Читать книгу Der Fluch des Bierzauberers - Günther Thömmes - Страница 10

2.

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Magdalena Bacherl war eine Soldatenfrau. Seit fast sechs Jahren, seit sie einander in der Nähe von Schweinfurt gefunden hatten, folgte sie ihrem Mann, dem Söldner Johannes, im Heerestross quer durch Deutschland. Sie wusch ihrem Mann die Wäsche, pflegte seine Wunden, gebar die gemeinsamen Kinder, die sie auch allesamt gleich wieder beerdigt hatte, und half beim Ausplündern der Toten nach der Schlacht sowie bei den Beutezügen, wenn sie eine Stadt erobert hatten. Gemeinsam mit anderen Soldatenfrauen reinigte sie die Scheißplätze der Soldaten; alles war besser, als allein irgendwo unterwegs zu verrecken.

Das Leben im Soldatenlager war grausam, hart und ohne eine enorme Robustheit und den unbeirrbaren Glauben, dass das ganze Leben nur eine Prüfung des einen, des ewigen Gottes sei, nicht zu ertragen. Magdalena hatte beides. Sie war, als Ehefrau eines erfahrenen Söldners, relativ gut beschützt, selbst in einem Tross voll ewig lüsterner Soldaten. An eine wie sie Hand anzulegen, hätte den sicheren Tod bedeutet. Zu wichtig waren allen Soldaten ihre mit dem Tross ziehenden Familien. Ihre jeweils eigene, kleine Welt. Das war alles, was sie hatten. Es war wenig genug, aber zumindest gehörte es ihnen!

Sie war einst ein hübsches junges Ding gewesen, mit grünen Augen, langen, hellbraunen Haaren und kleinen, festen Brüsten, mit Träumen dazu, wie sie jedes Mädchen hatte: einen guten Ehemann haben, einige Kinder kriegen und den Hof der Eltern bewirtschaften.

All dies war in Rauch aufgegangen, als eine Gruppe ausgemusterter, halb verkrüppelter, ehemaliger Landsknechte, hungrig wie ein Rudel Wölfe, den väterlichen Hof in der Nähe von Frankfurt überfallen hatte. Erst wurde alles leer gefressen, dann die Eltern gefoltert. Obwohl bei ihnen nichts zu holen war, wurden die Mutter sowie der Vater grausam getötet und der Hof in Brand gesteckt. Nie würde sie die Schreie vergessen, den Rauch, den Gestank, auch wenn ihr alles mittlerweile wie die Erinnerung einer anderen Person aus einem früheren Leben vorkam. Sie und ihre Geschwister hatten sich danach in alle Winde zerstreut, sie rechnete auch nicht damit, jemals einen Bruder oder eine Schwester wiederzusehen. Sie hatte sich dann, wie viele Heimatlose und Entwurzelte, einem der vorbeiziehenden Heere angeschlossen. Zuerst hatte sie Handlangerdienste, Räum- und Wascharbeiten verrichtet und versucht, sich ihrer Haut zu erwehren, so gut es ging. Bis sie Johannes aufgefallen war. Der war ein fescher, tapferer Söldner, er hatte sie zu sich genommen und bald geheiratet. Vier Kinder hatte sie ihm bereits geboren. Zwei Mädchen, zwei Jungen. Keines hatte das erste halbe Jahr überlebt. Zu anstrengend war das Leben im Heerestross, zu unsauber und voller Krankheiten für Neugeborene. Über fünf Jahre lang waren sie, vom Frühjahr bis zum Herbst, nun bereits von Schlacht zu Schlacht gezogen und nur mit viel Glück am Leben geblieben. Jetzt lagerten sie seit über zwei Monaten vor Magdeburg und hofften, dass die reiche Stadt bald gestürmt werden würde. Und das alles nur, weil die Magdeburger sich, rätselhafterweise, geweigert hatten, den geforderten Tribut von lächerlichen einhundertfünfzigtausend Talern zu zahlen.

Vergebens hatten die Menschen auf der anderen Seite, innerhalb des Belagerungsrings, bislang auf das Eintreffen des schwedischen Heeres gehofft. Den etwa fünfunddreißigtausend Menschen, die sich hinter den Stadtmauern versammelt hatten, wurden die Vorräte knapp. Jetzt war es langsam vorbei, die Stadt würde sich entweder ergeben müssen oder eine letzte Schlacht um ihr Überleben ausfechten. Ein Sieg über Magdeburg, das würde der Höhepunkt im Soldatenleben eines jeden Mannes sein, der hier in General Tillys Heer stand. Der andere Anführer des Heeres, der Reitergeneral Pappenheim, der als der eigentliche Antreiber des Angriffs galt, hatte die Magdeburger Bürger schon vorab einmal für vogelfrei erklärt. Da galt es, reichlich Beute zu machen. Vielleicht so viel sogar, dass man aufhören konnte mit dem Sengen, Morden und Plündern. So oder ähnlich hörten sich auf jeden Fall die großspurigen Reden an, die Abend für Abend im katholischen Lager geführt wurden.

Früh am Morgen des 20. Mai loderte die aufgehende Sonne bereits über der dem Untergang geweihten Stadt. Der Regen hatte aufgehört. Das Blau des Horizonts wurde nur hier und da von kleinen, weißen Flaumwölkchen getrübt. Die Heeresführung trommelte alle Soldaten für das Gebet zusammen. Feldherr Johann t’Serclaes Graf von Tilly war bereits Anfang Siebzig – doppelt so alt wie sein Pendant Pappenheim –, von mittlerer Statur und sturem, fanatischem Charakter. Unter seinen buschigen, grauen Augenbrauen erblickte man, trotz des Alters, feurige Augen, die seine scharfen Gesichtszüge unterstrichen. Seine hagere Erscheinung zeugte von Bescheidenheit und Disziplin – nicht umsonst trug er den Spitznamen ›Der Mönch‹ –, und er erwartete die gleichen Eigenschaften von seiner Truppe. Im Normalfall …

Der Herzog aus Brabant und Gottfried Heinrich zu Pappenheim hatten beide ihre prächtigsten Kriegsgewänder angelegt.

Tilly trug einen schwarzen, ledernen Kürass mit einer dicken, mehrfach gefalteten, leinenen Halskrause, darüber einen silbern schimmernden Harnisch. Sein Victor-Emanuel-Bart, nach Musketier-Art, war gezwirbelt und gewichst worden wie nie zuvor. Seine polierten Stiefel glänzten. Sogar sein Pferd war geschmückt, denn schließlich war Tilly ja, seiner eigenen Einschätzung zufolge, auf dem Weg zu einer Hochzeitsfeier.

Pappenheim trug eine silberne Rüstung und einen Lederkoller, darüber jedoch nur einen kleineren, den spanischen Kragen, der Golilla genannt wurde. Auch er hatte einen Musketier-Bart, allerdings nicht gezwirbelt, sondern auf Oberlippe und Kinn mächtig aufgekämmt, sodass sein Gesicht voller und männlicher wirkte.

Siegessicher sahen sie beide aus, als sie die Hände ergriffen, zum Himmel hoben und zum Allmächtigen Gott und der Jungfrau Maria flehten, für Kaiser, Papst und Vaterland! Und während die Generäle mit ihren Offizieren, aber auch mit den Soldatenfrauen wie Magdalena, inbrünstig darum beteten, ihrem Gott, dem Gott der Katholiken, die Jungfrau Magdeburg zu Füßen legen zu können, glänzten die Augen der gemeinen Soldaten aufgrund der bevorstehenden Beute. Es waren ungarische, kroatische, polnische, italienische, spanische, französische und deutsche Söldner. Der Krieg war längst kein deutscher Krieg mehr, sondern ein europäischer.

Die reiche Hansestadt bestand aus drei Teilen, die jeweils durch tiefe, künstlich angelegte Wasserkanäle sowie eigene Stadtmauern voneinander getrennt waren: Die Südenburg, die Altstadt und die nördlich gelegene Neustadt. Die Neustadt war im Krieg unmöglich zu halten und daher schon längst geräumt; leer und teils abgebrannt, gab es dort nichts, was noch von Wert für Tilly gewesen wäre. Die Südenburg war klein und von wenig Interesse. So konzentrierte sich alles auf die drei nördlicher gelegenen Stadttore der großen, wohlhabenden Altstadt. Zwei weitere südlichere Tore, das Südenburger-Tor, direkt beim Dom gelegen, sowie das Ulrichstor wurden noch sicher gehalten; also waren die Lukasklause, das Krockentor sowie die Hohe Pforte im Norden als Angriffsziele ausgemacht worden.

Elbseitig gab es nur ein Tor. Die beiden Schanzen auf der anderen Uferseite, die Krockow’sche und die Zollschanze, waren bereits seit längerem unter der Kontrolle der katholischen Armee, und die schmalen Brücken, an denen sich hinter den Schanzen das Holzmarschtor, die Zugbrücke und das eigentliche Elbestadttor befanden, waren teilweise zerstört worden. Bewacht wurden sie nur, damit niemand auf diesem Weg aus der Stadt fliehen konnte.

Johannes hatte beschlossen, dass sie beide durch das Krockentor in die Stadt einfallen wollten, welches Tilly, zusammen mit der Hohen Pforte, seiner Truppe zugeteilt hatte. Pappenheims Soldaten hingegen würden hauptsächlich durch die Lukasklause hineinstürmen. »Beim Krockentor, da sind gleich zwei Kirchen, St. Augustin und St. Jakob, und jede Menge reiche Bürgerhäuser mit fetten Pfeffersäcken gleich drum herum«, frohlockte er vorab.

Die Stadttore waren bald gestürmt und die reiche Hansestadt lag vor ihnen wie auf dem Silbertablett. Als Magdalena dann mit den johlenden Soldaten, etwa sechsundzwanzigtausend an der Zahl, in die gefallene Schönheit eindrang, spürte sie gleich, dass heute irgendetwas anders war. Des Öfteren hatten sich die Truppen bereits über Ortschaften und Städte hergemacht, die es gewagt hatten, dem Kaiser und der Katholischen Liga zu trotzen. Aber noch nie war die Stimmung so aufgeladen gewesen wie heute. Gewalt, Zorn, Übermut, Siegestaumel und Lüsternheit lagen in der Luft, dies allerdings vielfach verstärkt durch Unmengen an Wein und Bier, die Tilly seinen Truppen für die Siegesfeier bereitgestellt hatte. Magdalena hatte ein äußerst ungutes Gefühl, eine dumpfe Vorahnung, dass heute noch mehr Gräueltaten passieren würden als sonst. Sie wollte nur schnell hinein in die Stadt, zusammenraffen, was halbwegs von Wert erschien, und wieder hinaus. Natürlich wusste sie, dass es immer Landsknechte gab, die Frauen schändeten und Bürger quälten, um deren Geldverstecke zu erfahren. Aber meist in einem Rahmen, bei dem die Feldherren beide Augen zudrückten. Heute, das spürte sie bereits am frühen Morgen, würde alles anders ablaufen.

So ließ sie sich gleich zu Beginn nach hinten fallen, während ihr Mann Johannes an vorderster Front losstürmte. Er, der mittlerweile einer der dienstältesten der gemeinen Soldaten war, hatte so viel erlebt, dass ihn andere Männer seines Zuges bereits für ›gefroren‹, also für unverwundbar, hielten. Tatsächlich trug Johannes in seinen Taschen diverse Utensilien, die ihm als Talisman dienten und ihm diese Unversehrtheit garantieren sollten. Ein Stück Bocksbart, ein Wolfsauge und eine Gemskugel sollten dazu auf jeden Fall ausreichen.

Magdalena wartete am Stadttor, dessen in die Stadtmauer integrierter Geschützturm wie auch das vorgesetzte Hornwerk gleich zu Beginn des Sturms aufgegeben worden waren, um in dem entstandenen Gedränge weiterzukommen. Sie vernahm bereits die ersten Schreckensschreie der einsetzenden fürchterlichen Gemetzel und sah, wie die ersten blutigen Leiber über die Stadtmauer hinunter in den Kanal stürzten. Als sie nach dreißig endlos scheinenden Minuten innerhalb der Stadtmauern angekommen war, glaubte sie sich in der Hölle wieder. Blut floss in Bächen die Straßen hinunter und färbte das Pflaster tiefrot.

Anfangs trafen die Eroberer noch auf erbitterten Widerstand der Bürger Magdeburgs. Siedendes Wasser ergoss sich aus den Fenstern in die engen Gassen, auf die Köpfe der vor Schmerz aufschreienden Söldner. Aus dem Hinterhalt der Kellerfenster jagten Pistolenkugeln in die Beine und Bäuche der Eindringlinge. Der Widerstand war jedoch bald im Keim erstickt. Magdalena, die bislang geglaubt hatte, alle entsetzlichen Fantasien der Soldaten seit Jahren zur Genüge zu kennen, wurde bereits in den ersten Stunden eines grausamen Besseren belehrt. Vor einem Brauhaus, nur einige Häuser vom Krockentor entfernt, standen zwei große Fässer mit Bier, die oben eingeschlagen worden waren. Aus einem hatten zwei Landsknechte sich die Krüge gefüllt und tranken, als gäbe es kein Morgen mehr. In dem zweiten steckte kopfüber eine Frau, die gerade von einem Soldaten geschändet wurde. Sie strampelte vergeblich mit den Beinen, die Hände zuckten im Todeskampf, während der Soldat, der seinen Rock hochgebunden hatte, damit er mit einer Hand den Haarschopf des Mädchens ergreifen und ihren Kopf im Bier untertauchen konnte, immer wieder mit den Lenden zustieß, bis er erleichtert aufgrunzte und von seinem Opfer abließ. Die beiden anderen Soldaten standen lachend daneben, und machten sich sogleich nacheinander über die bereits Tote her. Voller Abscheu passierte Magdalena die albtraumhafte Szene, indes, es wurde nicht besser. Überall Entsetzen, Mord, Vergewaltigung und Totschlag. Tillys Soldaten nutzten den Freibrief zur Plünderung, den ihnen ihr General zugesagt hatte, weidlich aus.

Während der metallische Geruch von frisch vergossenem Blut durch die Luft waberte, wurden die Bürger aus ihren Häusern getrieben, auf Böcke gebunden und so lange mit Messern und mit brennenden Pechfackeln gefoltert, bis sie auch ihre letzten Geldverstecke preisgaben. Alle Frauen, egal ob blutjung oder steinalt, derer die Soldaten habhaft werden konnten, wurden vergewaltigt und geschändet, viele bis zum Tod. Und sogar vor den Toten kannte der Furor vieler Soldaten keine Gnade.

Die Soldaten machten auch vor kleinen Kindern und Säuglingen nicht halt. Sie hielten sie in den Armen und ermordeten sie auf grausamste Art und Weise, durchtrennten ihre Körper mit ihren Schwertern oder schlugen einfach ihre Köpfe gegen Hauswände oder Treppenstufen bis sie tot waren.

Mittlerweile war an verschiedenen Stellen Feuer ausgebrochen, was die Dramatik der höllischen Kulisse noch steigerte. Aus dem Pulverhof war das Explodieren der dort gelagerten Munition zu hören. Leichen trieben die Kanäle hinunter in die Elbe und stauten sich am Pfeiler der Holzmarschbrücke und der Zugbrücke. Der große Fluss begann sich rot zu färben.

Magdalena hatte in einem bereits leeren und geplünderten Haus eine schöne, massive, silberne Gürtelschnalle gefunden, die von den ersten einfallenden Plünderern entweder übersehen oder verloren worden war und sie sofort in ihrem Leintuch verstaut. Mittlerweile hatte sie sich bis zur Kirche St. Ulrich im Zentrum der Altstadt vorgearbeitet. Eine prallvolle Geldkatze war dort hinzugekommen, die Johannes ihr zugeworfen hatte. Er zog gerade sein Schwert aus dem blutigen Bauch eines wohlbeleibten, gut gekleideten, aber nun mausetoten Bürgers. »Der braucht sein Geld nimmer!«, schrie er dabei lauthals. Trotz des Infernos um ihn herum wirkte er geradezu fröhlich. Die Frauen von Tillys Soldaten waren mit farbigen Tüchern gekennzeichnet, damit sie nicht aus Versehen geschändet oder gemordet wurden. Viele von ihnen arbeiteten Hand in Hand mit ihren Männern wie eine eingespielte Bande.

So auch Johannes und Magdalena. Wenn er mit seiner Frau beim Plündern war, gab es nur selten Missverständnisse, eher eine traumwandlerische Zusammenarbeit. Aber heute war offensichtlich, dass Johannes mehr wollte. Seine Augen hatten einen blutrünstigen Ausdruck, den Magdalena so noch niemals bei ihm gesehen hatte. Sie hatte genug und wollte nur raus aus der Stadt. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie sich erst wieder im Lager träfen. So winkte sie ihm zu, drehte sich um und machte sich auf den Weg Richtung Stadttor. Daher sah sie nicht, wie Johannes nur eine Minute später den Nimbus der ›Gefrorenheit‹ verlor. Eine verirrte Musketenkugel riss ihm das halbe Gesicht weg und kurz darauf wurde er selbst zum Opfer von Leichenfledderern aus dem eigenen Lager.

Auf ihrem Weg hinaus aus dieser Apokalypse ging sie erneut durch das Krockentor. Dabei passierte sie wieder das Brauhaus. Die zwei Fässer standen immer noch davor. Aber nun staken aus beiden die nackten Beine zweier bedauernswerter Magdeburger Mädchen wie Mahnmale heraus. Lediglich ein in Bier ertränktes Opfer hatte den Soldaten nicht genügt. Magdalena hatte Mitleid mit den beiden, ging zu ihnen hin und zog die außen an den Fässern herunterhängenden Röcke zumindest so weit hinauf, um wenigstens die Blöße zwischen den Beinen zu bedecken. »Hoffentlich wird mir einst ein gnädigerer Tod zuteil«, murmelte sie dabei und schickte gleich noch ein Stoßgebet zum Himmel.

Das Tor zum Brauhaus stand halb offen, so ging sie hinein. Tillys Mannen waren bereits, gleich zu Beginn, hier gewesen und hatten alles Inventar zerschlagen, soweit es nicht von Wert war. Das Feuer näherte sich unaufhaltsam, es war nur noch zwei Häuser entfernt. Eigentlich sollte sie sich schnell davonmachen, als sie ein Geräusch vernahm.

Neugierig ging sie in die nächste Kammer, die sich zu einem saalartigen Raum ausweitete, offensichtlich das Brauhaus. Da erblickte sie einen Mann – ein baumlanger Kerl, der einen Jungen und ein kleines Kind bei sich hatte. Rauch waberte bereits durch die offenen Fenster. Der Junge hustete.

Wie konnten die Plünderer diese drei Menschen übersehen haben?, fragte sie sich.

Der große, kräftige Mann hantierte an einer Holzplatte, die in die Wand eingelassen war. Als er im Nebel eine Gestalt wahrnahm, drehte er sich um und kam drohend auf sie zu. Sie bekam es mit der Angst zu tun. Doch Knoll erkannte, dass dort eine Frau stand, ließ ab und schaute sie mit seinen großen, braunen Augen vertrauensvoll an. Dann legte er seinen Zeigefinger auf die Lippen und bedeutete ihr somit, zu schweigen.

Der Junge, die Augen voller Furcht, winkte ihr trotzdem zu und rief leise: »Komm mit uns. Wir bringen dich in Sicherheit.« Er deutete auf einen Korb zu seinen Füßen, in dem sich Brot und andere Lebensmittel befanden. Heftig riss der Mann die Schulter des Jungen herum und sah ihn schweigend und voller Wut an. Der Junge schwieg sofort. Hinter der Holzplatte öffnete sich ein schmaler Gang, ein paar Stufen konnte sie sehen, bevor alles im Dunkeln verschwand.

Magdalena zögerte. Was ging da vor? Sie trat näher, sodass sie den Mann genau sehen konnte. Normalerweise wäre sie jetzt hinausgegangen und hätte sich auf der Straße Hilfe gesucht, um zu plündern.

Dann sah sie, wie der Mann den kleinen Jungen liebevoll auf seinen Arm nahm und den anderen, älteren Jungen mit dem Korb in der einen, einer brennenden Kerze in der anderen Hand, als Ersten in den Stollen schickte. Sie dachte an ihre eigenen verstorbenen Kinder, die sie niemals so im Arm halten konnte. In diesem Moment beschloss sie, dieser Familie die Flucht zu ermöglichen. Sie wiederholte die Geste des Schweigens und rieb mit der anderen Hand Daumen und Zeigefinger aneinander.

Der Mann nickte und warf ihr eine silberne Brosche zu, die er aus seinem Beutel genommen hatte. Anschließend griff er eine brennende Fackel aus der Wandhalterung und verschwand die Stiegen hinunter in den Schacht.

Der kleine Junge, der in eine Decke eingewickelt war, wimmerte vor Angst.

Magdalena verließ das Brauhaus, durchquerte das Stadttor und erreichte bald darauf das Lager, in dem bereits ein schwunghafter Handel mit den erbeuteten Preziosen in Gang war.

Der Fluch des Bierzauberers

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