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19. Kapitel Eine große Überraschung: James R. Garfield!

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Während ich in der langen Reihe der neuen Passagiere stand, deren Papiere kontrolliert werden sollten, wurde es mir bald klar, daß die meisten dieser Reisenden Engländer oder Amerikaner waren.

Das konnte ich merken sowohl an ihrem Aussehen als auch an ihrer Sprache und ihrem Benehmen, denn sie sprachen fast alle Englisch — die einen mit der echten englischen Aussprache und Betonung, die anderen mit der Aussprache und der Betonung, die in den Vereinigten Staaten Nordamerikas üblich ist.

Ich befand mich also in einer überwiegend anglo-amerikanischen Gesellschaft.

Hier mußten wir alle eine ordentliche Geduldsprobe bestehen.

Denn wir standen da alle zusammen, Junge und Alte, Männer und Frauen, in einer unendlich langen Reihe, eine Person hinter der anderen, und wir bewegten uns vorwärts mit der Hoffnung, schließlich doch einmal nach dem schmalen Eingang zu gelangen, wo die kontrollierenden Herren auf unsere Papiere warteten.

Viele dieser wartenden Menschen hatten den Vorteil, miteinander bekannt zu sein. Es waren kleine Gruppen und Reisegesellschaften da, die zusammengehörten und so miteinander plaudern konnten.

Diesen Trost hatte ich nicht. Ich kannte niemanden hier, und niemand kannte mich.

Es war mir deshalb nicht leicht, mit meinen mir gänzlich unbekannten Nachbarn irgendwelche Gespräche anzufangen.

Kaum war mir dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, da hörte ich hinter mir rufen:

„Are you not a foreigner, Sir?“ (Sind Sie nicht ein Ausländer, mein Herr?)

„Yes, Sir, I am.“ (Ja, mein Herr, das bin ich.)

Der Mann, der mir diese Frage gestellt hatte, war ein vornehm aussehender Herr. Er war in den mittleren Jahren und stand gerade hinter mir.

Nun fuhr er fort:

„Ist es das erstemal, daß Sie nach Amerika reisen?“

„Ja, mein Herr.“

„Und Sie reisen allein?“

„Ja, ganz allein.“

„Da möchte ich Sie um die Erlaubnis bitten, Ihnen während der Reise behilflich sein zu dürfen.“

Ich vermochte kaum meinen Ohren zu trauen, als ich das hörte. Noch nie in meinem Leben war es mir passiert, daß ein mir wildfremder Herr sich ohne weiteres anbot, mir in einer derartigen Lage zu Diensten zu sein; denn wir standen erst am Anfang einer Reise, die noch mehrere Tage dauern sollte. Ja, ich war über einen solchen Edelmut höchst erstaunt und sagte zu ihm: „Mein Herr, es ist aber viel zu liebenswürdig von Ihnen, mir ein solches Angebot zu machen.“

„O nein, es würde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen während der Reise irgendwelche Dienste leisten dürfte.“

„Nun gut, mein Herr. Ich kann nur das eine sagen: ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre außerordentliche Freundlichkeit. — Sie haben wohl diese Reise zwischen Europa und Amerika öfters gemacht?“

„O ja, schon sehr oft.“

„Dann wird mir ja Ihre Hilfe um so wertvoller sein.“

„Gewiß. Ich kenne mich gut aus.“

So fuhren wir nun fort, miteinander zu plaudern, und jetzt war es mir, wie wenn die Zeit viel schneller vorüberginge als vorher, denn mein neuer Freund erwies sich als ein sehr angenehmer Plauderer. Er hatte bald herausgefühlt, was mich am meisten interessierte, und lenkte darum die Unterhaltung immer wieder auf solche Dinge. Nie drängte er sich mit seinen eigenen Anliegen vor.

Es dauerte nicht lange, da erreichten wir die schmale Pforte, wo die Pässe und andere Papiere von den Schiffsbehörden kontrolliert wurden.

Als die Kontrolle fertig war, mußten wir uns für kurze Zeit trennen, um unsere Kabinen in Besitz zu nehmen.

Merkwürdigerweise hatten wir uns gegenseitig noch nicht vorgestellt, ja nicht einmal unsere Namen genannt. Und doch hatte ich ein großes Verlangen, wenigstens den Namen meines neuen Freundes kennen zu lernen.

Als ich mich in meiner Kabine notdürftig eingerichtet hatte, ging ich auf das weitausgedehnte Deck hinaus, mitten in die wogende Menschenmenge hinein, die sich auf dem prachtvollen Schiff bald zurechtgefunden hatte und nun spaßend, plaudernd und lachend hin und her ging.

Gelegentlich wechselte ich einige Worte mit dem einen oder andern Mitreisenden. Alle waren freundlich, zufrieden und munter.

Es war schon spät am Nachmittag, ein herrliches, schönes, warmes Wetter.

Ich fragte einen Herrn, dem ich gerade begegnete: „Wann werden wir wohl von hier abfahren?“

„Erst morgen vormittag, Sir. Wir bleiben noch diese Nacht hier in Southampton.“

Nachdem ich eine Zeitlang mitten in dieser fröhlichen Menschenmenge herumgegangen war, suchte ich mir schließlich eine ruhige Ecke auf dem Deck, von wo aus man eine schöne Aussicht hatte, setzte mich dort auf einen Stuhl und betrachtete die Stadt Southampton, sowie die dahinter liegende englische Landschaft und das herrliche spiegelblanke Meer.

Über den weiten Raum des Decks bewegten sich heitere Menschen. Ich freute mich herzlich über die gute Laune und die Munterkeit der anscheinend glücklichen Leute, die rund um mich herum so vergnügt plauderten. So sehr hatte mich das bunte Leben auf dem Deck der „Berengaria“ gefesselt, daß ich gar nicht bemerkte, wie ein Herr auf mich zusteuerte.

Als er ganz in meiner Nähe angekommen war, blieb er stehen, holte sich rasch einen Stuhl und setzte sich neben mich.

Nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten, fragte mich der Neuangekommene:

„Sie reisen nach Neuyork, mein Herr?“

„Gewiß, mein Herr. Ich mache zwar eine etwas längere Reise, aber meine erste Station in Amerika wird Neuyork sein.“

„Und Sie machen Ihre Reise zusammen mit einem vornehmen Gefährten?“

Mir kam diese Frage fast detektivisch vor. Woher er das nur wissen konnte? Ich wurde ein wenig scheu und antwortete ausweichend: „Bis jetzt habe ich meine Reise ganz allein gemacht. Nur von Paris nach London mußte ich einen kleinen englischen Jungen mit mir nehmen. Der ist der einzige Gefährte, den ich bis jetzt auf meiner Reise mit mir gehabt habe.“

„Dann muß ich Sie aber um Entschuldigung bitten. Ich meinte, Sie hätten einen Reisegefährten, denn vor etwa einer Stunde habe ich Sie mit einem sehr vornehmen Herrn zusammen gehen sehen. Ich dachte, Sie seien Freunde und machten die Reise zusammen.“ Ich gewann Vertrauen zu diesem Manne und ging ein wenig näher auf seine Rede ein: „Diese Sache verhält sich so: Vor etwa einer Stunde, wie Sie ganz richtig sagen, habe ich mit einem mir gänzlich unbekannten Herrn gesprochen, der wie ich nach Neuyork fährt. Er war sehr freundlich und liebenswürdig. Aber ich bin so wenig mit ihm bekannt, daß ich bis jetzt seinen Namen nicht einmal kenne.“

„Ah …, so liegt die Sache! … Seinen Namen kennen Sie nicht? Dann möchte ich Ihnen doch seinen Namen sagen: Dieser Herr heißt James R. Garfield!“

„Wie heißt er? … Garfield!“

„Ja, er heißt Garfield, und er wohnt in Cleveland …“

„Garfield …! Aber das ist doch der Name eines der Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika …! Der Präsident Garfield wurde ja im Jahre 1881 von einem wütenden Fanatiker ermordet! Dieses Verbrechen machte damals einen ungeheuer großen Eindruck. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft daran. Ich war damals noch ein junger Mann. Ich wohnte in Löwen, wo ich Philosophie studierte … Alle Welt sprach damals mit Entsetzen von diesem abscheulichen Verbrechen Und Sie sagen, daß der Herr, der vor einer Stunde mit mir sprach, gerade diesen Namen trägt?“

„Ja, gewiß. Es war Herr Garfield, der mit Ihnen sprach.“

„Aber dieser Herr Garfield, der vor einer Stunde mit mir sprach, ist doch sicher nicht mit dem ermordeten Präsidenten der Vereinigten Staaten verwandt …?“

Der Herr schaute mich erstaunt an …, und es entstand eine kurze Pause ..

Dann sagte er:

„Gut, dann will ich es Ihnen verraten: Der Herr, mit dem Sie vor einer Stunde plauderten, hat nicht nur etwas mit dem ermordeten Präsidenten Garfield zu tun, sondern er ist sein Sohn …“

Ich fuhr zusammen, als ich das hörte …, und schaute den Herrn schweigend an …

Es war mir noch nicht möglich, seinen Worten zu glauben …

Wie konnte er auch so etwas sagen …!

Die Sache ließ mir keine Ruhe, und so fragte ich noch einmal:

„Aber, mein Herr, ich habe Sie wohl nicht richtig verstanden … Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten, daß der vornehme amerikanische Herr, mit dem ich vor einer Stunde sprach, der Sohn des Präsidenten Garfield sei?“

„Doch, doch! Das gerade habe ich gesagt — und das ist die Wahrheit. Herr James R. Garfield, mit dem Sie sprachen, ist wirklich der Sohn des ermordeten Präsidenten Garfield Als der Präsident Garfield ermordet wurde, war sein Sohn, der jetzt hier auf dem Schiffe ist, ein Junge von 16 Jahren. — Seit dem Tode seines Vaters sind jetzt 55 Jahre verflossen. Der Herr Garfield, Ihr neuer Freund, ist somit jetzt 71 Jahre alt.“

„Und was ist er jetzt?“

„Er ist ein Rechtsgelehrter und wohnt, wie ich vorher sagte, in Cleveland im Staate Ohio.“

Da war also nichts zu machen. Ich mußte dem Manne glauben. Ich war durch einen Zufall in die Hände eines berühmten Mannes gefallen.

Und dieser Mann hatte mich gebeten, ihm zu erlauben, mir auf meiner Reise bis nach Neuyork mit Rat und Tat beizustehen.

Ich konnte es nicht leugnen; es war dies ein großes Glück für mich …

Ich blieb noch eine Zeitlang im Gespräch mit meinem neuesten Bekannten.

Da plötzlich ertönt ein kräftiges Läuten …

„It is dinner-time“ (Es ist Zeit zum Mittagessen), bemerkte der Herr.

Die vielen Reisenden rundherum erhoben sich und begaben sich von allen Seiten her nach dem „dining-room“ (Speisesaal).

Ich nahm Abschied von dem freundlichen Herrn, der mir so interessante Mitteilungen gemacht hatte, und schloß mich den vielen Mitreisenden an. Auf dem Wege zum „dining-room“ kam Herr Garfield mir entgegen.

„Gott sei Dank“, rief er mir munter zu, „daß ich Sie hier finde. Ich habe nach Ihnen gesucht.“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar und überlasse mich jetzt Ihrer Führung.“

„Das freut mich sehr“, erwiderte er, „und ich bitte Sie, sich mir anzuvertrauen, bis wir in Neuyork sind.“

„O ja, ich werde mich ganz in mein Schicksal ergeben.“

„Das ist es gerade, was ich wünsche“, sagte Herr Garfield.

Und nun nahm er mich mit und führte mich nach dem großen „dining room“.

„Haben Sie Freunde oder Bekannte hier auf dem Schiff?“ fragte er auf dem Wege.

„Nein, mein Herr, ich kenne keinen Menschen hier.“

„Dann will ich einen kleinen Tisch aussuchen, wo wir in aller Ruhe speisen können.“

Das geschah.

Ich brauchte von nun an an nichts zu denken, Herr Garfield sorgte für alles.

Und er tat das mit einem Takt und einer Freundlichkeit, die nicht zu beschreiben sind.

Nonnis Reise um die Welt

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