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Drittes Kapitel.

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In welchem sich meine Mutter als ein zärtliches Weib beweist, zugleich aber auch ihren aufopfernden Patriotismus an den Tag legt.

Ich hatte mein zweites Lebensjahr zurückgelegt, ehe Nachrichten von meinem Vater einliefen. Alle Auskunft, die meine Mutter erlangen konnte, bestand darin, dass die Schiffsmannschaft der ‚Druide‘ auf eine andere Fregatte, namens ‚Melpomene‘ überpflanzt worden sei, da erstere für nicht mehr seewert erklärt und demgemäss zu Port-Royal ausser Dienst gestellt und abgebrochen worden war.

Briefe waren übrigens nicht von meinem Vater eingelaufen, denn er führte keinen sonderlichen Schulsack mit sich, da er zwar lesen, aber nicht schreiben konnte. Mittlerweile waren die Ersparnisse meiner Mutter aufgebraucht; sie kam sehr in Nöten, weil sie befürchten musste, die Täuschung, welche sie in betreff ihres Standes geübt hatte, möchte an den Tag kommen. In der That gingen bereits unterschiedliche Vermutungen über die Wahrheit ihrer Geschichte um, weil ihr Mann so lange abwesend blieb. Sie hatte bereits die letzte Guinee wechseln lassen, als ein Brief von meinem Vater einlief, der ihr von Portsmouth aus schreiben liess, das Schiff werde in einigen Tagen ausbezahlt, und dann „wolle er alle Segel aufklappen und unversehens an Bord seiner Alten sein.“

Meine Mutter war entzückt über den Inhalt des Schreibens, obgleich sie sich nicht wenig über die Titulatur „Alte“ ärgerte und die Beschimpfung bei einer passenden Gelegenheit zu ahnden beschloss. Sie erteilte daher eine freundliche Antwort, berichtete meinem Vater, mit welch’ einem hoffnungsvollen Kinde er gesegnet sei, und bedeutete ihm, er solle zu Greenwich mit ihr zusammentreffen; denn sie hatte sich vorgenommen, ihn nicht in Woolwich zu empfangen, damit ihre falschen Angaben nicht an den Tag kämen. Sie verabschiedete sich von allen ihren Freundinnen und teilte ihnen mit, ihr Gatte sei gesund und mit ansehnlichen Mitteln zurückgekehrt, habe ihr aber befohlen, nach Greenwich zu kommen. Nachdem sie sich, ihrer Ansicht nach so befriedigend, aus dieser kleinen Schwierigkeit geholfen hatte, packte sie auf und eilte nach dem genannten Orte, wo sie ihren angenommenen Rang fallen liess und sehr ungeduldig auf ihren Gatten wartete. Endlich langte er an: er sass mit vielen andern auf einem Landkutschen-Aussenplatz, den Hut mit Bändern geziert und in der einen Hand eine Pfeife, während er in der andern eine Zinnkanne schwang. Ich brauche kaum beizufügen, dass er mehr als halb betrunken war. Dennoch fand er eine gute Aufnahme; nachdem er sie mit Küssen fast erstickt hatte, nahm er mich auf seine Kniee, warf ihr alles noch übrige Geld in den Schoss und trank noch drei weitere Krüge Porter, worauf sie sich sehr friedlich und liebevoll zur Ruhe begaben.

Ich bedauere, sagen zu müssen, dass diese Freundschaft nicht von langer Dauer war. Die Manieren und die Sprache meines Vaters, welche vielleicht die Achtung vor Lady Herkules zur Zeit, als er meiner Mutter Bekanntschaft machte, gemildert hatte, waren jetzt weit roher, wie denn auch die nette Reinlichkeit, die er als Beischiffsführer eines verheirateten Kapitäns pflichtschuldig zeigen musste, durchaus an ihm vermisst wurde. Da er ausserdem jetzt nicht länger unter der Mannszucht stand, so war er fast jeden Abend betrunken — ein Zustand, in welchem er sich sehr störrisch zeigte und nicht auf die Mahnungen seiner Gattin achtete. Die Folge davon war, dass meine Mutter, nachdem sie von ihm fünfzig Pfund erhalten hatte, zuerst das Geld einschloss und dann „ihr Mundwerk gehen“ liess. Es gab nun stündlich Zank, und man konnte jetzt das „So — nun habe ich Dir die Galle aufgeregt“, und das „Heididil, Heididil“ vom Morgen bis in die Nacht hören.

Mein Vater pflegte in die Grogschenken zu gehen, um mit seinen Tischgenossen zu tanzen und zu zechen. Da ihn meine Mutter nicht nach so gemeinen Plätzen begleiten konnte, so ging er allein hin und kam nachts sehr spät oder gar nicht, jedenfalls aber sehr betrunken nach Haus. Auch pflegten die Weiber und guten Freundinnen der übrigen Matrosen ihr Hohnworte nachzurufen, wenn sie ausging, weil sie besser sein wolle, als andere.

Eines Tages, als sie Arm in Arm mit meinem Vater ausging, traf sie unglücklicherweise mit einer von ihren Woolwicher Bekannten zusammen. Dies war der herbste Schlag für sie, da sie sich vorgenommen hatte, nach Woolwich zurückzukehren — eine um so schlimmere Entdeckung, da sie jetzt von ihren alten Freundinnen gemieden, von ihresgleichen aber verunglimpft wurde. Ich kann das Benehmen meiner Mutter nicht verteidigen und muss gestehen, dass sie kein Mitleid verdiente, denn sie hatte diese leidige Stellung durch ihre eigene Thorheit und ihren Stolz herbeigeführt. Die Folge davon war übrigens, dass ihr Temperament noch mehr verbittert wurde, und weil sie an meinem Vater unaufhörlich zu tadeln hatte, so geriet er eines Abends, als er mehr wie gewöhnlich betrunken war, so in Zorn, dass die „Kammer-Jungfer einer gnädigen Frau“ eine tüchtige Ohrfeige erhielt, welche für sie die einzige Kerze auf dem Tische zu einer grossen Illumination machte. Dieser Schlag wurde nie vergessen oder vergeben, obschon mein Vater am andern Tage sehr reuig war und mit Besserungsversprechen um Verzeihung bat.

Um diese Zeit brach die französische Revolution aus und man sah einem Kriege mit Frankreich entgegen. Die Pressbanden wurden ausgeschickt; die Matrosen, welche davon wussten, hielten sich versteckt, bis sie die Stadt verlassen würden. Meine Mutter hatte jedoch ihren Entschluss gefasst; sie suchte einen Offizier auf, der einen Presshaufen kommandierte, gab ihm ihre Adresse, setzte meinem Vater Branntwein vor, bis er zur Betäubung betrunken war, liess die Bande ein, und noch vor Morgen befand sich mein Vater wohlbehalten an Bord des ‚Tender‘, der vor dem Tower lag. Mein Vater entdeckte diese Verräterei von ihrer Seite erst eine Weile nachher, was, wie ich später berichten werde, Anlass zu einer sehr erbaulichen Scene zwischen beiden gab. Am andern Tage erschien meine Mutter an Bord des ‚Tender‘, um meinen Vater zu besuchen, hielt ihr Nesseltaschentuch an die Augen, presste seine Hand zwischen dem eisernen Gitter und beklagte bitterlich ihr gemeinsames, hartes Los; als er sie aber bat, sie solle ihm in einer Blase ein wenig Branntwein zuschmuggeln, damit er sich einigen Trost verschaffen könne, warf sie ihren Kopf zurück und erklärte, „nichts könne sie veranlassen, etwas so Unschickliches zu thun.“ Mein Vater wandte sich darauf ab und beklagte den Tag, an dem er die Kammerjungfer einer gnädigen Frau geheiratet hatte.

Ein paar Tage nachher brachte ihm meine Mutter seine Kleider und zwei Pfund von seinem eigenen Gelde. Da ein Krieg in Aussicht stand, suchte sie ihn zu bereden, dass er sie bevollmächtige, sein Prisengeld einzuziehen; mein Vater war aber in dieser Beziehung klüger geworden und weigerte sich aufs entschiedenste. Er wandte ihr den Rücken zu und sie trennten sich.

Ich werde vorderhand meinen Vater seinem Glückssterne folgen lassen und mich mit dem meiner Mutter abgeben. Aus seiner Weigerung, die von ihr vorbereitet mitgebrachte Urkunde zu unterzeichnen, den Schluss ziehend, dass sie von meinem Vater in Zukunft nur wenig zu erwarten habe, und wahrscheinlich auch die Gefahr ins Auge fassend, welcher ein Seemann „durch Schlacht, Feuer und Schiffbruch“ ausgesetzt ist, nahm sie sich vor, ihre Hilfsmittel besser zu Rate zu halten und zu versuchen, ob sie nichts für sich selbst thun könne. Anfangs dachte sie daran, wieder in einen Dienst zu gehen und mich in Kost zu geben, aber sie entdeckte, dass meines Vaters Rückkehr nicht ohne Folgen geblieben und sie abermals im Begriffe war, Mutter zu werden. Sie mietete sich daher eine Wohnung in Fishers-Alley, einer kleinen, noch jetzt bestehenden Strasse in Greenwich, und gebar im Laufe der Zeit eine Tochter, welche sie Virginia nannte — nicht so sehr aus Achtung gegen ihre frühere Gebieterin, welche den gleichen Namen getragen hatte, sondern weil ihr diese Benennung besonders klangvoll und ladyartig vorkam.

Der arme Jack

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