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Die Perelman Projektion

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2013 las ich beim Griechen einen spannenden Artikel in der SZ. Er handelte von dem russischen Mathematiker Perelman, der die Poincaré-Vermutung bewiesen hat. Beim Lesen kam mir der Gedanke, dass ich damals, als ich promovierte, die Sehnsucht in mir spürte, der Welt physikalische Gleichungen zu liefern, die vor mir noch kein anderer aufgestellt hat. Ich wollte in wissenschaftliches Neuland eindringen, wie Perelman es geschafft hat.

Dieses unbedingte, idealistische Suchen nach Gleichungen, die noch keiner vorher formuliert hatte oder nach Lösungen von Gleichungen, die noch keiner gefunden oder erfunden hatte, fühlte ich in mir brennen.

Man kann diese Geisteshaltung Selbstüberschätzung nennen – oder Motivation. Sie hat gewiss einen idealistischen Zug, der typisch für mich war und immer noch ist.

Leider hatte mein Suchen damals den bitteren Beigeschmack, dass ich an diese erstrebte „Leistung“ meinen Wert als Mensch koppelte. Ich wusste zu der Zeit nicht oder nicht mehr, dass mein Wert unabhängig von allen Leistungen feststeht; in der Sprache des „Course in Miracles“ erhalte ich meinen Wert von Gott. Eine Feststellung, die mir zu Zeiten meiner Rebirthing-Ausbildung in den 90er-Jahren sehr geholfen hat, obwohl ich - inzwischen zum Agnostiker mutiert - nicht mehr an Gott glaubte.

Sehe ich davon ab, dass ich damals, als ich an der RWTH forschte, meinen Wert an der Leistung festmachte, war es ein schönes Gefühl – diese Sehnsucht nach dem Absoluten, die vorwärts treibt.

Meine eigene Suchbewegung, die sich auf Neues richtete, etwas Neues erforschen wollte, war eingebettet in die Suchbewegung der Theoretiker des Institutes, an dem ich promovierte. Auch sie gingen neue Wege, sie wollten weg von der Elementarteilchentheorie, in deren Kontext sie vor meiner Zeit geforscht hatten, und hin zur Statistischen Physik, die sie sich als neues Arbeitsgebiet auserkoren hatten.

Dieses Ungesicherte des Suchenden, das ja auch dem Pubertierenden eigen ist, gefiel mir. Vielleicht erklärt dies auch, dass ich später als Klassenlehrer am Gymnasium nur achte Klassen übernommen habe und sie durch die Pubertätszeit in die Oberstufe geführt habe.

Dieses Suchen nach dem Unbedingten, nach dem eigenen Weg, diese Sehnsucht nach Leben, nach Werten, die dauern können, nach Raum, nach Grenzen, sehe ich in Perelman. Bei ihm ist dieses Streben jedoch verknüpft mit einem Desinteresse an Ruhm und Geld. Bei mir ist das anders. Mir ging und geht es auch immer um Anerkennung. Geld ist eine bestätigende Zutat, die ich gerne mitnehme; bisher kam ich allerdings nie in die glückliche Lage, wie Perelman einen Preis oder Geld ausschlagen zu können. Ich sehe in Perelmans eigenwilliger Widerborstigkeit auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber, die mir so gar nicht eigen war.

Mein Streben nach höchsten wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie sie Perelman gelungen waren, wurde durch die Ergebnisse meiner Doktorarbeit zurechtgerückt. Ich musste mir eingestehen, dass ich als theoretischer Physiker Mittelmaß war – fußballerisch gesprochen eben nicht Bundesliga, sondern eher Landesliga. Es fiel mir nicht leicht, von meinen Ansprüchen nach wissenschaftlichen Höchstleistungen abzulassen und mit meinem Mittelmaß Frieden zu schließen. Ein unausrottbarer Rest von „perelmanschem Streben” bleibt in meinem Leben, und das ist gut so.

Der singende Physiklehrer

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