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ОглавлениеChristian Budnik
Vertrauen als politische Kategorie in Zeiten von Corona
Vertrauen ist ein Phänomen, das uns vor allem in Nahbeziehungen wie Freundschaften, Liebes- oder Familienbeziehungen begegnet, es spielt aber auch in sozialen und politischen Zusammenhängen eine wichtige Rolle. Vertrauen kommt immer dann zum Tragen, wenn Personen sich in einer Situation der Unsicherheit befinden. Bei Gewissheit ist es fehl am Platz. So wäre es etwa verfehlt, davon zu reden, dass man darauf vertraut, nicht bestohlen zu werden, nur weil der potenzielle Dieb im Koma liegt. Sich bezüglich des Verhaltens von Personen nicht vollkommen sicher zu sein, ist demnach eine Voraussetzung dafür, dass man ihnen vertraut. Vertrauen wiederum schafft eine spezielle Art von Sicherheit und ermöglicht uns auf diese Weise, in im weitesten Sinne kooperative Verhältnisse zu treten, bei denen es keine Garantien gibt und manchmal auch nicht geben kann.
Vertrauen durchdringt unseren Alltag auf zahlreichen Ebenen und lässt viele unserer Handlungen vernünftig erscheinen, für die wir ansonsten keine oder zumindest keine hinreichenden Gründe angeben könnten. Warum entspannen wir uns etwa auf einem Sitzplatz in der Straßenbahn? Es könnten ja Mörder auf den Bänken hinter uns lauern. Sind wir uns wirklich sicher, dass im Freibad, im Supermarkt, im Flugzeug, im Park, beim Friseur keine Gefahren lauern? Wir haben dies in der Regel nicht genau überprüft, haben keine Charaktertests durchgeführt, keine eigenen Überwachungskameras installiert. Und dennoch benutzen wir weiterhin öffentliche Verkehrsmittel, gehen im Park spazieren und lassen uns im Friseursalon mit scharfen Gegenständen am Kopf herumhantieren. Ist das nicht eine an Irrsinn grenzende Waghalsigkeit, da es immerhin um die wichtigsten Güter wie unser Leben und unsere Gesundheit geht? So kann nur denken, wem Vertrauen fremd ist. Vertrauensvoll zu handeln bedeutet gerade, dass wir uns – zumindest dann, wenn unser Vertrauen seinerseits nicht unvernünftig ist – auf angemessene Weise darauf verlassen, dass Personen sich auf eine bestimmte Weise verhalten werden, obwohl wir uns dabei keinesfalls sicher sein können.
Die Corona-Krise ist primär eine medizinische Krise, aber sie ermöglicht gleichzeitig die Einnahme einer Perspektive, von der aus die hier skizzierte Vertrauensdynamik auf besonders deutliche Weise in den Blick rückt. Viele der Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaften seit dem Ausbruch der Pandemie konfrontiert sind, lassen sich als Vertrauensprobleme verstehen. Die politischen Gefahren, die mit der Pandemie verbunden sind, machen deutlich, auf welche Weise das Funktionieren demokratischer Systeme von Vertrauen abhängt. Die Lösungen schließlich, die im Umgang mit der Corona-Krise gefunden werden müssen, werden auch mit dem Problem fertigwerden müssen, wie unsere Gesellschaften nach den seismischen Erschütterungen, die uns zu Beginn der Pandemie erfasst haben, wieder zu einem vertrauensvollen Miteinander finden sollen. Umso wichtiger erscheint vor diesem Hintergrund die philosophische Reflexion auf den Begriff des Vertrauens. Im Folgenden werde ich zunächst drei Merkmale der Krise rekonstruieren, die verstehen helfen sollen, inwiefern in ihr auch Vertrauen auf dem Spiel steht. In einem zweiten Schritt werde ich aufzeigen, um welches Vertrauen es im Rahmen der Corona-Krise genauer geht und warum in Zeiten von Corona Misstrauen so weit verbreitet ist. In einem abschließenden dritten Teil werde ich andeuten, wie uns ein angemessenes Nachdenken über Vertrauen aus der Krise helfen könnte. Dabei werde ich die möglicherweise überraschende These vertreten, dass wir mit Vertrauen als politischer Kategorie gerade in der momentanen Situation ganz besonders behutsam umgehen sollten.