Читать книгу Das finstere Herz des Jungbrunnens - Henri Joachim Becker - Страница 9
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An einem Samstagmorgen erledigte ich gerade einige Besorgungen in der Oberstadt, als ich auf Jacques traf. Da es immer lange dauerte, bis wir uns wieder über den Weg liefen und jeder ein bisschen Zeit hatte, beschlossen wir, uns bei einem Kaffee über das Neueste auszutauschen. Jacques war ein alter Schulfreund von mir. Nach dem Abitur hatten wir zusammen zweimal Interrail-Reisen unternommen. Dabei konnten junge Leute unter fünfundzwanzig für wenig Geld ein Bahnticket lösen, das sie dazu berechtigte, einen Monat lang mit Bahn und oft auch Bus nach Belieben quer durch ganz Europa zu reisen. In heutigen fest verglasten öffentlichen Verkehrsmitteln würde ich mich nicht mehr wohl fühlen, unfrei, wie in einer Falle. Wenn ein Verrückter auch nur eine Zeitung anzündet, kann es schon lebensgefährlich werden. Anders als in den heutigen klimatisierten und auf Energieersparnis getrimmten Großraumwaggons konnten damals die Fensterscheiben in Zügen weit nach unten geschoben werden, so dass man sich hinauslehnen und, den Fahrtwind um die Ohren, die durchquerte Landschaft unmittelbar erleben konnte, ihre Gerüche in sich aufsaugend. Man konnte fasziniert zuschauen, wie Lok und Waggons kraftvoll in langgeschwungene Kurven hineinpreschten und ihre Bewegung und Energie hautnah erleben und spüren. Und in den voneinander getrennten, mit zuziehbaren Vorhängen ausgestatteten Zugabteilen konnten die Reisenden es sich bequem machen, sogar, wenn das Abteil nicht ganz besetzt war, für eine Übernachtung: Es genügte, die Sitzbänke aufeinander zuzuziehen, um ein Bett zu haben und eventuell im Nachtsprung sein Ziel im Morgengrauen mehr oder weniger ausgeschlafen zu erreichen. Verständnisvolle Zugschaffner gestatteten uns sogar die Übernachtung in Waggons, die bis zum nächsten Tag auf einer Bahnanlage abgestellt waren. In späteren Zeiten allgegenwärtiger terroristischer Bedrohung undenkbar! Während ich damals zuvor noch nie eine U-Bahn gesehen hatte und auch noch nie in einer richtig großen Stadt gewesen war, entstammte Jacques einer wohlhabenderen Familie und war schon mehr in der Welt herumgekommen. Ich war nicht sehr beschlagen in der Kenntnis touristisch lohnender Ziele und meine Unbeholfenheit, wenn es darum ging, uns in großen Städten zurechtzufinden und uns zu organisieren, mögen ihm manchmal auf die Nerven gegangen sein.
Jacques hatte Rechtswissenschaft studiert und sah seine berufliche Zukunft vor allem im internationalen Finanz-, Steuer- und Wirtschaftsrecht.
„Die Neuansiedlung vieler Banken stellt unsere luxemburgische Bankenaufsicht vor Herausforderungen!", vertraute er mir an. „Wenn eine Bank sehr viele Niederlassungen im Ausland hat, dann ist es für unsere Bankenaufsicht sehr schwer, die Geschäfte eines solchen Finanzinstitutes wirkungsvoll zu kontrollieren. Und wenn diese Bank dann nicht einmal einen einheitlichen Wirtschaftsprüfer hat, dann macht das die Sache nicht besser. Insgesamt fehlt es hier noch sehr an internationaler Kontrollabstimmung und Zusammenarbeit. Man ist derzeit im Austausch mit dem Ausland um Verbesserungen bemüht."
‒ „Da gibt es ja was zu tun!"
‒ „Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre, wenn sich eine Art Mafia-Bank hier ansiedeln würde, gegründet von vornherein mit der insgeheimen Absicht, Betrügereien im großen Stil zu begehen, kriminelle Aktivitäten finanziell abzuwickeln, als finanzielles Drehkreuz, als finanzielle Drehscheibe für illegale und verbrecherische Unternehmungen aller Art zu fungieren. Wenn eine ganze Bank selber kriminell ist, wenn sie Kredite für kriminelle Aktivitäten gibt und das „erwirtschaftete Geld", erwirtschaftet zwischen Anführungszeichen, wieder an die Bank zurückflieβt, dann wird es noch schwerer, Geldwäsche aufzudecken, dann wird es noch schwerer, aus schmutzigen Geschäften stammendes Geld als solches zu identifizieren!", sorgte sich Jacques. „Ein Skandal dieser Dimension würde das Vertrauen in unseren Finanzplatz erschüttern, er würde das Vertrauen in unseren Finanzplatz untergraben! Wir können aus moralischen und rechtlichen, aber auch, wenn wir ein seriöser Finanzplatz bleiben wollen, aus geschäftlichen Gründen keine solchen Leute, keine solchen Verbrecher hier in Luxemburg dulden. Es wäre ein Schlag ins Gesicht für alle sauberen Finanzdienstleister, untergrübe das Vertrauen in unseren Finanzplatz, brächte ihn in Verruf!"
Die Eventualität eines solchen Skandals war natürlich nicht ohne Belang. Und als jemand, der eine Karriere im internationalen Finanzrecht anvisierte, fühlte sich Jacques verständlicherweise nochmal besonders betroffen. Dennoch schätzte ich die Tragweite eines solchen Ereignisses anders ein und versuchte, sie auf ein mir realistisch erscheinendes Maβ zurückzustutzen.
‒ „Jedem Finanzplatz in der Welt", gab ich zu bedenken, „könnte das Unglück widerfahren, dass sich kriminelle Elemente versuchen festzusetzen. Schwarze Schafe gibt es schlieβlich in allen Branchen und überall. Man schafft doch nicht die Ärzteschaft ab, nur weil es unter ihr einige Scharlatane und Pfuscher gibt! Die Vorstellung, dass Banken zumeist hauptsächlich gegründet würden, um als finanzielles Rückgrat für Verbrechen zu fungieren, dürfte kaum jemandem glaubhaft erscheinen und würde doch wohl als eine groteske Verzerrung der Realität angesehen werden."
‒ „Aber ein schlechter Nachgeschmack wird in der Öffentlichkeit quasi zwangsläufig bleiben!", beharrte Jacques.
‒ „Das wäre leider nicht ganz auszuschlieβen.", räumte ich ein. „Dennoch: Wenn der Finanzplatz in seiner Substanz als integer wahrgenommen wird, eine überragende Expertise der Banker und ein überzeugendes Angebot für die Kunden zu bieten hat, wird ein schwarzes Schaf keine Rolle spielen und es wird nicht dazu kommen, dass die Kunden sich abwenden. Ein schwarzes Schaf hätte sich eben unter die Herde der gesetzeskonform agierenden Finanzhäuser geschmuggelt, vielleicht auch in der Hoffnung, dass die Bankenaufsicht unseres noch relativ jungen Finanzplatzes noch Schwachstellen aufweist.", argumentierte ich und versuchte gleich dem Ganzen noch etwas Positives abzugewinnen: „Das Vorgefallene würde den Blick der Behörden für frühe Warnsignale für derlei verbrecherische Geschäfte für die Zukunft noch schärfen! Man kann an Herausforderungen auch wachsen! Zugleich wäre es ein mahnendes und erinnernswertes Lehrstück für die Zukunft und für kommende Generationen!"
‒ „Die Konkurrenz im Ausland würde sich die Mäuler darüber zerreiβen!"
‒ „Sollten sie ruhig! An solchen Einzelfällen würde unser Finanzplatz nicht zugrunde gehen. Allenfalls und allerhöchstens würde es zu einer schnell vorübergehenden, kaum messbaren Eintrübung der Geschäftszahlen kommen. Wenn wir uns aber dabei erwischen lassen würden, dass wir diese Ereignisse bewusst verschweigen oder vertuschen, würde das dann nicht den Eindruck erwecken, es könnte hier noch mehr faule Eier geben, oder gar wir würden insgeheim dubiose Geschäftsmentalitäten pflegen? Würde das nicht den Eindruck hinterlassen, der Staat sei nur deswegen gegen die Bank vorgegangen, weil es nicht mehr anders ging, weil zum Beispiel Ermittlungen im Ausland, den kriminellen Charakter geoffenbart hätten oder weil die Bank begonnen hätte, keine Steuern mehr zu zahlen und dergeichen? Wenn wir eines Tages so weit wären, dass wir verschweigen müssten, dass wir vor einigen Jahrzehnten, in der Frühphase unseres Finanzplatzes, uns dagegen haben wehren müssen, dass sich hier dubiose Elemente festsetzen, dann stünde unser Wohlstand, soweit er sich auf den Bankenplatz gründet, auf wackeligen Füβen. Und würde ein Medienunternehmen, das marktbeherrschend wäre, darauf hinwirken, einen Bankenskandal zu verschweigen, aus Furcht, Zuwendungen und Aufträge von Banken zu verlieren, würde es Meinungs- und Pressefreiheit de facto für das Geld verraten. Denn, zwar kann ein privates Unternehmen eine eigene Geschäftspolitik haben, aber wenn man eine marktbeherrschende Stellung hat, hat man auch eine besondere Verantwortung für die Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt in einer Gesellschaft. Je höher die Summen sind, um die es geht, desto gröβer ist naturgemäβ die Versuchung, sich für das Geld und nicht für die Freiheit zu entscheiden. Nein, ich denke, ein offen kommuniziertes hartes Vorgehen, eine harte Bestrafung von Finanzkriminalität schreckt potentielle Nachahmer ab und zeigt der ganzen Welt, dass der Kunde sich darauf verlassen kann, dass hier nur seriöse Geschäfte getätigt werden dürfen. Trägt nicht auch das zu einem langfristigen kommerziellen Erfolg bei?"
‒ „Ganz Unrecht", seufzte Jacques, „hast du nicht."
Auch ich wäre natürlich schon über einen solchen Skandal entsetzt. Auch war es ja so, dass in der Groβregion, also in Luxemburg und im nahen Ausland, viele Leute ihr Auskommen, ein gutes Auskommen, dem Finanzplatz verdankten und dass der Finanzplatz zu einer Wirtschaftslokomotive für die ganze Groβregion, heranwuchs. Auch das gewichtige Gründe, wachsam zu sein und im Bedarfsfall hart einzuschreiten. Und wahr war auch, dass ein Finanzplatz eben nicht nur vom Know-how seiner Banker ‒ solches kann bekanntlich für Gutes wie für Schlechtes eingesetzt werden ‒ und stabilen politischen und sozialen Rahmenbedingungen lebt. Auch das Vertrauen der Anleger in die Seriosität und Integrität der auf ihm agierenden Geldinstitute ist wichtig.
Es sollte sich in der Folge übrigens herausstellen, dass ich mit meiner Einschätzung Recht behielt: Als tatsächlich einmal eine ähnliche Bank, wie von Jacques befürchtet, auftauchte, wurde sie von den Luxemburger Behörden aus dem Verkehr gezogen und denjenigen in dem Geldhaus, denen bewusst sein musste, woran sie mitwirkten, wurde der Prozess gemacht. Der Skandal gefährdete aber das Finanzzentrum nicht ernsthaft als Ganzes. Anders als bei der Subprime-Krise Anfang des dritten Jahrtausends, als überall in der Welt nicht wenige Bankhäuser durch unverantwortliches Gebaren sich selbst, ihre ganze Branche und die Finanzplätze, an denen sie angesiedelt waren, wirklich in Verruf brachten und auch für die Finanzwelt in Luxemburg zeitweise erhebliche Schwierigkeiten verursachten. So unentbehrlich diejenigen unter den Verursachern, die die Krise überlebten, als Finanzdienstleister auch sein mochten, einen guten Ruf zu verlieren hatten sie jedenfalls für eine Zeitlang nicht mehr. Aber einem guten Neuanfang sollte Vergangenes nie im Wege stehen.
–„Unser aufstrebender Finanzplatz wird vom Ausland aber auch viel angefeindet.", vermerkte ich.
–„Bezogen auf eine kleine Bevölkerung wie die Luxemburgs sind die erwirtschafteten Einnahmen eines gut gehenden Finanzplatzes viel Geld, wobei zu hoffen bleibt, dass dieses Geld immer zugunsten der Bevölkerung und sinnvoll eingesetzt wird. Der finanzielle Vorteil kann aber auch teilweise wieder zunichte gemacht werden durch ständig steigende Wohn- und Immobilienpreise, da erfahrungsgemäß in einen wirtschaftlich interessanten Raum oft viele Menschen hinzuziehen wollen. Aber es ist nun eben einmal so, dass sowohl innergesellschaftlich als auch auf der Ebene der Völker, Nationen und Staaten, dass manche Gruppen zu einer bestimmten Zeit und in der einen oder anderen Hinsicht erfolgreicher sind als andere.", antwortete mir Jacques und fuhr fort: „Das wird wohl immer so bleiben. Menschen werden immer miteinander konkurrieren. Wichtig ist dabei eigentlich nur, dass sie das friedlich tun, dass sie ihre Probleme und Interessenkonflikte im Dialog und über Kooperation zusammen lösen. Gewalt in jeder Form ist etwas zutiefst Unmenschliches und eigentlich nur zu vertreten im Falle der legitimen Selbstverteidigung und allenfalls – in besonderen Fällen– um jemanden davor zu bewahren, sich selbst zu schaden. Unser junger Finanzplatz ist international ausgerichtet. Genauso wie die Automobilindustrie eines Landes ja auch für den Export produziert, bieten wir Finanzprodukte und Anlegemöglichkeiten nicht nur für in Luxemburg Ansässige, sondern für eine internationale Kundschaft an. Dabei kommt uns die politische und soziale Stabilität unseres Landes, seine gesunden Staatsfinanzen und ein sehr hohes Maß an Expertise bei Finanzprodukten zugute. Noch nie aber hat eine luxemburgische Behörde Kunden aus dem Ausland dazu aufgefordert, in Ihren Heimatländern Steuerbetrug zu begehen. Gute Beratung und interessante Geldanlagemöglichkeiten sollen für Luxemburg sprechen. Vorteilhafte gesetzliche Rahmenbedingungen und die attraktiven Steuersätze sollen ausländische Unternehmen und ausländisches Geld nach Luxemburg locken, bergen aber auch die Gefahr, schwarze Schafe anzuziehen."
Wir schwiegen beide für einen Moment.
„Übrigens, es gibt eine neue Krankheit. Hast du schon davon gehört? Man weiβ noch nicht so genau, wie sie funktioniert. Aber sie scheint auf eine erworbene Immunschwäche zurückzuführen zu sein."
‒ „Nein, ich habe noch nicht davon gehört."