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VIER

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Ich blickte zu meinen Schuhen herab. Kein Strandsand, nur saftig grünes Gras.

„Was…?“ Ich drehte mich zu Cuinn, der links von mir stand und mich erschrocken mit weit aufgerissenen Augen ansah. „Wo sind wir?“ Meine Stimme bebte unkontrolliert.

Cuinn schluckte. „Wir sind in Glenbláth.“

Ich versuchte, ein paarmal tief durchzuatmen, stattdessen schnappte ich panisch nach Luft. „Warum sind wir in Glenbláth? Das war nicht die Abmachung. Bring mich auf der Stelle zurück!“ So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte meinen Atem nicht zur Ruhe bringen. Ich wusste nicht, was mich mehr aufwühlte: Dass ich weit weg von zu Hause war und keine Ahnung hatte, wie ich wieder zurückkam, oder dass dieses Glenbláth tatsächlich existierte.

„Ich kann nicht.“

„Wie, du kannst nicht?“ Meine Stimme sprang ein paar Töne höher. „Dann Chloe!“ Ich wandte mich zum Gewässer und schrie Chloes Namen aus Leibeskräften. Auf der Stelle presste Cuinn mir eine Hand auf den Mund, um mich zum Schweigen zu bringen.

„Lass mich los!“, befahl ich, wovon allerdings nur ein „Mmh-hm-hmm!“ zu hören war. Trotzdem ließ Cuinn von mir ab.

„Schrei nicht so laut, wenn wir in der Nähe der Stadt sind!“, raunte Cuinn mir zu und deutete mit der linken Hand hinter sich.

Ich folgte seinem Wink mit meinem Blick, wobei ich mich einmal um hundertachtzig Grad drehte. Zu meiner Rechten entdeckte ich in etwas Ferne eine Gruppierung kleiner Häuser. Wie diese dort friedlich zwischen grünen Hügeln lag, von goldenem Sonnenlicht berührt, sah sie nahezu märchenhaft aus. Aus der Stadt heraus führte ein schmaler, sandiger Pfad. Er bahnte sich seinen Weg in Schlangenlinien durch das Gras und verband die Stadt mit einem riesigen Wald, der zu meiner Linken lag. Laub- und Nadelbäume standen dicht an dicht und türmten sich zu einem hohen Hügel auf, der nahezu alle anderen in der Landschaft überragte – nur ein einziger Berg, dessen Kuppe hinter den Bäumen hervorlugte, konnte den Wald noch übertrumpfen. Es war, als würde der Wald über seine Umgebung wachen, als sei er eine Festung und gleichzeitig dessen Bewohner, ein Thron und gleichzeitig König. Ich hatte noch nie einen so atemberaubend schönen, majestätisch wirkenden Wald gesehen und im selben Moment wurde mir klar, wie bescheuert dieser Gedanke klang, denn wie konnte eine Ansammlung von Bäumen majestätisch wirken? Doch der Wald übte eine Faszination auf mich aus, der ich mich nicht entziehen konnte. Es fiel mir nicht leicht, mich von ihm abzuwenden, um mich wieder an Cuinn zu richten.

„Wo ist Chloe?“, fragte ich nun leiser. „Sie soll mich wieder nach Hause bringen.“

Cuinn schüttelte den Kopf. „Das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Es funktioniert nicht in die andere Richtung.“ Er sah mich mit einem Blick voller Bedauern an.

„Na großartig!“, stöhnte ich. „Aber du bist doch auch von hier zu mir gekommen.“

„Das war ein Unfall. An welchem ich zudem nicht alleine beteiligt war.“

„Und wie komme ich jetzt nach Hause?“, wollte ich wissen.

Cuinn zog die Augenbrauen zusammen und überlegte eine Weile. „Es gibt nur eine Art von Wesen, die genug magische Kraft besitzen könnte, dich nach Hause zu bringen.“

„Die da wäre?“

„Drachen.“

Mein Gesicht musste nur noch aus Augen bestehen, so wie ich Cuinn anstarrte. „Gibt es die hier?“

Cuinn nickte und sein Mund verzog sich zu einem sanften Lächeln. „Einen einzigen gibt es noch. Ich weiß aber nicht, ob sie im Moment in der Lage dazu ist, dich nach Hause zu bringen. Aber schauen wir nach, ich möchte so oder so zu ihr.“

„Zu ihr? Also eine Drachin?“

„Ja, Lou“, antwortete Cuinn. „Folg mir.“ Er begann, Richtung Wald zu marschieren.

Mein Kopf kam nicht mehr mit. Verwirrt stolperte ich ihm hinterher. „Moment, ich dachte, Lou wäre so etwas wie deine Freundin, so eifersüchtig wie Chloe war. Und Lou ist ein Drache?“

„Lou ist meine Freundin, ja.“ Cuinn schien nicht in der Stimmung für Erklärungen zu sein.

„Aber sie ist ein Drache!“, wandte ich ein. Wie konnte er, ein Mensch, meinetwegen auch ein Magier, aber ein ziemlich menschlicher Magier, mit einem Drachen zusammen sein?

„Drachen sind Gestaltwandler“, erzählte Cuinn. „Als ich sie kennenlernte, hatte sie menschliche Gestalt angenommen. Und ich war damals noch nicht geübt genug, um zu erspüren, dass es sich bei ihr um einen Drachen handelte. Und hinterher war es mir egal, was sie ist. Sie ist Lou und ich liebe sie, egal, ob Mensch, Drache oder eine ganz andere Gestalt.“

Ich zwang mich, mich mit dieser Erklärung zufrieden zu geben. Doch ein Teil von mir war drauf und dran, wahnsinnig zu werden, das spürte ich. Ich war an einem Ort, der eigentlich gar nicht existieren dürfte und lief einem Typen hinterher, der magische Kräfte besaß, einen Drachen zur Freundin hatte – und zwar wortwörtlich – und dessen Freundeskreis allgemein größtenteils aus magischen Wesen zu bestehen schien. Das war zu verrückt, um wahr zu sein.

Ich hatte Mühe, mit Cuinn Schritt zu halten. Offenbar war er wesentlich längere und häufigere Fußmärsche gewohnt als ich und hatte sich einen beachtlich schnellen Gang angeeignet. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass er fast einen Kopf größer war als ich, was bei meinen mickrigen einen Meter fünfundsechzig nicht allzu schwer war, und dementsprechend längere Beine hatte. Ich lag auf dem gesamten Weg zum Wald mindestens fünf Meter hinter ihm. Erst, als er den Schatten der Bäume erreicht hatte, blieb er stehen und drehte sich zu mir um.

„Weich mir von jetzt an nicht von der Seite. Hier kann man sich leicht verirren“, warnte er mich.

„Alles klar…“, schnaufte ich. „Wenn du dir die Mühe machen würdest, einen Schritt langsamer zu gehen, bekomme ich das vielleicht auch hin.“

Ich erntete nur einen verständnislosen Blick und als er wieder losmarschierte, wusste ich, dass er keine Rücksicht auf mich nehmen würde. Warum hatte ich ihm noch mal geholfen, nach Hause zu kommen? War das seine Dankbarkeit? Mich gnadenlos durch einen dunklen, unheimlichen Zauberwald zu scheuchen? Mühsam schleppte ich mich hinter ihm her, immer wieder schlugen mir Zweige ins Gesicht und ich stolperte über die Wurzeln der mächtigen Bäume. Ich achtete schon gar nicht mehr darauf, wo wir hingingen, sondern nur darauf, mir nicht noch mehr Schürfwunden zuzuziehen. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass ich nicht mitbekam, als Cuinn Halt machte, und blind in ihn hineinlief.

„Oh, sorry“, sagte ich und versuchte mich wieder zu sammeln.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Ich zog eine Grimasse. „Klar, alles bestens. Ich laufe mit einem Magier durch ein fremdes Land, das vermutlich nicht mal auf meinem Planeten liegt, warum sollte nicht alles in Ordnung sein?“

„Wir finden einen Weg, dich wieder nach Hause zu bringen“, versuchte Cuinn mich aufzumuntern. „Wir sind da.“

Jetzt erst bemerkte ich die hohe Felsfront vor uns. Sie war Teil eines großen steinernen Hügels inmitten des Waldes, der hier und da von dunkelgrünem Moos benetzt war. Mir war noch nicht ganz klar, was es mit diesem Steinriesen auf sich hatte, bis Cuinn die rechte Hand hob und sich daraufhin das Gestein von links nach rechts ineinander schob und einen Eingang eröffnete. Ohne zu zögern, trat Cuinn ein, während ich draußen stehen blieb und versuchte herauszufinden, wo die Masse des Gesteins geblieben war.

„Kommst du?“, fragte Cuinn und winkte mich hinein.

Ich löste meinen Blick von der Stelle, an der sich Stein in Stein geschoben hatte und folgte Cuinn unsicher.

Sobald ich den ersten Fuß in die Höhle setzte, umfing mich die Dunkelheit, die nur von einer wohlig warm flackernden Fackel durchbrochen wurde, die am anderen Ende der Höhle in einer Halterung am Fels befestigt war. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Erst dann erkannte ich, was in der Höhle auf uns wartete.

Anfangs dachte ich, es sei ein großer Stein, der an der hinteren Höhlenwand lag. Doch nun konnte ich die Schuppen erkennen, die im Licht der Fackel in einem dunklen Violett glänzten. Die Flügel dicht am Rumpf und den langen Hals und Schwanz um den Körper gelegt, lag der Drache da. Ich versuchte, mir auszumalen, wie riesig dieses Wesen sein musste, wenn es seine Flügel entfaltete und nicht zu einem Päckchen zusammengerollt in einer Höhle kauerte, doch das überstieg in diesem Moment noch meine Vorstellungskraft. Ich schloss meinen Mund, als ich bemerkte, dass mir die Kinnlade heruntergeklappt war. Ein Drache. Ein richtiger Drache!

Der Eingang schloss sich wieder hinter mir. Während Cuinn sich dem Drachen langsam näherte, blieb ich wie angewurzelt stehen. Obwohl es aussah, als würde der Drache schlafen und dieser sehr friedlich wirkte, erweckte der Anblick der Kreatur genug Respekt, um mich auf Abstand zu halten.

„Lou?“, flüsterte Cuinn.

Ein großes, faltiges Lid hob sich und entblößte ein wachsames Auge, dessen Iris in einem noch dunkleren Violett schimmerte als die Schuppen des Drachen. Angestrengt hob Lou den Kopf und versuchte, ihn zu Cuinn zu bewegen, doch auf halbem Weg ließ sie den Kopf wieder zu Boden sinken. Cuinn kniete sich neben sie, hob ihren Kopf an und bettete ihn auf seinem Schoß. Dann streichelte er ihr liebevoll über die Schnauze. Ihr schwerer Atem ließ ihre Nüstern beben.

„Was haben sie dir angetan?“ Cuinn gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Ich bemerkte, dass Lou die ganze Zeit ihren Blick auf mich gerichtet hielt.

„Das ist Katja“, stellte Cuinn mich vor. „Keine Sorge, sie ist auf unserer Seite.“ Er erzählte ihr von seiner unfreiwilligen Reise in mein Wohnzimmer und wie ich ihm von dort wieder nach Glenbláth geholfen hatte.

Willkommen, Menschenkind.

Ich zuckte zusammen, als die helle, weibliche Stimme in meinem Kopf ertönte. War sie das? War das Lou?

Komm ruhig näher. Du brauchst dich nicht zu fürchten.

Ich zögerte immer noch. Cuinn drehte sich zu mir um und winkte mich heran. Ich überlegte tatsächlich, näher zu treten, aber mein Körper hörte nicht auf mich. Wie angewurzelt blieb ich weiterhin stehen.

Nun gut… Vielleicht hast du so weniger Angst…

„Nicht, Lou. Das kostet dich zu viel Energie“, wandte Cuinn ein, doch Lou hörte nicht auf ihn.

Mit einem vermutlich noch verstörteren Blick als vorher beobachtete ich, wie sich die Flügel und der Schwanz des Drachen langsam zurückbildeten. Gleichzeitig verkürzte sich der Hals. Kopf, Rumpf und Beine verloren ihre Form, die Schuppen flachten zu einer ebenmäßigen Haut ab und veränderten ihre Farbe. Ehe ich mich versah, saß vor Cuinn auf dem Boden eine zierliche junge Frau. Seidenglatte, violette Haare umrahmten ihr blasses Gesicht und sie trug ein schlichtes, farbloses Kleid, welches ihre Schönheit jedoch nicht minderte. Sie war wahrscheinlich die schönste Frau, die ich je gesehen hatte.

Jetzt erst fiel mir auf, dass sie ihre Hand auf ihre linke Seite presste und der Stoff darunter sich dunkelrot verfärbte. Sie lächelte mir freundlich zu, doch ich sah den Schmerz in ihren violetten Augen.

Ich wagte mich nun doch ein paar Schritte näher.

Cuinn ließ seine Hand über Lous gegen die Wunde gedrückte schweben. „Du hättest das nicht tun sollen. Warte, ich heile das.“

Sie wandte ihr lächelndes Gesicht nun Cuinn zu. „Nein, heb deine Kräfte auf. Du wirst sie noch brauchen.“

„Aber…“

„Es ist hier vorbei. Deine Kräfte reichen nicht, um mich zu heilen“, unterbrach Lou Cuinn.

Er wich zurück. Ich konnte von der Seite sein schockiertes Gesicht sehen. „Was redest du da?“

„Ich habe es gesehen.“

Cuinn schüttelte den Kopf. „Du weißt, das muss nichts bedeuten.“

„Ich habe so viele verschiedene Versionen unserer Zukunft gesehen. Aber alle enden hier.“

Ich schluckte. Wieder war mein Gehirn damit überfordert, die neuen Informationen zu verarbeiten. Zum einen registrierte ich gerade, dass Lou offenbar in die Zukunft schauen konnte. Zum anderen wollte Lou uns gerade mitteilen, dass sie hier sterben würde.

Ein langes, kaum erträgliches Schweigen erfüllte die Höhle. Ich wagte kaum, in Cuinns Richtung zu schauen. Sogar im schwachen Licht der Fackel konnte ich deutlich erkennen, dass er kreidebleich geworden war und er schien in eine Art Schockstarre verfallen zu sein.

Lou legte eine Hand an seine Wange. „Es ist in Ordnung. Ich habe dieses Schicksal schon längst akzeptiert.“

„Ich will es aber nicht akzeptieren“, presste Cuinn hervor und hob erneut die Hand, um einen Zauber zu wirken. Doch Lou legte ihre Hand sofort in seine und drückte sie sanft zu Boden.

„Ich habe sie auf den Feuerberg gebracht. Dort sind sie sicher“, sagte Lou.

„Auf den Feuerberg?“, fragte Cuinn entsetzt.

Lou stöhnte auf unter einer Welle von Schmerz und legte sich hin. „Es war der einzige sichere Ort. Sie werden dort gut beschützt. Und für dich ist es eine Chance, dich mit den Feuergeistern zu versöhnen.“

„Lou, du weißt, ich kann dort nicht…“

„Du kannst. Und du wirst. Und sie wird etwas ganz Besonderes. Sie wird uns retten.“ Bei dem letzten Satz schlich sich ein Lächeln auf Lous Lippen. Sie schloss die Augen.

„Lou?“ Cuinn strich ihr eine violette Strähne aus dem Gesicht. Im nächsten Moment verwandelte sich der zerbrechliche Menschenkörper wieder in den eines großen Drachens. Cuinn ließ die Hände schlaf zu Boden fallen. Sein ganzer Körper sackte zusammen, als wäre mit einem Mal die gesamte Energie aus ihm gewichen.

„Ist sie…?“ Noch bevor ich die Frage ausgesprochen hatte, wusste ich die Antwort und mir blieben die letzten Worte im Halse stecken. Mein Mund fühlte sich plötzlich unangenehm trocken an und die Temperatur in der Höhle schien um einige Grade zu sinken. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war mit der gesamten Situation überfordert. Ich war immer noch nicht darüber hinweg, dass ich mich in einem fremden Land befand, in dem es Magie gab, da war plötzlich die Freundin eines neugewonnenen Freundes gestorben, der nun wortwörtlich am Boden zerstört neben mir kniete und ich wollte ihn trösten, aber ich konnte mich nicht rühren. Anscheinend war seine Schockstarre auf mich übergegangen.

„Cuinn?“, brachte ich hervor.

Da stand er mit einem Ruck auf und drehte sich zu mir. Sein Blick war erfüllt von furchterregender Wut und einer wilden Entschlossenheit, die mich beunruhigte.

„Wir haben einen weiten Weg vor uns und müssen uns beeilen“, sagte er, packte mich am Handgelenk und zog mich hinter sich her, aus der Höhle hinaus, tiefer in den Wald hinein.

Das Tal der Feuergeister

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