Читать книгу Sonne am Westufer - Fabian Holting - Страница 5
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ОглавлениеEs war bereits halb zehn, als Bessell aufstand. Der flüchtige Blick aus dem Fenster verriet ihm, dass die Wolken sich noch längst nicht verzogen hatten und der neue Tag so schäbig werden würde, wie der gestrige geendet hatte. Bessell zog sich an. Er hatte schon gestern festgestellt, dass er kein Brot mehr im Haus hatte und so beschloss er, hinunter zur Hauptstraße zu gehen und in dem kleinen Lebensmittelgeschäft einzukaufen. Vielleicht hatte heute auch wieder die kleine Bar geöffnet, wo er sich gerne einmal hinsetzte, um einen Kaffee zu trinken. Jetzt im Winter, also außerhalb der Hauptsaison, hatte die Bar zu unregelmäßigen Zeiten geöffnet. Die Besitzerin war eine eigenwillige Frau, die nach Bessells Schätzung mindestens auf die sechzig zuging. Und obwohl sie großen Wert darauf legte, sich gemäß der aktuellen Mode zu kleiden und auch entsprechend zu schminken, sah man ihr das Alter dennoch an. Schon ihr Name hätte den Titel eines Romans abgeben können. Sie hieß Carla Menotti, und wenn man den Gerüchten glauben konnte, dann stammte sie von einer sizilianischen Mafiafamilie ab. Bessell hatte zwar auch den Verdacht, dass sie wohlhabend war und die Bar nur aus Langeweile betrieb, doch das Geld, das sie besaß, stammte mit Sicherheit nicht aus den Einkünften einer kriminellen Vereinigung. Außerdem hatte seine Vermieterin ihm erzählt, dass Carla Menotti die Witwe eines wohlhabenden Mailänder Kaufmanns wäre.
Wenn Bessell nicht so sehr auf das Geld hätte achten müssen, dann wäre er gerne frühstücken gegangen. Die abendlichen Restaurantbesuche, die er sich bestimmt zwei bis dreimal pro Woche gönnte, waren schon teuer genug. Seine Geldnöte waren auch der Grund, weshalb er kein Auto mehr hatte. In den ersten Wochen am Lago Maggiore hatte er es nur wenig vermisst. Doch jetzt im Winter hätte er sich gerne hin und wieder ins Auto gesetzt, um einen kleinen Ausflug oder Besorgungen in den großen Supermärkten in Locarno oder Bellinzona zu machen. Er hatte zwar etwas Geld auf dem Konto, nur diese Ersparnisse sollten für mindestens zwei Jahre reichen, denn solange wollte er an seinem neuen Roman schreiben.
Bessell nahm sich den Hausschlüssel vom Garderobenschrank und sah in den Spiegel. Eigentlich hätte er duschen und sich rasieren müssen, denn er mochte es nicht sonderlich, mit zerzausten Haaren und unrasiert aus dem Haus zu gehen. Doch da er ohnehin später noch joggen wollte, hätte sich das Duschen nicht gelohnt. Es war ihm wichtig, sich neben dem Schreiben fit zu halten, denn das viele Sitzen tat ihm nicht gut. Aber er hatte sich nun einmal entschieden, sein Geld zukünftig mit der Schriftstellerei zu verdienen. Ob es damit überhaupt etwas werden würde, stand auf einem anderen Blatt. Sein erster Roman, der immerhin verlegt wurde und letztendlich der Grund für seine Ambitionen war, hatte sich gerade einmal knapp zweitausend Mal verkauft. Viel zu wenig, um davon leben zu können und außerdem hatte er einen schlechten Vertrag mit dem kleinen Verlag abgeschlossen. Der Roman, der gleich als Taschenbuch erschienen war, kostete in der Buchhandlung neun Euro neunzig. Davon bekam Bessell nur zwei Euro, also bisher knapp viertausend Euro. Pro Seite waren es bis jetzt etwa fünfzehn Euro, was sich gar nicht so wenig anhörte, doch wie lange brauchte er im Durchschnitt für eine Seite, wo er doch an vielen Tagen nicht einen einzigen Satz zustande brachte.
Bessell zog die Tür ins Schloss, drehte sich um und tippelte die wenigen Stufen hinunter auf die Straße. Es regnete zwar nicht, aber der wolkenverhangene Himmel sah aus, als wäre er jederzeit bereit einen tüchtigen Regenguss auf die Erde fallen zu lassen. Vom See wehte ein feuchtes und kühles Lüftchen herüber in den Ort. Vor dem Haus der Hengartners stand ein Polizeiwagen. Es saß niemand darin. Bessell blieb einen Moment stehen. Die beiden Autos der Hengartners standen noch immer da. Der Signalton eines Zuges durchschnitt die Beschaulichkeit des angefangenen Tages. Bessell wandte sich ab und ging die Straße hinunter. Als er die Eisenbahnunterführung passierte, ratterte ein Güterzug über ihn hinweg. Unten an der Hauptstraße, dort wo am Abend zuvor der BMW gestanden hatte, war ein großes Durcheinander. Drei Polizeiwagen und ein Ambulanzwagen versperrten einen großen Teil der Straße. Dahinter erkannte Bessell einen schwarzen, lang gezogenen Kombi. Es war ein Leichenwagen. Die Fensterscheibe der Fahrertür war heruntergelassen. Vom Fahrer konnte man nur die linke Hand sehen, die aus dem Fenster hing und zwischen den Fingern eine qualmende Zigarette hielt. Mehrere Polizisten standen zwischen diesem Fahrzeugaufgebot herum. Einige Leute aus dem Ort hatten sich eingefunden und schauten die enge Treppengasse hinunter, die zwischen alten Steinhäusern entlang führte und nach einigen Metern unten am See endete. Vor dem Hindernis auf der Straße hatte sich bereits eine kleine Schlange wartender Autos gebildet. Ein Polizist bemühte sich mit geübten Handbewegungen, abwechselnd die aus beiden Richtungen kommenden Autos am Einsatzort vorbeizuleiten. Er machte dabei ein angestrengtes Gesicht. Bessell war stehen geblieben und hatte die Szenerie von der anderen Straßenseite aus beobachtet. Ein VW-Bus mit aufgesetztem Blaulicht wurde vorgelassen und hielt direkt neben den anderen Fahrzeugen. Das Verkehrshindernis war dadurch noch größer geworden. Drei Männer stiegen aus. In ihren Händen hielten sie etwas Zusammengefaltetes. Es waren weiße Overalls. Sie falteten sie auseinander und stiegen beinahe gleichzeitig hinein. Große Aluminiumkoffer wurden ausgeladen. Einen Moment später hielt ein Audi A6 Variant am Straßenrand. Zwei Männer in Zivil stiegen aus und wandten sich gleich darauf an einen der uniformierten Polizisten. Im Verlauf des Gesprächs fuchtelte der Polizist aufgeregt mit den Händen und zeigte immer wieder in Richtung Treppengasse und gelegentlich auch in die Richtung aus der Bessell gekommen war. Bessell näherte sich dem kleinen Menschenauflauf. Die ganze Szene wirkte unwirklich und wenn nicht die Kameras, die Beleuchter und ein Regieteam gefehlt hätten, dann hätte man meinen können, hier würde lediglich ein Film gedreht. Bessell sprach einen der Umherstehenden an. Es war ein älterer Mann mit grauen, nach hinten gekämmten Haaren. Er war aus dem Ort und Bessell war ihm schon beim Einkaufen begegnet.
»Was ist passiert?« Der alte Mann sah ihn mit seinen gelblich unterlaufenden Augen an, so als könne er sich nicht im geringsten vorstellen, dass noch nicht alle im Ort von dem, was geschehen war, gehört hatten.
»Ein Toter unten am Strand. Ein Junge aus dem Ort hat ihn entdeckt, als er heute früh Steine über das Wasser springen lassen wollte. Der Junge wohnt dort drüben in dem Haus bei seiner Großmutter.« Der Mann wies mit seiner knochigen Hand auf die andere Straßenseite.
»Er hat es gleich seiner Großmutter erzählt und die hat sofort die Polizei verständigt. Ich habe vorhin mit ihr gesprochen.«
»Weiß man schon, wer der Tote ist?«
»Nein, er soll mit dem Gesicht nach unten im Wasser gelegen haben. Den Mann hat keiner angerührt. Er soll dort mit eingeschlagenem Schädel liegen. Furchtbar oder?«
Der alte Mann schüttelte den Kopf und sah dann wieder hinüber zu den drei Männern aus dem VW-Bus, die sich jetzt ganz in Weiß gekleidet auf die Treppengasse zubewegten. Sie mussten schwer an den Aluminiumkoffern tragen, und wie es aussah, würden sie mindestens zweimal gehen müssen, um alles, was sie aus dem Wagen ausgeladen hatten, mit hinunter an den See nehmen zu können. Bessell wandte sich ab. Die Vorstellung, hier stehen zu bleiben, bis die Leiche in einem Zinksarg hinaufgetragen wurde, ließ ihn erschaudern. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging Bessell hinüber zur Bar, die sich in einer Entfernung von vielleicht hundertfünfzig Metern schräg gegenüber befand. Als er eintrat, stand Carla Menotti stumm mit einem ihrer Gäste am Fenster. An der Theke saßen zwei Maler in weißer Kleidung mit den typischen Farbklecksen darauf und unterhielten sich über das, was sie glaubten, über den ganzen Vorfall zu wissen. Jeder der beiden Männer hatte einen Cappuccino vor sich stehen. Mit dem Rücken zu den Gästen gewandt, stand eine junge Frau hinter der Theke. Sie war damit beschäftigt, Kaffeetassen trocken zu wischen und oben auf die Kaffeemaschine zu stellen. Über einer weißen Bluse trug sie einen eng anliegenden grauen Pullunder und erinnerte an eine Kellnerin in einem der großen Hotels. Bessell setzte sich an die Theke und bestellte einen doppelten Espresso. Vor ihm stand ein Tablett, auf dem sich Croissants stapelten. Er nahm sich eines herunter und sah der Bedienung dabei zu, wie sie einen der Siebträger unter den Auslass einer Kaffeemühle hielt und der frisch gemahlene Kaffee hineinrieselte. Als die junge Frau den Siebträger in die Brühvorrichtung einhängte, kam Carla Menotti vom Fenster herüber und stellte sich ebenfalls hinter die Theke. Sie begrüßte den neuen Gast und sagte etwas spöttisch:
»Ah, unser Schriftsteller, seien Sie herzlich willkommen.« Bessell lächelte verlegen.
»Ach, Schriftsteller. Ein Schriftsteller ist man wohl erst, wenn man seine Brötchen damit verdienen kann und das ist bei mir noch lange nicht der Fall.«
Carla Menotti schmunzelte, so dass Bessell sich fragte, ob sie ihn überhaupt ernst nahm.
»Aber ich habe bei Ihnen ein gutes Gefühl. Schade, dass Sie nicht auf Italienisch schreiben, sonst hätte ich Ihren ersten Roman gerne einmal gelesen.«
Bessell war es unangenehm, dass es sich im Ort bereits herumgesprochen hatte, dass er Romane schrieb. Die Frau, von der er die Ferienwohnung sehr günstig gemietet hatte, war eine gute Freundin seiner Mutter. Sie hatte bei ihrem letzten Besuch in Gerra, noch bevor Bessell die kleine Wohnung bezogen hatte, allen Bekannten davon erzählt.
Carla Menottis Miene verfinsterte sich. Sie stützte ihre Unterarme auf die Theke und beugte sich weit zu Bessell herüber. Ihr Gesicht war wie immer stark geschminkt und Bessell konnte das kräftig aufgetragene Rouge auf ihren Wangen erkennen.
»Furchtbar, was dort drüben passiert ist. Und das in unserem beschaulichen Ort. Davon haben Sie doch sicherlich schon gehört?«
Bessell nickte stumm und sah zum Fenster hinüber.
»Unten auf dem schmalen Kiesstrand am See hat ein Junge hier aus dem Ort die Leiche entdeckt. Es muss schrecklich für den Jungen gewesen sein. Der Junge hat erzählt, dass die Haare des Toten am Hinterkopf blutverklebt waren. Er ist sofort zu seiner Großmutter gelaufen, bei der er hier im Ort zur Zeit wohnt. Die hat natürlich sofort die Polizei verständigt«, sagte Carla Menotti beinahe im Flüsterton.
Bessell nippte an seinem Caffè und schob sich verstohlen den letzten Bissen seines Croissants in den Mund. Die beiden Maler verabschiedeten sich, nachdem sie bei der jungen Bedienung bezahlt hatten. Der Mann, der zuvor mit Carla Menotti am Fenster gestanden hatte, saß jetzt an einem runden Tisch und las Zeitung. Vor sich hatte er ein Glas Weißwein stehen. Von der Einrichtung her, war die Bar mehr ein Café oder Bistro. Es standen schlichte Holztische im Raum. Die zwei Tische am Fenster waren rund, die übrigen eckig und viel größer. Doch das Lokal hatte eine gewisse zeitlose Ausstrahlung. Es wirkte weder modern noch alt. Die Theke und die hohen Schränke dahinter waren schlicht, aber ganz in Holz gehalten und hatten einen hellbraunen Farbton. In einem Regal hinter dem Tresen standen in zwei Reihen Kaffeepackungen einer unbekannten italienischen Rösterei. Ansonsten waren die Regale und Schrankelemente voll mit Gläsern der verschiedensten Art. Darunter und darüber zahlreiche Flaschen mit einem Inhalt, der von klar über bonbon- bis bernsteinfarben ging. Carla Menotti nahm sich zwei kleine Cognacgläser und stellte sie vor Bessell auf den Tresen. Sie bückte sich, holte eine Flasche Calvados hervor und schenkte ein.
»Bitte, der geht auf Kosten des Hauses. So ein Calvados bringt die gesunde Gesichtsfarbe wieder zurück. Sie sehen ja auch schon ganz blass aus«, sagte sie scherzhaft, machte dabei aber ein ernstes Gesicht. Bessell bedankte sich und kippte den Schnaps herunter.
»Stellen Sie sich vor, ein Polizist war heute früh auch schon bei mir in der Bar. In Uniform versteht sich. Die höheren Beamten sind ja vorhin erst eingetroffen. Er bestellte sich einen Caffè so wie sie und dann fing er an, mir Fragen zu stellen.«
Bessell nahm sich noch ein Croissant vom Tablett. Er musste daran denken, dass er bisher noch nicht dazu gekommen war, auch nur ein einziges Wort zu entgegnen, außer den üblichen Lauten des aufmerksamen Zuhörers.
»Und was wollte er von Ihnen wissen?«, fragte er.
»Ob wir gestern Abend geöffnet hatten. Zum Glück hatten wir bereits gegen vier alles verrammelt und verriegelt und sind nach Hause gefahren. Im Winter ist ja im Ort nicht viel los und außerdem hatte ich mich mit einer Freundin zum Abendessen in Mailand verabredet.«
Carla Menotti sah Bessell erleichtert an. Sie schien tatsächlich froh darüber zu sein, nicht als Zeugin über irgendwelche Vorkommnisse aussagen zu müssen, die sich während der möglichen Tatzeit auf der Straße ereignet haben könnten. In diesem Moment fiel Bessell der BMW ein, den er gestern Abend gesehen hatte. Er stand ja ungefähr dort, wo jetzt die Armada der Polizeiwagen parkte. Seltsamerweise fiel es ihm erst jetzt wieder ein. Der Grund dafür war wohl, dass er den gestrigen Abend und sein bisheriges Leben am Lago Maggiore nicht im geringsten mit einem Verbrechen wie Mord oder Totschlag in Verbindung bringen konnte. Er trank den letzten Rest Kaffee aus seiner dickwandigen Espressotasse. Dabei sah er Carla Menotti an, als hätte er vergessen, was er sagen wollte. Dann blickte er auf sein angebissenes Croissant, und als er wieder davon abbeißen wollte, brach er in der Bewegung ab und fragte:
»Woher weiß man eigentlich, dass dem Mann erst gestern Abend der Schädel eingeschlagen wurde? Womöglich liegt er schon länger dort unten am Strand.«
Carla Menotti winkte ab und kehrte ihm den Rücken zu. Sie nahm einen kleinen Karton von der Anrichte und riss ihn auf. Darin waren einzeln verpackte Kekse, die zum Cappuccino oder anderen heißen Getränken gereicht wurden. Sie griff hinein, holte eine Handvoll heraus und stopfte die Kekse in eine Art durchsichtigen Spender, der vor ihr auf dem Tresen stand.
»Vollkommen unmöglich«, sagte sie etwas altklug und schüttelte dabei mit dem Kopf. Um die Spannung noch etwas zu steigern, machte sie eine kleine Kunstpause. Dann sah sie Bessell mit einem bedeutungsschweren Blick an und sagte:
»Der Junge war gestern am späten Nachmittag auch unten am Strand und da lag noch kein Toter da.«
»Vielleicht ist der Mann ans Ufer geschwemmt worden und wurde gar nicht hier bei uns ermordet«, wandte Bessell ein. Im gleichen Moment musste er daran denken, dass ja noch nicht einmal geklärt war, ob es sich tatsächlich um ein Gewaltverbrechen handelte. Möglicherweise war der Mann von seiner Yacht gefallen, vorher unglücklich mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen und dann im Wasser gelandet. Diesen Gedankengang behielt er für sich, denn er wollte endlich los. Er bezahlte seinen Caffè und die zwei Croissants. Als Bessell sich verabschiedete, signalisierte der Mann am runden Tisch, dass er noch gern ein zweites Glas Weißwein hätte.