpretationsfertigkeit zu entnehmen. Als Beispiel können die Werke von Leonardo da Vinci oder Nostradamus dienen. Sie zeigen ebenfalls die schon fast belustigend anmutenden Bemühungen, aus harmlosen unspezifischen Aussagen weltgültige Zukunftsvisionen herauszulesen. Den inhaltlichen Job machen immer die Exegeten, das Heer der Nachplapperer vermittelt danach den ideologisch vorgefertigten Wahrheitsersatz.

Die Frage für die Exegeten heißt: Wie muss eine Textstelle interpretiert werden, damit sie in die Ideologie passt? Sie sollte aber lauten: Wird unsere Ideologie dem Text gerecht? Macht es Sinn, ihn heute noch zu verwenden, und falls ja: Wie können die damaligen geistigen Errungenschaften, natürlich im Kontext der damaligen Welt geschrieben, auf die heutigen Verhältnisse transponiert werden?

Letzteres wird schwierig, denn geistige Errungenschaften, die heute noch irgendeinen Wert hätten, fehlen in der Bibel gänzlich. Das ist nicht verwunderlich. Man hat damals schlichtweg über alles so gut wie nichts gewusst. Deshalb mussten auch alle unerklärlichen Phänomene immer einem göttlichen Wunder zugeordnet werden.

Sogenannte nicht-zivilisierte Naturvölker machen das heute noch so. Aber sie missionieren nicht, und sie behaupten nicht, die einzig gültige Wahrheit zu besitzen. Von denen kann man zumindest lernen, dass sie über eine durchaus praktische Einstellung verfügen, denn verständlicherweise gibt es wenig Hang zu theoretisieren, wenn man ständig im Überlebenskampf steht.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang der Regenbogen als Symbol für den ersten Bund der Israeliten mit Gott. Der Regenbogen war damals in Kleinasien selten und unerklärlich, also musste er göttlich sein. Heute ist das peinlich.

Die Bibel vermittelt der heutigen Gesellschaft kaum etwas Nützliches, genau betrachtet sogar überwiegend Negatives. Die biblischen Werte sind gefährlich. Sie widersprechen fast allen Errungenschaften der gesamten westlichen Zivilisation seit der Zeit des Humanismus.

Außer schwärmerischem Wortschwall, gepaart mit Belehrungen und den üblichen offenen und unterschwelligen Drohungen, ist auch von der modernen Kirche nichts zu hören, was die Menschheit weiter brächte in Richtung Solidarität, Toleranz, Weltfrieden und erträglichem Lebensstandard für Alle.

Genau darin sollten die Kirchen ihren Auftrag sehen. Aber das passt nicht in die absolutistische Welt der Kirchenorganisationen. Bedingungsloser Gehorsam ist gefordert.

In übervölkerten Gegenden der Welt den Ärmsten der armen Verhütungsmittel zu verbieten ist ein Verbrechen mindestens auf der Ebene von schwersten Kriegsverbrechen. Es ist multipler Mord an denen, die später deswegen verhungern müssen. Dafür gibt es keine Entschuldigung.

Hier wird eine Pseudo-Moral vorgetäuscht. Nachweislich verfügen viele Schergen der Edikt-Erlasser in unerträglichem Maß selbst nicht über eine hohe Moral, wie wohl jeder weiß. Und die Tatsache, dass die bekannten sexuellen Übergriffe auf Anvertraute nicht konsequent verfolgt und geahndet werden, spricht für sich.

Behauptung statt Wahrheit

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