Читать книгу Das Tal der Feuergeister - Franziska Hartmann - Страница 12
NEUN
ОглавлениеMein Magen knurrte. Ich hätte Cuinn um eine weitere Pause bitten können – eine richtige Pause ohne Flucht vor Jägern. Aber ich konnte immer noch kein Wort mit ihm wechseln, selbst dann noch nicht, als die Sonne bereits untergegangen war und Cuinn von sich aus vorschlug, erst einmal zu rasten.
„Wir schaffen es heute nicht mehr bis zu den Feuergeistern. Aber morgen werden wir sicher ankommen“, meinte Cuinn, als wir nebeneinander auf dem Waldboden saßen und an unseren Brötchen nagten.
Ich blieb stumm und starrte in das wärmende Feuer, das Cuinn mit einem Fingerschnipsen entfacht hatte und nun neben uns loderte.
„Bist du immer noch sauer?“, fragte Cuinn nach einer Weile.
Ich biss mir auf die Unterlippe, um mein Schweigen zu bewahren. Das war gar nicht so leicht, denn als er die Frage stellte, merkte ich erst, wie sauer ich wirklich war.
„Sie hätten uns umgebracht.“
Ich gab mein Schweigen auf und giftete ihn an. „Und bist du jetzt besser als sie, wo du sie umgebracht hast?“ Dabei funkelte ich ihn wütend an. „Nein, schlimmer noch. Du hast sie umbringen lassen. Bist du dir etwa zu schade, um dir die Hände selbst schmutzig zu machen?“
Seine Miene verhärtete sich. Seine Kiefermuskeln zuckten angespannt. Nun sah er auch wirklich wütend aus.
Doch ich fuhr unbeirrt fort. Sollte er ruhig wütend werden. „Glaubst du, nur weil du das Blut irgendeines magischen Wesens in dir trägst, macht dich das wertvoller als einen Menschen? Meinst du, das gibt dir das Recht, einfach so über deren Leben zu bestimmen? Hättest du sie nicht einfach mit einem Feuer umzingeln können? Sie hätten nicht fortlaufen können, sie hätten uns nicht folgen können. Und sie hätten nicht sterben müssen.“
Cuinn blickte mich immer finsterer an.
„Nein, stattdessen führst du sie direkt zu den Trévarda und lässt sie lebendig begraben.“ Sarkasmus legte sich in meine Stimme. „Cuinn, der großartige Magier, lässt sich von einem Haufen durchgedrehter Bäume den Hintern retten. Ja, du musst ja wirklich etwas ganz Besonderes sein.“
„Sei still!“, fauchte Cuinn. „Du weißt nicht, wozu diese Menschen fähig sind, du weißt nicht, was sie getan haben. Und wirf mir nicht vor, ich sei grausam und arrogant, denn genauso wenig weißt du, wer und wie ich bin.“
„Dann erklär es mir!“, schnauzte ich ihn an.
Doch Cuinn schlang wie ein bockiges Kind seinen Umhang enger um sich und legte sich auf die Seite, den Rücken zu mir gewandt.
„Nein, so nicht! Du drückst dich diesmal nicht vor Erklärungen!“, schimpfte ich weiter und zog an seiner Schulter, um ihn wieder zu mir zu drehen.
Er schlug meine Hand weg, setzte sich aber trotzdem wieder auf und sah mir ins Gesicht. „Ein Jammer, dass ich dich noch ganz bis zum Feuerberg hinaufschleppen muss, bevor ich dich wieder los bin“, brummte er. „Die Jäger werden immer weiter jagen. Sie lassen sich von nichts und niemandem abschrecken. Wären wir davongekommen und hätte ich sie laufen lassen, dann wäre ihnen früher oder später ein anderes magisches Wesen zum Opfer gefallen. Wie ich dir bereits sagte: Wir machen hier keine Kompromisse. Es war eigentlich schon gnädig von mir, dass ich den einen Jäger nur in den Schlaf geschickt habe. Ich mache das, um mich und den Wald zu schützen, nicht weil ich mich besser fühle als die Menschen. Schließlich bin ich selbst zur Hälfte einer. Meine Mutter ist einer. Ich bin mit ihnen verbunden, ob ich will oder nicht. Tatsächlich fühle ich mich momentan sogar sehr unsicher. Denn die Menschen scheinen Ausrüstung zu besitzen, die gegen Magie resistent ist. Wie zum Beispiel den Pfeil, der meinen magischen Schutzschild durchbrochen hat, als ich Lou schützen wollte.“
„Deshalb lieber auf Nummer sicher gehen und die Trévarda die Arbeit machen lassen.“ Auch wenn mir die ganze Sache immer noch nicht gefiel, klang das einleuchtend.
„Bist du jetzt zufrieden?“, murrte Cuinn.
„Fürs Erste“, antwortete ich.
Wir legten uns beide hin und schauten in den Himmel. Trotz der dichten Bäume konnte ich ein paar funkelnde Sterne entdecken. Ich versuchte, die Stille der Nacht in mich aufzusaugen, um nach diesem anstrengenden, ereignisreichen Tag zur Ruhe zu kommen.
„Diese Narbe, die du da hast…“, sagte ich irgendwann in die Stille hinein und hielt dann inne, um Cuinns Reaktion abzuwarten. Ich wusste, er wollte nicht darüber reden und nachdem ich ihn gerade schon mit meiner Wuttirade eingeengt hatte, war ich nun lieber vorsichtiger.
Doch Cuinn gab nur ein erwartungsvolles „Hm?“ von sich.
„Das sah ein bisschen so aus wie ein Brandzeichen. Haben das alle Halbblute?“, wagte ich zu fragen.
„Ja“, lautete Cuinns knappe Antwort.
„Die Menschen haben euch alle gebrandmarkt?“ Ich war entsetzt.
„Ja. Einen nach dem anderen. Und bei manchen Kindern mit einem etwas anderen Wundheilungssystem als bei Menschen hat der Prozess etwas länger gedauert.“
Mir war sofort klar, dass er dabei auf sich selbst anspielte und mir wurde flau im Magen. „Ich denke, ich frage lieber nicht, wie oft sie dir ein glühendes Eisen auf die Haut gedrückt haben, bevor das Zeichen geblieben ist?“
„Vierundreißigmal.“
Ich schluckte. „Ich glaube, ich verstehe, warum du sie hasst.“
Eine Weile blickten wir stumm zu den Sternen empor.
„Kann ich dich noch etwas fragen?“
„Kann ich dich daran hindern?“, gab Cuinn zurück.
Ich überging die spöttische Bemerkung. „Wenn die Menschen solche Angst vor allen magischen Wesen haben, warum nicht vor Feargal? Warum vertrauen sie ihm?
„Ich glaube, das tun sie nicht. Aber sie vertrauen dem König und der wiederum vertraut Feargal.“
„Und warum vertraut der König ihm?“
„Ich weiß es nicht. Ich vermute, dass Feargal es irgendwie geschafft hat, ihn mit einem Zauber zu belegen“, antwortete Cuinn.
„Könntest du das nicht auch machen? Die Menschen mit einem Zauber belegen, sodass sie keine Angst mehr vor magischen Wesen haben?“
„In ihrem Gehirn herumpfuschen? Sie manipulieren? Zum einen würde es zu viel Energie kosten, solch einen Zauber für alle Menschen dauerhaft aufrechtzuerhalten. Zum anderen bin ich kein Freund davon, die Gunst anderer durch Magie zu erwerben.“
„Kaum zu glauben“, warf ich ein. „Das heißt, du hast mich gar nicht mit einem Zauber versehen, damit ich dir bis hierhin folge? Ich habe das alles wirklich freiwillig gemacht?“
Ich spürte, wie Cuinn mir einen kleinen Stoß am Arm versetzte. Im Schein des Feuers konnte ich das Grinsen in seinem Gesicht erkennen. „Du bist eben doch nur ein einfacher dummer Mensch.“
„He, hast du nicht eben noch behauptet, du seist nicht arrogant?“, merkte ich an und knuffte ihn zurück.
„Nur manchmal, wenn es sich anbietet.“
Ich kuschelte mich in meinen warmen Umhang. Allmählich überkam mich tatsächlich die Müdigkeit. „Gute Nacht, Cuinn“, murmelte ich schläfrig.
„Gute Nacht.“
Ein Krähen weckte mich auf. Im Halbschlaf hielt ich mir die Ohren zu und versuchte, den Lärm auszublenden. Doch das Krähen wurde immer lauter. Ich blinzelte der Helligkeit des angebrochenen Tages entgegen und nahm einen schwarzen Fleck über mir wahr. Viel zu spät wurde mir bewusst, dass es sich dabei um einen Raben handelte, der sich auf uns stürzte. Besser gesagt stürzte er sich auf Cuinn. Trotzdem sprang ich erschrocken auf und war heilfroh, dass unser Lagerfeuer bereits erloschen war, da ich anderenfalls direkt hineingehüpft wäre. Cuinn hingegen schreckte erst hoch, als der Rabe wild mit den Flügeln schlagend auf seiner Brust landete und ihm direkt ins Gesicht krächzte. Reflexartig schlug er den Vogel mit dem Arm von sich und kam auf die Beine, bevor sich der Rabe wieder aufgerappelt hatte. Der Rabe krähte ihm empört entgegen, erhob sich dabei wieder in die Lüfte und ließ sich auf einem Ast über uns nieder, wo er sich weiter lauthals über Cuinns Angriff beschwerte.
„Runter, Katja!“, rief Cuinn, drückte mich zu Boden und errichtete gleichzeitig eine hoch lodernde Feuerwand vor uns. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, als ein Bolzen links an mir vorbeischoss und zwei weitere in den Flammen zu Staub zerfielen. Das Feuer erlosch wieder.
Verdattert warf ich einen Blick über die Schulter zu dem Baum, in dem nun der Bolzen steckte. Cuinn und ich richteten uns wieder auf und ich vernahm ein amüsiertes Glucksen und Lachen, das sich unter das Gekreische des Raben mischte.
„Ist das ein Jäger?“, raunte ich Cuinn zu. Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, sauste der nächste Bolzen über meinen Kopf hinweg.
„Lass den Unfug, Doran!“, rief Cuinn in den Baum hinein, der vor uns stand. Als Antwort wurde das Lachen noch lauter.
Ich folgte Cuinns Blick und kniff die Augen zusammen. Tatsächlich konnte ich zwischen Blättern und Geäst eine Gestalt erkennen. Elegant sprang diese aus ihrem Versteck hervor und ging in die Hocke, um den Aufprall abzuschwächen. Als die Person sich wieder aufrichtete, streckte sie den rechten Arm angewinkelt zur Seite. Augenblicklich flatterte der Rabe darauf zu und nahm auf dem Arm Platz.
Vor uns stand ein junger Mann. Vermutlich war er etwa in Cuinns Alter. Seine Kleidung war schmutzig, seine schwarzen, schulterlangen Haare zerzaust und hinter seinem Rücken lugte eine Armbrust hervor. Irgendetwas an seinem Erscheinungsbild verstörte mich.
Offensichtlich zufrieden streichelte er dem schwarzen Raben über den Kopf. Als er dann mich direkt ansah, wusste ich, was mich so irritierte: Seine Augen hatten unterschiedliche Farben. Das linke war dunkel, braun nahm ich an. Das rechte schimmerte dagegen in einem warmen Gold.
„Freut mich, dich wiederzusehen“, sagte Doran an Cuinn gerichtet.
„Mich nicht.“ Cuinn nahm meine Hand und wollte mich nach rechts an Doran vorbeiziehen. Doch wir schafften nur zwei Schritte, ehe der Rabe schon vor Cuinns Nase herumflatterte und ihn erbost ankrähte. Cuinn schlug erneut genervt nach dem Vogel. „Hau ab, du dummes Federvieh, oder ich setze all deine Federn in Flammen“, schnaubte er.
„Na, na, nicht doch“, sagte Doran. „Komm wieder her, Fae.“ Der Rabe gehorchte aufs Wort und thronte einen Augenblick später zahm wie ein Lämmchen auf Dorans Schulter. „Ich hatte gehofft, du würdest mir einen längeren Besuch abstatten.“ Doran verzog enttäuscht den Mund.
Wer zur Hölle war dieser Typ?
„Eigentlich wollte ich dich gar nicht besuchen“, entgegnete Cuinn.
Doran zog die Luft zwischen den Zähnen ein und legte sich eine Hand auf die Brust. „Autsch, das tut weh.“ Sein Blick wanderte wieder zu mir. „Willst du mir nicht wenigstens erzählen, wo du dieser hübschen Dame begegnet bist? War es also doch nicht das Richtige mit diesem Drachen Lou?“
Oh, oh, böses Thema. Cuinn ließ mich los und ballte stattdessen die Hände zu Fäusten.
Doran schien die Reaktion nicht zu entgehen. Er fing an zu lachen. „Sie ist ein Mensch. Ich dachte, das entspräche nicht deinem Geschmack, Bruderherz.“
Mir klappte die Kinnlade herunter. Ich sah zu Cuinn. Wieder zu Doran. Und wieder zu Cuinn. Dann streckte ich einen Zeigefinger Richtung Doran. „Wie bitte? Dieser wahnsinnige Rabenfreak ist dein Bruder?“ Ich war nun schon mehrere Tage mit Cuinn unterwegs, ich hatte mir so viele Gedanken darüber gemacht, wer Cuinn war, wo er herkam und was er erlebt hatte. Aber in keinem einzigen Moment hatte ich daran gedacht, dass er Geschwister haben könnte.
„Leider“, antwortete Cuinn.
„Er hat mit Bolzen nach uns geschossen!“, empörte ich mich. „Machen das Brüder hier so?“
„Stellt sie immer so nervige Fragen?“, erkundigte sich Doran.
Cuinn seufzte. „Manchmal. Sie begleitet mich nur, damit ich sie wieder in ihre Heimat bringen kann. Sie kommt nicht von hier, ist etwas komplizierter. Was willst du von mir? Wir haben es eilig.“
Ich starrte immer noch fassungslos von einem zum anderen. Was war an meiner Frage bitteschön nervig? War mein Entsetzen etwa so wenig nachvollziehbar?
„Sie kommt nicht von hier?“, wiederholte Doran und musterte mich noch mal von oben bis unten. „Deshalb sieht sie so komisch aus.“
„Du siehst selbst komisch aus, Glitzerauge“, giftete ich ihn an. Dennoch konnte ich nicht anders, als mir mit der Hand durch die Haare zu kämmen und an mir herunterzublicken, um zu schauen, ob mein Kleid noch richtig saß.
Doran grinste. „Dann passen wir ja perfekt zusammen.“
Mir wurde schlecht.
Cuinn räusperte sich, um Dorans Aufmerksamkeit wiederzubekommen. „Ich habe dich etwas gefragt. Also?“
Dorans Gesichtsausdruck wurde wieder ernst. „Stimmt es, was man sich erzählt? Über Lou? Es heißt, wenn der letzte Drache stirbt, wird auch die Magie nach und nach verschwinden. Das wäre eine Katastrophe.“
„Lou ist tot“, antwortete Cuinn knapp. „Aber sie war nicht der letzte Drache.“
Dorans Augen weiteten sich. „Nun, ich würde dir ja mein Beileid aussprechen, aber du weißt, dass das nicht meine Art ist. Also, was meinst du damit, sie war nicht der letzte Drache?“
So ein gefühlsloser Vollidiot. Doch Cuinn schien daran gewöhnt zu sein. „Es gibt drei Dracheneier.“
„Wo?“ Dorans Augen erfüllte nun ein aufgeregtes Leuchten.
„Auf dem Feuerberg. Wir sind auf dem Weg zu den Feuergeistern“, erklärte Cuinn.
Das Leuchten in Dorans Augen erlosch. Dann begann er wieder, schallend zu lachen, dass Fae aufgeschreckt von seiner Schulter flog und krächzend um ihn herumschwirrte, bis er sich wieder beruhigt hatte. „Das ist nicht dein Ernst.“ Er sah Cuinn an, suchte anscheinend nach einem Zeichen, dass Cuinn Scherze machte. Natürlich fand er keines. „Was lässt dich glauben, dass die Feuergeister dich passieren lassen?“
Ich erinnerte mich wieder daran, dass ich keine Ahnung hatte, welche Barriere zwischen Cuinn und den Feuergeistern lag.
„Sie müssen“, sagte Cuinn. „Und ich muss es zumindest versuchen. Ich habe kaum eine andere Wahl.“
Doran hob eine Augenbraue und machte eine wegwerfende Handbewegung mit seiner Rechten. „Na gut, aber ich bin dann raus. Ich werde bestimmt nicht ins Tal der Feuergeister ziehen.“
„Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dich darum gebeten zu haben“, murmelte Cuinn.
Ich zupfte an Cuinns Ärmel. „Können wir jetzt gehen?“ Ich wollte wirklich schleunigst weg von seinem Bruder.
„Ich denke schon“, antwortete Cuinn. „Notfalls mache ich aus dem Raben einen Bratvogel.“
Cuinn wandte sich ohne ein Wort des Abschieds ab, da beobachtete ich, wie Doran plötzlich nur noch mit leerem Blick an mir vorbeistarrte. Dann begann er, am ganzen Körper zu zittern.
„Cuinn?“, rief ich mit schriller Stimme. „Macht dein Bruder das öfter?“
Doran wühlte inzwischen hektisch in einem Beutel an seinem Gürtel herum.
Cuinn drehte sich wieder zu uns um. „Doran!“ Er stürzte zu seinem Bruder.
Dorans Gesicht war von einer Sekunde auf die nächste kreidebleich geworden. „Es muss hier irgendwo sein.“ Mit zitternden Händen zog er eine kleine Metallschatulle aus dem Beutel.
„Was ist da drin?“, fragte Cuinn.
Die Schatulle fiel Doran aus der Hand, im nächsten Moment sackte er bewusstlos zusammen. Cuinn konnte ihn gerade noch rechtzeitig auffangen. Fae flatterte aufgeregt um Cuinn und Doran herum und schlug immer wieder mit den Flügeln nach Cuinn.
„Katja, was ist in der Schatulle?“ Ich sammelte die Schatulle auf und öffnete sie. Darin befanden sich ein paar herzförmige, blaue Blütenblätter mit weißen Sprenkeln. „Nimm die mit!“, bat Cuinn mich und legte den Rucksack ab. „Und den am besten auch. Und sorg dafür, dass ich diesen Vogel nicht wirklich braten muss!“ Er nahm Doran auf den Rücken. „Wir müssen zu den Feuergeistern. Schnell!“ Dann stapfte er los.
Ich schulterte den Rucksack und eilte Cuinn hinterher, wobei ich Fae immer wieder von ihm fort jagte. „Was ist mit Doran?“
„Er hat sich vergiftet.“
„Vergiftet? Mit diesen Blüten? Kannst du ihn nicht heilen?“
„Das sind Blüten der Teufelsranke. Deren Gift lässt sich nicht mit Magie behandeln. Und das Gegengift wächst nur im Tal der Feuergeister.“
„Warum vergiftet er sich?“, wollte ich wissen.
„Vermutlich nicht mit Absicht.“
Bald schon erkannte ich, dass wir nur noch ein paar Baumreihen vor uns hatten, ehe sich der Wald lichtete. Zwischen den Baumstämmen hindurch hatte ich Blick auf den gewaltigen Feuerberg. Das hellbraune Gestein war von üppigen Pflanzen überwuchert und sah aus, wie in die Landschaft gemalt. Ich war schon von der Ferne aus begeistert, doch der Ausblick, der sich mir bot, als wir den Wald hinter uns ließen, überwältigte mich. Vor uns senkte sich der Boden herab und führte in ein grünes Tal, ehe sich dahinter der Feuerberg auftürmte. Ein glitzernder, schmaler Fluss schlängelte sich zwischen hohen Bäumen entlang durch das Tal. Ich erkannte Baumhäuser. Allerdings sahen diese nicht von Hand gebaut aus, sondern als seien sie der Baum selbst. Sie befanden sich etwa drei Meter vom Erdboden entfernt und bestanden aus ineinander verschlungenen Ästen und Zweigen, die sich über der Hütte dann in alle Richtungen streckten, wie die einer gewöhnlichen Baumkrone. Am Fuße des Abhangs grenzte eine hohe steinerne Mauer das Tal vom Rest des Waldes ab. Direkt vor uns bot jedoch ein offenes, aber bewachtes Tor einen Weg ins Tal.
Cuinn schlitterte den Abhang hinunter, sodass ich kaum folgen konnte. Erstaunlich, wie schnell Cuinn war, obwohl er Doran auf dem Rücken trug. Fae sauste wie ein schwarzer Pfeil hinterher.
„Wir brauchen Hilfe!“, hörte ich Cuinn rufen, als er noch einige Schritte vom Tor entfernt war.
Es standen zwei Wachen vor dem Tor. Ihre Ähnlichkeit war verblüffend. Sie beide waren groß gewachsen und schlank, hatten lange, blonde Haare und goldene Augen. Sie trugen beide eine Lederrüstung, in die irgendwelche schnörkeligen Muster geprägt waren. Als ich fast direkt vor ihnen stand, erkannte ich, dass es Flammenmuster waren, die sich über die Armschienen und quer über den Torso schlängelten. Jedoch begutachtete ich die Rüstungen kaum weiter. Sie hatten goldene Augen. Wie Doran eines hatte. Doran war ein halber Feuergeist. Und wenn Doran Cuinns Bruder war… Ich öffnete den Mund, konnte mich aber gerade noch zusammenreißen, um Cuinn nicht: Du bist ein halber Feuergeist! zuzurufen.
Wir kamen vor den Feuergeistern zum Stehen. „Mein Bruder“, keuchte Cuinn. „Er hat Blüten von der Teufelsranke zu sich genommen.“
„Du bist Cuinn“, äußerte einer der Wachen und sah ihn argwöhnisch an. „Cuinn Lasair.“
„Bitte“, flehte Cuinn. „Er stirbt sonst.“
Die Wachen wechselten einen Blick miteinander. Dann winkte einer von ihnen einen weiteren, etwas jünger aussehenden Feuergeist zu sich. „Rowan, bring das kranke Halbblut zu unseren Heilern.“
Cuinn übergab seinen Bruder dem Feuergeist, der ihn aus unserem Blickfeld trug, gefolgt von einem aufgebrachten schwarzen Vogel. „Danke.“
„Du weißt, wir können dich nicht einfach eintreten lassen“, sprach die Wache weiter. „Und schon gar nicht mit einem… Warum ist ein Mensch an deiner Seite?“
Zwei golden glühende Augenpaare musterten mich und ich spürte, wie ich innerlich immer kleiner wurde. „Ich komme nicht von hier, ist kompliziert“, wiederholte ich einfach die Worte, die Cuinn Doran gegenüber gesagt hatte.
„Wir brauchen einen Drachen, um sie wieder nach Hause bringen zu können“, erklärte Cuinn. „Und auch aus anderen Gründen möchte ich genau dorthin: zu den Drachen. Ich muss zu Créla auf den Feuerberg.“
„Nun, wie gesagt, wir können dich nicht eintreten lassen. Wir werden Herrin Honora um Erlaubnis bitten müssen und noch wichtiger…“
Die Wache wurde von einem lauten Klirren unterbrochen. Wenige Meter hinter dem Tor stand eine zierliche junge Frau. Ihre engelsblonden Haare fielen in sanften Wellen über ihre Schultern und reichten ihr bis zur Hüfte. Der im Sonnenlicht golden schimmernde Stoff ihres rostroten Kleides reichte bis zu ihren Füßen, um die herum unzählige Tonscherben verstreut lagen. Eine Hälfte ihres schmalen, spitzen Gesichts war von Brandnarben übersät. Sie starrte Cuinn mit großen Augen an. Mit großen, dunkelbraunen Rehaugen.
„Lilly“, hörte ich Cuinn flüstern.
Ein weiterer Feuergeist trat an die Seite der Frau. Er zog sie schützend an sich und funkelte Cuinn verächtlich an. „Ihr Name ist Aida.“ Liebevoll strich er ihr mit der Hand über die Wange.
„So ein Unsinn!“, rief Cuinn entrüstet. „Was habt ihr mit ihr gemacht? Lilly, sag etwas!“ Cuinn wollte durch das Tor stürmen, doch die Wachen hielten ihn links und rechts an den Schultern fest.
Ich wusste nicht, was hier vor sich ging. Ich wusste nicht, wer diese Frau war, ob sie nun Lilly oder Aida hieß und warum sie Cuinn so wütend machte.
Sie drückte die Hand des Feuergeists an ihrer Seite sanft fort und trat mit wackeligen Schritten über die Scherben auf Cuinn zu, der immer noch von den Wachen festgehalten wurde. Vor dem Tor blieb sie stehen. In ihren Augen lag so viel Traurigkeit und Schmerz, dass ich das Gefühl hatte, zu fallen und mich in ihnen zu verlieren, wenn ich zu lange hineinsah.
„Ich bin Aida. Aida aus der Familie Azura“, sagte sie mit erstaunlich fester Stimme. „Lilly wurde von den Flammen verschlungen. Du hast sie verbrennen lassen, Cuinn. Lilly Lasair ist tot. Du wirst deine kleine Schwester niemals wiedersehen.“