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Von Motivation und Gehirnen

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Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir lernen? Einfach erklärt: Unser Gehirn besteht aus einem gewaltigen Netzwerk von Nervenzellen, die über Synapsen miteinander verknüpft sind. Lernen wir etwas Neues, werden neue synaptische Verbindungen aufgebaut. Benutzen wir gelerntes Wissen lange Zeit nicht, gehen diese Verbindungen wieder verloren.

Unser Gehirn ist evolutionär dazu angelegt zu lernen. Der Körper belohnt uns, wenn wir drauf und dran sind, etwas Neues zu lernen: „Neugierde hat ihren Sinn. Wenn wir neugierig auf etwas sind und etwas in freudiger Erwartung vor uns hertragen, dann schütten unsere Gehirne einen Botenstoff aus, der sich Dopamin nennt“4, sagt der Neurologe Volker Busch. Das Dopamin hilft, das Gelernte besser zu verarbeiten und die Neuronen miteinander zu vernetzen. Man spricht auch vom Dünger für das Gehirn.

Auch unsere menschliche Geschichte zeigt, dass wir zum Lernen geboren sind. Der Homo sapiens hat sich gegenüber dem Neandertaler nämlich nicht durchgesetzt, weil er der Innovativere von beiden war. Es war umgekehrt, der Neandertaler hat nachweislich innovativere Ideen, wie zum Beispiel die Angelrute, hervorgebracht. Was uns aber zum evolutionären Gewinner gemacht hat, war, dass wir besonders gut Wissen teilen und so vervielfältigen konnten. Hat ein Homo sapiens etwas Neues erfunden, haben die anderen sich das abgeschaut und gegebenenfalls noch verbessert. Eine große Gruppe konnte auf das bestehende Wissen aufbauen und so einen Wissensvorsprung erlangen. Wir teilen gerne Wissen und lernen am besten voneinander. Den Menschen bezeichnet man daher auch als Social Learner.

Glückshormone durch Lernen! Klingt toll, aber deckt sich das mit unserer Lernerfahrung in der Schule? Wir wagen mal eine Vermutung: Die meisten Leserinnen und Leser verbinden mit der Schulzeit eher keine euphorischen Glücksmomente. Aber wenn wir Lernen von der Schule trennen und darüber nachdenken, wo wir sonst noch lernen, dann verstehen wir das mit den Glückshormonen sofort.

Eigentlich ist es ganz einfach. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die magische Antriebskraft, die ihr als Kind beim Spiel erlebt habt. Wie ihr gemeinsam für den Bau einer Höhle durch die Wohnung gestreift seid und immer mehr Baustoffe wie Kissen und Decken gesucht habt, um damit wilde Konstruktionen zu erschaffen. Dann ist der Geist fokussiert und die Arbeit an einem gemeinsamen Ziel erfüllt einen mit Energie. Es wird so lange an der Aufgabe herumgetüftelt, bis alle zufrieden sind: Meist ist das Spiel dann auch zu Ende, das Erschaffen war nämlich der eigentliche Motivator und nicht unbedingt die Höhle, die gebaut wurde. Kinder probieren aus und scheitern, verändern ihre Konstruktion, nehmen neue Baustoffe und helfen sich gegenseitig. Dieses innovative und iterative „Spielen“ – oder auch Arbeiten – ist der Traum eines jeden modernen Arbeitgebers und wird dann mit neudeutschen Wörtern wie Entrepreneurial Spirit oder New Work bezeichnet. Leider verliert sich diese Fähigkeit meist auf dem langen Bildungsweg. Es sieht so aus, als ob die Schulzeit eine große Rolle bei dem Verlust unserer intrinsischen Lernlust spielt. Darauf kommen wir später noch zurück.


Die intrinsische Motivation kennen manche Erwachsene aber auch noch. Oft sind es Künstlerinnen, Komponisten, Ingenieurinnen, die davon berichten. Es ist ein kostbarer Seinszustand, in dem man immer weitermachen möchte, wenn man im „Flow“ ist. „Flow“ ist ein Phänomen, das von Mihaly Csikszentmihalyi3 in einem TED Talk sehr gut beschrieben wird.

Ziel ist also, in diesen Flow zu kommen. Dabei lernt man ganz unbewusst Neues, nicht weil man es lernen will, sondern weil man es braucht, um seinem Ziel näher zu kommen. Wollt ihr zum Beispiel das ferngesteuerte Auto eures Kindes reparieren, müsst ihr euch selbstverständlich mit Strom, Löten o. Ä. auseinandersetzen und lernt dabei nicht, weil ihr das schon immer wissen wolltet oder weil es zum Grundwissen gehört, sondern weil ihr es einfach benötigt, um das kleine Fahrzeug wieder in Gang zu bekommen. Das Tolle ist, dass das Wissen überall für uns alle jederzeit greifbar geworden ist. Youtube ist mit den unzähligen Projekten wohl eine der größten freien Lernplattformen.

Was könnt ihr konkret tun, um eure Kinder den Macher-Flow spüren zu lassen? Vielleicht habt ihr auch selbst Lust bekommen, euch in die Euphorie des Machens zu begeben? Nur wie geht das jetzt ganz genau?

Es braucht einige Rahmenparameter dafür. Druck und Zwang sind die Killer jeglichen kreativen Schaffens. Deshalb solltet ihr euch im Vorfeld einige Gedanken dazu machen, wie ihr genügend Zeit und Raum schafft. Ein freier Samstag ist für ein Tüftel-Projekt zum Beispiel perfekt und auch ein (anfänglich) aufgeräumter Tisch mit genügend Platz und viel sichtbarem Material ist extrem hilfreich. Das kreative Chaos wird automatisch entstehen – das gilt es auszuhalten, bis am Abend wieder aufgeräumt wird.

Überlegt euch auch, welche Werkzeuge für eure Kinder sicher sind und wo ihr was positioniert. Ein Lötkolben sollte nicht aus Versehen zu einer gefährlichen Stolperfalle mit Verbrennungsgefahr werden.

Auch eine kurze Vorbereitung auf das „Was“ und das „Wie“ kann euch helfen. Damit meinen wir, dass ihr euch im Vorfeld kurz daran erinnern solltet, dass Lernen in der Schule oft an den Lehrerinnen und Lehrern hing und wie sie mit uns umgegangen sind. „Der Ton macht die Musik“ trifft, was wir meinen. Achtet darauf, dass ihr mit eurem Verhalten keinen Zwang oder Druck ausübt. Wenn am Schluss was ganz anderes rauskommt, als was ihr euch so schön überlegt habt – umso besser. Stellt Kritik hintan und versucht jedes kreative Tun und Ausprobieren der Kinder als einen Schritt im Prozess zu sehen und wertzuschätzen. Um einen ersten Startpunkt zu haben, könnt ihr bei den Projektbeispielen im zweiten Teil aus dem Vollen schöpfen. Wir sind gespannt, welche Erfahrungen ihr macht!

Gemeinsam tüfteln statt einsam glotzen

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