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25. Kapitel Vorträge. — Bezaubernde Sommernacht
ОглавлениеAm folgenden Tag lud mich Herr Garfield zu einer äußerst interessanten Gesellschaft ein. Diese Gesellschaft bestand aus nur vierzehn Personen. Es waren dies vierzehn Amerikaner: eine Dame und dreizehn Herren. Sie hatten eine Reise von Amerika nach Rußland gemacht, um dieses große Reich, das man durch Bücher und Karten nie ganz verstehen kann, durch persönliche Anschauung kennen zu lernen.
Ich empfand gleich Zuneigung zu diesen Menschen, denn sie hatten die gleiche Reiselust wie ich, und sie waren wie ich selber der Meinung, daß man fremde Länder und fremde Menschen nur begreifen könne, wenn man zu ihnen hingehe. Sie hatten auch alle die gleiche Liebe zur fremden Welt wie ich; sie hatten aber auch die gleiche Liebe zur Heimat wie ich.
Jetzt waren sie auf der Heimreise nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas.
Auf dem Schiff wurde viel von ihrem Unternehmen gesprochen. Man fand es interessant und lud sie deshalb ein, etwas von ihren Eindrücken zu erzählen.
Sie taten es gern.
Wir kamen in einem der vielen kleinen Salons des Schiffes zusammen und hörten nun mit größtem Interesse zu, was diese kleine Reisegesellschaft aus Rußland zu berichten wußte.
Alles, was uns da vorgetragen wurde, war fesselnd und lehrreich. Ich selber war froh über diesen Gewinn. Denn je mehr Länder und Menschen man kennen lernt, um so besser kann man das einzelne Land und den einzelnen Menschen, ja sogar sich selber und die eigene Heimat verstehen.
Das ist mir in meinem langen Leben und bei meinen vielen Reisen durch die Welt klar geworden. Deswegen bin ich immer wieder auf Wanderschaft gegangen, und deswegen habe ich auch überall, wo ich konnte, gern von meiner Heimat Island erzählt.
Herr Garfield, der etwas müde geworden war, verließ bald den Saal, um sich zur Ruhe zu begeben.
Da ich mich sehr wohl fühlte, blieb ich vorläufig noch an meinem Platz sitzen. Nach und nach kamen auch andere Amerikaner in den Saal herein — und ließen sich dort nieder.
Kurz darauf geschah etwas sehr Seltsames und für mich sehr Angenehmes:
Einer der eben hinzugekommenen Herren hatte neben mir Platz genommen. Er grüßte mich freundlich und ungezwungen und sagte: „Sie reisen nach meinem Vaterland Amerika? — Darf ich Sie fragen, woher Sie sind?“
„Gewiß dürfen Sie das, mein Herr: Ich bin geboren in einem Lande, das bei weitem nicht so groß ist wie Ihr Vaterland. Es ist eine Insel, die genau zwischen Amerika und Europa liegt …“
Als er das hörte, schaute er mich mit großen Augen an und sagte dann sehr interessiert: „Sollte es am Ende die Insel Island sein?“
„Mein Herr, Sie haben es sofort erraten. Es ist die Insel Island.“
„Wie …! Sind Sie wirklich ein Isländer?“
„Ja, mein Herr, ich bin ein echter Isländer.“
Daraufhin schaute mich dieser einige Augenblicke aufmerksam an. Dann aber gab er mir die Hand und sagte: „Es freut mich sehr, einen wirklichen Isländer hier zu treffen, denn ich habe großes Interesse für Island und das isländische Volk.“
Ich muß es zugeben: ich staunte über dieses ungewöhnliche Interesse eines Amerikaners für mein kleines Vaterland, zumal ich nicht daran gewöhnt bin, bei Ausländern ein Besonderes an meiner Heimat Island zu finden.
Man weiß im allgemeinen nicht viel von der kleinen Insel im Nordmeer und noch viel weniger vom isländischen Menschen. Nur die Jugend und das einfache Volk kennen und lieben uns: Die Jugend und das Volk aller Länder, die ich bisher besucht habe; jene Menschen also, die ein anderes Land und ein anderes Volk nicht nur danach beurteilen, welchen Nutzen sie von ihm haben. Ich denke jetzt an die Jugend Frankreichs, unter der ich aufgewachsen bin; ich denke an die Jugend Deutschlands, die mich begeistert aufnahm und die es ermöglichte, daß die das Lob meiner Heimat singenden und sagenden Nonni-Bücher in fast alle Kultursprachen übersetzt werden konnten. Ich denke aber auch an die Jugend Englands, Österreichs, der Schweiz, an die Jugend Luxemburgs und der Niederlande, und ich habe den gleichen Glauben an die Jugend des amerikanischen Volkes, das ich nun besuchen werde, und an die Jugend Japans, die auf mich wartet.
Für die sogenannte große Welt, in der Politik gemacht wird, liegt Island ganz am Rande. Um so erstaunter war ich, zu sehen, welches außerordentliche Interesse dieser Amerikaner für meine Heimatinsel hatte. Es kam dann über mein kleines Vaterland und über das winzig kleine Volk droben am Polarkreis bald ein Gespräch in Gang, das so voll von Lob, Sympathie und Anerkennung für meine lieben Landsleute war, daß ich kaum mehr aus dem Staunen herauskommen konnte.
Zunächst mußte ich — so wünschte es der Amerikaner — einen regelrechten Vortrag über Island und die altnordische Kultur und Literatur halten, über die Edda, die Sagas und die Skaldengedichte, die fast alle aus Island stammen. Denn in dieser altisländischen Literatur findet man die Wahrheit über das tägliche Leben der alten Germanen von der Geburt bis zum Tode viel klarer und vollständiger als bei Tacitus.
Es hatten sich inzwischen weitere Mitreisende angesammelt. Ich mußte ihnen einiges erzählen über die alten skandinavischen Seehelden, die Wikingerfahrten, die Länderentdekkungen der Normannen und ihre Eroberungen in der Welt herum, die Entdeckung Amerikas von Island her, einige hundert Jahre vor Kolumbus, und anderes mehr.
Über die Entdeckung Amerikas durch die Isländer wußten meine amerikanischen Zuhörer merkwürdig gut Bescheid.
Einer von ihnen unterbrach mich, indem er sagte: „In mehreren amerikanischen Städten sind gewaltig große Statuen von diesen ersten Entdeckern Amerikas errichtet worden.“
Ein anderer, der amerikanische Herr nämlich, den ich anfangs nannte, und der für Island ein besonderes Interesse zeigte, sagte zu mir: „Ich bin erstaunt, wie hoch die literarische Bildung und die Künste bei dem kleinen isländischen Volk stehen.“
Und dann fügte er hinzu: „Ich kenne persönlich den isländischen Bildhauer Einar Jonsson, der in Reykjavik wohnt. Er wird ja überall als einer der allergrößten jetzt lebenden Bildhauer angesehen. — Ich bin öfters mit ihm in Berührung gekommen und habe ihn sehr schätzen gelernt.“
„Dann sind Sie wohl selber in Island gewesen?“ fragte ich.
„Nein, mein Herr“, erwiderte er, „ich habe Herrn Einar Jonsson in Amerika kennen gelernt, als er vor mehreren Jahren von der amerikanischen Regierung berufen worden war, um in Philadelphia ein Kolossal-Standbild von dem isländischen Seefahrer Thorfinn Karlsefni zu machen. — Thorfinn Karlsefni soll ja der erste weiße Mann sein, der sich in Amerika für beständig niedergelassen hat.“
„Ja, das sagen alle die alten isländischen Berichte auch.“
„Und das ist auch anerkannt als eine sichere historische Tatsache“, fügte der Herr hinzu.
„Wie gefällt Ihnen aber dieses Standbild des Thorfinn Karlsefni, das Einar Jonsson gemacht hat?“ fragte ich.
„Dieses Standbild“, antwortete er, „gefällt mir außerordentlich; es ist nach dem allgemeinen Urteil der Kenner ein erstklassiges Meisterwerk. Es wurde in Philadelphia in dem dortigen sogenannten ‚Fairmont Park‘ aufgestellt.“
„Und was sagen Sie von seinem Werk ‚Die Königin Victoria als Kaiserin von Indien‘?“ fragte ich weiter.
„Das kenne ich ebenfalls gut. Es ist ein wundervolles, monumentales Meisterwerk, das über alles Lob erhaben ist.“
Man wird verstehen, daß ich mich herzlich über das hohe Lob freute, das meinem Landsmann auch hier von fremden Menschen, weit draußen auf dem Atlantischen Ozean, so reichlich zuteil wurde. Und das um so mehr, weil ich den großen Bilhauer nicht nur meinen Landsmann, sondern auch meinen lieben Freund nennen durfte.
Nein, wahrhaftig! Ich war nicht daran gewöhnt, so viel Verständnis für das kleine isländische Volk zu finden, wie hier bei diesem mir wildfremden amerikanischen Manne.
„Haben Sie den Herrn Einar Jonsson schon lange gekannt?“ fragte mich jetzt der amerikanische Herr.
„O ja“, antwortete ich. „Ich habe ihn schon in Kopenhagen kennen gelernt, als er noch ein ganz junger Mann war.“
„War er schon damals als Künstler bekannt?“
„O nein, damals war er noch gänzlich unbekannt. Er war soeben von Island nach Dänemark gekommen, ganz jung und blutarm. — Er besaß damals nichts als einen festen Glauben an sein Talent und an sein Können und siedelte sich in Kopenhagen an.“
„Und was nahm er sich in Kopenhagen vor?“
„Es gelang ihm, sich ein ganz kleines Atelier zu verschaffen. Dort fing er sofort an, an seinem Erstlingswerk zu arbeiten.“
„Und was für ein Werk war das?“
„Es war ‚Der Geächtete‘, eine prachtvolle Gruppe, welche, als sie vollendet worden war, von einem vornehmen und reichen italienischen Adelsmann gekauft und sehr gut bezahlt wurde.“
„Das wichtigste aber war, daß es den jungen Künstler mit einem Schlag in die Reihe der ersten Bildhauer rückte.“
„Das große Kunstwerk, den ‚Geächteten‘, kenne ich auch sehr gut“, unterbrach mich der amerikanische Herr.
„Dann aber bitte ich Sie“, erwiderte ich ihm, „uns Ihr Urteil über dieses Kunstwerk mitteilen zu wollen.“
„Das will ich gern tun“, antwortete er. „Diese überaus schöne Gruppe ist berühmt geworden. Sie besteht aus einem Geächteten, der mit einer doppelten Bürde beladen ist, nämlich mit der Leiche seiner soeben gestorbenen jungen Frau und mit seinem kleinen Kind. Die Leiche seiner Frau will er in geweihter Erde begraben. Das hatte er ihr vor ihrem Tod versprechen müssen.
Neben dem Geächteten geht sein Hund. Beide, der Mann und der Hund, spähen bekümmert, aber auch fest entschlossen nach allen Seiten hin. Denn der Geächtete konnte sein Vorhaben nur unter der größten Lebensgefahr ausführen. Er wußte, daß jeder, der ihn erkennen würde, ihn ungestraft totschlagen durfte.
Die Gruppe ist wundervoll dramatisch dargestellt, genau nach einem alten isländischen Geschehnis, und fand überall ungeteilten Beifall.“
„Bald darauf“, fuhr ich nun fort, „bekam Einar Jonsson mehrere ehrenvolle und auch sehr aussichtsreiche Aufträge und Bestellungen und wurde dadurch nicht nur berühmt, sondern auch ein gänzlich unabhängiger Mann. Sein dankbares Vaterland baute für ihn in Reykjavik ein großes und würdiges Museum. Dort lebt er jetzt noch, mitten unter seinen zahlreichen Werken, die er fortwährend durch neue vermehrt.“
Der islandfreundliche amerikanische Herr gab mir die Hand und sagte: „Wir alle müssen Ihnen Glück wünschen zu Ihrem großen Landsmann. — Das isländische Volk ist zwar klein, es besitzt aber unverhältnismäßig viele bedeutende Männer auf dem Gebiete der Literatur und der Kunst. — Und da sei es mir auch noch erlaubt, einen Namen zu nennen, der auf Island einen unvergleichlichen Glanz wirft: Ich meine den unsterblichen Bertel Thorvaldsen. Auch er war ein echter Isländer.“
Kaum waren diese Worte gesprochen, da rief jemand aus dem Kreise: „War Thorvaldsen ein Isländer? Ich habe ihn immer für einen Dänen gehalten.“
„Thorvaldsen war ein echter Isländer“, antwortete der amerikanische Herr. „Er ist der Sohn eines isländischen Holzschnitzers, wohnte aber bald in Rom, bald in Dänemark, wo er 1768 geboren und 1844 gestorben ist, und so ist es gekommen, daß viele ihn für einen Dänen halten.“
„Er selber aber trat immer als Isländer auf“, fuhr der Herr fort. „Einmal zum Beispiel schenkte er seinen Landsleuten von Rom aus eines seiner Werke. Es war dies ein prachtvolles Taufbecken aus weißem Marmor, von einem Engel gehalten.“
„Die Widmung, welche Thorvaldsen selber verfaßte und welche er in dem Marmor einmeißelte, lautet:
‚Opus hoc Romae fecit, et Islandiae, terrae sibi gentilitiae, pietatis causa donavit Albertus Thorvaldsen, anno MDCCCXXVII.‘ (Bertel Thorvaldsen hat diese Arbeit in Rom ausgeführt und sie als Zeichen seiner Liebe Island geschenkt im Jahre 1827).
Dieses kostbare Taufbecken ist vor dem Hochaltar der Domkirche zu Reykjavik aufgestellt.“
Jetzt aber war es Zeit für uns alle, uns zur Ruhe zu begeben, denn es war spät geworden, und draußen mußte wohl schon lange stockfinstere Nacht sein.
Die kleine Gesellschaft löste sich auf, und die allermeisten begaben sich auf den Weg nach ihren Kabinen, um sich zur Ruhe zu legen.
Ihrem Beispiel konnte ich diesmal nicht gut folgen, denn als ich ins Freie hinausschaute, merkte ich, daß die Nacht nicht stockfinster, sondern ungewöhnlich hell und glänzend war. Ich stieg daher auf das Deck hinauf, um diese Herrlichkeit noch besser genießen zu können. Als ich auf das höchste Deck hinaufgekommen war, blieb ich zuerst von Bewunderung sprachlos stehen, denn das Schauspiel, das sich mir hier oben darbot, übertraf bei weitem alles, was ich mir vorgestellt hatte …!
Eine unbeschreibliche Ruhe hatte sich über das riesengroße schnell vorwärtseilende Schiff niedergesenkt, sowie auch über das unermeßliche spiegelblanke Meer, das sich nach allen Seiten unendlich weit hinausdehnte.
Auch das wolkenlose Himmelsgewölbe war von einer überirdischen Pracht. Der Zauber dieser unvergleichlichen Sommernacht war so groß, daß ich mich vorläufig nicht entschließen konnte, das Deck zu verlassen, um hinunterzugehen nach meiner Kabine.
Ich nahm daher Platz auf einem Stuhl und betrachtete in staunender Bewunderung bald die Herrlichkeit der unzähligen Sterne, die am nächtlichen Himmel mit einem unbeschreiblichen Glanz funkelten, bald die unendliche Fläche des Atlantischen Meeres, welche die ganze Pracht des Himmels auf wundervolle Weise spiegelte, um sie dann in den unendlichen Himmelsraum wieder hinauszustrahlen.
So saß ich dort noch lange — ganz allein — und überließ mich den entzückenden Gefühlen, welche dieses überwältigende Schauspiel in meiner Seele wachrief.
Jetzt erst konnte ich voll verstehen, wie Gott am sechsten Tage nach vollbrachter Schöpfung sagen konnte, daß alles, was er gemacht hatte, gut sei.
Schließlich mußte ich mich doch von den Wundern dieser einzig schönen Sommernacht trennen und von den wonnigen Genüssen, welche sie mir verschafft hatte.
Ich stand also auf und begab mich hinunter in die tiefer liegenden Schiffsräume nach meiner Kabine.
Das Erlebnis auf Deck hatte mich in die Knie gezwungen. Ich ließ mich darum an meinem Bette einige Minuten nieder und betete mein Abendgebet, genau so, wie ich es getan hatte auf dem kleinen „Valdemar von Rönne“ — 70 Jahre früher …
Ich hatte ja meiner lieben Mutter versprochen, es tun zu wollen mein ganzes Leben lang.
Die zauberhafte Stimmung, die mich droben auf Deck ergriffen hatte, hielt mich noch eine gute Weile wach.
Schließlich aber glitt ich sanft und unmerklich in das Reich der Träume hinüber …