Читать книгу Alstermorde: 9 Hamburg Krimis - Hans-Jürgen Raben - Страница 8
ОглавлениеProlog
Tal der Könige, Ägypten, Februar 1923
Trotz der winterlichen Jahreszeit war die Hitze in diesem Talkessel drückend und schweißtreibend, obwohl die Sonne noch lange nicht ihren Höchststand erreicht hatte.
Johannes Diefenbach schob seinen Tropenhelm in den Nacken und wischte sich mit einem schmutzigen Halstuch über die Stirn. Der herabrinnende Schweiß hatte richtige Furchen in sein staubverkrustetes Gesicht gezogen. In dieser Weltgegend beherrschte der Staub alles. Er drang durch jede Ritze, knirschte zwischen den Zähnen und legte sich wie ein sandfarbenes Tuch über die Kleidung. Der Hobby-Archäologe aus Hamburg hatte sich daran gewöhnt. Dem Staub und dem Sand konnte man hier in der ägyptischen Wüste nicht entkommen.
Er war den Hang so hoch hinaufgestiegen, wie er es für sinnvoll hielt. Es war jedoch kaum anzunehmen, dass es hier oben eine Grabanlage gab. Mit seiner Spitzhacke hatte er in den letzten Wochen fast den ganzen Hang abgesucht, war jedoch immer nur auf Geröll und den darunterliegenden nackten Fels gestoßen. Seine Grabungsmannschaft hatte er bis auf ein paar Männer entlassen müssen. Das Geld, das er zur Verfügung hatte, ging allmählich zu Ende.
Es war in seiner Heimatstadt Hamburg ein harter Kampf mit seinem Vater gewesen, ehe die Familie ihm einen Betrag zur Verfügung gestellt hatte, der für eine Grabungssaison ausreichte. Er musste sich langsam mit der Realität abfinden. Die Grabungslizenz lief ebenfalls Ende des Monats ab. Für eine Verlängerung würde es nicht reichen, auch wenn er sich so weit einschränkte, wie es gerade noch ging. Seine privaten Ersparnisse waren nicht der Rede wert, und die Familie würde nicht noch mehr von ihrem Geld herausrücken.
Er blickte hinüber zu der gewundenen Straße, die zu einer anderen Ausgrabung führte. Wieder ratterte dort ein Lastwagen entlang und wirbelte Staub auf.
Dieser verfluchte Carter! Er hatte erst im letzten Herbst ein Pharaonengrab entdeckt. Dort, wo es niemand vermutet hatte! Sein Gönner – Lord Carnarvon – hatte ihm jahrelang genügend Geld zur Verfügung gestellt. Inzwischen war das Grab des völlig unbekannten Pharaos Tutanchamun offiziell geöffnet worden, und die Welt hatte ihre Sensation. Denn dieses Grab war im Gegensatz zu allen anderen bekannten Pharaonengräbern nicht ausgeplündert. Die Schlagzeilen der Weltpresse überschlugen sich förmlich.
Johannes Diefenbach konnte sehen, wie die Lastwagen die unermesslichen Schätze Tag für Tag abtransportierten und an den Nil schafften. Dort wurden sie per Schiff nach Kairo gebracht.
Jetzt sonnte sich Carter in seinem Ruhm, und er würde sicher Bücher über seine Entdeckung schreiben.
Und er? Johannes Diefenbach? Was hatte er zustande gebracht?
Nichts!
Es war an der Zeit, sich der Wahrheit zu stellen. Sein Vater hatte wohl recht mit seiner Meinung: Er war ein Versager!
Johannes Diefenbach seufzte tief auf und machte sich an den Abstieg über den sanft abfallenden steinigen Hang. Staubfahnen wirbelten an den Stellen hoch, an denen er auftrat. Der Boden war knochentrocken. Hier regnete es so gut wie nie.
Plötzlich stolperte er, ließ die Spitzhacke fallen und ruderte mit den Armen, um sein Gleichgewicht wiederzufinden und nicht zu stürzen. Er blickte nach unten auf seine verdreckten Schuhe.
Der rechte stand auf einer Steinkante, die aussah, als wäre sie bearbeitet worden. Der linke Fuß hatte daneben das lose Geröll zur Seite geschoben und war eingesunken, sodass er dort tiefer stand. Er beugte sich hinunter und fuhr mit den Fingern über die Kante.
Ein seltsames Gefühl stieg in ihm auf. Ja, das war nicht natürlichen Ursprungs! Dieser Stein war tatsächlich von Menschenhand geformt worden. Vielleicht der Beginn einer Treppe? Sein Herz schlug plötzlich schneller.
Mit bloßen Händen zog er die Geröllstücke aus dem Boden und warf sie zur Seite, sodass sie den Hang hinunterrollten. Sein Vorarbeiter, der weiter unten beschäftigt war, wurde aufmerksam und eilte den Abhang empor.
Diefenbach hatte ein Stück des bearbeiteten Steins freigelegt. Ja, das musste der Rand einer Treppe sein!
Er hatte ein Grab entdeckt!
Er wollte jubeln, seine Freude hinausschreien, und wie ein Besessener wühlte er im Boden, bis er tatsächlich etwas entdeckte, was eine erste Stufe sein konnte.
Carter, dachte er, dir werde ich es zeigen.
Sein Vorarbeiter hatte ihn erreicht und starrte auf die Höhlung, die Diefenbach inzwischen geschaffen hatte. Dort sah man den Beginn einer Stufe. Ein Grinsen zog über sein dunkles Gesicht, und die beiden Männer fielen sich in die Arme.
Sie arbeiteten die halbe Nacht, im Schein einer einzigen Petroleumlampe oder teilweise nur im Mondlicht, bis sie nicht mehr konnten und sie sich in ihre Zelte begaben, um ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, bis sie am nächsten Morgen weitergraben konnten. Auch die wenigen verbliebenen Arbeiter waren von der Aussicht auf einen großartigen Fund fasziniert und packten tatkräftig an.
Am späten Vormittag hatten sie den größten Teil einer stark beschädigten Treppe freigelegt. Die Kante, über die Diefenbach gestolpert war, gehörte tatsächlich zur Seitenwand einer Treppe. Eine halb eingestürzte Lehmziegelwand versperrte den Weg in einen düsteren Gang, der nur zur halben Höhe mit Steinen gefüllt war. Es war nicht mehr festzustellen, ob der obere Teil der Mauer auf natürlichem Weg eingestürzt oder gewaltsam aufgebrochen worden war.
Diefenbach prüfte jeden einzelnen Ziegel, doch nirgendwo war ein Siegel der Totenstadt zu entdecken, das ihm bewiesen hätte, dass er vor einer Grabkammer stand. Er verdrängte den leichten Anflug von Enttäuschung. Sie mussten einfach weitergraben.
Der Gang führte schräg nach unten, und Diefenbach ahnte, dass er mit seinen wenigen Leuten noch viel Arbeit vor sich hatte, bis sie weiter vorstoßen konnten.
Es dauerte den ganzen Tag, einige Nachtstunden und den nächsten Vormittag, bis Diefenbach mit einer Lampe in der Hand und gefolgt von seinem Vorarbeiter mit dem klassischen Namen Ibrahim vorsichtig den Gang erkunden konnte. Hier lagen deutlich weniger Steine. Die Mauer am Eingang hatte offensichtlich einiges abgehalten, bis sie unter der Last des Gerölls teilweise eingebrochen war.
Nach einigen Minuten waren sie nach Diefenbachs Schätzung in einer Tiefe von vier oder fünf Metern unter der Erdoberfläche in einer Kammer angelangt. Die Wände waren grob behauen. Weder Verputz noch Farbaufträge waren zu sehen. Diefenbach wusste instinktiv, dass die Arbeiten an dieser Grabkammer aus irgendeinem Grund abgebrochen worden waren, und seine Enttäuschung wurde stärker.
Die Kammer war nicht groß, keinesfalls für das Grab eines Pharaos geeignet, sondern höchstens für einen Beamten des Hofes oder eine der Nebenfrauen des Herrschers. Auch Ibrahim schien enttäuscht und ging zwei Schritte vorwärts, bis er vor einem Steinhaufen stand, der den weiteren Weg versperrte.
„Vielleicht ein Erdbeben“, sagte er in seinem gutturalen Englisch.
Diefenbach deutete nach oben. „Die Decke ist eingebrochen. Dort sieht der Fels nicht sehr stabil aus. Da kann noch mehr runterkommen.“
„Ich glaube nicht“, entgegnete sein Vorarbeiter. „Seit ein paar tausend Jahren ist nichts mehr passiert. Es wird jetzt auch halten.“
„Dann sollten wir nachschauen, was sich hinter dem Geröllhaufen befindet.“
Sie mussten den ganzen Tag hart arbeiten, bis sie zwei Dinge gleichzeitig entdeckten.
Der Geröllhaufen verdeckte keinen weiteren Gang, sondern endete an einer massiven Felswand, an der teilweise Bearbeitungsspuren zu sehen waren. Der Fels wirkte spröde und instabil.
„Sie haben die Arbeit abgebrochen, weil es ihnen zu unsicher war“, stellte Diefenbach fest, wobei ihm vor Enttäuschung Tränen in die Augen stiegen. Der Traum vom erfolgreichen Ausgräber war endgültig ausgeträumt. Hier hatte es nie ein Grab gegeben.
Sein Blick fiel auf den Boden, und dort entdeckte er die zweite Überraschung des Tages. Zwischen den verstreut liegenden Steinen lagen die verfärbten Überreste eines menschlichen Skeletts.
Ibrahim zog die Lampe näher heran, und vorsichtig entfernten sie die einzelnen Steine, bis die knöchernen Reste eines vor langer Zeit gestorbenen Menschen vor ihnen lagen. Der Schädel war eingedrückt, der Brustkorb mit den Rippen in viele Teile zerbrochen. Die Knochen waren stark gedunkelt und teilweise fast pulverisiert. Fetzen der ursprünglichen Kleidung waren noch erhalten.
Die Trockenheit der ägyptischen Wüste vermochte es, viele Dinge für eine sehr lange Zeit zu konservieren.
„Was mag da geschehen sein?“, fragte Diefenbach leise.
Ibrahim antwortete nicht. Er hatte offenbar etwas entdeckt und schob mit seinen Händen einige Knochen beiseite.
Unter dem Skelett lag eine Art Dolch. Vorsichtig nahm der Ägypter den Gegenstand hoch und reichte ihn seinem Arbeitgeber.
Diefenbach wischte den Staub ab. Die Waffe war nach seiner Schätzung etwa fünfundzwanzig Zentimeter lang. Der Griff war mit Goldfäden umwickelt, die Klinge schwarz und an den Seitenrändern schartig. Am oberen Ende war sie ziemlich breit und lief keilförmig in einer Spitze aus.
„Das ist Eisen“, sagte Ibrahim.
„Eisen?“, fragte Diefenbach verwundert. „Die Ägypter verwendeten Bronze. Als die Grabkammern hier im Tal der Könige entstanden, kannten sie Eisen überhaupt noch nicht.“
Ibrahim senkte den Blick. „Diese Waffe ist verflucht. Ich habe schon einmal einen Dolch dieser Art gesehen. Der Besitzer starb kurz darauf, nachdem er ihn in sein Heimatland mitgenommen hatte. Sie sollten ihn nicht behalten, Herr.“
Diefenbach drehte den Dolch in seinen Händen hin und her. „Das ist also keine ägyptische Waffe. Wer weiß, aus welcher Zeit sie stammt, und wer der Kerl war, dem sie gehört hat. Vielleicht war es ein Grabräuber, der ebenso wie wir dachte, eine Grabkammer gefunden zu haben. Doch stattdessen wurde er von einem Einsturz überrascht und begraben. Der Eingang wurde dann bestimmt rasch verschüttet und niemand hat sich für die Grabkammer interessiert, da sie leer war. Immerhin sind wir die ersten, die sie nach langer Zeit betreten haben.“
„Wir sollten gehen“, sagte Ibrahim leise. „Dieser Ort gefällt mir nicht.“
Diefenbach hielt die Klinge des Dolches dicht vor die Augen. „Ich brauche mehr Licht!“
Ibrahim hielt die Lampe hoch, und Diefenbach erkannte ganz schwache Zeichen, die vom Griffansatz bis zur Spitze hinunterliefen.
„Das sind keine ägyptischen Hieroglyphen“, stellte er verärgert fest. „Sieht aus wie eine Keilschrift, aber keine, die ich kenne. Noch nicht mal diesen Dolch kann ich zu Hause als Ausgrabungserfolg vorzeigen. Jeder wird sehen, dass er keinesfalls aus Ägypten stammt.“
„Das ist der Fluch!“ Ibrahim ließ nicht locker. „Darauf ist die Schrift des Teufels!“
„Was für ein Fluch und was für eine Schrift?“
„Man sagt, dass solche Inschriften den Tod über den Finder oder dessen Familie bringen, wenn er die Waffe behält. Es ist der Fluch eines alten Gottes, und keiner kann ihm entgehen.“
„Das sind Ammenmärchen, mit denen die Kinder erschreckt werden“; erwiderte Diefenbach. „Heutzutage glaubt kein vernünftiger Mensch an solche Geschichten.“
„Wie Ihr meint, doch denkt an meine Worte.“
Diefenbach sah seinen Vorarbeiter an. „Eigentlich wollte ich das Ding hier lassen, weil es nun mal nicht in meine kleine ägyptische Sammlung passt.“
Er lachte kurz auf. „Doch immerhin hätte ich eine Geschichte für meine Besucher, die vielleicht interessanter ist als meine Berichte über erfolglose Ausgrabungen und über das Geld, das ich verschwendet habe.“
„Wollt Ihr jetzt aufgeben, Herr?“
„Mein ägyptisches Abenteuer ist zu Ende“, sagte Diefenbach ruhig. „Es hat viel zu viel Geld gekostet und nichts gebracht. Meine Familie in Hamburg wird mich auslachen, weil ich tatsächlich der Versager bin, für den sie mich immer gehalten hat. Ich nehme das Ding als Andenken mit, und damit meine Freunde sich darüber gruseln können. An mein Leben als Ausgräber wird sich sowieso niemand erinnern, und auch dieser Dolch wird darin keine Rolle mehr spielen.“
Johannes Diefenbach hatte zeit seines Lebens nicht die geringste Ahnung, wie sehr er sich irrte und dass der Fluch des Dolches sich eines Tages in seiner Familie erfüllen würde – wenn auch nicht in seiner Lebenszeit.