Читать книгу Raniten in der Furt - Frank Bartels - Страница 10
Meister Adebar
ОглавлениеUnd Lilu sollte Recht behalten. Am nächsten Morgen ging es Alexander bereits etwas besser. Das Unterholz wich nach und nach einem übersichtlichen, lichten Wald. Die Bäume standen nicht mehr so dicht bei einander, Farn und Dornengestrüpp wuchsen niedriger und wurzelten nur noch in kleinen Gruppen, nahe der Bäume.
Ein erfrischender Luftzug strich durch das rauschende Blätterdach. Obwohl die Bäume nun höher zu sein schienen, stellten sie sich ihnen nicht mehr in den Weg, sodass sie müheloser vorankamen. Verschiedenste Vögel sangen ihre Lieder oder jagten über ihren Köpfen ihrer Beute nach. Der Pfad wich einem Weg, der auch ohne Schuhsohlen gut zu meistern war und es war eine Wohltat, die wärmenden Strahlen der Sommersonne auf der Haut zu spüren.
Stattliche schwarze Eichhörnchen hockten auf Ästen und beobachteten die Wanderer aus sicherer Entfernung, doch als diese näher kamen, fingen sie an zu bellen wie junge Hunde. Die Tierchen huschten nun aufgeregt von Ast zu Ast und plötzlich segelten einige davon. »Lilu, hast du das gesehen?«, staunte Alexander. »Diese Eichhörnchen können ja fliegen.«
»Sie gleiten«, erklärte Lilu beiläufig. »Dipis können nicht fliegen. Sie gleiten nur sehr geschickt von Baum zu Baum.«
Nach einem langen, aber durchaus entspannten Marsch war es abermals Zeit, eine Pause einzulegen. Alexanders Bauchschmerzen waren deutlich gelindert und ihm entwichen nur noch von Zeit zu Zeit übel riechende Gase.
»Eine kleine Stärkung, mein Lieber?«
»Hast du noch welche von den Pilzen? Die haben echt lecker gerochen.«
»Ich werde mich um Brennholz bemühen und du …«
Alexander unterbrach sie und nickte. »Ja, ich weiß. Ich warte hier.«
»Du sagst es.«
Und dieses Mal tat Alexander, wie ihm gesagt wurde. Lilu kehrte mit einem Arm trockenen Brennholzes zurück, und so schmorten sie die Pilze. Hätte er früher gewusst, wie gut Pilze schmecken können – er hätte sicher schon eher welche probiert.
Lilu spürte, dass ihrem Freund etwas auf der Seele lag. »Alexander, ich habe das Gefühl, dich bedrückt etwas …«
Er schaute sie einen Moment an, verdrehte die Augen und es schien fast so, als ob er die vergangenen Tage in seinem Inneren noch einmal durchlebte. Dann schüttelte er die Gedanken fort und sagte: »Du meinst, abgesehen von Drachen, Riesenkäfern und fleischfressenden Pflanzen?«
»Ja, ungeachtet dessen.«
»Eigentlich habe ich tausend Fragen.«
Sie schaute ihn an. »Dann fang doch am besten mit der ersten an. Was möchtest du wissen?«
»Äh, zum Beispiel …«, Alexander überlegte, »Gibt es denn hier nur bösartige Wesen, die nichts Besseres im Sinn haben als Turnschuhe zu klauen oder Menschen zu fressen?«
»Nein, natürlich nicht. Wo denkst du hin? Es gibt den Brötchenmeister, die Heberlinge und noch viele andere wundervolle Geschöpfe. Im Süden des Waldes wachsen Honigbäume von denen der goldene Saft nur so heruntertropft. Und es gibt hier viele bunte Regenbogen. Wenn sie besonders kräftig sind, kann man von ihnen herunterrutschen und du sollst wissen: Am Ende eines jeden Regenbogens wartet eine Schatztruhe voller Gold und Edelsteine. Man braucht sie nur auszugraben.«
Verunsichert sah Alexander sie an. »Ehrlich?«
Lilu lächelte und antwortete: »Nein, nicht wirklich. Aber es wäre doch schön, oder?«
Nun war es für Alexander endgültig an der Zeit, beleidigt zu sein. Schließlich hatte er diese Frage durchaus ernst gemeint und erwartete eine ebenso ernsthafte Antwort. Es mag an seiner hilflosen Grimasse mit den fragend auf und ab tänzelnden Augenbrauen gelegen haben, jedenfalls überkam Lilu ein herzhaftes Lachen, das durchaus ansteckend war. So konnte Alexander gar nicht anders als lauthals mitzulachen.
Doch wenige Augenblicke später verstummte sein Lachen zu einem milden, fast verlegenen Lächeln. Seine Stimme wurde ernster. »Ich weiß nicht wie ich es sagen soll aber ich habe so gar keine Erinnerung an meine Vergangenheit. Alles, was ich weiß ist, dass ich mich hier nicht wohl fühle. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich auf die Lichtung gekommen bin und was ich vorher gemacht habe. Ist das nicht eigenartig?«
Lilu rieb sich die Tränen aus den Augenwinkeln. »Ja, schon ein wenig.« Sie räusperte sich und gab sich nun alle Mühe, respektvoll zu erscheinen. »Ich glaube immer noch, dass du verschleppt wurdest und aus irgendeinem Grunde dein Gedächtnis verloren hast.«
»Passiert das hier öfter? Ich meine, werden öfter Leute verschleppt und in Wäldern ausgesetzt?«
»Nun ja – es ist nicht gerade an der Tagesordnung, aber in diesem Wald treiben sich eine Menge seltsamer Geschöpfe herum. Da könnte es durchaus möglich sein …«
»Mit anderen Worten: Du hast also auch keine Ahnung, wie ich dort hingekommen bin?«
»Leider nicht.«
»Manchmal erinnere ich mich an Dinge, für die ich keine Erklärung habe. Und dann denke ich, dass ich mir das vielleicht auch nur einbilde.«
»Irgendwie unheimlich, was?«, nickte Lilu.
»Ja, seltsam. Auf jeden Fall muss ich herausfinden, wo ich herkomme und wo ich hin will«, entschied Alexander entschlossen.
»Wo du hin willst, wissen wir ja schon«, lächelte Lilu zufrieden und zeigte mit ihrem Finger in eine unbestimmte Himmelsrichtung. »Zum Drachenberg.«
»Drachenberg … wer will da schon hin? Und außerdem kann das doch nicht der Sinn meines Lebens sein.«
»Wer weiß, vielleicht schon. Es könnte doch sein, dass es dein vorbestimmtes Schicksal ist, und seinem Schicksal kann man nicht entfliehen, soviel ist gewiss.«
»Ich kann mir einiges vorstellen aber das ist das dämlichste Schicksal, das man haben kann.« Er schüttelte vehement den Kopf. »Nein, das kann nicht meine Bestimmung sein. Nie und nimmer. Ich bin erst zwölf.«
»Alexander, du wirst sehen, eines Tages wirst du dich erinnern können und dann wird alles einen Sinn ergeben. Wir sind nicht zufällig auf der Welt, weißt du? Jeder von uns hat seine Aufgaben und das ihm vorbestimmte Schicksal zu erfüllen.«
»Mich würde ja schon beruhigen, wenn ich wüsste, welches Schicksal das ist oder wenigstens, wo ich bin.«
»Aber das weiß doch keiner so genau. Warum also solltest du es wissen? Jeder Morgen birgt neue Überraschungen und es liegt an einem selbst, das Beste aus dem Tag zu machen.«
»Da hast du auch wieder Recht.«
Nachdem sie sich die Bäuche mit vielen Pilzen und einigen Beeren gefüllt hatten, ließen sie sich nieder und unterhielten sich noch ein Weilchen über diese seltsamen Themen. Alexander hatte zwar ungefähr noch neunhundertfünfundneunzig Fragen, die ihn beschäftigten und nach Antworten verlangten, doch seine Müdigkeit war stärker und, obwohl es helllichter Tag war, fielen ihm die Augen zu.
¤
»Wach auf, Alexander, wir haben etwas zu erledigen, das keinen Aufschub duldet. Schnapp dir deinen Knüppel, du wirst ihn brauchen«, vernahm der Junge und war sich nicht sicher, ob er wachte oder träumte. War da schon wieder ein garstiges Wesen, das ihnen nach dem Leben trachtete? Lilu kniete über ihm und flüsterte: »Wir müssen sehr vorsichtig sein und leise wie die Mäuschen.« Der Ausdruck ihrer Augen verriet ihm, dass Gefahr in der Luft lag und er wurde plötzlich hellwach. »Ich werde mucksmäuschenstill sein.«
Er packte seinen Knüppel, schlich leise in Lilus Fußspuren und dachte darüber nach, was eigentlich ein Mucksmäuschen3 war.
Wenig später blieb Lilu stehen, hockte sich nieder und flüsterte: »Ducke dich. Da oben. Im Baum, der Horst.«
Da erblickte Alexander ein sehr, sehr großes Vogelnest im Wipfel des Baumes und am Rande des Nestes stand ein Vogel. Nun ja, es war ein überraschend großer Vogel aber halt nur ein Vogel. »Das wolltest du mir zeigen? Das ist doch nur ein Storch«, erwiderte er enttäuscht. »Da macht man einmal husch und weg ist er.«
»Nein, ich habe es gehört. Ich bin mir ganz sicher«, flüsterte Lilu und plötzlich hörte er es auch. »Das … das kann doch nicht sein! Ist das …?«
»Ja, mein Freund, das sind die Hilferufe eines Babys.«
Alexander traute seinen Ohren nicht: »Ich glaube, ich spinne! Ist da ein echtes Baby drin?« Die Schreie schienen, soweit Alexander das aus dieser Entfernung erkennen konnte, tatsächlich die eines Babys zu sein. Diese Angelegenheit verunsicherte ihn und so stellte er eine Frage, die er unter anderen Umständen für sehr lächerlich gehalten hätte: »Also bringen Störche doch die Babys?«
Lilu schüttelte ihren Kopf und flüsterte: »Nein, mitnichten. Störche bringen keine Babys – sie rauben sie, um sie …«
»Ich will das gar nicht hören«, fuhr Alexander ihr hastig und kopfschüttelnd ins Wort. »Ich kann mir schon denken, was du sagen willst.«
»Sie fressen Frösche und Schnecken und so, doch einmal im Jahr rauben sie ein Baby; für ihre Jungen. Wir müssen es unbedingt retten.«
»Für ihre Jungen? Ich habe doch gesagt, dass ich das nicht hören will. Das ist ja widerlich.«
Lilu nickte wortlos, ohne ihren Blick von dem Horst abzuwenden. Auch Alexander starrte in die Höhe und fragte: »Und, wie wollen wir da hochkommen? Das schaffen wir doch nie.«
Lilu überlegte kurz und antwortete: »Das schaffe ich schon. Aber wir müssen sie herunterlocken. Ich habe da auch schon eine Idee. Hast du noch von den verbotenen Kügelchen?« Der Junge griff in seine Tasche und nickte. »Ich werde mich dort im Farn verstecken und im rechten Augenblick das Baby schnappen, während du sie ablenken und mit deinem Knüppel in die Flucht schlagen wirst. Doch lass dir gesagt sein: Kampflos werden sie nicht davon ziehen.«
Er packte entschlossen seinen Knüppel und sagte zu sich: »Das ist sicherlich wieder eine Prüfung; ganz bestimmt.« Mit dieser Waffe in seinen Händen fühlte er sich sehr stark. Ein Schwert wäre natürlich besser gewesen, doch dieser Knüppel würde es vorerst auch tun. Und vielleicht würde er tatsächlich noch ein echtes Schwert in seine Hände bekommen. Er war so aufgeregt, dass er nicht einmal wagte Luft zu holen. Um möglichst leise zu sein, hatte er so lange den Atem angehalten, dass ihm bereits schwindelig wurde und dann, wie sollte es anders sein, entwich ihm ein lauter Furz.
»Ssscht – du wirst uns noch verraten«, mahnte Lilu. »Wenn sie uns entdecken, fliegen sie mit dem Kind davon und nur Gott weiß, wo sie landen werden.«
»Wieso sie? Sind da noch mehr?«
»Ja, irgendwo muss das Männchen noch sein. Also gib Acht.«
Alexander überlegte, wie man eigentlich einen Storchenmann nennen würde. Wenn man eine männliche Ente Erpel und eine männliche Gans Ganter nennt, müsste ein männlicher Storch doch auch irgendwie heißen. Dann erblickte er das Tier, das am Fuße des Baumes stand und mit seinem langen Schnabel auf etwas einpickte, was zu seinen Füßen lag. Obwohl er rabenschwarz war, hatte dieser Vogel durchaus Ähnlichkeit mit einem Storch, wie Alexander ihn aus Büchern kannte. Er hatte ungefähr die gleiche Größe und einen langen, grauen Schnabel, schien aber wesentlich kräftiger. Seine dicken, fleischigen Beine verliehen ihm fast etwas Menschliches. Doch dann bemerkte Alexander etwas Unglaubliches.
»Hat der etwa meine Turnschuhe?«, wunderte er sich. Es war schon ein absonderliches Bild: Da stand ein riesiges, schwarzes Federvieh und versuchte verzweifelt den Schuh an seine Krallen zu bekommen. In den rechten war er bereits hineingeschlüpft und kämpfte nun mit dem linken.
Wie abgesprochen bezog Alexander Stellung, während Lilu lautlos in Richtung ihres Versteckes schlich. Um die Vögel abzulenken, griff er in seine Jackentasche, nahm ein paar der Pupskugeln und warf diese vorsichtig, eine nach der anderen, in Richtung des Vogels. Vater Storch schien vorerst etwas misstrauisch zu sein, ließ sich jedoch von dem verlockendem Duft verführen und folgte der Spur, die der Junge gelegt hatte. Eine Kugel nach der anderen wurde aufgepickt.
Von dem Gepicke und Geklapper seines Schnabels wurde auch Mutter Storch angelockt, die sich ihrerseits einen Anteil des Futters sichern wollte. Sie glitt mit weit ausgebreiteten Flügeln von dem hohen Nest herunter, um ihrem Gatten die Mahlzeit streitig zu machen. Beide Vögel präsentierten sich Alexander also wie geplant auf dem Silbertablett. Alexander hielt seinen Knüppel mit beiden Händen so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Er nahm all seinen Mut zusammen, sprang mit einem Satz aus seinem Versteck und holte zum vernichtenden Schlag aus.
›Paff‹
Gleich der erste Hieb traf Meister Adebar mit voller Wucht am Schädel. Der Storch schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an, bis er zuckend umfiel wie ein nasser Sack. Und dort blieb er auch liegen und rührte sich nicht mehr. Mutter Storch war etwas fixer und schien den Ernst der Lage sofort begriffen zu haben. Mit etwas Anlauf und kräftigen Flügelschlägen floh sie in die Sicherheit der Baumkronen.
In der Zwischenzeit hatte Lilu das Nest erreicht, in dem das hilflose Kindchen lag. Behutsam nahm sie es an sich und wickelte es vorsichtig in ihr Bündel. Der Boden des Horstes zeugte davon, dass dieses arme Wesen nicht das Erste gewesen sein konnte, das die Störche ihren unglücklichen Müttern entführt hatten. Dann stieg sie vorsichtig herab und rief erleichtert: »Ich habe es und es scheint wohlauf zu sein.«
Alexander wachte mit geschultertem Knüppel am Fuße des Baumes und fühlte sich gut, sehr gut, obwohl er gerade einen Vogel erschlagen hatte und er dachte, dass ein Ritter sich so ähnlich fühlen müsste, nachdem er einen Drachen erschlagen und die Prinzessin befreit hatte. Na ja, so ähnlich vielleicht.
¤
»Komm, lass uns von diesem scheußlichen Ort verschwinden«, sagte Lilu, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Alexander war es nur Recht.
Sie sah ihn an und lächelte. »Schau, es ist ein tapferes, kleines Mädchen.« Dann zog sie das Tuch ein Stück zur Seite und ein unschuldiges Antlitz lächelte den Jungen an.
Es schien etwas kleiner zu sein, als er es vermutet hatte. Sein Gesicht trug fast strenge Züge, die von einem entbehrungsreichen Leben zu zeugen schienen. Ihm fehlte jegliche unschuldige Reinheit, wie man es von einem so zarten Wesen erwarten würde. Auf seinem Kopf wuchs bereits dichtes, ebenschwarzes Haar und die grünen Augen blitzten hellwach. So hatte Alexander sich ein Baby nicht vorgestellt - aber was wusste ein Zwölfjähriger schon von solchen Dingen!
Lilu blickte das Baby an und sagte mit sanfter Stimme: »Piep, piep, wen haben wir da? Wir werden dich in Sicherheit bringen. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Alexander hat die bösen Vögel verjagt.«
»Schätze, ich habe sie bestanden«, sagte Alexander zuversichtlich. »Das war doch die zweite Prüfung, oder? War leichter, als ich dachte. Ein Schlag und zack bum – das war’s. Ich bin mal gespannt, was noch auf mich wartet.« Dann hielt er inne. »Äh, Lilu, warte mal kurz. Ich bin gleich wieder da.«
Einen Moment später kam er mit seinen Turnschuhen in den Händen zurück.
»Ah, deine Schuhe«, bemerkte Lilu.
»Der Storch hatte sie. Er hatte sogar einen an.«
»Das heißt, du hast Meister Adebar voll erwischt.«
»Ja.«
»Und was ist mit Mutter Storch?«
»Die ist abgehauen, aber sie hat viele Kügelchen gefressen …«